Fotofund aus dem Zweiten Weltkrieg Das Geheimnis des fliegenden Auges

Fotofund aus dem Zweiten Weltkrieg: Das Geheimnis des fliegenden Auges Fotos
Das Bundesarchiv/Johannes Hähle

Wer war der Unbekannte, der 1942 an der Ostfront einzigartige Fotos machte? Zahllose Leser halfen mit, als einestages Anfang Februar zur Suche aufrief, bald war die Einheit und sogar das Flugzeug des Anonymus identifiziert. Nun ist auch seine Identität gelüftet - und sein schreckliches Geheimnis. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 14 Kommentare
  • Zur Startseite
    4.6 (304 Bewertungen)

Die gestochen scharfen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen lachende Luftwaffensoldaten, die mit ihrem Flugzeug auf einem Feldflugplatz irgendwo im Osten posieren. Dazu Innenaufnahmen aus der fliegenden Maschine: der Bordschütze an seinem MG im gläsernen Heck, der Beobachter auf seinem erhöhten Platz hinter dem Piloten. Schließlich eine Kolonne Pferdewagen am Boden, aus der Heckgondel fotografiert - scharf zeichnet sich der Schatten des Flugzeugs gegen den Boden ab, als es im Tiefflug über die Karawane donnert.

Aber wer machte die faszinierenden Aufnahmen? Anfang Februar berichtete einestages über die unbekannte Bilderserie, die von einem Anonymus in ein Internetforum eingestellt worden war, und fragte nach Hinweisen auf den unbekannten Fotografen. Binnen kürzester Zeit begann eine kollektive Detektivarbeit, Aberdutzende von Hinweisen gingen ein - eine historische Schnitzeljagd, die schließlich vom Erfolg gekrönt wurde: Das "Rätsel des fliegenden Auges", so die Überschrift des ersten einestages-Artikels, ist gelüftet.

Dabei waren die Indizien dürftig. Fest stand nur: Bei der Maschine, die im Mittelpunkt der Fotoserie steht, handelt es sich um einen Aufklärer vom Typ Focke Wulf Fw 189. Auf einigen der Luftaufnahmen ist die ukrainische Metropole Charkow zu erkennen. Und aus Bekleidung, Vegetation und Frontverlauf ließ sich schließen, dass die Aufnahmen vermutlich im Frühjahr/Sommer 1942 entstanden waren.

Kennzeichen T1GM

Die Luftwaffeneinheit, zu der das Flugzeug des unbekannten Fotografen gehörte, war dennoch bald ausfindig gemacht: Anhand alter Einsatz- und Bestandslisten der Luftwaffe lässt sich nachvollziehen, welches Aufklärungsgeschwader ab wann mit Focke Wulfs flog - und an welchen Frontabschnitten sie zu welcher Zeit eingesetzt wurden. Die Schnittmenge dieser Informationen ließ nur einen Schluss zu: die Maschine gehörte zu einer Staffel der Nahaufklärungsgruppe 10 "Tannenberg".

Auch die Maschine selbst wurde durch Leserhinweise eindeutig identifiziert. Denn auf einem weiteren, an anderer Stelle im Internet eingestellten Bild ließ sich am Rumpf das Kennzeichen klar erkennen. Dessen Zeichenfolge "T1GM" wussten gleich mehrere Leser zu entschlüsseln: "T1" war das Kürzel der Aufklärungsgruppe 10. Das "G", als siebter Buchstabe des Alphabets, bezeichnet Maschine Nr. 7. Und "M" steht für die 4. Staffel, 2. Gruppe eines Geschwaders.

Dennoch blieb die Identität des Fotografen weiter ein Geheimnis. Recherchen bei der Deutschen Dienststelle in Berlin, die die erhaltenen Personalakten aller ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht bewahrt, blieben zunächst ohne Ergebnis. Denn: "Von einem bestimmten Flugzeugkennzeichen auf die Besatzung zurückzuschließen ist nicht möglich", erklärt Wolfgang Remmers, Sprecher der Behörde.

Der Unbekannte mit der Aktentasche

Blieben als Spuren also nur die Bilder selbst. Aber die Männer an Bord der Focke Wulf fotografierten sich zum Teil gegenseitig - der Bordbeobachter den Heckschützen, der Heckschütze den Bordbeobachter, irgendjemand einen weiteren Mitflieger in Heeresuniform. Der knipst auf einer der Aufnahmen durch die Scheibe nach draußen - es waren also mindestens zwei Fotoapparate an Bord. Gab es zwei Fotografen? Oder einen mit zwei Kameras?

Eine Reihe der Aufnahmen wurden vom Platz des Bordbeobachters gemacht, der in mehreren Bildern jungenhaft ins Bild schaut - war er der unbekannte Fotograf? Gut möglich, denn das private Fotografieren war bei den Wehrmachtsoldaten überaus beliebt. Die NS-Propaganda förderte die Amateurfotografie unter Soldaten nach Kräften. Und dass gerade in einer Aufklärungseinheit ambitionierte Amateurfotografen dienten, wäre kaum verwunderlich.

Aber wer war der unbekannte Heeressoldat an Bord, der zwar einen Fallschirm umgeschnallt hat, aber kein Fliegerdress trägt und offenbar nicht zur Mannschaft gehört? Ein Kurier? Oder, wie manche Leser früh mutmaßten, der Bildberichter einer Propagandakompanie (PK)? Auf vier Fotos der Serie taucht der Mann auf: kurz vor dem Besteigen der Maschine mit einer Aktentasche in der Hand, dann zweimal an Bord, schließlich wie er, vermutlich nach der Landung, den Oberkörper aus der Einstiegsluke der Focke Wulf stemmt und gelöst in die Kamera lächelt.

"Die kenn ich!"

Die Lösung des Rätsels brachte schließlich ein Zufall. "Die kenne ich!", durchfuhr es Reinhart Schwarz, als er die Bilderserie sah. Schwarz leitet das Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS), jener vom Philantrophen Jan-Philipp Reemtsma gegründeten Forschungsstelle, die Mitte der neunziger Jahre mit der sogenannten Wehrmachtsausstellung Furore machte. Und tatsächlich: Im Fundus des Instituts am Hamburger Mittelweg befinden sich die Originalfilme, deren Inhalt nun, für Schwarz völlig unverhofft, im Netz auftauchte. Und der Archivar kennt auch den Namen des unbekannten Fotografen: Johannes Hähle.

Über Hähle gibt es eine Menge zu erzählen. Am 15. Februar 1906 wird er im sächsischen Chemnitz geboren, wird Kaufmann und offenbar auch gelernter Fotograf. 1932 tritt er der NSDAP bei. Nach Kriegsbeginn wird Hähle im Januar 1940 zum Baubataillon 146 eingezogen, vermutlich direkt aus dem "Reichsarbeitsdienst". Seine Einheit ist im Westen eingesetzt. Dann kommt er zum 1. Juli 1941 an die Ostfront, zur Propagandakompanie (PK) 637. Hähle begleitet den Vormarsch der 6. Armee als "Bildberichter" mit der Kamera.

Die 6. Armee besetzt im Oktober 1941 Charkow und verteidigt es im Mai 1942 gegen einen großangelegten sowjetischen Gegenangriff, der für die Rote Armee in einer Katastrophe endet. Dies ist die Zeit, in der die Fotos in und um die Focke Wulf mit dem Kennzeichen T1GM entstanden sein müssen. Kurz darauf scheint Hähle schwer verwundet worden zu sein, so legen es die Unterlagen in der Deutschen Dienststelle nahe. Eine Aktennotiz vom 1. Juli 1942 meldet einen "Lazarettaufenthalt", der offenbar über zwei Monate währt: Erst am 10. September wird der Genesene der Propaganda-Ersatz-Abteilung in Potsdam zugewiesen.

Tod ohne Grab

So bleibt Hähle immerhin der Marsch mit der 6. Armee nach Stalingrad erspart. Nach Recherchen des Bundesarchivs in Koblenz, das gerade ein Forschungsprojekt zu den PK-Bildberichtern begonnen hat, wird er im Winter 1942/43 zu Rommels Afrikakorps nach Tunesien versetzt. Doch schon nach wenigen Monaten kehrt der 37-Jährige nach Europa zurück. Er dient nun in Belgien und Nordfrankreich, unter anderem bei der PK 698. Noch kurz vor der alliierten Invasion am 6. Juni 1944 macht Hähle heroisch inszenierte Aufnahmen von den Befestigungen des "Westwalls". Fotos aus dieser Zeit lagern heute im Bundesarchiv.

Am 10. Juni, vier Tage nach D-Day, fällt Johannes Hähle bei den Invasionskämpfen in der Normandie in dem Flecken La Bijude am Nordrand von Caen. Postum wird er vom Feldwebel zum Leutnant befördert. Die genauen Umstände seines Todes, seine Grabstelle, ob er Nachfahren hat - all das liegt im Dunkel der Geschichte, vorerst jedenfalls.

Dabei ist Johannes Karl Hähle durchaus nicht irgendjemand. Er ist der Fotograf, der eine der vielleicht wichtigsten Bilderserien des Zweiten Weltkriegs aufnahm. Am 29. und 30. September 1941 ermordeten SS-Männer des Sonderkommandos 4a, unterstützt von der Wehrmacht, in der Schlucht von Babij Jar am Stadtrand von Kiew 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder - eines der größten Massaker des Holocaust. Und es war der PK-"Bildberichter" Johannes Hähle, der die Spuren dieses unbeschreiblichen Verbrechens festhielt - in Farbe, auf Agfacolor, in insgesamt 29 Bildern.

Zeuge Wider Willen?

Hähle fotografierte nicht den Massenmord selbst. Er war vermutlich erst am 1. Oktober in Babij Jar. Doch seine Bilder zeigen die Spuren des Dramas: deutsche Uniformierte, die in riesigen Kleiderbergen wühlen - die Opfer mussten sich vor ihrem letzten Gang nackt ausziehen. Auf anderen sind Habseligkeiten in Nahaufnahme zu sehen, Schuhe, Wäsche, Fotos - zum Teil hat Hähle sie umarrangiert, um emotionalere Motive zu bekommen. Wieder andere Hähle-Fotos zeigen SS-Wachen hoch über der Schlucht, in der Arbeiter Bäumchen in die rasch über die Abertausenden Toten geworfene Erde pflanzen - ein Versuch, das Menschheitsverbrechen zu vertuschen.

Wie empfand Hähle, was er sah? Und weshalb war er überhaupt dort? Hatte er den Auftrag, in Babij Jar zu fotografieren? Zog es ihn aus eigenem Antrieb zur Todesschlucht? Oder geriet er mehr oder minder zufällig bei einem Streifzug durch die gerade besetzte Stadt dorthin? Laut Meldungen der PK 637 lieferte Hähle am 30. September 1941 insgesamt 188 Fotos zum Thema "Einsatz im Osten" ab, am 13. Oktober folgten weitere sieben Fotos zur "Umfassungsschlacht ostw. Kiew". Die Filmrolle mit den schockierenden Aufnahmen war nicht dabei. Hähle behielt sie, genau wie Bilder eines weiteren Massakers im ukrainischen Lubny - und den Film mit den Focke-Wulf-Fotos.

So kam es, dass die Existenz dieser drei Fotoserien lange unbekannt blieb. Bei Kriegsende 1945 beschlagnahmten die Amerikaner mehrere Lastwagen, die Material der Propagandakompanien evakuieren sollten, erzählt Oliver Sander, der zuständige Referatsleiter im Bundesarchiv. 1962 übergaben die USA die Bilder an das Koblenzer Archiv, darunter auch 108 andere Filme von Johannes Hähle.

Beweisstücke verschwinden im Labor

Die Farbdias aus Babij Jar verkaufte Hähles Witwe 1954 mit anderen Fotos an den Berliner Journalisten Hans Georg Schulz vom "Spandauer Volksblatt". Schulz, der später den "Deutschen Nachrichtendienst" (DND) in Köln betrieb, stellte das einzigartige Beweismaterial 1961 der Frankfurter Staatsanwaltschaft zur Verfügung - doch die Bilder "verschwanden im Gerichtslabor und tauchten nie wieder auf", wie Schulz 1993 frustriert schrieb. Klugerweise hatte Schulz nur Schwarz-Weiß-Kopien weitergegeben und die Originale behalten.

Für die aber interessierte sich niemand. Die Illustrierte "Stern" - dessen Chefredakteur Henri Nannen selbst ehemaliger Kriegsberichter war - lehnte das Angebot einer exklusiven Erstveröffentlichung ab. Nachdem die Redaktion drei Wochen lang die Stimmung der deutschen Öffentlichkeit geprüft habe, resümierte Schulz, seien die einmaligen Bilder "schmerzerfüllt" zurückgegeben worden.Noch in der ersten Wehrmachtsausstellung waren Mitte der neunziger Jahre nur Schwarz-Weiß-Kopien von Hähles Babij-Jar-Fotos zu sehen, die über einen Darmstädter Anwalt an das Hessische Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden gelangt waren.

Die farbigen Originale tauchen erst im Jahr 2000 wieder auf, als die Witwe von Schulz die drei Fotoserien an das Hamburger Institut für Sozialforschung verkaufte. Im Jahr darauf waren die Fotos aus Babij Jar und Lubny in der zweiten, grundlegend überarbeiteten Wehrmachtsausstellung erstmals zu sehen.

Wer ist "Bachelor"?

Die Focke-Wulf-Fotos blieben vorerst unveröffentlicht. Wie sie in das Internetforum militaryphoto.net gelangten, ist nicht ganz klar. Der Einsteller, der sich hinter dem Pseudonym "Bachelor" verbirgt, meldete sich nach dem einestages-Artikel bei der Redaktion. In leidlichem Deutsch behauptete er, die Bilder seien "im Archiv des kleinen Städtchens in ehemaliger Sowjetunion gefunden und fast vernichtet" worden. Reinhart Schwarz dagegen hat einen anderen Verdacht. Vor einigen Jahren unterstützte das HIS ein Ausstellungsprojekt in Charkow zur Geschichte der Stadt im Krieg mit Fotos von Johannes Hähle. Womöglich wurden die Bilder in Zusammenhang damit in Umlauf gebracht. Doch auf Nachfragen reagierte "Bachelor" nicht. Eine Menge Rätsel bleiben.

In einer früheren Fassung dieses Artikels wurde Oliver Sander als Abteilungsleiter im Bundesarchiv bezeichnet. Er ist tatsächlich Referatsleiter. Die Red.


Wissen Sie mehr über Johannes Hähle? Oder kennen Sie eine der Personen auf den Fotos, die er 1942 in der Ukraine machte? Haben Sie Informationen über die Aufklärerstaffel, mit der er über Charkow flog? Dann schreiben Sie hier einen Hinweis! mehr...


Artikel bewerten
4.6 (304 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Denk Manfred 22.02.2010
Grauenvoll sind die Bilder von den Massakern der SS in der Ukraine. Wie pervers muss man sein, um ganze Familien mit Kindern einfach abzuknallen. Wichtige Beweisfotos für Ewiggestrige, die solche Aktionen abstreiten wollen. Es zeigt den barbarischen Abstieg eines "Kulturvolks", verursacht durch eine perverse Rassenideologie!
2.
Michael Bieber 22.02.2010
Bei Bild Nr. 6 steht zu lesen: "Johannes Hähle hier im Mai oder Juni 1945 bei Charkow" Das (1945) kann nicht sein, denn zu diesem Zeitpunkt waren keine Nazi-Truppen mehr in der Sowjetunion, sondern die Rote Armee in Deutschland...
3.
Hans Michael Kloth 22.02.2010
Danke, das ist natürlich ein Tippfehler und muss heißen "1942" - inzwischen korrigiert.
4.
Richard Waltereit 22.02.2010
Beim Betrachten dieser Bilder, besonders derheute veroeffentlichten, musste ich an den Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell (2006) denken, in dem einige der von Haehle fotografierten Ereignisse, insbesondere auch das Massaker von Babij Jar, aus einer fiktiven Taeterperspektive beschrieben werden. Der Blick ist aehnlich.
5.
Stefan Bauer 23.02.2010
Nach dem Lesen des Artikels habe ich mich gefragt, ob alte Kriegsbilder ggf. doch für manch einen noch interessant sein könnten? Mein Opa hat mir eine Reihe von Kriegsbildern von der Ostfront und Frankreich vererbt. Zu sehen ist u.a. ein Gefangenenlager, aber auch Bilder vom Alltag der Soldaten und offensichtlich auch höhergestellte Offiziere. Kann man sowas dem Bundesarchiv anbieten, oder gibt es dort schon zu viele solche Bilder?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen