Fotograf Manfred Hamm Mauertheater

Hase, Pferd und Grenzsoldaten: Über Jahrzehnte fotografierte Manfred Hamm die Berliner Mauer. Und schoss Bilder, die absurd wirken und traurig. Eine Ausstellung in Berlin zeigt seine besten Fotos.

Manfred Hamm

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Eigentlich wollte Manfred Hamm das Grab Theodor Fontanes fotografieren. Im Dezember 1976 stand der Fotograf auf der Liesenstraße im West-Berliner Stadtteil Wedding, die Grabstelle auf dem Friedhof der Französisch-Reformierten Gemeinde lag nicht weit entfernt. Doch ein unüberwindbares Hindernis versperrte Hamm den Weg: der Todesstreifen der Berliner Mauer. Plötzlich hoppelte ihm aber ein anderes Motiv ins Bild. Ein Hase setzte sich auf den Rasen.

Er drückte ab: Vorne posiert das friedliche Tier, im Hintergrund befinden sich die Panzersperren dieser schwerbewachten Grenze. Hätte ein Mensch anstelle des Hasen den Todesstreifen betreten, wäre sein Leben in Gefahr gewesen. "Hier in der DDR weiß jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen", hatte der ARD-Korrespondent Lothar Loewe kurz zuvor in der Tagesschau gesagt - und war prompt von der DDR ausgewiesen worden. "'Auf Menschen wie auf Hasen zu schießen' schoss mir nur durch den Kopf, als ich das Foto machte", meint Manfred Hamm.

"Ich war natürlich nie allein"

Mit zahlreichen Bildern dokumentierte der Fotograf im Laufe der Jahre die innerstädtische Grenze und das Leben darum. "Ich wollte immer Ethnologe werden", erinnert er sich. "Aber ein Professor warnte mich: Du bist ein Romantiker. Mach etwas anderes." So begab sich der angehende Chronist der Mauer stattdessen als Fotograf auf Expeditionen ins Inland. "Ich bin die gesamte Mauer um Berlin abgelaufen", sagt Hamm. In Etappen absolvierte er dabei die rund 160 Kilometer.

Dafür war Kreativität nötig. Hamm erhielt zum Beispiel keine Genehmigung für den Besuch der West-Berliner Exklave Steinstücken, die von der DDR eingekreist war. Also flog die US-Armee den West-Berliner als Pressefotografen dort ein. "Ich war natürlich nie allein, immer wurde ich vom nächsten Wachturm aus mit Ferngläsern beobachtet", beschreibt er seine Erfahrungen im Grenzgebiet. "Das war ein gegenseitiges Beobachten. Die Grenztruppen haben wahrscheinlich mehr Fotos von mir gemacht als ich von der Mauer."

"Tote Technik"

Geboren wurde der spätere Fotograf im Mai 1944 in einem kleinen Nest in der Nähe von Zwickau. Sein Vater, der eigentlich Kunstmaler werden wollte, war in der Kriegsgefangenschaft verschollen. Später ging die Familie nach Westdeutschland. "1955 bin ich mit meiner Mutter rübergelüppt", erzählt Hamm. Zwei Jahre später, mit dreizehn Jahren, begann er eine Fotografenlehre in Ulm. Danach zog es ihn aus der Enge Nachkriegsdeutschlands heraus - so weit weg wie möglich. Hamm schlug sich als Fotograf durch und reiste auf diversen Frachtschiffen bis nach Neuguinea, Tahiti, Fidschi und Vanuatu. Doch die ganz große Freiheit entdeckte er ausgerechnet in West-Berlin, eingekesselt durch die Mauer: Dort gab es keine Sperrstunde und keinen Militärdienst.

Berühmtheit erlangte Hamm schließlich 1981 mit dem Bildband "Tote Technik - ein Wegweiser zu den antiken Stätten von morgen". Er schoss Fotos von zerfallenden Zechen in England, einem Flugzeugfriedhof in Arizona, versinkenden Piers an der Westside von Manhattan und bröselnden Kernkraftwerken. "Die Kadaver der toten Technik sind Mahnmale. Zeugen der Zukunft in die Gegenwart verschlagen. Omen, die uns warnen vor dem totalen Ruin", orakelte der Publizist und Zukunftsforscher Robert Jungk damals im Begleittext "Visionen des Untergangs ganzer Regionen, Kontinente und sogar des Planeten Erde", hieß es weiter.

