Doppelspion Horst Hesse Der James Bond des Ostens

Superman oder Loser? Im Mai 1956 klaute Doppelspion Horst Hesse für die DDR eine komplette US-Agentendatei. Der Coup wurde von der Defa verfilmt. Doch Glück brachte ihm das nicht.

Eulenspiegel Verlag

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Im Vergleich zu Agent Hansen ist James Bond ein schlappes Würstchen. Klar, 007 besitzt die schnelleren Autos, die schöneren Frauen, die edleren Krawatten. So frech, so cool jedoch wie der schneidige Stasi-Spion ist nicht einmal sein britischer Kollege. Oder?

Mitten im Kalten Krieg schleust sich Hansen in die Zentrale des US-Militärgeheimdienstes MID in Würzburg ein. Und lässt dort die komplette Agentendatei mitgehen, inklusive ominöser Angriffspläne der Amerikaner auf die DDR. Der Stasi-Spion wuchtet den als Kühlschrank getarnten Safe mit dem brisanten Material in den Kofferraum seines Autos - und brettert damit Richtung Ostberlin. Aufhalten können ihn weder die Revolverkugeln der Grenzpolizisten noch über ihm kreisende Hubschrauber.

Ein Teufelskerl, dieser Hansen, Protagonist des ersten ostdeutschen Agententhrillers: "For Eyes Only (Streng geheim)" hieß der Kinofilm, mit dem die Deutsche Film AG (Defa) im Juli 1963, ein halbes Jahr nach dem bundesrepublikanischen Bond-Debüt, die DDR-Bürger beglückte. Und das Schönste an dem Spionagestreifen: Der Plot beruhte, zumindest teilweise, auf historischen Fakten.

"Aktion Schlag" lautete der Codename für eines der kühnsten Husarenstücke, das dem Ministerium für Staatssicherheit während des Kalten Krieges gelungen war. Zu Pfingsten 1956 stahl der amerikanisch-ostdeutsche Doppelagent Horst Hesse im Würzburger MID-Quartier zwar keinen Nato-Angriffsplan, aber doch einen gewaltigen Datensatz und schaffte ihn über die Grenze.

Hesse, historisches Vorbild für Filmagent Hansen, wurde zu DDR-Zeiten mit Orden übersät und so lange als Idol herumgereicht, bis er wohl selbst nicht mehr in der Lage war, zwischen Fiktion und Wahrheit zu unterscheiden. War er tatsächlich der Superman, zu dem ihn die DDR-Filmschaffenden stilisierten? An einer Antwort versucht sich nun Peter Böhm, Autor der ersten Horst-Hesse-Biografie (For eyes only. Die wahre Geschichte des Agenten Horst Hesse, Edition Ost 2016).

Ein Republikflüchtling im Herz des Klassenfeindes

Hesse, Jahrgang 1922, gelernter Feinmechaniker aus Magdeburg, im Zweiten Weltkrieg zweimal schwer verwundet, hatte sofort zugesagt, als ihn die Amerikaner ebenso wie das Ministerium für Staatssicherheit als Agenten warben. "Lux", so Hesses erster MID-Deckname, lieferte den Amerikanern von der Stasi frisierte Informationen über sowjetische Waffentransporte, Truppenbewegungen, Kasernenbelegungen. Und machte sich so gut, dass er im Mai 1955 in die MID-Zentrale nach Würzburg befördert wurde. Hesse, im DDR-Jargon "Kundschafter des Friedens" genannt, ließ seine Frau und die drei Kinder im Osten zurück - und nistete sich, getarnt als "Republikflüchtling", im Herz des Klassenfeindes ein.

Weil sein Vorgesetzter ihm vertraute, durfte "Horst Berger", wie er ab sofort hieß, sogar direkt im Gebäude der MID-Dienststelle wohnen: Besser konnte es der Doppelspion nicht treffen, um die "Aktion Schlag" vorzubereiten. Am 20. Mai 1956, so schilderte es zumindest Hesse im 2008 erschienen Dokumentarfilm "For Eyes Only - Ein Film und seine Geschichte" von Gunther Scholz, verteilte er Cognac und Zigarettenstangen an alle Dienststellenmitarbeiter und schickte sie ins Pfingstwochenende. Sich selbst opferte Hesse edelmütig als Stallwache, die verbliebene Sekretärin trank er unter den Tisch.

Um Punkt 24 Uhr, so Hesse weiter, kreuzten die beiden Helfer, unter ihnen MfS-Agent Hans Wax, vor der Würzburger MID-Zentrale in der Eisenmannstraße auf. Die Männer packten die in zwei militärgrünen, gusseisernen Panzerschränken verwahrte Agentendatei ins Auto - und brausten gen Osten davon. Als der Mercedes 190 SL am Pfingstsonntag bei strahlendem Sonnenschein am innerdeutschen Grenzübergang Helmstedt-Marienborn ankam, schauten die Beamten verdutzt, weil das Heck des Wagens, von der schweren Fracht niedergedrückt, gefährlich knapp über dem Asphalt schaukelte.

Zigarren und Freikarten für die Grenzer

Doch laut Stasi-Schläger Wax, der sich bis zu seinem Tod 1984 als einzig wahrer Panzerschrank-Heros gerierte, ließen sich die Zöllner mit ein paar Zigarren der Marke "Handelsgold" und Freikarten für den Nürburgring besänftigen und winkten den Mercedes durch. Ob sich der Coup exakt so zugetragen hat, wie dies die Akteure später erzählten, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Fakt ist: Die erbeuteten MID-Personalakten führten zur Verhaftung von rund 140 Mitarbeitern westlicher Dienste und Ministerien in der DDR.

Doppelspion Hesse wurde durch ein US-Gericht in Abwesenheit zum Tod verurteilt, von der Stasi als Heldenfigur in Stellung gebracht - und von der eigenen Frau verlassen. Auch eine staatlich gesponserte Bulgarien-Reise löste die Ehekrise nicht. Während ihr Mann in Würzburg kiloweise Pappkärtchen durch die Gegend schleppte, betrog ihn seine Frau ausgerechnet mit dessen Stasi-Führungsoffizier.

Die Defa wählte Hesses Coup als historische Vorlage für den MfS-Werbefilm "For Eyes Only (Streng geheim)" und garnierte ihn mit einem fiktiven Angriffsplan der Nato auf den Osten. Der Agententhriller, der 1963 in den ostdeutschen Kinos anlief und in der DDR-Presse als "knallharter Reißer" gefeiert wurde, entpuppte sich als wahrer Kassenschlager: Schon in den ersten drei Monaten schauten mehr als eine Million DDR-Bürger zu, wie Kundschafter Hansen die fiesen Yankees düpierte. Und Hansen-Darsteller Alfred Müller, bis dato ein filmunerfahrener, eher unbekannter Theaterschauspieler, avancierte schlagartig zum Star. Der echte Hansen jedoch blieb außen vor.

Wie er später betonte, erfuhr Hesse erst aus der Zeitung von dem Film. Parteifunktionäre vermieden bewusst, dass Drehbuchautor Harry Thürk dem Ex-Agenten begegnete. Auch Schauspieler Müller suchte mehrfach vergeblich den Kontakt zu seinem realen Filmvorbild: Stets sei ihm ein anderer "Hesse", aber nie der wirkliche Mann vorgestellt worden, erzählte Müller in der Scholz-Dokumentation.

"Ich stehe heute da wie ein Lügner"

Obwohl er bewusst vom Set ferngehalten wurde, identifizierte sich Hesse nach Erscheinen des Defa-Thrillers offenbar so stark mit der Filmfigur, dass er irgendwann selbst daran glaubte, einen Nato-Angriffsplan aus Würzburg in den Osten gekarrt zu haben. Oder warum begann der Ex-Agent plötzlich damit, just dieses Märchen zu verbreiten? Wollte Hesse einfach ein bisschen angeben? Trieb ihn der Neid auf Shooting-Star Müller, der im Rampenlicht stand, während er, Hesse, mit 44 Jahren zum Frührentnerdasein verdammt, hinter der Filmfigur verblasste?

Oder erzählte Hesse, landesweit von Podium zu Podium herumgereichtes Lebenddenkmal, die Geschichte nur deshalb, weil ihm die MfS-Öffentlichkeitsarbeiter das pikante Detail in die Reden mogelten? "Ich hatte damals viel vorgeschriebenes Material erhalten, das hat mir auch nicht gefallen", erinnerte sich Hesse später.

Warum Hesse letztendlich die Räuberpistole vom Nato-Schlag verinnerlichte, kann auch dessen Biograf Böhm nicht klären. Vielleicht hängt die mangelnde Tiefenschärfe des Böhm-Buchs mit dessen omnipräsentem Zorn zusammen, der die gesamte Biografie wie ein roter Faden durchzieht. Zorn auf die böse, böse BRD. Zorn auf die gemeinen Amerikaner. Zorn auf das, wie Böhm wörtlich schreibt, "gesamtkapitalistische deutsche Vaterland". Dessen Staatsanwälte 1990 auch noch die Frechheit besaßen, Hesse juristisch belangen zu wollen.

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Böhm verklärt Stasi-Mann Hesse als Helden, der stets nur einen dritten Weltkrieg habe verhindern wollen, was ihm, so Böhm, "gemeinsam mit vielen anderen Zeitgenossen" auch gelungen sei. "Und dafür gebührt ihm auch posthum Dank", betont der Biograf - und trägt damit nicht allzu viel zur Klärung der Causa Hesse bei. Näher jedenfalls ist Regisseur Scholz seinem Sujet gekommen.

2002 fuhr dieser gemeinsam mit dem damals 80-jährigen Hesse nach Würzburg - zurück an jenen Ort, der das Schicksal des Magdeburgers so entscheidend prägen sollte. Dort, auf einem Mäuerchen sitzend, mit Panoramablick auf den Main, zog der Stasi-Senior mit heiserer Stimme sein Lebens-Fazit: "Ich stehe heute da wie ein Lügner."



insgesamt 15 Beiträge
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Gregor Weyrich, 11.05.2016
1. Ich hab schon immer gesagt:
Männern mit dicken Siegelringen kann man nicht trauen. Aber auf mich hat ja noch nie jemand gehört.
Wolfgang Symmank, 11.05.2016
2. For eyes only - der bislang beste Ost-Bond aller Zeiten!
Tja, wo beginnen- wo enden? Es liegt ein halbes Menschenleben für mich zurück, mehr als das! Ich denke mit Vergnügen an den Film "For eyes only", den ich wohl ein halbes Dutzend mal gesehen habe.Und nicht nur ich!!Es war der Straßenfeger schlechthin. Dadurch wurde der Schauspieler Alfred Müller, der den Agent brillant spielte, auf einmal zum Star! dagegen war James Bond tatsächlich ein Sch.. dreck! Echt! Ohne Sch...! Was die wenigstens wissen ist der Wandel des Mimen in ein anderes Genre. Der "Richtersktech" mit Alfred Müller und Helga Hahnemann, ist wohl heute Algemeinwissen. Und A.Müller spielte den Richter. D e n Film könnte unser TV wieder mal bringen!
Kurt Müller, 11.05.2016
3. Amateurhafte Fälschung
Der im Bild 13 gezeigte Ausweis weist einen happigen Schreibfehler auf. Eine Figur kann "slender" aber niemals "slinder" sein. Dass der Mann mit diesem Ausweis nicht sofort aufgeflogen ist, wirft ein bedenkliches Bild auf diejenigen Personen, die dieses Schriftstück jemals in Händen hielten.
Mitch Reader, 11.05.2016
4. For your eyes only
... so hieß der Film.
Jean Pierre Hintze, 11.05.2016
5. Geschichtsrevisionisten
Immer diese Geschichtsrevisionisten, diese "Osthelden", die den dritten Weltkrieg verhindert haben wollen. Ohne die stalinistische Doktrin des kommunistischen Ostens wäre es überhaupt nicht erst zu der Gefahr eines dritten Weltkrieges gekommen!
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