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Fotoautomaten Karriere einer Knipskiste

Fotoautomaten: Karriere einer Knipskiste Fotos
Günter Karl Bose

Passfotos, Spaßfotos: 1925 wurden in den USA die ersten Fotoautomaten aufgestellt. einestages über den unaufhaltsamen Siegeszug der Instant-Knipskabinen, die unglaubliche Geschichte ihres Erfinders - und die Faszination des kleinen Bilderglücks. Von

Kalte Neonbeleuchtung taucht die Pariser Metro-Station Abbesses in grünliches Licht. Ein Chanson hallt durch den Bahnhof, es kommt vom Plattenspieler eines Blinden, der sich ein paar Francs erbetteln will. In einer Ecke des Bahnsteigs kauert davon unbeirrt ein Mann auf dem grauen, blanken Betonboden – direkt vor einem Fotoautomaten. Wie besessen stochert er mit einem Metalllineal unter dem Automaten herum, neben sich eine gefüllte Plastiktüte.

Der Mann mit dem Lineal ist ein Sammler - und es sind die zerrissenen, zerknüllten, weggeworfenen Passfotos aus dem Automaten, die ihn interessieren. Überbelichtete Bilder, durch die Hitze des Trockners angeschmolzene Fotos, Schnappschüsse von Gesichtern mit geschlossenen Augen oder verzogenen Mündern. Sorgfältig setzt er seine Beute zu Hause wieder zusammen, klebt sie in ein Album und beschriftet sie mit Ort und Datum.

Die Szene aus dem Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" sagt eine Menge aus über die magische Anziehungskraft, die dieser Kasten auf die Menschen hat. Eine Kamera, ein Drehhocker, ein Quadratmeter Intimität, das ist seit mehr als 80 Jahren das Erfolgsgeheimnis des Fotoautomaten. Hier werden aus Heimlichtuern Hippies und aus Spaßbremsen Spaßvögel.

Den Moment pralles Leben in einer Fotokabine festhalten und auf Papier verewigen lassen: eine geniale Idee. Doch weltweit durchgesetzt hat sie sich nur dank eines Mannes, der sein halbes Leben für seine Vision vom kleinen Fotoglück kämpfte und dafür sogar eine Odyssee über drei Kontinente auf sich nahm: Anatol Josepho.

Auf der Flucht durch die Wälder Sibiriens

Josephos Geschichte ist die eines Besessenen. 1894 im sibirischen Omsk geboren, hält den fotoverrückten 15-Jährigen bald nichts mehr in der russischen Einöde. Mit etwas Geld vom Vater reist er nach Berlin und lernt bei einem Fotografen. 1913 eröffnet er in Ungarn ein kleines Fotostudio, das ihm den Lebensunterhalt sichert - und die Möglichkeit, zu experimentieren. Hier tüftelt Josepho an seinem Traum: einer vollautomatischen Porträtkamera, die Bilder für die Massen erschwinglich machen soll.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, flieht er in die Heimat. Noch an der Grenze wird er festgenommen und in ein Militärgefängnis gesteckt. Zusammen mit einem Mithäftling wagt er es, einen Aufseher zu bestechen. Dieser besorgt ihnen gefälschte Papiere und ungarische Uniformen. "In einer dunklen Nacht kletterten wir über die mit Stacheldraht gesicherten Mauern des Gefangenenlagers, tricksten die Wachen aus und erreichten ein paar Stunden später einen Truppentransport nach Odessa", schreibt Josepho später.

Doch Josepho und sein Freund fliegen auf und landen in einem Gefängnis der Bolschewisten. Wenig später ermöglicht ihnen ein heftiger Sturm erneut die Flucht, die 18 Tage dauert und in einem weiteren Gefängnis im Ural endet. Erst beim dritten Ausbruch entkommen die Freunde endgültig - und trennen sich.

"Ich wusste, sie würde die Porträtfotografie revolutionieren"

Josepho schlägt sich nördlich von Peking als Verkäufer durch, doch auch hier wird er zunächst vom Unglück verfolgt: In einem Zug wird er überfallen und ausgeraubt. In Shanghai eröffnet er schließlich am Hafen erneut ein Fotostudio und fotografiert britische Kolonisten und chinesische Arbeiter. Währenddessen arbeitet er weiter an seiner Erfindung.

1923 ist es endlich so weit: Josepho hat nach jahrelanger Arbeit alle Details des Geräts ausgearbeitet. Aber es fehlt an einigen technischen Bauteilen und vor allem an Geld. Er beschließt, beides in Amerika zu suchen. Josepho verkauft sein Studio, segelt nach San Francisco, reist quer durch das riesige Land und erreicht New York mit nur noch 30 Dollar in der Tasche.

Doch er glaubt an seine Idee und sucht nach Geldgebern. "Ich wusste, die Kamera würde das Knipsen von Porträts revolutionieren", erklärt er im November 1928. Er kann Investoren überzeugen, ihm 11.000 Dollar für den Bau eines Prototyps zu leihen und findet schließlich sogar Geschäftspartner, die ihm ein Studio am Broadway finanzieren. Doch die knüpfen ihr Engagement an eine entscheidende Bedingung: Innerhalb eines halben Jahres muss der Automatenerfinder Erfolg haben. Seine Existenz steht auf dem Spiel, als Josepho am 27. März 1925 das Patent für seinen Fotoautomaten anmeldet - den "Photomaton".

Hightech in der Sperrholzkiste

13 Jahre lang hatte Josepho an seiner Erfindung getüftelt und hatte die halbe Welt gesehen. Doch das, was sich im September 1926 nach der Eröffnung seines Studios am Broadway ereignet, erstaunt ihn doch: Täglich warten bis zu 2000 Menschen in einer endlosen Schlange auf der Straße geduldig darauf, sich von dem neuartigen Fotoautomaten ablichten zu lassen. Für einen Vierteldollar macht die ratternde Maschine acht Bilder in acht Minuten.

Zwar hatte es auch zuvor schon andere Fotoautomaten gegeben, aber der Photomaton des smarten Russen ist die erste wirklich vollautomatische Fotokabine und bis obenhin mit modernster Technik vollgestopft: Fünf 400-Watt-Leuchten im Inneren setzen die Fotografierten ins rechte Licht. Ein brummender, acht PS starker Motor sorgt für den reibungslosen Betrieb der Maschine. Der Fotoautomat verwendet lichtempfindliches, mit einer Silber-Verbindung beschichtetes Papier. Es kann direkt belichtet werden, ohne Glas- oder Metallplatten, ohne Film. Eine Rolle mit Papier für 800 Streifen sichert den Nachschub. Chemikalien in einem Tank sorgen für die Entwicklung, bevor der Streifen elektrisch getrocknet wird.

Der Geniestreich der Kaufhausverkäufer

Der Erfolg seines Fotoautomaten ist überwältigend – Josepho muss in seinem Studio vier weitere Kabinen installieren. In den ersten sechs Monaten nutzen 280.000 Kunden seine Photomatons. Im März 1927 verkauft der erst 32-Jährige sein Patent für eine Million Dollar an eine Gruppe von Investoren, zu denen auch der spätere US-Präsident Franklin D. Roosevelt gehört. Das Konsortium kündigt bereits kurz nach dem Kauf an, bis Ende des Jahres 1928 an Bahnhöfen oder in Kaufhäusern im ganzen Land insgesamt 220 Fotoautomaten aufzustellen.

Die Kaufhausbetreiber waren es, die den Photomaton schließlich zu dem machten, was wir bis heute unter einem Fotoautomaten verstehen: Da das Blitzlicht des Geräts extrem hell war, fürchteten sie, dass sich ihre Kunden durch den Betrieb gestört fühlen könnten und verpassten der Kabine kurzerhand einen Sichtschutz: den Vorhang, hinter dem der öffentliche Automat zur privaten Showbühne wurde. Sie schufen so einen Raum, in dem der Kunde von der Außenwelt ungestört war und steigerten damit den Erfolg der Maschine, die in den folgenden Jahren ihren weltweiten Siegeszug antrat.

Der junge Millionär Josepho wurde US-amerikanischer Staatsbürger und gab das Glück seines Lebens weiter: Er gründete mit der Hälfte seines Geldes eine Stiftung für mittellose Erfinder.

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1.
Bernd Irmler, 29.08.2011
Die "Passbildautomaten" haben dafür gesorgt, dass Berufsfotografen nicht mehr genügend Umsatz machen konnten. Von "Portraits" oder gar von "künstlerischen" Fotos kann man bei diesen Automatenbildern wirklich nicht sprechen. Die abgebildeten Personen sehen aus wie im Verbrecheralbum. Früher hat der Fotograf die Menschen individuell beleuchtet und die "Schokoladenseite" fotografiert. Jeder Mensch hat die nämlich, was ein Automat aber nicht sieht. Ich habe das Fotografenhandwerk gelernt und ich weiß, das sich viele Leute über die schönen Passbilder gefreut haben. Im Ausweis waren die dann eine wirkliche Visitenkarte und zeigten die abgebildete Person von seiner besten Seite. Mit den neuesten Vorschriften der "biometrischen" Bilder gibt es keine schönen Passbilder mehr. Die Menschen sehen darauf alle aus wie aus dem Verbrecheralbum. Sehr schade. Und einen Fotografen, der das Handwerk gelernt hat, braucht man dazu nicht mehr. Der Photomaton-Erfinder hat auf der ganzen Linie gesiegt. Aber für welchen Preis. Aus Kunst wurde miserable Geschäftemacherei.
2.
Siegfried Wittenburg, 29.08.2011
"Aus Kunst wurde miserable Geschäftemacherei." Ich denke, das betrifft auch alle anderen Kunstgattungen. So wie man trotz aller Automatisierung gute Musik machen kann, sind auch gute Fotografien möglich. Und es gibt ganz sicher noch Menschen, die diese schätzen. Man muss sie nur finden.
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