Formel 1 früher Undercover in der Boxengasse

Er kam als Soldat nach Deutschland und ging als glühender Formel-1-Fan: Im Jahr 1958 fuhr der junge Amerikaner Perry Bullard mit zwei Kameraden zum Grand Prix von Deutschland. Mit einem dreisten Trick schlich er sich ins Fahrerlager - und machte dort einzigartige Farbfotos.

Perry Bullard

Endlich war es soweit. Wir hatten monatelang auf diesen Tag gewartet. Wir hatten den Ausflug den ganzen Sommer über akribisch geplant und alle Vorbereitungen so gut wie möglich getroffen. Wir, das waren zwei ebenfalls in Deutschland auf der Sembach Air Base stationierte GIs und ich. Der große Tag war der 3. August 1958 - der Tag des Formel-1-Grand Prix von Deutschland auf dem Nürburgring.

Einer meiner beiden Freunde besaß einen großen, schweren 1957 Ford Fairlane. Am Morgen des Rennens beluden wir seinen Wagen und machten uns auf die 185 Kilometer lange Reise zum Rennen. Dort angekommen, ließ sich mein Kumpel nicht davon abbringen, mit seinem gigantischen Straßenkreuzer eine Runde über den Ring zu drehen. Während die meisten Fans nach einem möglichst guten Parkplatz suchten, reihten wir uns in die Schlange der Wartenden für eine Rundfahrt ein.

Es war nicht so, dass wir dann wirklich ein Rennen fuhren - mit einem Schiff wie seinem Ford waren wir froh, dass wir überhaupt um die 73 Kurven der 30 Kilometer langen Strecke kamen, die von vielen Menschen nur ehrfürchtig "Die grüne Hölle" genannt wird. Um uns herum schwirrten all die Leute mit ihren kleinen und wendigen Porsches und fuhren gegeneinander Rennen - oder zumindest dachten sie das. Wir ließen sie alle passieren und freuten uns einfach, einmal auf eigenen vier Rädern über eine der berühmtesten Rennstrecken der Welt zu fahren, auf der berühmte Fahrer wie Juan Manuel Fangio, Stirling Moss, Edgar Barth und Wolfgang Graf Berghe von Trips ihre Boliden ans Limit getrieben hatten.

Mit einem dreisten Trick ins Fahrerlager

Nachdem wir unsere Ehrenrunde absolviert hatten, suchten wir uns einen Parkplatz - und fanden glücklicherweise einen direkt neben dem Eingang zur Boxengasse. Wir hatten alle unsere Kameras mitgebracht und waren natürlich scharf darauf, in die Pit-Area zu kommen. Aber daraus wurde nichts - zumindest vorerst. Denn der Eingang zu den Boxen wurde von einem Sicherheitsmann bewacht, der jeden streng auf seinen Pass für den Fahrerbereich kontrollierte. Kein Pass, kein Zugang.

Wir zogen uns zu unserem Auto zurück, um uns zu beraten. Wie würden wir nur in die Boxengasse gelangen? Auf einmal hatte John, der Besitzer des Ford, eine Idee. Er hatte immer ein paar weiße Overalls im Auto, für den Fall, dass er einen Ölwechsel oder andere Arbeiten an dem Wagen zu erledigen hatte. Sein Plan: Wir sollten uns die Overalls anziehen, den Ersatzreifen aus dem Ford schultern und uns dann als eine der Pit-Crews ausgeben.

Gesagt, getan. Komplett in weiß gewandet und mit dem Reifen auf dem Rücken liefen wir auf den Sicherheitsmann zu - dabei plapperten wir die ganze Zeit auf Englisch darüber, wie dringend der Reifen benötigt würde.

Ungehinderter Blick auf Fahrer und Maschinen

Der Sicherheitsmann war natürlich geschockt. Er versuchte, uns zu erklären, dass wir nur mit einem Pass hineinkämen, aber wir ließen nicht locker, redeten uns richtig in Rage und schrien ihn am Ende an, er solle uns endlich durchlassen, der Reifen würde dringend in der Box gebraucht. Irgendwann resignierte der Mann, öffnete das Tor zur Boxengasse und wir schossen hinein.

