Formel-1-Legende Jochen Rindt Todesfahrt zum Weltmeistertitel

Er fuhr wie ein Gott und liebte das Risiko, am Ende zu sehr: Am 5. September 1970 endete in den Leitplanken von Monza das Leben und die kometenhafte Karriere von Jochen Rindt. einestages erinnert an den Ausnahmefahrer einer Zeit, als die Formel 1 noch Abenteuer war.

Getty Images

Von Martin Rupps


Es gibt eine Geschichte aus dem Leben des Rennfahrers Jochen Rindt, die rein gar nichts mit Autos zu tun hat, die aber trotzdem besonders gut erzählt, warum er der Ausnahmefahrer seiner Zeit war. Rindt hatte das Herz des finnischen Mannequins Nina Lincoln erobert, sie waren ein Paar, doch dann trennt sich Nina von ihm und schickt den Verlobungsring zurück. Jochen öffnet das Päckchen, legt einen Zettel hinein, dass sie den Ring behalten solle, bis sie es sich anders überlegt, und sendet es retour. Im März 1967 heiratet Nina Lincoln Jochen Rindt. "Ich mag Männer, die wissen, was sie wollen", sagte die schöne Finnin später einmal über ihren Mann.

Und Jochen Rindt wusste, was er wollte. Gewinnen, und zwar überall. Um jeden Preis. Als er in seiner Jugend, lange vor seiner Karriere als Rennfahrer, mit ein paar Freunden mit dem Moped zum Motocross fährt, erlebt er eine böse Überraschung. Weil die Räder seiner Kumpels viel größere Reifen haben, er aber nur mit einem kleinen Moped unterwegs ist, hat er keine Chance und wird ein ums andere Mal abgehängt. Was macht Rindt? Er stellt noch am gleichen Nachmittag sein altes Moped in die Ecke, fährt in die Stadt und kauft sich ein neues. Eins, mit dem er konkurrenzfähig ist.

Diese Kompromisslosigkeit - sie war das Markenzeichen von Jochen Rindt und sein Schicksal zugleich. Rindt wird Rennfahrer, weil er in seinem Leben nie etwas anderes tun wollte als Rennen zu fahren. Der in Mainz geborene Rindt wächst als Vollwaise (die Eltern kamen im Hamburger Feuersturm 1943 um) bei den Großeltern in Graz auf und liebt von klein auf die Geschwindigkeit. Mit seinem Moped sammelt er Strafzettel um Strafzettel, sein erstes Auto räumt er bis auf den Fahrersitz aus, um damit an Rennen teilzunehmen.

Todessehnsucht auf der Rennstrecke

"Jochen Rindt war ein absoluter Typ", erinnert sich Nikki Lauda an seinen Landsmann. Seit 1961, da war er 19, übt Rindt seinen Beruf aus. 1965 klappt der Einstieg in die Formel 1. Sein Fahrgenie ist nicht zu verkennen, doch er hat ein Problem. Er sitzt in schlechten Autos. Rindt, der Mann mit dem unbedingten Willen, erklärt trotzdem, Weltmeister werden zu wollen. Obwohl er noch nie einen Grand Prix gewonnen hat.

Der Österreicher mit dem Raubvogel-Gesicht unterscheidet sich in fast jeder Hinsicht von den Fahrerkollegen seiner Zeit. Die kommen entweder aus reichem Hause und setzen sich mehr aus Langeweile denn aus Siegeswillen in die damals höllisch gefährlichen, weil ohne Sicherheitsbewusstsein konstruierten Autos. Oder es sind junge Waghalsige, ja Todessüchtige, die auf der Kante des Lebens reiten, um sich gesellschaftlich empor zu arbeiten.

Das hat Rindt nicht nötig, denn er besitzt auch einen ausgeprägten Geschäftssinn. Schon kurz nach seinem Einstieg in die Formel 1 beginnt Jochen Rindt an seinem Image und seiner Vermarktung zu feilen. Enger Freund und Berater wird zu dieser Zeit ein gewisser Bernie Ecclestone, selbst ein Vermarktungs-Genie und später, bis heute, Herr der Formel 1.

Entweder Weltmeister oder tot

Der Geschäftsmann Rindt, jetzt in Anzug und Krawatte, ruft in Wien die "Jochen Rindt-Show" ins Leben, erstmals sind die schnellsten Autos der Welt in einer Halle versammelt, frühere Fahrer-Idole und Rennsport-Aktive inklusive. Auf die Formel 1, die bislang vor allem mit ihren vielen Toten Schlagzeilen machte, fällt Glamour. Jochen Rindt, der einst wegen flegelhaftem Verhaltens von der Schule geflogen ist, genießt die öffentliche Aufmerksamkeit. Später zieht die Show nach Essen. Ihren Nachfolger, die Essener Motorshow, gibt es bis heute.

