Fotofund Das Rätsel des fliegenden Auges

Fotofund: Das Rätsel des fliegenden Auges Fotos
Hamburger Institut für Sozialforschung

MG-Schütze im Flugzeug, Kolonnen von Kriegsgefangenen am Boden: An der Ostfront machte ein unbekannter Luftwaffensoldat sensationelle Fotos, die nun im Internet aufgetaucht sind. einestages zeigt die gestochen scharfen Bilder - und ruft auf zur Suche nach dem anonymen Fotografen. Von

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Im Tiefflug braust das Flugzeug mit dem Hakenkreuz an den Heckflossen über eine Menschenmenge. Auf einem nackten Feld hinter Stacheldraht zusammengedrängt, harren unten am Boden Hunderte, vielleicht mehr als tausend kleine Gestalten aus. An Bord der Maschine langt ein Besatzungsmitglied zu seiner Leica und fotografiert aus dem Cockpit die zusammengepferchten Männer inmitten des großen, weiten Nichts: gefangene Rotarmisten vor dem Abtransport in deutsche Kriegsgefangenschaft.

So oder so ähnlich dürfte eines von rund 30, teils spektakulären Fotos entstanden sein, die ein unbekannter deutscher Luftwaffenangehöriger im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront machte und die erst kürzlich aufgetaucht sind. Gestochen scharf und mit ungewöhnlich professionellem Blick eingefangen, zeigen die Aufnahmen, was der Fotograf, offenkundig Besatzungsmitglied eines deutschen Aufklärungsflugzeugs vom Typ Focke Wulf Fw 189, um sich herum sah - am Boden, aber eben auch aus der Luft: eroberte sowjetische Flugplätze, zerstörte Kirchen, Kolonnen gefangener Russen. Und immer wieder seine Kameraden mit ihren Flugzeugen.

Aufgetaucht sind die Fotos im Januar 2009 in einem obskuren Internetforum namens militaryphotos.net, dessen Betreiber sich nicht zu erkennen geben. Dort wurden die Bilder von einem anonymen Nutzer mit dem Pseudonym "Bachelor" eingestellt. "Bachelor" ist inzwischen wegen Regelverstößen von den Moderatoren des Forums gesperrt worden und kann zu der Herkunft der sensationellen Fotoserie nicht befragt werden. Wurde die Maschine abgeschossen oder die Besatzung gefangengenommen und fielen die Kontaktabzüge so sowjetischen Soldaten in die Hände? Hat der heutige Besitzer die Bilder vielleicht auf einem Flohmarkt irgendwo in Russland gefunden? Oder überlebte der Fotograf den Krieg und er oder seine Nachkommen haben die Bilder selber verbreitet?

Kaum Spuren

All das ist Spekulation. Weder auf die Identität des Einstellers noch auf die des Fotografen gibt es konkrete Hinweise. Klar erkennbar ist auf den Aufnahmen immerhin das Flugzeug, zu dessen Besatzung der Fotograf offensichtlich gehörte: Eine Focke Wulf Fw 189 "Uhu", ein zweimotoriger Aufklärer mit drei Mann Besatzung. Die "Uhu" war der Standardaufklärer der Luftwaffe vor allem an der Ostfront, 846 Exemplare wurden bis 1945 gebaut. Wegen des charakteristischen Doppelrumpfs mit der rundumverglasten Kabinengondel zwischen den Motoren nannten die Russen die Maschine "Rama", Rahmen.

Viel mehr geben die Kontaktabzüge, auf denen am Rand noch die Lochstreifen der Filmrolle und die Worte "Agfa Isopan F" zu erkennnen sind, auf den ersten Blick nicht preis. Nicht einmal eine Flugzeugkennung ist zu sehen, die Hinweise auf die Einheit geben könnte. Lediglich auf einem der Fotos ist an einer Motorgondel ein Wappen zu erkennen, aber nur so klein, dass es sich nicht identifizieren lässt.

Die einzige weitere Spur sind Schnappschüsse einer russischen Stadt, aufgenommen aus der gläsernen Kanzel der "Uhu". Sie zeigen einen charakteristischen, tropfenförmigen Platz mit gepflegten Grünanlagen, umgeben von ungewöhnlichen Hochhäusern im Stalin-Stil der dreißiger Jahre. Mit aktuellen Luftaufnahmen entschlüsselten Forumsmitglieder, was der unbekannte Fotograf in der ersten Hälfte der vierziger Jahre aus dem Flugzeug auf Film bannte: den Freiheitsplatz in der ukrainischen Metropole Charkow.

Fotograf im "fliegenden Auge"

Die viertgrößte Stadt der Sowjetunion war im Oktober 1941 in deutsche Hände gefallen. Eine Großoffensive der Roten Armee, mit der die strategisch wichtige Stadt zurückerobert werden sollte, scheiterte im Mai 1942 - für Stalins Truppen eine der fürchterlichsten Niederlagen des Krieges, rund 240.000 Rotarmisten gerieten in einen Kessel und in deutsche Gefangenschaft. Insgesamt wurden vier große Schlachten um Charkow geschlagen, mehrfach wechselte die Kontrolle über die Millionenstadt, bevor die Sowjets sie im August 1943 endgültig befreien konnten.

Am südlichen Abschnitt der Ostfront hatte die deutschen Invasoren zahlreiche sogenannte Nahaufklärergruppen (NAG) stationiert. Das waren Einheiten, die formal zur Luftwaffe gehörten, aber Gefechtsfeldaufklärung für die Wehrmachtsverbände am Boden flogen und diesen deshalb taktisch unterstellt waren. Die Stärke der sogenannten "H"-Staffeln betrug etwa 360 Mann an fliegendem und Bodenpersonal, darunter rund 20 Offiziere.

Die Frage lautet also: Welche dieser Einheiten flog das "fliegende Auge" (Wehrmachtsjargon) vom Typ Focke Wulf 189 und nicht den ebenfalls verbreiteten Hochdecker Henschel Hs 126 oder andere Maschinen? Und welche dieser Aufklärer waren zwischen Oktober 1941 und August 1943, als Charkow in deutscher Hand war, in der Umgebung stationiert? Die Fotos entstanden offenkundig in der warmen Jahreszeit, die jungen Männer auf den Aufnahmen sind schon mal mit freiem Oberkörper zu sehen, die Vegetation deutet auf Frühjahr oder Frühsommer. Vermutlich knipste der Fotograf also im Sommer 1942 oder 1943.

Mit Paulus nach Stalingrad?

Aus erhaltenen Unterlagen der Luftwaffe lässt sich schließen, zu welchen Einheiten das Flugzeug des unbekannten Fotografen gehört haben könnte. Möglich wäre, dass er zur 4. Staffel der Nahaufklärergruppe 10, genannt "Tannenberg", gehörte. Deren acht Focke-Wulf-Maschinen flogen im Mai und Juni 1942 Einsätze von Charkow aus. Weitere acht "Uhus" waren im Juni 1942 mit der der 1. Staffel des NAG 10 in Kupjansk, gut 100 Kilometer östlich von Charkow, stationiert. Die Schlacht um Charkow war da soeben mit der Einkesselung der zur Befreiung der Stadt angetretenen sowjetischen Truppen durch die Wehrmacht zu Ende gegangen.

Möglich, dass eine Crew dieser Staffeln es sich nicht nehmen ließ, Charkow zu überfliegen und ein paar Erinnerungsfotos zu machen. Auch die Aufnahmen von gefangenen Rotarmisten am Boden passen. Sie sprechen auch dagegen, dass die Fotos erst im Sommer 1943 entstanden - da war die Wehrmacht schon auf dem Rückzug; die 1942 in Charkow stationierte 6. Armee von General Friedrich Paulus war inzwischen in Stalingrad untergegangen.

Näher an den fliegenden Fotografen führt die Recherche nicht heran, doch eine Hoffnung bleibt: In gestochen scharfen Aufnahmen portätierte der talentierte Amateurfotograf immer wieder auch seine Kameraden - den hochgewachsenen, schon etwas älter wirkenden Piloten mit den Lachfalten und den schlechten Zähnen, den jungenhaften Bordbeobachter mit den freundlichen Augen, den Mechaniker mit gewelltem Haar und Segelohren. Unwillkürlich fragt sich der Betrachter, was aus diesen jungen Männern wurde. Folgten sie der todgeweihten 6. Armee weiter nach Stalingrad? Kehrten sie zurück? Lebt einer von ihnen noch und kann erzählen, wie diese Bilder entstanden? Gibt es noch Angehörige, die einen der Soldaten wiedererkennen?

Ein kleines Wunder

Es wäre ein kleines Wunder, aber es gibt sie. Wie im Fall der Focke Wulf 189 mit dem Rufzeichen V71H, die am 4. Mai 1943 um 3.37 Uhr an der Bahnstrecke Murmansk-Leningrad (heute St. Petersburg) von sowjetischen Jägern abgeschossen wurde und in einen Wald stürzte. 1990 wurde das Flugzeugwrack entdeckt, von britischen Luftfahrtenthusiasten gekauft und mit irrwitzigem Aufwand restauriert. Heute ist die Maschine mit der Werksnummer 2100 die einzige noch bekannte "Uhu" der Welt.

Und die Recherchen der Luftfahrtfans endeten mit einer weiteren Sensation. In Deutschland stießen die Briten auf den Piloten der Maschine, Lothar Mothes, damals Unteroffizier. Der einzige Überlebende des Crashs hatte sich bei arktischen Temperaturen zwei Wochen lang durch die Wildnis zurück zu den eigenen Linien durchgeschlagen und den Krieg überlebt.

53 Jahre später stand er 1996 auf dem Flugplatz Biggin Hill bei London wieder vor seiner flugbereiten "Uhu".

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1.
harald zeilinger 04.02.2010
auf alle Fälle wurden die Aufnahmen mit einer Leica gemacht: Erkennbar daran, dass die unteren Perforationslöcher in das Bildfenster hineinragten.
2.
Christoph Hübener 04.02.2010
Auf Bild Nr.21 (Überflug über den Flugplatz) lassen sich einige Maschinen doch identifizieren. Die drei auf der rechten Seite abgestellten Flugzeuge sind sehr wahrscheinlich N.A. B-25, die die russischen Streitkräfte im Rahmen der Lend-Lease-Vereinbarung mit der USA ab Oktober 1941 erhielten: erkennbar an Flügelform, Doppelleitwerk und am Bugfahrwerk. In der Bildmitte ist wahrscheinlich eine JU-52 zu sehen, die Form des Seitenleitwerks verweist darauf. Bei der rechts davon abgestellten Maschine handelt es sich augenscheinlich um eine He-111, zu erkennen an der typischen sichelförmigen Leitwerksform
3.
Oliver Kröll 04.02.2010
Hallo Herr Hübner, das wollte ich auch gerade posten. Sehr gutes Auge!... :-) Ich werde am Wochenende mal die Aufzeichnungen, bzw. Flugbücher meines Großvaters, welcher Jagdflieger im zweiten Weltkrieg war, durchforsten. Ich weiß, dass sein Geschwader (JG52) in mehrere heftige Luftkämpfe über Charkow verwickelt war. Vielleicht finden sich dort noch ein paar Anmerkungen, die dienlich sein könnten.
4.
Gerhard Dörries 04.02.2010
Bei diesen Bildern handelt es sich nicht um Kontaktabzüge sondern um Scans von den Original-Negativen (die obendrein ausgesprochen gut erhalten sind). Ich habe selbst tausende Kontaktabzüge und meistens die dazugehörigen Negative aus dem 2. Weltkrieg und schreibe aus eigener «Scan-Erfahrung». Seit Jahren bin ich mit der Zuordnung der völlig durcheinander geratenen Negativstreifen und dem Scannen beschäftigt, werde bald auf einestages Fotos der Zeit veröffentlichen (Westfeldzug und etwas Ostfront), die Fotografen sind mir bei etwa 2.500 Bildern bekannt und ich besitze das Copyright oder das ererbte Urheberrecht.
5.
Mark Wiens 04.02.2010
Unter der Webadresse http://englishrussia.com/?p=2952#more-2952 finden sich ebenfalls diese Bilder, sogar weitere Bilder des gleichen Typs. Sucht man per Wikipedia nach der FW 189 stößt man als weiterführenden Link auf eben diese Seite.
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