Kaum waren wir aus seinem Blickfeld verschwunden, lehnten wir den Ersatzreifen gegen eine Mauer, zogen unsere Overalls aus, falteten sie fein säuberlich zusammen und deponierten sie auf dem Reifen. Wir hatten es geschafft! Wir waren drin! Drei amerikanische Soldaten bei einem der wichtigsten europäischen Grand Prix - was für eine unglaubliche Geschichte!

Wir zogen nun kreuz und quer durch die Boxengasse. Damals war es nicht so wie heute, dass alles abgesperrt ist, im Gegenteil. Niemand hinderte uns daran, uns bei den Boxen der verschiedenen Teams umzuschauen. Niemand verbot uns, den Mechanikern bei den Einstellungsarbeiten an den Rennwagen zuzusehen. Dass wir alle drei ständig Fotos schossen von allem, was wir sahen, störte auch niemanden.

Bierdose neben dem Handbremshebel

Plötzlich standen wir vor Stirling Moss, der gerade in ein Gespräch mit seinen Mechanikern vertieft war und nebenbei Autogramme schrieb. Natürlich nutzten wir die Gelegenheit, so nah an eine der lebenden Rennfahrerlegenden zu gelangen - und machten fleißig Bilder mit unseren Kameras von dem britischen Piloten.

Moss fuhr damals einen der beiden Vanwalls, die bei dem Rennen starteten. Der zweite Vanwall wurde von Moss' Landsmann Tony Brooks gesteuert. Die Autos wurden von Tony Vandervell bei Vandervell Products in London gebaut. 1956 hatte Moss bereits in Silverstone bei einem Formel-1-Rennen gewonnen (das allerdings nicht in die Meisterschaftswertung einging), 1957 fuhr Moss beim Grand Prix von Italien in Monza und dem Grand Prix von Pescara mit einem Vanwall auf das Siegerpodest.

Was mir sofort auffiel, während ich von Rennwagen zu Rennwagen streunte: Keiner von ihnen verfügte über Sicherheitsgurte. Dass Gurte damals in normalen Autos nicht vorgeschrieben waren, wusste ich, aber bei den Rennfahrzeugen verwunderte mich das doch etwas. Als ich neben Moss' Vanwall stand, bemerkte ich stattdessen eine deutsche Bierdose, die neben den Handbremshebel geklemmt war - ich bezweifele aber, dass sie sich dort während des Rennens befunden hat.

Mit einem Hechtsprung ins Cockpit

Irgendwann hatten wir genug gesehen und fotografiert, außerdem rückte der magische Moment, der Start des Rennens, immer näher. Wir postierten uns also in der Nähe der Start- und Ziellinie und beobachteten gespannt das Geschehen. So einen Start wie hier hatten wir nämlich noch nie gesehen: Statt sich immer paarweise hintereinander auf der Piste hinter der Startlinie aufzustellen, wurden die Autos in schrägem Winkel nebeneinander an der Seite der Strecke geparkt. Die Fahrer reihten sich ihren Autos gegenüber auf der anderen Seite der Strecke auf.

Als der Startschuss fiel, sprinteten sie über den Asphalt, hechteten in ihre Boliden und rasten los. Ich beobachtete Stirling Moss: Er sprang in den Vanwall, der sofort zum Leben erwachte, und schon schoss er los auf wie eine Rakete. Er setzte sich sofort an die Spitze des Feldes und verschwand dann aus meinem Sichtfeld. Andere hatte nicht so viel Glück: Der Maserati des amerikanischen Fahrers Troy Ruttman wollte partout nicht anspringen - für ihn war das Rennen noch vor der ersten Runde gelaufen.

Es fuhr an diesem Augusttag die Crème de la Crème des internationalen Motorsports: Bruce McLaren, Phill Hill, Mike Hawthorn, Wolfgang Seidel, Graham Hill und viele andere stritten sich um die Podiumsplätze. Von den 26 gestarteten Autos erreichten jedoch nur elf die Ziellinie. Stirling Moss fuhr mit 9:09,2 Minuten die schnellste Runde des Rennens, musste aber bereits nach drei Umläufen seinen Vanwall mit Elektrikproblemen abstellen, 14 weitere Fahrer schieden im Laufe des Rennens aus.

