Fotograf Josef Heinrich Darchinger Kunterbuntes Wirtschaftswunder

Fotograf Josef Heinrich Darchinger: Kunterbuntes Wirtschaftswunder Fotos
Josef Heinrich Darchinger / Taschen Verlag

Mit dem Käfer ins Grüne, an jeder Straßenecke ein James Dean, und daheim stopft Mutter Strümpfe: Kaum einer hat das deutsche Wirtschaftswunder so perfekt festgehalten wie Jupp Darchinger. Der neue Bildband des Fotografen lässt die Zeit zwischen 1952 und 1967 auferstehen. Von

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Das ganz große Glück, manchmal kostet es nicht mehr als zehn Pfennige. Braun und klebrig, ein Feind jeder Plombe, einfach fabelhaft. Ungeduldig scharen sich die zehn Dreikäsehochs in ihren Krachlederhosen um den blechernen Storck-Automaten, der ihnen sogleich die ersehnten Karamellbonbons auswerfen wird. Vor lauter Vorfreude bemerken sie den Mann nicht, der mit seiner Leica genau im richtigen Moment um die Ecke biegt, um das Idyll abzulichten.

Ein Idyll, das trefflich illustriert, woraus sich die Magie des deutschen Wirtschaftswunders speiste. Weniger aus den großen Gesten nämlich als aus den kleinen Freuden des Alltags. Der Nierentisch, der Käseigel und die Buttercremetorte, die neue Miele, vielleicht ein Fernseher - und, wenn's hoch kam, eine Woche Urlaub an der Adria: Die Wohlstandsgesellschaft hatte viele Gesichter. Ein hinreißendes Porträt dieser Zeit hat jener Mann mit der Leica geschaffen: Josef Heinrich Darchinger.

In seinem nun erschienenen Bildband "Wirtschaftswunder" lässt der Fotograf mit seinen Bildern den Übergang von der Nachkriegs- zur Wohlstandsgesellschaft so plastisch auferstehen, dass der Betrachter wünscht, er würde teilhaben können an jenem beschaulichen Glück. Aufgenommen hat Darchinger die Fotos zwischen 1952 und 1967, auf Reportagereisen quer durch die junge Bundesrepublik.

Ausgebombt aber hemdsärmlig

Sie zeigen ein tatendurstiges Deutschland, ausgebombt zwar, aber hemdsärmelig und voller Zuversicht und Lebenswillen. Neugierig und fröhlich lachen die kleinen Mädchen auf einem der Fotos dem Betrachter zu - an der Kulisse, einem völlig zerstörten Haus, scheinen sie sich nicht zu stoßen. Die Schatten des Krieges gehörten für diese Generation zum Alltag, die Menschen lebten mit den Folgen, schauten jedoch nach vorn.

Das Nebeneinander von Krieg und Neubeginn, von Zerstörung, Armut und Trostlosigkeit gepaart mit Aufbruchsstimmung, Optimismus und Frohsinn zieht sich durch alle Aufnahmen Darchingers. Der Fotograf schaute auf das ihn umgebende Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre mit neugierigem, aber nie wertendem, sachlichem, aber nie kaltem Blick. Es ist das Werk eines Beobachters und Handwerkers - eines Zeitzeugen, der dankbar staunte über die ihn umgebende Zuversicht im Nachkriegsdeutschland.

1925 in Bonn geboren, musste Jupp Darchinger als junger Mann in den Krieg ziehen, wurde schwer verletzt und kam in französische Kriegsgefangenschaft. Fotograf wollte er schon als kleiner Junge werden - stattdessen wurde er zum Landwirt ausgebildet. Erst nach dem Krieg traute sich Darchinger, seinen Traum wahr zu machen und wurde "Fotojournalist": eine Berufsbezeichnung, die er 1952 erfand, da er sich wegen der fehlenden Ausbildung offiziell nicht Fotograf nennen durfte.

