David Hamilton zum 80. Geburtstag Das nackte Entsetzen

David Hamilton zum 80. Geburtstag: Das nackte Entsetzen Fotos
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David Hamilton versteht die Welt nicht mehr. Und sie ihn erst recht nicht. In den Siebzigern war er der König des Weichzeichners. Seine erotischen Fotografien und Filme wie "Bilitis" galten als Kunst, er war ein Star. Heute blickt die Welt anders auf sein Werk - und sieht darin ein dunkles Geheimnis. Von Arno Frank

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Im Frühjahr 2005 bekam Stanley Loam unangemeldeten Besuch von der Polizei. Die Beamten stellten die Wohnung des 49-jährigen Buchprüfers aus der englischen Grafschaft Surrey auf den Kopf und fanden mehr, als sie gesucht hatten. Es war der bis dahin größte Fund von kinderpornografischem Material in der Geschichte des Vereinigten Königreichs.

Von den 19.000 Bildern stammte ein nicht unerheblicher Teil aus dem Œuvre von David Hamilton - dem König der Weichzeichner und der populären Aktfotografie der siebziger Jahre. Kein Wunder, dass Loam vor Gericht unter Verweis auf den Erfolg von Büchern wie "Age Of Innocence" oder Filmen wie "Bilitis" argumentierte, er interessiere sich eben für "ästhetische Fotografie", und zumindest die Werke von Hamilton könne man in jedem Buchladen frei erwerben.

Der Richter sah das anders: Die Arbeit von Hamilton könne "nicht als künstlerisch beschrieben" werden und sei "rein sexueller Natur". Es spiele keine Rolle, ob diese Fotos frei erhältlich sind oder nicht. "Jeder, der Bildbände von David Hamilton besitzt", so erklärte ein Polizeisprecher nach dem Prozess, "kann wegen des Besitzes von obszönen Fotos verhaftet werden."

Hamilton selbst reagierte auf den polizeilichen Hinweis auf die Illegalität seines Lebenswerks gekränkt. Durch einen Sprecher ließ er ausrichten: "Wir sind darüber tief betrübt und enttäuscht, denn David ist einer der erfolgreichsten Kunstfotografen, den die Welt je gesehen hat. Seine Bücher haben sich millionenfach verkauft. Wir haben seit einiger Zeit zur Kenntnis genommen, dass die Gesetze in Großbritannien und den USA - unseren beiden wichtigsten Märkte - jedes Jahr strenger werden. Wahr bleibt aber, dass in jedem Fall zuletzt ein Gericht entscheiden muss." In England ruderten die Behörden daraufhin zurück und entschuldigten sich, das Urteil habe nicht ausdrücklich den Bildern Hamiltons gegolten. Ein großes Internet-Versandhaus allerdings nahm vorsorglich Hamiltons "Age Of Innocence" aus dem Handel.

Darin liegt, wenn man so will, die Tragik des David Hamilton. Aus seiner einstmals berühmten Kunst, die bis in die neunziger Jahre tatsächlich weltweit und millionenfach verkauft wurde und sich von Kritikern höchstens mal einen Kitsch-Vorwurf einhandelte, ist inzwischen eher eine berüchtigte Kunst geworden - und aus ihm selbst das, was man einen schmutzigen alten Mann nennen würde. Tatsächlich war, was Hamilton über Jahrzehnte so erfolgreich an den Mann bringen konnte, im Kern immer nur sein lüsterner Blick auf Mädchen kurz vor und mitten in der Pubertät. Die Welt hat sich weitergedreht, so dass er mit diesem Blick nun in der Schmuddelecke steht - und es nicht versteht.

Unschuld vom Lande

Womöglich hält er sich selbst für einen Menschen, der die "Unschuld" feiern und die Welt damit ein wenig schöner machen wollte. Dazu passt auch seine eigene biografische Erzählung vom kleinen Jungen, der vor dem Bombardement mit Hitlers V-Waffen aus London ins idyllische Dorset landverschickt wurde, wo er die Schönheit in der Natur fand. Im Vorwort zu "A Place In The Sun" (1996) erzählte Hamilton seine Version, wie es danach weiterging: "Ich floh aus London ins glamourösere Paris, weg von angelsächsischen Attitüden und Verboten, und folgte den Spuren von Byron und Maugham. Die Suche nach Toleranz und freundlicher Atmosphäre zog mich weiter nach Süden". Tatsächlich hatte er in Paris nicht als Poet (wie der Spätromatiker Lord Byron) oder Autor (wie der Schriftsteller William Somerset Maugham) gearbeitet - sondern für das Kaufhaus Printemps die Fassadengestaltung verantwortet. Wahr ist, dass er sein - nach Dorset - zweites Erweckungserlebnis im Urlaub am traditionellen Sehnsuchtsort der britischen Oberschicht hatte, an der der Côte d'Azur. In Ramatuelle bei Saint-Tropez ließ er sich nieder, wo er noch heute in einem Haus aus dem Mittelalter lebt.

