Folter im KZ Auge in Auge mit Todesengel Mengele

Folter im KZ: Auge in Auge mit Todesengel Mengele Fotos
Frederik Obermaier

Was er Menschen antat, ist mit dem Verstand kaum zu fassen: Josef Mengele folterte Tausende von KZ-Insassen mit grausamen medizinischen Experimenten. Der Sinti Hugo Höllenreiner war noch ein Kind, als ihn der "Todesengel von Auschwitz" zu sich rief. Bis heute quälen ihn seine Erinnerungen daran. Von

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Hugo Höllenreiner hat noch heute Angst - Angst vor jeder Nacht. Denn dann tauchen die Bilder wieder auf: Fünf ausgemergelte Männer laufen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, im Kreis. Sie sind nackt. Plötzlich Hundegebell. Schäferhunde rasen mit gefletschten Zähnen auf die Männer zu, schnappen nach deren Geschlechtsteilen und verbeißen sich darin. Die drei Frauen in schwarzen Uniformen, die dem Treiben zuschauen, lachen, ziehen genüsslich an ihren Zigaretten und zwingen die Männer weiter im Kreis zu laufen. Mit schmerzverzerrten Gesichtern, die Hände hinter dem Kopf, die Hunde zwischen den Beinen, folgen sie dem Befehl.

Einer der Männer - der mit dem braunen Vollbart und den buschigen Augenbrauen - schaut verzweifelt in den Himmel, packt dann plötzlich den Hund am Kopf und versucht ihn wegzureißen. Doch der Hund lässt nicht locker. Geschlinge quillt aus dem Unterkörper des dürren Mannes. Da entsichert eine der Frauen auf einmal ihre Pistole, hält sie dem Häftling an den Kopf und drückt ab.

Hugo Höllenreiner schreckt auf, liegt schweißgebadet im Bett, versucht zurückzukehren. Aus seiner Kindheit. Aus dem KZ.

Fünf Tage ohne Essen, ohne Wasser, ohne Klo

Hugo ist Sinti. Er ist neun Jahre alt, als das Haus seiner Eltern mitten in der Nacht umstellt und er mit seiner Familie weggebracht wird. Fünf Tage lang dauert die Fahrt von München nach Auschwitz. 60 Menschen, eingepfercht in einen fensterlosen Viehwaggon, ohne Essen, ohne Wasser, ohne Klo. "Den Gestank habe ich heute noch in der Nase."

Fünf Tage lang muss Hugo stehen. "Wer umgefallen ist oder sich hingesetzt hat, ist nicht mehr hochgekommen." Hugos Oma überlebt die Fahrt nicht. SS-Leute zerren die tote Frau aus dem Zug und werfen sie die Böschung hinab. "Ich kann gar nicht erklären, wie schlimm das war." Hugo kommt nach Auschwitz, von dort nach Ravensbrück, dann nach Mauthausen und schließlich nach Bergen-Belsen, wo die Briten den Elfjährigen im Jahr 1945 befreien.

Wer Hugo heute begegnet, trifft auf einen großen, kräftig gebauten Mann mit schneeweißen Haaren und pechschwarzem Schnurrbart. In einem modernen Reiheneckhaus im Ingolstädter Norden wohnt der 74-Jährige zusammen mit seiner Nichte, deren Tochter und Enkelsohn. Vor dem Haus steht ein schicker Geländewagen, im Garten ein Pavillon, unter dem Hugo im Sommer mit seinen Nachbarn oft noch ein Bier trinkt. Keiner von ihnen ahnt etwas von Hugos Schicksal.

Mengele betrat lächelnd den Raum

Doch die Jahre in den KZs haben Spuren bei ihm hinterlassen. Sichtbare und unsichtbare. An Körper und Seele. "Am schlimmsten sind diese Bilder im Schlaf", sagt Hugo, "die tauchen immer wieder auf." Bilder von den Hunden, von lebendig begrabenen Menschen und erfrorenen Kleinkindern. Wenn Hugo heute Kinder auf der Straße spielen hört, bekommt er Panik. Er erträgt es nicht; geht sofort ins Haus. "Nicht wegen den Kindern, wegen dem Geschrei." Das erinnert ihn an die Gaskammer in Auschwitz und die Kinder auf der Krankenstation von Dr. Josef Mengele.