Sein Heimatland ist stolz auf ihn. Der Österreichische Rundfunk betraut ihn mit der Moderation des Automagazins "Motorama", was Rindt anfangs holprig, später selbstsicher - cool eben - absolviert. Zur Anmoderation des Großen Preises von Monaco sitzt er im Jet-Set-Look auf einem Segelschiff im Hafen. Häufig nimmt er vor der Kamera nicht einmal die Sonnenbrille ab. Mit der Lässigkeit des talentierten Autodidakten interviewt er die Fahrerkollegen seiner Zeit, etwa Jackie Ickx, Jackie Stewart oder Jack Brabham, aber vor allem präsentiert er sich selbst.

In der Formel 1 läuft es dagegen anfangs lange nicht so gut für ihn. Echte Chancen auf Siege und Titel hat er erst von 1969 an, seit er bei Colin Chapman, dem Besitzer des Lotus-Rennstalls, unter Vertrag steht. Keiner baut so leichte, filigrane, technisch innovative Autos wie Chapman, doch ein Lotus ist genau deswegen auch gefährlich. "Entweder ich werde bei Lotus Weltmeister oder ich sterbe", sagt Rindt über die schicksalhafte Beziehung - die von Anfang an zerrüttet ist. Für den Geschmack des Österreichers geht der Brite viel zu viel Risiko mit seinen Konstruktionen ein, öffentlich beschwert er sich in Interviews über die Zerbrechlichkeit der Lotus-Boliden. Zeitweise sprechen Chapman und Rindt kaum ein Wort miteinander. "Es war absurd", erinnert sich Bernie Ecclestone, der den Deal zwischen Rindt und Chapman eingefädelt hatte, "wir waren im gleichen Hotel und ich eilte von Zimmer zu Zimmer und überbrachte Nachrichten, weil die beiden nicht miteinander reden wollten".

Das Rennen seines Lebens

Doch auf der Rennstrecke stellt sich im Frühjahr der Formel-1-Saison 1970 endlich der Erfolg ein. Anfangs, noch im alten Auto, gewinnt Rindt die Rennen mit mehr Glück als Verstand. "Jochen ist in fast jedem Rennen bis zum Äußersten gegangen", erinnert sich Formel-1-Kollege Helmut Marko. Beim Grand Prix von Monaco startet Rindt auf dem schlechten Startplatz Nummer acht. In den Straßen von Monte Carlo, die ein Überholen kaum erlauben, kann man von dieser Position aus nicht siegen. Doch Rindt bremst später als alle anderen, geht mit sich und dem Wagen bis an alle Grenzen. Am Ende liegt er auf Rang zwei, hetzt den führenden Jack Brabham so lange durch die engen Gassen des Fürstentums, bis der einen Fahrfehler begeht und in die Leitplanken rauscht. Er hat das unmögliche vollbracht - und steht auf dem Siegertreppchen ganz oben.

Es ist das Rennen seines Lebens - und der Wendepunkt der Formel-1-Saison 1970. Nichts und niemand kann Jochen Rindt mehr aufhalten, außer das eigene Auto; im nächsten Rennen in Spa-Francorchamps scheidet Rindt mit Motorschaden aus, doch danach folgt Sieg auf Sieg. Viermal in Folge steht Rindt ganz oben auf dem Treppchen. Zu den schönsten Rennen des Jahrzehnts gehört dabei sein packendes Duell mit dem Ferrari-Piloten Jacky Ickx im Motodrom von Hockenheim. Über Runden verfolgen sich Rindt und Ickx in einem Windschattenduell auf den langen Geraden, wechseln wieder und wieder die Führung. Wie Rindt in seinem rot-goldenen Lotus elegant durch die Kurven driftet, wie er gedankenvoll, weil vielleicht ungläubig, die Siegerehrung über sich ergehen lässt und hinterher Ickx als einen Freund für seine "Motorama"-Sendung interviewt - das ist Sportgeschichte.

Im Sommer 1970 fühlt sich Jochen Rindt mehr denn je als ein glücklicher Mensch. Zusammen mit Nina kümmert er sich um die gemeinsame Tochter Natascha. In der Fahrerwertung liegt Jochen Rindt vorn. Das Business läuft glänzend. Poster mit Rindts Konterfei hängen in vielen Tausenden von Jugendzimmern in Österreich und dem Rest der Welt. Einem Reporter des Hessischen Rundfunks sagt der Rennfahrer, dass er sich mit Nina noch ein oder zwei weitere Kinder wünsche. Er fühle sich fit genug, Weltmeister zu werden - vorausgesetzt, das Auto mache mit.

Der Druck wächst

Das nächste Rennen im Heimatland Österreich, in Zeltweg, soll den Titel vorzeitig sichern. Doch Rindt scheidet nach einigen Runden mit Motorschaden aus. Sportlich ist damit nichts verloren, doch der Erfolgsdruck auf ihn und Colin Chapman wächst. Im Grand Prix von Italien, in Monza, gehen die Beiden aufs Ganze: Der Lotus 72 bekommt einen viel stärkeren Motor, der zuvor nicht erprobt werden konnte. Die Reifen sind ebenfalls neu und nicht getestet. Lotus lässt die Flügel vorn und hinten abmontieren, was das Auto zwar schneller, aber noch instabiler macht. Im Training legt Rindt - wie sonst auch - die Beingurte nicht an. Er möchte bei einem Unfall sekundenschnell aus dem Cockpit kommen, denn beim Crash starben die Fahrer jener Zeit meist im lodernden Feuer.

"Das Glück", schrieb der Formel-1-Journalist Eberhard Reuß Jahre später, "das ihn vier kurze Monate lang von Monaco bis Monza begleitet hat, mag Jochen Rindt dazu verleitet haben, für ein paar kurze Augenblicke ein paar Risiken zu viel in Kauf zu nehmen." So war es. Der viel zu starke Motor, das leichtgewichtige Auto, die fehlenden Stabilisatoren, es liegt zu viel Last auf dem Auto. An jenem 5. September 1970 bricht in einem Trainingslauf beim Anbremsen in der Parabolica-Kurve die rechte Bremswelle, worauf der Wagen links in die Leitplanke einschlägt. Beim Aufprall rutscht der nicht korrekt angeschnallte Fahrer unter das Lenkrad und zieht sich tödliche Verletzungen zu. Abrupt endet ein waghalsig schnelles, immer riskantes, fahrlässig jungenhaftes Leben.

Es gibt Filmaufnahmen von Nina Rindt aus genau diesen Minuten. Wie fast immer hatte sie ihren Mann auch in Monza begleitet, saß in der Box und stoppte seine Rundenzeiten. Es sind eindringliche Bilder, die wie wenige andere belegen, wie selbstverständlich der Tod damals zur Formel 1 gehörte. Als Rindt nicht in der regulären Zeit wieder die Start-Ziel-Gerade durchfährt, überziehen sofort Sorgenfalten ihre Stirn. Je länger sie hilflos und suchend zwischen Stoppuhr und Strecke hin- und herschaut, desto mehr Angst zieht in ihren Blick ein, breitet sich die Trauer in ihrem Gesicht aus.

Letzter Wunsch: Mehr Sicherheit

In einem Fernsehinterview wurde Rindt kurz vor dem Rennen in Monza gefragt, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte. "Ich traue mir zu, so zu fahren, dass mir nichts passiert. Meine einzige Angst ist es, dass am Auto etwas bricht und ich es deswegen nicht mehr kontrollieren kann. Und ich wünsche mir, dass die Streckenbetreiber dafür sorgen, dass es für uns Fahrer sicherer wird." Dann wird er gebeten, die gleiche Frage an seine Frau zu stellen. Sie zögert keine Sekunde: "Dass Du damit aufhörst, Rennen zu fahren."

Es ist irgendwie bezeichnend für das Leben von Jochen Rindt, dass sein größter Wunsch, nämlich der, Weltmeister zu werden, auch in Erfüllung ging, obwohl er selbst schon nicht mehr lebte. Jacky Ickx, Jochens größter Konkurrent um die Weltmeisterschaft, gewann zwar die Rennen in Kanada und Mexiko. Doch beim Großen Preis der USA in Watkins Glen hat Ickx ein technisches Problem, muss kurze Zeit anhalten und beendet das Rennen als Vierter. Damit war klar, dass niemand mehr Jochen Rindt seinen Titel nehmen konnte. Für Jacky Ickx war es einer der bewegendsten Momente seiner Karriere, wie er in einem Interview erzählt. "Es war die schönste Art, wie diese Weltmeisterschaft zu Ende gehen konnte. Alles hatte sich selbst gefügt, ich musste nichts dazu tun. Und Jochen war trotz allem Weltmeister."

Zum Weiterschauen:

Eberhard Reuß und Christian Giesser: "Jochen Rindts letzter Sommer - Ein Toter wird Weltmeister" und "Jochen Rindt lebt - Eine Spurensuche". 2 DVDs, Arthaus Musik Verlag, Halle/Saale 2010.



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Jochen Widdel, 06.09.2010
1.
Ich war an jenem 2.August 1970 am Hockenheimring mit Sitzplatz in der Sachskurve. Ich habe nie jemals zuvor noch später ein solch dramatisches Formel1-Rennen erlebt. Gespannt blickten wir Zuschauer auf den Waldausgang, wer kam wohl dieses Mal zuerst aus dem Wald: Jacky Ickx oder Jochen Rindt. Es war Jochen Rindt in der letzten Runde. Der Jubel kannte keine Grenzen mehr. Ein Wechselbad der Gefühle durchlief einem jeden. Unbekannte Menschen lagen sich in den Armen, es war der helle Wahnsinn. Ein paar Wochen später sonnte ich mich am Strand an der Costa Brava und las zu meinem Entsetzen die Schlagzeile der BILD-Zeitung: Jochen Rindt tot. Ich konnte nicht mehr an mir halten, die Emotionen hatten ihren freien Lauf.
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