In Südfrankreich entstand auch sein unverkennbarer Stil, seine Modestrecken wurden in den renommiertesten Fotomagazinen gedruckt. Und als Ende der sechziger Jahre die sexuelle Befreiung langsam Fahrt aufnahm, war David Hamilton als einer ihrer führenden Bilderlieferanten an Bord. In Bänden wie "Dreams Of A Young Girl", "La Danse" oder "Les Mademoiselles d’Hamilton" zeigte er sehr junge, sehr schlanke und sehr leicht bekleidete Frauen, verführerisch hingelagert unter Pinien, auf weichem Gras, im Heu, am Strand oder in pastellfarbenen Laken.

Es gibt Strohhüte und weiße Kleider aus dünnem Stoff, Blumen im Haar und dieses diffuse, unter Malern beliebte Licht der Provence. Der Weichzeichner wurde zu seinem Markenzeichen und sollte den Bildern die Aura zeitloser Gemälde verleihen. Hin und wieder machte er rührende kleine Anleihen bei Degas, Raffael oder später Gauguin in der Südsee - Frauenkörper beim Ballett, beim Picknick, bei der Lektüre, in milchigem Licht und ganz unter sich. "Waren sie erst einmal in ein warmes Klima versetzt und in einem sicheren Versteck", beschrieb er später seine Arbeitsweise mit den Mädchen, "konnten sie ihr wahres Selbst annehmen und ein Teil der Natur werden."

Minderjährige und ein älterer Mann

In Abgrenzung zur damals üblichen und aufblühenden Porno-Industrie, die auch Minderjährige ausbeutete, zeigte Hamilton keinen Geschlechtsverkehr. Diese Grenze war in Sichtweite, sie zu überschreiten, blieb jedoch der Phantasie des Betrachters überlassen. Ein Trick, der in hohem Maße für Hamiltons Erfolg im Mainstream verantwortlich gewesen sein dürfte. Es sind kaum einmal männliche Models zu sehen, lesbische Zärtlichkeiten bleiben angedeutet. Dennoch atmen seine Bilder den voyeuristischen Geist, mit dem sie aufgenommen wurden.

In deutlichem Gegensatz zu anderen Künstlerinnen und Künstler mit ähnlichen Motiven - wie Sally Mann oder Jock Sturges - wahrte Hamilton keinerlei Distanz zu seinen Modellen. Er schien, im Gegenteil, förmlich in sie hineinzukriechen. Die angebliche Unschuld wurde dadurch gefeiert, dass sie dem erotisierten Blick ausgeliefert und damit geraubt wurde. Hamilton selbst drückte das in einem Begleittext für den Bildband "Holiday Snapshots" nur minimal anders aus: "Hier sind ihre jugendlichen Bilder für immer eingefangen, als Hommage und Tribut an ihre Freude und Schönheit."

Den Höhepunkt seiner Popularität erreichte Hamilton 1977, als er seine Bilder mit dem Film "Bilitis" schließlich in fließende Bewegung setzte. Die Hauptrolle spielte das Model Patti d’Arbanville, mit einer anderen Darstellerin (Mona Kristensen) war Hamilton verheiratet, in einer Nebenrolle spielte Mathieu Carrière. In "Bilitis" ging es um weibliche Sexualität, die sich, kaum erwacht, nach einem lesbisch-narzisstischen Zwischenspiel auf einen älteren Mann richtet, der als Künstler tätig ist. Womit auch der Plot aller folgenden Filme beschrieben wäre - bis endlich "Ein Sommer in St.-Tropez" von 1984 ganz ohne Handlung auskommt. Danach und bis heute lebt Hamilton davon, seine einmal etablierte Bildsprache zu variieren - weshalb ihn die Renaissance einer rigideren Sexualmoral gerade in angelsächsischen Ländern auch so irritiert.

Altherrenphantasien

Was er als Feier der Schönheit empfunden haben will, gilt heute schlicht als Ausbeutung. Man mag Hamilton zugutehalten, dass er nie direkt pädophile Interessen bedient hat. Und man kann durchaus ein präziseres Wort für sein Spezialgebiet finden, wie es etwa der legendäre Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld eingeführt hat: Parthenophilie, die Liebe erwachsener Männer zu pubertierenden Mädchen. Eine laut Hirschfeld "sexualbiologisch erwartbare Reaktion".

Leider hat Hamilton selbst den ohnehin engen Spielraum für wohlwollende Interpretationen seiner Kunst mit schwülen Begleittexten endgültig unbetretbar gemacht. Zu einer Serie mit dem Titel "The Secret Garden“, die junge Mädchen beim Sonnenbaden zeigt, phantasierte er beispielsweise: "Ihr Körper trägt das Parfum der Jugend. Sanft wiegt sie sich von Seite zu Seite und spürt, wie ihre Brüste gegen ihre Arme reiben (…...). Plötzlich rollt sie sich auf das kühle Gras und ebenso plötzlich zurück, auf das Handtuch. Da ist eine dämmernde Aufregung, als sie die Bewegung wiederholt. Die Beine mal eng zusammengepresst, dann gekreuzt. Da ist ein Druck auf ihren Schenkeln wie von einem Gewicht, und sie stellt sich vor, jemand wäre gekommen und läge auf ihr (…)" und so weiter. Mit schöngeistigen Meditationen über die Schnittstelle von Eros und Kunst, wie manchmal behauptet wurde, hat das nur wenig zu tun. Man versteht diese Bilder schon richtig, wenn man sie als lüsterne Altherrenphantasie versteht.

Sich selbst charakterisierte der greise Dandy schon vor Jahren erstaunlich offen: "Ich hatte das Glück, in physischer und geistiger Hinsicht meinen eigenen Himmel zu finden. Sich von zu viel Verantwortung fernzuhalten, Reisen mit Kreativität, Hedonismus, Schönheit und Befriedigung zu verbinden, ist eine außerordentliche Erfahrung." In den Rückblick auf sein "beneidenswertes Leben" mischte sich aber auch so etwas wie eine leise Selbsterkenntnis: "Ich habe es immer vermeiden können, zusammengeschlagen zu werden." Am 15. April 2013 wurde David Hamilton 80 Jahre alt.

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insgesamt 43 Beiträge
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1.
joerg behring 15.04.2013
das ist mir alles zu verklemmt, wie so einiges in unserer heutigen reizüberfluteten alltäglichkeit. jetzt rückt man also herrn hamilton in die nähe schlüpfriger alter männer, denen man nur noch blümchensex zugesteht. wann wird es newton treffen oder all die anderen fotokünstler der erotischen fotografie, wann wird es herrn bitesnich oder frau blum ereilen? die religiöse schere fundamentalistischen denkens ist all gegenwärtig und reglentiert alles und jeden. unsere welt wird ärmer, nicht reicher an möglichen erfahrungen und jedem soll vorgeschrieben werden was er zu sehen hat, selbst dann wenn das vermeintlich verwerfliche frei käuflich ist und den gültigen moralvorstellungen nicht widerspricht. aber das kann man ja ändern...
2.
Gerhard Joos 15.04.2013
Tausche bedenkenlos unser ganzes bigottes, selbstgerechtes, ödes Neo-Biedermeier gegen 4 Wochen Siebziger!
3.
Marlene Noturbiz 15.04.2013
Der Schreiber des Artikels war wohl etwas verwirrt? Innocense? Oder doch Innocence? Volltreffer, letzteres ist richtig. Und ein "schmutziger alter Mann" - auch wieder so ein "false friend". Das ist hierzulande eher einer, der sich nicht wäscht, aber nicht unbedingt ein alter Lustmolch oder Lustgreis.
4.
Michael Schnickers 15.04.2013
"Die Welt hat sich weitergedreht"... Ja- und zwar rückwärts. Was früher nur als ein Fest der erwachenden weiblichen Schönheit gesehen wurde, wird heute von Leuten interpretiert, die ihre eigene Zensurschere im Kopf tragen und alle zu Perversen erklären, die anderer Ansicht sind. Dass da Magnus Hirschfeld zitiert wird, beweist nur die totale Unkenntnis des Autors. Er soll mal den entsprechenden Wiki-Artikel dazu lesen. Haben eigentlich die Modelle von Dürer oder Hans Holbein einen entsprechenden Altersnachweis oder werden demnächst die Museen ausgeräumt?
5.
Jan Juhnke 15.04.2013
Was für ein spießiger Artikel... Ein Fotograph und Filmemacher macht erotische Bilder von jungen Mädchen? Oh Gott, wie pervers! Die Sexualmoral des konservativen Backlash hat sich (angefangen in den 80ern) über die ganze Welt verbreitet und ist natürlich auch auf SPON angekommen. Herzlichen Dank.
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