Chronist der bundesdeutschen Politik

In den Fotos rund um das Sujet Wirtschaftswunder zeigt sich Darchinger von seiner weniger bekannten Seite, erlangte er doch vor allem als Chronist der bundesdeutschen Politik Berühmtheit. Der gebürtige Bonner hat die junge Bonner Republik abgebildet wie kein zweiter. Von Konrad Adenauer über Ludwig Erhard bis zu Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl, sämtliche Politiker hatte er vor der Linse; von ihm fotografiert zu werden, galt als eine Art Ritterschlag.

Zu seinem hervorragenden Ruf gelangte der Rheinländer durch harte Arbeit. So hat er sich für die berühmte Aufnahme von 1981, auf der Staatschef Erich Honecker dem westdeutschen Kanzler Helmut Schmidt ein Hustenbonbon durchs Fenster reicht, auf dem Bahnhof Güstrow, wie er einmal sagte, "vier Stunden lang bei Minus 15 Grad den Arsch abgefroren." Die Wende und den Umzug der Hauptstadt von Bonn nach Berlin begleitete der Fotograf noch mit, dann zog sich der heute 82-Jährige allmählich aus dem aktuellen Geschäft zurück.

Darchinger, hat ein Kritiker einmal gesagt, kann mit den Augen denken. Die im Bildband "Wirtschaftswunder" versammelten Fotos zeigen, dass er mit ihnen auch fühlen und sprechen kann. Selten hat einer die Zeit der rauchenden Schlote, Picknicks im Grünen und Fernsehabende vor Fototapete so greifbar gemacht wie dieser Fotograf.

Josef Heinrich Darchinger: Wirtschaftswunder. Deutschland nach dem Krieg 1952-1967, Taschen Verlag. Limitierte und signierte Ausgabe (1000 Exemplare), 400 Euro. Ab August regulär im Buchhandel für 29,90 Euro.

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1. Interessantes Buch
xxxxxxx yyyyyyyyy 16.07.2014
Ein interessantes Buch,das dem Betrachter nochmals (falls er älter ist) oder erstmals (falls er jünger ist) das Wirtschaftswunder nahebringt. Randbemerkung:Das Foto mit den Jungen am Bonbon-Automaten dürfte Josef Darchinger heute vermutlich gar nicht mehr schießen.Man stelle sich vor,ein Mann fotografiert auf der Straße ein paar Jungen.Der würde vermutlich in dieser hysterischen,übersexualisierten Welt gleich des Kindesmissbrauchs bezichtigt.
2. Genau so war es!
Ingo Meyer 17.07.2014
Der erste neue VW - gebrauchte gab es ja kaum - und dann ab in die Natur. Genau so ein Bild habe ich auch. Meine Eltern konnten sich nur den VW in Standard-Ausführung leisten. Der war so simpel, wie der Ur-Käfer von 1938. aber man konnte mit zwei Flügelschrauben die vorderen Sitze ausbauen und so bequem ohne Luftmatratzen Falten zu müssen, vor dem Auto im freien sitzen. Man sollte wissen: Familien, die sich damals einen neuen Käfer leisten konnten, waren so gestellt, wie die,,die sich heute eine opulente E-Klasse neu kaufen - und zwar als Privatwagen! Die Beschreibung es Bildes vom Marktplatz in Deggendorf bezüglich der Tristesse, die durch den Dunst hervorgehoben wird, teile ich nicht. Zwei Omnibusse mit Panorama-Fenstern künden von erwachter Reiselust. Es gab auf dem Markt genügend Lebensmittel und die ersten Nachkriegsfahrzeuge parkten da auch schon. Für mich ist das Aufbruch. Auf allen diesen Bildern kommt zum Ausdruck, wie ordentlich das Volk damals war. Selbst die Kinder vor Arbeiterhäusern waren verhältnismäßig gut angezogen. Die Dekadenz, dass an Werk zerrissene Hosen mehr kosten, als Hosen ohne Löcher, liegt ja noch ein halbes Jahrhundert in der Zukunft! Danke für die Bilder! Der Bildband sollte Pflichtlektüre im Gemeinschaftskunde-Unterricht der Schulen werden - aber nicht kommentiert von 68-Lehrern, sondern Zeitzeugen!
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