Foto-Ikonen der Wende "Es ging an meine Grenzen"

Foto-Ikonen der Wende: "Es ging an meine Grenzen" Fotos
Barbara Klemm

Den Mauerfall erlebte sie vor dem Fernseher, am Morgen danach eilte sie nach Berlin und schuf einige der berühmtesten Bilder der Wende: Auf einestages erinnert sich die Fotografin Barbara Klemm an Stunden der Euphorie, Angst vor der feiernden Menge - und an eine unverhoffte Autofahrt mit Willy Brandt.

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    4.4 (87 Bewertungen)

einestages: Frau Klemm, die Wendezeit muss für Fotografen ein Paradies gewesen sein: All die starken Emotionen - wie haben Sie das damals empfunden?

Klemm: Paradies würde ich es zwar nicht nennen. Aber es ist ein ganz besonderer Moment der Geschichte, und ich würde es bedauern, wenn ich ihn nicht miterlebt hätte. Ich war sehr glücklich, dass ich nicht auf irgendeiner Reise war, sondern am 10. November 1989 frühmorgens direkt nach Berlin fliegen konnte.

einestages: Damals waren Sie schon eine sehr erfahrene politische Bildredakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Hat Sie die Schnelligkeit der Ereignisse dennoch überrascht?

Klemm: Natürlich. Wir schauten in der Nacht Fernsehen und realisierten erst gar nicht richtig, was da passierte. Doch am nächsten Morgen saß ich um 8 Uhr in der Maschine nach Berlin. Dann habe ich bis um halb elf Uhr nachts gearbeitet - ohne zu essen und zu trinken.

einestages: Haben Sie damals insgeheim gedacht, dass Sie in diesem Moment die großartige Chance haben, Geschichte zu dokumentieren?

Klemm: Nein. Man geht da erst einmal hin, denkt nach und hofft, dass einem am Ende gute Bilder gelingen. Dass der Mauerfall ein historisches Ereignis ist, war sowieso jedem klar.

einestages: Ihre zurückhaltende und beobachtende Bildsprache hat Sie berühmt gemacht. Aber war es nicht besonders schwierig, sich in einer Situation wie dem Mauerfall nicht von den Emotionen mitreißen zu lassen?

Klemm: Das ist genau der Punkt. Ein gewisses Stück wurde auch ich selbstverständlich mitgerissen. Aber ich glaube, dass meine jahrzehntelange Erfahrung mir geholfen hat, dass ich mich während der Arbeit nicht zu sehr von der Euphorie anstecken ließ. Ich habe versucht, immer ein Stück Distanz zu wahren und ganz genau hinzugucken, statt einfach draufzuhalten. So sind einige der Bilder entstanden, die dann zu Ikonen wurden, wie manche später sagten.

einestages: Am 10. November 1989 herrschte in Berlin auch unter Journalisten und Fotografen Aufregung. Sicher nicht die einfachsten Arbeitsbedingungen.

Klemm: Es ging an meine körperlichen Grenzen: Es gab damals keine Handys, ich rannte von einem Ort zum anderen. Dazwischen versuchte ich, die Redaktion zu erreichen, um zu hören, was es Neues gibt. Abends hieß es plötzlich: Am Lustgarten trifft sich Egon Krenz mit einigen Genossen. Ich hatte Angst, zu spät zu kommen. Also rannte ich einfach über den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße, ohne die übliche Gebühr zu bezahlen. Dann hielt ich einen Trabi an und fragte: Können Sie mich mitnehmen? Hinterher habe ich mich gefragt, wie ich das alles eigentlich geschafft habe.

einestages: Sie waren zu dem Zeitpunkt schon seit Stunden auf den Beinen. Dennoch war Krenz nicht Ihr letzter Termin.

Klemm: Danach bin ich schnell zu Willy Brandt, der angeblich im christlichen Hospiz sein sollte, wie mir ein Kameramann gesagt hatte. Vor dem Haus standen schwarze Limousinen mit West-Berliner Nummer. Doch als ich fragte, wo Brandt sei, hieß es immer wieder: Weiß ich nicht. Niemand wollte weiterhelfen.

einestages: Was haben Sie gemacht?

Klemm: Ich habe einfach eine Tür nach der anderen aufgemacht. In einem Raum saß er dann tatsächlich, zusammen mit Stolpe, Vogel und einigen anderen aus der Ost-SPD, und beratschlagte, was nun zu tun sei. Ich habe drei, vier Fotos von ihnen gemacht. Danach war ich dermaßen erschöpft von dem Tag, dass ich einen Referenten von Brandt fragte, ob ich mit seiner Autokolonne zurückfahren könne. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, mich noch einmal am Brandenburger Tor anzustellen.

einestages: Hat's geklappt?

Klemm: Ja! Ich saß mit Brandt im Auto, und wir fuhren bis zur Invalidenstraße. Dann ging gar nichts mehr. Brandt musste aussteigen und zu Fuß rüber, weil alles verstopft war. Das war eine wunderbare Szene, als die DDR-Bürger, die ihn sahen, jubelten: "Willy! Willy!" Als Brandt aus dem Auto stieg, ist daraus ein schönes Foto geworden: Eine Frau aus einem Trabi guckt zu ihm hoch, um ihn herum stehen viele junge Leute und klatschen. Auch für mich war das ein unglaubliches Erlebnis. Schließlich hatte Brandt mit seinem Treffen mit Breschnew überhaupt erst die Grundlage für die Wiedervereinigung gelegt.

einestages: Ihre derzeitige Ausstellung in Berlin bezieht sich auf die gesamte Wendezeit bis zur Wiedervereinigung. Welches der gezeigten Bilder bedeutet Ihnen am meisten?

Klemm: Für mich war die Öffnung des Brandenburger Tors ganz wichtig. Das war für mich das Symbol der Wiedervereinigung. Dabei hatte ich eigentlich nach all dem Stress gedacht, dass ich nicht mehr die Kraft hätte, dort hinzufliegen, zwei Tage vor Weihnachten. Doch dann habe ich mir gesagt: Wenn ich das zu Hause vor der Glotze sehe, werde ich verrückt.

Als ich dort war, fotografierte ich zunächst die Politiker unter dem Brandenburger Tor, im strömenden Regen. Als ich schon zurückgehen wollte, drehte ich mich noch einmal um und sah plötzlich dieses unglaublich tolle Licht - vermutlich kam es von den Fernsehsendern. Und davor all diese Menschen auf der Mauer - das Tor war ja nur rechts und links geöffnet. Man konnte von meiner Position noch ein Transparent mit der Aufschrift "Deutschland einig Vaterland" lesen - Gott sei Dank war die Schrift spiegelverkehrt, sonst wäre das zu plump gewesen. Da habe ich gedacht: Das ist das Bild! Das ist für mich das Wiedervereinigungsfoto, das Symbolbild.

einestages: Sie haben selbstverständlich auch die Feier zur Wiedervereinigung vor 20 Jahren in Berlin besucht. Wie haben Sie versucht, dieses historische Ereignis festzuhalten?

Klemm: Meine Intention war, die Gesichter der Politiker in genau dem Moment zu fotografieren, als die Wiedervereinigung ausgesprochen wurde, also um 12 Uhr nachts. Mein Foto wäre aber nie zustande gekommen, wenn uns die Menschenmassen nicht nach vorne gedrückt hätten. Eine Situation wie im Fußballstadion, ich hatte zum ersten Mal enorme Angst, dass ich da nicht mehr rauskomme. Dass mir in diesem Gewoge trotzdem noch dieses Bild irgendwie gelungen ist, darauf bin ich wirklich stolz.

einestages: Was ist für Sie das Besondere?

Klemm: Wenn Sie in die Gesichter schauen, ist in jedem die eigene Geschichte zu lesen: Die Rührung von Willy Brandt, das Spitzbübische von Oskar Lafontaine, die Erleichterung Hans-Dietrich Genschers, der froh war, dass er alles erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Der strahlende Helmut Kohl und seine Frau. Lothar de Maizière, der damals schon wusste, dass seine Zeit schon wieder vorbei war - und schließlich Richard von Weizsäcker, der als Einziger direkten Blickkontakt mit mir hatte.

einestages: Gab es in der Wendezeit denn auch mal eine Situation, die Sie unbedingt fotografieren wollten, aber nicht konnten??

Klemm: Eigentlich war es eher umgekehrt: Es gab damals so viele Möglichkeiten - da fielen einem die Bilder fast in den Schoß.

"Wie das Wunder geschah" - Fotoausstellung von Barbara Klemm im Mauer-Mahnmal des Bundestages vom 1. Oktober 2010 bis zum 9. Januar 2011. Geöffnet immer freitags bis sonntags von 11 - 17 Uhr, Eintritt frei.


Die Geschichten der Wiedervereinigung: Klicken Sie sich durch die friedliche Revolution!

Das Interview führte Christoph Gunkel.

Artikel bewerten
4.4 (87 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen