Westberlin in den Achtzigern Im Wilden Westen

Graue Stadt, prima Stimmung: Westberlin war in den Achtzigerjahren ein surreales Soziotop mit Spießern und Spinnern, Punks und Hausbesetzern. Fotograf Christian Schulz zeigt die Stadt zwischen Party und Randale.

Christian Schulz/ Die wilden Achtziger - Fotografien aus West Berlin/ Lehmstedt Verlag 2016

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In der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1980 brach der "Berliner Häuserkampf" aus und sollte die Mauerstadt mehr als ein Jahr lang heftig bewegen. Junge Autonome besetzten am Abend des 12. Dezember ein leerstehendes Haus am Fraenkelufer in Kreuzberg, doch die Polizei warf sie gleich wieder raus. Die verhinderten Besetzer und ihre Unterstützer bauten Barrikaden, die Polizisten setzten Knüppel und Tränengas ein.

Die folgende Straßenschlacht verlagerte sich zum Kottbusser Tor. Mit Steinen warfen die Autonomen Scheiben von Banken und Supermärkten ein, Aldi und andere Läden wurden geplündert. Die Scharmützel zogen sich bis in die frühen Morgenstunden hin, die Polizei nahm 25 Demonstranten fest. Am Morgen lagen auf der Admiralbrücke, die heute fest in der Hand von Touristen ist, im Nieselregen zwei einsame, umgestürzte Bauwagen - das Relikt der erbitterten Kämpfe.

"1,2,3, lasst die Leute frei"

Am nächsten Abend zogen rund 1500 Aktivisten zum Ku'damm, erneut gingen Scheiben zu Bruch, wurden Geschäfte geplündert. Maximaler Sachschaden war das taktische Ziel, die Parole hieß: "1,2,3, lasst die Leute frei."

Eine Woche später demonstrierten bereits 15.000 Unterstützer der Hausbesetzer vor dem Untersuchungsgefängnis in Berlin-Moabit für die inhaftierten Aktivisten. "Wenn die Leute nicht freigelassen werden, brennen an Weihnachten nicht nur die Weihnachtsbäume", drohten vermummte Besetzer auf einer Pressekonferenz.

Es war ein ganz schöner Knall, mit dem in jenem Dezember 1980 die Achtzigerjahre in Westberlin so richtig begannen. Sie endeten auch mit einem Knall, einem wesentlich folgenreicheren, am 9. November 1989 - mit dem Fall der Mauer und dem Ende Westberlins. Die Zeit dazwischen war eine wilde Zeit.

Besetzte Villa mit Swimming-Pool

Kurz nach Beginn des Berliner Häuserkampfs tauchte ein schlaksiger junger Typ in der Berliner Lokalredaktion der "taz" im Wedding auf. Er trug den unspektakulären Namen Christian Schulz, war aus Frankfurt am Main eingewandert und in einem besetzten Haus in Berlin-Zehlendorf gelandet, einer Villa mit Swimming Pool.

Schulz fotografierte: die Hausbesetzer, die Punks, die Omas, die Türken, die Proleten; er fotografierte die Feste und Konzerte, die Häuser und Straßen. Schulz fotografierte Westberlin.

Christian Schulz war einer jener jungen Männer, die seit den Sechzigerjahren beständig vor der Bundeswehr nach Westberlin flüchteten, vorzugsweise aus bayerischen Dörfern, schwäbischen Provinznestern und tristen Retortenstädten.

Westberlin war in der Krise, hing finanziell am Tropf der Bundesrepublik. Der Regierende Bürgermeister Dietrich Stobbe (SPD) musste wegen eines Bauskandals abtreten: Ein Unternehmer hatte sich in Saudi-Arabien beim Bau von Militärakademien verspekuliert, mit Landesbürgschaften abgesicherte Kredite in den Sand gesetzt und war schließlich verschwunden. Als Nachfolger wurde Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel nach Berlin geschickt, um die SPD an der Regierung zu halten, die seit 1950 stets in der Stadt Willy Brandts regiert hatte.

Nicht gerade subtil: Nieder mit dem Schweinesystem!

Das Machtvakuum nutzten Hausbesetzer. Im Januar 1981, gut drei Wochen nach der Straßenschlacht in Kreuzberg, holten sie sich mit der Mansteinstraße 10 das erste Haus im Bezirk Schöneberg, danach waren Gebäude in Neukölln und Charlottenburg an der Reihe. Am 6. Februar wurde das 50. Haus besetzt - im Juni 1981 waren es schon 165 Häuser in ganz Westberlin. Der Senat schreckte vor der Räumung zurück.

Die Musikszene blühte auf, Punk war mit ein paar Jahren Verspätung in Berlin angekommen. Blixa Bargeld, Kopf der Experimentalband Einstürzende-Neubauten, wohnte in einem besetzten Haus in Schöneberg, Käthe Kruse von der Künstlergruppe Die tödliche Doris in einem in Kreuzberg. Sunshine, die irre "Queen of Kreuzberg", geisterte durch die Häuser; Penny organisierte in ihrem Friseursalon avantgardistische Konzerte. Und der Punk Zahnbürste schoss mit seiner Knarre in die Decke der "Ruine", einer berüchtigten Säuferkneipe in Schöneberg.

Die Parolen der Hausbesetzer waren nicht wirklich feinsinnig: Gefühl und Härte. Mollis und Steine für die Bullenschweine. Legal, illegal, scheißegal. Nieder mit dem Schweinesystem!

Ein kurzer Sommer der Anarchie

Viele Kreuzberger Hausbesetzer träumten - leicht größenwahnsinnig - von einer Freien Republik. In der Winterfeldtstraße in Schöneberg gab es zeitweise mehr besetzte Häuser als vermietete. Im Vergleich zur massenhaften Militanz der Hausbesetzer waren die Rebellen von 1968 beim Straßenkampf harmlos gewesen. Mehrere Tausend Demonstranten, die aufs Rathaus Schöneberg vorrückten, deckten die Polizei einmal mit einem derartigen Steinhagel ein, dass sie den Regierungs- und Parlamentssitz fast hätten einnehmen können. Es war ein kurzer Sommer der Anarchie.

Die Hausbesetzer und die alternative Szene waren eine kleine, radikale Minderheit, eine Parallelgesellschaft. Die Mehrheit, das waren die einstigen Trümmerfrauen, die Proleten in ihren Eckkneipen, die von den Springerblättern indoktrinierten Frontstädter. Kurzum: die Spießer.

Richard Weizsäcker von der CDU löste SPD-Mann Vogel als Regierender Bürgermeister ab, die Räumung der besetzten Häuser begann. Als acht Häuser am 22. September 1981 geräumt werden sollten, geriet der Besetzer Klaus Jürgen Rattay auf der Potsdamer Straße unter einen BVG-Bus und starb.

Anschließend verhandelten viele Besetzer mit dem Senat und den Hauseigentümern. Nach und nach wurden okkupierte Häuser geräumt - mehr als 80 bis zum Jahr 1984. In gut 80 weiteren erhielten die Besetzer Verträge und renovierten die heruntergekommenen Buden in Eigenregie. Einige von ihnen leben noch heute in kollektiver Tradition - inklusive Plenum, Gemeinschaftsküche, freiwilligem Arbeitseinsatz ("Subbotnik").

Ein Zuhälter namens Otto Schwanz

Die CDU war noch keine fünf Jahre an der Macht, aber schon in einem Korruptionssumpf versunken. Wie Ermittler im Herbst 1986 herausfanden, hatten CDU-Baustadträte Baugenehmigungen verkauft, selbst Eberhard Diepgen als Regierender Bürgermeister hatte illegale Parteispenden kassiert, bar im Umschlag. Verwickelt in den Bauskandal war auch ein Zuhälter mit CDU-Parteibuch, der tatsächlich Otto Schwanz hieß. Nach den nächsten Wahlen formierten sich SPD und Grüne zur ersten rot-grünen Koalition in der Halbstadt.

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Die Westberlin-Fotos von Christian Schulz sind schwarz und weiß - und das ist gut so (hier geht's zur Fotostrecke). Westberlin war "Schaufenster der freien Welt" zwar viel bunter als Ostberlin, aber im Vergleich zu westdeutschen Städten dominierten die Grau-Schattierungen. Westberlin war eine graue und arme Stadt, aber die Stimmung war prima. Heute ist es eher umgekehrt.

Gleichzeitig hatte sich Westberlin überlebt, eine Übergangsgesellschaft wartete auf den Anbruch einer neuen Zeit. Der Fall der Mauer am 9. November 1989 brachte für die Halbstadt Ende und Rettung zugleich.

insgesamt 13 Beiträge
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Matthias Brucker, 01.11.2016
1.
Kaum zu glauben: Berlin war ja mal eine interessante Stadt. Wenn man sich die Beamtenstadt heute ansieht könnte man heulen. Aber ich bin zum Glück weg aus der Stadt der Langeweile.
Rudolf Bahr, 01.11.2016
2. Richtigstellung
"Gewühl und Hertie", so wäre das richtig. War 'ne aufregende Zeit. War mal wer im "Basement"? Unglaublicher Laden... Gruß, Bill
Detlev Vreisleben, 01.11.2016
3. Schabowski
Schabowski hat nicht gesagt, dass ab sofort Bürger ausreisen dürfen, sondern dass sie die Ausreise ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragen können.
Karin Braun, 01.11.2016
4. Gut geschrieben!
Schön kompakt zusammen gefasst. So war es in Berlin. Allerdings fehlt manchmal die Differenzierung. Bei der alternativen Szene, den Besetzern und den Schlägern auf der Straße handelte es sich um voneinander abgegrenzte Gruppen. Die Friedensaktivisten, die alternativen Kommunarden, die Hausbesetzer....Das waren friedliche Leute. Die spuckten große Töne, die übertraten Gesetze, gewalttätig waren sie nie. Anders die autonome Szene, der ",schwarze Block", der sich jeden Konflikt, jede Demonstration zum Vorwand nahm, um ihre Gewaltfantasien gnadenlos auszuleben. Diese selbsternannten " Autonomen" waren Schienengleiter, Unterwanderer und simple, gewalttätige Kriminelle. Politik interessierte sie nicht, auch an neuen Wohnmodellen hatten sie kein Interesse. Einzig und allein laut und aggressiv herumschteien, Menschen schlagen und treten, saufen, Mülltonnen und Reifen anzünden, Sozialgelder kassieren, Pflastersteine auf Menschen werden, Brandsätze in Häuser und auf Menschen werfen.... DAS war ihr Lebensinhalt. In der alternativen Szene und bei Demonstranten und Hausbesetzern fürchtete man diese Leute, die immer kamen, wenn demonstriert wurde. Es war schwer, der Öffentlichkeit glaubhaft zu machen, dass nicht die gesamte Szene, sondern nur bestimmte Schlägertrupps derart gewalttätig waren. Es war schwer, sich nach außen erkennbar zu distanzieren. Die Randalierer und Gewalttäter, die sich auch heute noch" Autonome" nennen, sind reine Kriminelle, die es der Gerichtsbarkeit zu übergeben gilt.
Hartmut Braun, 01.11.2016
5. @ Detlev Vreisleben, #3
Zitat. "Schabowski hat nicht gesagt, dass ab sofort Bürger ausreisen dürfen, sondern dass sie die Ausreise ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragen können." Exakt so ist das. Ich werde nie verstehen, wie man nach dem Satz "Genehmigungen für Reisen sind unverzüglich zu erteilen ..." (aus dem Gedächtnis) ABENDS, als alle Dienststellen geschlossen hatten, nicht mal zu den VP-Dienststellen, sondern sofort zur Grenze stürzte, um dort "auszureisen" - auch wenn ich es immer wunderbar finden werde. Ich habe es nur nicht verstanden, wie man das aus Schabowskys Sätze heraushören konnte.
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