Fotofund Wie die Nazis Ruinen als Propaganda einsetzten

Fotofund: Wie die Nazis Ruinen als Propaganda einsetzten Fotos
Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Phototek

Vor zehn Jahren entdeckte Ralf Peters in einem Schrank in München einen Pappkarton: Hunderte Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg, unbeschriftet, undatiert. Wer hatte sie gemacht, welche Orte zeigten die Trümmerbilder? Der Wissenschaftler forschte nach - und entdeckte ein dunkles Geheimnis. Von

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Das Rätsel begann vor zehn Jahren, als Ralf Peters im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte in einem Schrank einen alten Pappkarton mit Fotos fand, den seine Kollegen über Jahrzehnte übersehen hatten. Peters, promovierter Kunsthistoriker, hatte gerade erst seine neue Stelle in der Photothek des Zentralinstituts (ZI) angetreten und sich einen Überblick verschaffen wollen. Jetzt hatte er etwas entdeckt, das ihn und seine Kollegen noch jahrelang beschäftigen sollte.

In dem Karton befanden sich insgesamt 600 Fotos, Schwarzweißaufnahmen, undatiert, unsortiert und nicht inventarisiert. "Niemand wusste, was sie in diesem Schrank zu suchen hatten", erinnert sich Peters. "Sie waren in keinem guten Zustand." Die Bilder zeigten ausgebrannte Wohnquartiere, zerstörte Baudenkmäler und Paläste, Menschen zwischen Trümmerhaufen. Offensichtlich waren sie im Zweiten Weltkrieg in Italien entstanden. Doch wer hatte sie gemacht, zu welchem Zweck? Und: Wie kamen die Fotos überhaupt in das Münchner Institut, das erst nach dem Krieg gegründet worden war?

Peters forschte nach. In dem riesigen Archiv der Photothek des ZI, in dem 650.000 Aufnahmen lagern, stieß er auf weitere Ruinenfotos aus Italien, mit ähnlicher Bildsprache. Diese etwa tausend Aufnahmen waren hingegen inventarisiert. Er bekam Hinweise von Kollegen aus Florenz. Erst jetzt, fast vier Jahre nach dem Fotofund im Schrank, begann sich das Geheimnis ein wenig zu lüften.

Kunstschutz im "totalen Krieg"

Die Spur führte zu Ludwig Heydenreich, der 1947 Gründungsdirektor des Münchner ZI geworden war, ein renommierter Kunsthistoriker. Peters und seine Kollegen fahndeten nun weiter - und wurden erneut in ihrem Institut fündig. Im Keller entdeckten sie einen alten Panzerschrank. Der Schlüssel war verloren, der Schrank musste aufgebrochen werden, drinnen lagerten alte Akten von Heydenreich: Neue Details im Puzzle um die rätselhaften Fotos. Sie werfen nicht nur ein Schlaglicht auf ein kaum erforschtes Kapitel des Zweiten Weltkrieges - sondern auch auf die Rolle des renommierten Kunsthistorikers Heydenreich, der ab September 1943 in Italien arbeitete.

Seine Geschichte ist nicht zu verstehen ohne einen militärischen Triumph der Westmächte wenige Monate zuvor: Im Juli 1943 landeten alliierte Einheiten auf Sizilien und drängten die italienischen Truppen so weit zurück, dass Mussolini schließlich gestürzt wurde. Die neue Regierung wechselte die Fronten und erklärte nun dem NS-Staat den Krieg. Hitler konterte mit der Besetzung Norditaliens. Deutsche Fallschirmspringer befreiten Mussolini und setzten ihn an die Spitze eines neuen faschistischen Marionettenstaates, der Sozialrepublik Italien. Es war der Auftakt zum italienischen Bruderkrieg.

Mit dem Einmarsch in Norditalien begann ein Kapitel deutscher Kulturpolitik, die fast surreal anmutet - zumindest, wenn man sie in Verhältnis setzt zu der Vernichtungspolitik des NS-Staates, den Kriegsverbrechen der Wehrmacht und den maßlosen Raubzügen und Plünderungen in ganz Europa. Mitten im Krieg wurden deutsche Kunsthistoriker nach Italien geschickt, um einen Artikel der Den Haager Landkriegsordnung aus dem Jahr 1899 zu erfüllen: Demnach muss die Besatzungsmacht dafür Sorge tragen, dass die Kulturgüter des eroberten Staates ausreichend geschützt werden.

Deutschland, längst im "totalen Krieg" und nicht gerade zimperlich beim Brechen des Völkerrechts, versuchte nun, diesen Paragrafen umzusetzen und richtete 1943 in Italien offiziell eine "Abteilung Kunstschutz" ein. Finanziert aus dem Etat der Militärverwaltung, wurden etwa ein Dutzend namhafter Kunsthistoriker engagiert, darunter auch Ludwig Heydenreich.

Schleichende Entfremdung vom Auftrag

Die Experten erstellten Listen schützenswerter Paläste, Theater und Kathedralen und berieten die italienischen Behörden bei Sicherungsmaßnahmen teilzerstörter Bauten. In Absprache mit den militärischen Befehlshabern erwirkten sie zudem "Belegungsverbote", so dass bestimmte historische Bauwerke nicht von den Truppen benutzt werden durften. Grandiose Fresken, Stuckdecken oder Säulen wurden abgedeckt, ganze Fassaden, Portale und Eingänge zum Schutz eingemauert. Kostbare Gemälde und Skulpturen ließen die Kunstschützer in Depots und Bergwerken lagern.

Zwar gab es den Kunstschutz auch in anderen Ländern wie Belgien, Griechenland und Frankreich. Doch in Italien nahm er einen völlig anderen Verlauf, weil das Land erst mitten im Krieg besetzt wurde - und sich die Frontlinien schnell verschoben. "Es gibt einen frappierenden Unterschied zwischen dem Kunstschutz in Italien und in Frankreich", erklärt Experte Peters. "In Frankreich wurden die intakten Gebäude dokumentiert, in Italien die zerstörten." Fotos, wie sie in seinem Institut auftauchten. Er fand das ziemlich merkwürdig. "Was haben Ruinenfotos noch mit Kunstschutz zu tun?"

Die Bilder sind Zeugen einer schleichenden Entwicklung, bei der sich die deutschen Kunsthistoriker langsam von ihrer eigentlichen Aufgabe entfernten - und sich schließlich willfährig für die deutsche Propaganda einspannen ließen. Frustriert hatten sie festgestellt, dass ihre Arbeit oft völlig wirkungslos blieb. Bomben zerstörten mondäne Bauten wie den Palazzo delle Corporazioni in Turin oder das Teatro alla Scala in Mailand. Zudem wurden die Deutschen in der Schlacht um Italien immer weiter in den Norden zurückgedrängt. Auch die "Abteilung Kunstschutz" musste dementsprechend von Rom nach Florenz, Mailand und schließlich nach Bergamo umziehen.

Brutale Bildsprache

Deutsche Militärs, die Propagandaabteilung Italien und das Auswärtige Amt erkannten nun die Möglichkeit, die ausgebrannten Denkmäler ideologisch auszuschlachten - und die Alliierten als kulturlose Barbaren darzustellen. Die Amerikaner gingen auf der anderen Seite ähnlich vor: In den Gebieten, die sie in Italien kontrollierten, stellten sie vor den Ruinen einstiger Prachtbauten Schilder mit der Aufschrift auf: "Zerstört von den Deutschen".

Die Deutschen wollten dem nicht nachstehen. Im Frühjahr 1944 ernannten sie einen SS-Mann zum neuen Chef des Kunstschutzes. "Jetzt kippte die Situation, und der Kunstschutz bekam einen völlig anderen Charakter", erklärt Peters. Bis dahin hätten die deutschen Wissenschaftler, "die Grundidee des Kunstschutzes sehr ernst genommen". Doch nun befeuerten sie die NS-Propagandamaschinerie. Sie lieferten aufwühlende Bilder verwüsteter Paläste und Kirchen, die mit markigen Pressetexten versehen wurden oder in italienischen Propagandaheften abgedruckt wurden.

Die Bildsprache war eindeutig: Kopflose Skulpturen, zersplitterte Torsi, zerbrochene Körperteile aus Marmor. Einst filigran gemeißelt, jetzt brutal zerrissen vom Krieg. "Die Trümmer wurden bewusst emotionalisierend fotografiert", bestätigt Peters, "sie wurden so inszeniert, als ob sie menschliche Opfer repräsentierten."

Zudem bedienten sich die vom Kunstschutz beauftragten Fotografen, meist Italiener oder Fotografen sogenannter Propagandakompanien, eines einfachen dramaturgischen Kniffs: Sie wählten den Bildausschnitt so, dass intakte Gebäudeteile ausgeblendet wurden, sie bevorzugten die Nahaufnahme vor dem Weitwinkel, oft sind nur noch reine Trümmerwüsten zu erkennen. Mit dem nüchternen Blick eines Kunsthistorikers hatte dies nichts mehr zu tun. Beliebt waren für die Propagandabroschüren Bildpaare, die großartige Paläste, Innenhöfe oder Prunksäle vor und dann nach der Zerstörung zeigten.

Kampf um Bilder

Auch Ludwig Heydenreich beteiligte sich mit großem Eifer an diesem Kampf um die öffentliche Meinung in Italien. Er rekrutierte Hunderte Ruinenfotos, verfasste Beiträge für die Broschüre "Guerra contro l'arte" ("Krieg gegen die Kunst"), sprach vom "feindlichen Terrorangriff" und hörte den ausländischen Rundfunk ab - immer auf der Suche nach einem geeigneten Ansatzpunkt für die deutsche Gegenpropaganda.

Da Heydenreich nicht nur in wichtiger Position für den Kunstschutz arbeitete, sondern zeitgleich Direktor des Kunsthistorischen Instituts in Florenz war und außerdem im "Fotoarchiv der zerstörten Kunstwerke Italiens" in Mailand arbeitete, ist heute schwer nachzuvollziehen, in welcher Funktion er was tat - und wer ihn im Einzelfall bezahlte oder beauftragte. Nur eines ist klar: Als er von den Amerikanern nach dem Krieg zum Leiter des Zentralinstituts für Kunstgeschichte berufen wurde, kamen seine Akten und 1600 Fotos mit nach München - und ein Teil der Dokumente verschwand in Schränken.

Ralf Peters, der sie vor zehn Jahren fand, hat heute ein zwiespältiges Gefühl. "Ich kann vieles verstehen, was Heydenreich gemacht hat, speziell seinen sehr ernsthaften Einsatz für den Schutz historischer Bauten", sagt er. "Aber er hat eben auch eindeutig Propaganda betrieben."

Der Bilderkampf um die Ruinen ging indes auch nach dem Krieg weiter. Jetzt begannen die Amerikaner mit der Dokumentation der Schäden und fotografierten mitunter dieselben zerstörten italienischen Prachtbauten - allerdings aus einer ganz anderen Perspektive als zuvor die deutschen Kunstschützer: Sie wählten einen größeren Blickwinkel, der auch Unzerstörtes erfasste.

Die scheinbar distanzierte, nüchterne Fotografie erfolgte wohl nicht ganz ohne Hintergedanken: Die Amerikaner hatten kein Interesse an emotionalen Aufnahmen von Palästen und Kathedralen, die ihre Flieger zerbombt hatten.

Im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte ist noch bis zum 25. Juni eine Fotoausstellung zum deutschen Kunstschutz in Italien zu sehen. Infos gibt es hier.

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1.
Michael Schnickers 01.06.2010
Ja und? Was soll daran verwerflich sein, wenn ein Kunsthistoriker wütend ist über die massenhaften Zerstörungen von wertvollen Gebäuden? Dass er sich auch über seinen "nüchternen wissenschaftlichen Blick" hinaus engagiert, auch einspannen lässt von einer Propaganda? Man kann höchstens froh sein, wenn es nicht die Briten sind, die bomben, denn die können historische Innenstädte nicht leiden... ^^ Aber im Ernst, von wenigen vermeidbaren Ausnahmen mal abgesehen (Monte Cassino bspw.) sind Kulturgüter "Kollateralschäden" in einem Krieg. Gerade die Nazis dagegen kannten sich ja auch gut aus mit absichtlichen Zerstörungen, um zum Genozid auch noch den "Kulturozid" zu addieren- wie man an der absichtlichen Ausradierung von Warschau sieht. Und Italien ist nun mal das Land mit der weltweit höchsten Dichte von historisch bedeutsamen Bauten und Kunstwerken. Wenn sie aktuelle Verwüstungen sehen wollen, nach dem Irak ist auch Afghanistan zu weiten Teilen umgepflügt worden, weniger durch Kriegszerstörungen als durch Raubgräber, die ganze antike Städte in Kraterlandschaften verwandelt haben, die aussehen, als wären sie als Testabwurfgebiet für Streubomben missbraucht worden.
2.
Michael Schnickers 01.06.2010
Achja, nochwas, nachdem ich nun bei den Bildern nochmal den Begriff "mondän" gelesen habe, der mir schon im Text übelst aufgestoßen war, streichen sie doch bitte diese Bezeichnung, die verbindet man doch eher mit aufgeputzten Damen, die den neuesten Chíchi tragen...
3.
Eugen von Arb 02.06.2010
Ruinen sind tatsächlich eines der schrecklichsten Symbole für Krieg und Verwüstung. Sie zeigen dem Menschen direkt die Zerstörung dessen, was er mühsam und mit eigenen Händen aufgebaut hat. Zu spassen gibt es hier wohl nicht viel - die Bilder von Guernica, Rotterdam oder Warschau gleichen sich mit jenen aus Dresden oder Hamburg aufs Haar. Bei dem Artikel wurde ein wichtiges Thema ausgespart - die Rettung der Kunstschätze des süditalienischen Klosters Monte Cassino. Dank der Zivilcourage eines Offiziers wurden sie evakuiert bevor die Hölle losbrach. Später wurde auch diese Aktion propagandistisch ausgeschlachtet - Bilder dazu sind hier zu sehen: http://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=Special%3ASearch&redirs=1&search=kunstsch%C3%A4tzen+1943&fulltext=Search&ns0=1&ns6=1&ns12=1&ns14=1&ns100=1
4.
Florian Geier 02.06.2010
"Bis zum Kriegende fanden zwischen den Alliierten im Süden Italiens und dem von der Wehrmacht besetzten Norditalien heftige Kämpfe statt" - das ist schon eine seltsame Formulierung. Warum schreiben Sie nicht einfach, daß sich die Kämpfe in den letzten beiden Kriegsjahren von der Südspitze Italiens bis in den Norden verlagerten? Außerdem gibt es wohl noch einen kleinen Unterschied zwischen "Fallschirmspringern" und Fallschirmjägern.
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