Tod neben der Rennstrecke

Tragisch endete der Große Preis von Deutschland für den Briten Peter Collins. Er musste mit seinem Ferrari über das Limit gehen, um an den Führenden dran zu bleiben - und bezahlte mit seinem Leben. Sein Ferrari drehte sich von der Strecke und verschwand hinter einer Böschung. Dort traf der Wagen auf einen Baum, der 27-jährige Collins wurde aus dem Wrack geschleudert und erlitt schwere Schädelverletzungen, denen er im Krankenhaus erlag. Über die Lautsprecheranlage der Rennstrecke erfuhren wir lediglich, dass Collins ausgeschieden war - der Grund wurde nicht genannt.

Als das Rennen vorbei war, sammelten wir unseren Reifen und unsere Overalls ein und verluden unsere Sachen im Wagen meines Freundes, einmalige Erinnerungen inklusive. Den ganzen Rückweg über erzählten wir uns, was uns am besten gefallen hatte, glichen unsere ganz persönlichen Highlights des Tages ab - und schwärmten von den schönen Mädchen, die wir gesehen hatten.

Für mich war an diesem Tag ein Traum in Erfüllung gegangen. Ich war schon während meiner Kindheit in North Carolina ein glühender Motorsportfan, mein größter Wunsch war es immer gewesen, einmal bei einem Formel-1-Lauf dabei zu sein. An diesem 3. August 1958 hatte es endlich geklappt, ich war ganz nah dabei gewesen beim Großen Preis von Deutschland. Noch heute, 50 Jahre später, kann ich mich ganz genau an den Geruch der Abgase und des Rennbenzins in der Boxengase erinnern, und an das Donnern der hoch gezüchteten Motoren, die die Rennwagen um den Nürburgring peitschen. So, als wäre es gestern gewesen.



insgesamt 13 Beiträge
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Nils-Alexander Weng, 04.11.2008
1.
Das Fahrzeug auf Bild 21 ist ein Porsche RSK 718 und mitnichten ein Privatfahrzeug. Dieses Fahrzeug mit der Startnummer 21 hat mit dem Fahrer Edgar Barth für die Dr. Ing. F. Porsche KG am Großen Preis von Deutschland 1958 auf dem Nürburgring teilgenommen.
Nils-Alexander Weng, 04.11.2008
2.
Die beiden nicht näher identifizierte Rennwagen auf Bild 5 sind zwei der drei Maserati 250F der Scuderia Centro Sud. Wagen Nr. 14 wurde von Troy Ruttman, Wagen Nr. 17 von Hans Hermann gesteuert. Hermann schied in der 3. Runde mit einem Motorschaden aus, während Ruttman ,ebenfalls wegen eines Motorschadens, gar nicht erst zum endgültigen Start angetreten war.
Wolfgang Eisele, 04.11.2008
3.
vorsicht nils bild 21 trägt "noch" die st.nr. 32 und als ergänung: 1.ob der 300 sl auf dem bild 26 von stirling moss war lässt sich jederzeit über die presseabteilung des museums in stuttgart feststellen 2. das bild no. 23 zeigt wohl keinen cooper-climax zumal trintignant die st.nr. 11 hatte 3. bild 32 ist die st.nr.29 Brian Naylor mit dem Cooper T45 (F2) und last but not least !!! 4. bildtext zu 28 "Der britische Formel-1-Weltmeister Stirling Moss" war erfolgreich und vieles ...aber nie weltmeister !
Karsten Denecke, 04.11.2008
4.
Das Fahrzeug auf den Fotos 14 und 15 ist kein Jaguar D-Type, sondern ein (wesentlich kleinerer) Lotus XI, der vermutlich in einem der Rahmenrennen zum F1-Lauf an den Start gebracht wurde.
Karsten Denecke, 04.11.2008
5.
Foto 30 zeigt den "Le Mans-Start" zum 1000km-Rennen im Mai 1958. Die Fahrer warteten gegenüber der in Reihenfolge des Qualifikationstrainings aufgestellten Fahrzeuge, um mit dem Startsignal zu ihren Wagen zu sprinten und loszufahren.
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