Hugo ist neuneinhalb Jahre alt, als er mit seinem großen Bruder in die Baracke des berüchtigten KZ-Arztes geholt wird. "Wir wussten, wer da hinkommt ist so gut wie tot - oder ein Mädchen." Im Lager hat sich herumgesprochen, dass Mengele Geschlechtsumwandlungen durchführt und Zwillingen andere Augen einpflanzt. Noch heute erinnert sich Hugo an seine Angst, als er gefesselt auf einer Bahre liegt und der gefürchtete Arzt lächelnd den Raum betritt. Mengele setzt sich auf einen Schemel zwischen Hugos Beine, lässt sich ein langes Metallinstrument geben und stößt damit in seinen Unterkörper.

"Der hat sich von einem Moment auf den anderen verändert, er hat einen starren Blick bekommen und heftig geschnauft", Hugo stockt: "Der ist auf einmal vom Mensch zum besessenen Tier geworden." Was Mengele mit ihm gemacht hat, weiß Hugo bis heute nicht. Er weiß nur, dass seine Niere zerfetzt ist und dass er am Unterleib Narben hat - als wenn ihm etwas herausgerissen worden wäre.

Quälender Kampf ums tägliche Überleben

Hugo hält kurz inne und drückt sich mit den Daumen in die Augen, so fest, dass es eigentlich weh tun müsste. Dann krempelt er seine Hose hoch, zieht die Socken aus und zeigt auf die langen hellen Furchen an seinen Füßen. "Die Narben sind von den Leichen." Von den Leichen, die er als Zehnjähriger wegbringen musste. Leichen, die schon halb verwest waren, deren Knochen immer wieder seine nackten Füße aufgerissen haben.

Hugo stülpt sich langsam die schwarzen Socken über seine Füße. Für einen Augenblick kommen dabei einige dunkle Zeichen auf seinem linken Unterarm zum Vorschein. Langsam streicht er mit seiner Hand darüber. Z-3529 steht da in blaugrüner Tinte. Die Nummer, die ihm die Nazis bei der Ankunft im KZ Auschwitz eintätowiert haben.

Heute ist sie verblichen und nur noch schwer zu entziffern. Für Hugo ist sie wichtig. Sie erinnert an das Unrecht, das ihm und Millionen seiner Landsleute angetan wurde. "Wir wurden verfolgt, gequält und ermordet, nur weil wir Zigeuner sind." Diese Unmenschlichkeit kann Hugo einfach nicht vergessen. Ebenso wenig wie seine Kindheit - die eigentlich keine war: "Wenn man jede Minute den Tod vor Augen hat, denkt man wie ein 20-Jähriger - da ist man voll erwachsen und kämpft, dass man durchkommt." Kämpft, um die tagtäglichen Quälereien, die Arbeit und den Hunger zu überstehen.

"Du überlegst, was Du essen kannst - Finger oder Beine"

"Wir haben oft nur so ein großes Stück Brot pro Tag gehabt", sagt er und zeigt mit seinen Fingern auf den Daumennagel. In seiner Verzweiflung hat er Essensreste aus den Händen der Toten gepult - nur um irgendetwas im Magen zu haben - auch wenn es oft nur ein verfaultes Stück Steckrübe war. "Der Hunger ist irgendwann so schlimm, dass du, wenn ein Freund stirbt, überlegst, was du von ihm essen könntest. Finger oder Beine oder was auch immer."

Hugo nimmt einen großen Schluck Wasser aus dem Glas vor sich auf dem Tisch und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Nebenan in der Küche kochen die Frauen. Nach dem Abendessen will Hugo mit seiner Nichte noch einen Spaziergang machen und dann ins Bett gehen.

Die Bilder werden wiederkommen.

Text: Frederik Obermaier

Leicht gekürzte Version eines Textes, der erstmals im April 2006 in einer Studenten-Zeitschrift der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt erschienen ist.

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1.
Robert Abel 22.10.2007
Neben Berichten von Zeitzeugen, die mit Elvis im Auto saßen oder die die Geburtsstunde des deutschen Rap erleben durften, erscheint auf dieser Plattform das Zeugnis von Hugo Höllenrainer, der von Mengele im KZ gefoltert wurde und "bis heute von Erinnerungen daran gequält wird". Dieser zeitnahe Blick in die Hölle ist mit dem Verstand tatsächlich nicht zu fassen. Unfassbar auch die Veröfftenlichung in einem solch relativierenden Themenaufgebot.
2.
Nino Schramm 25.10.2007
Was für eine reißerische und geschmacklose Überschrift. Mengele als "Todesengel" zu bezeichnen kommt einer unglaublichen Verharmlosung für diesen bestialischen Massenmörder gleich.
3.
Frederik Obermaier 03.01.2008
Hinweis des Autors: Die Bezeichnung "Todesengel von Auschwitz" mag geschmacklos und verharmlosend klingen, ist jedoch ein Begriff den die Opfer von Mengele selbst benutz(t)en.
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