Die Mauer als Bühnenbild

Der Untergang des Planeten blieb aus, stattdessen fiel 1989 die Mauer. "Der Schrott von heute ist die Archäologie von morgen", kommentiert Manfred Hamm dieses Ereignis. Das Verschwinden des "antifaschistischen Schutzwalls" dokumentiert er nun mit seinen Fotos in der Ausstellung "Die Mauer" in Berlin. "Mich hat die Mauer immer an eine Art Bühnenbild erinnert", sagt Hamm. Er empfand die bunt bemalte Mauer am Todesstreifen als Kulisse, vor der die Bewohner als Protagonisten in einem absurden Theaterstück namens Zeitgeschichte spielten: In seinen Fotografien posieren Künstler vor der Mauer, erobern Pferde und Hasen den Todesstreifen, schielen Soldaten neugierig herüber.

Im Juli 1990 stellte der Bildhauer Rainer Fetting seine Skulptur "Der Flug" am Martin-Gropius-Bau vor ein Loch in der Mauer. Hamm schoss über 500 Fotos im Laufe von 24 Stunden, nachts richtete er einen riesigen Scheinwerfer auf die Figur. "Die ganze Zeit über wurde unsere Inszenierung vom Wachturm aus beglotzt", sagt Hamm: "Welcher Regisseur hat schon so ein treues Publikum?" Auf Hamms Bildern wirkt die Mauer zu Zeiten des Kalten Krieges meist weniger bedrohlich, sondern eher hilflos, absurd, skurril. Subversiv unterlief er ihre bedrohliche Einschüchterung. Einmal, als er im Sommer 1990 vor einem Loch in der Mauer Rainer Fetting mit der Hand am Hut mit einer Udo-Lindenberg-Geste fotografierte, bat er den Volksarmisten im Hintergrund, doch bitte dieselbe Bewegung zu machen: "Zu unserer Überraschung hat er das wirklich gemacht." Da war die Mauer allerdings bereits gefallen.

"Auch ich bin ja irgendwann mal weg"

Der Dokumentar der "Toten Technik", der mit seinem Nachruf auf die Industriegesellschaft berühmt geworden war, hielt irgendwann selbst ein Stück "Tote Technik" in der Hand: seine Analog-Kamera. Die Firma Kodak hatte einst mit dem einfach zu bedienenden Rollfilm-Prozess die Amateurfotografie erfunden. Ihr Slogan lautete: "Sie drücken das Knöpfchen, wir machen den Rest". Dann ging die Firma in Konkurs. 2009 stellte Kodak die Herstellung von Manfred Hamms Lieblingsfilm EPD-Y ein. Er bunkerte noch ein paar Packungen, doch auch die sind mittlerweile aufgebraucht. Was bleibt, sind seine Erinnerungen an das Verschwinden. "Das macht mir keine Angst", sagt er: "Auch ich bin ja irgendwann mal weg."

Auf einestages präsentiert Manfred Hamm einige der eindrucksvollsten Aufnahmen, die er auf seinen Expeditionen von der Berliner Mauer gemacht hat.

Die Bilder von Manfred Hamm sind vom 15. November 2014 bis 10. Januar 2015 in der Berliner Galerie Nothelfer zu sehen.



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Judit Pompery / Nabel, 20.11.2014
1. Bild 10
Steinstücken liegt südlich von Berlin. Der französische Sektor bestand aus den Bezirken Reinickendorf und Wedding und war damit in Nordberlin.
Volker Eschen, 20.11.2014
2. Unsinn
Selbstverständlich gab es in der Hauptstadt der DDR eine US-Botschaft.
Ralf Kiefer, 20.11.2014
3. Genauigkeit...
Volkspolizisten hatten an der Grenze nach Bildung der Grenztruppen der NVA nichts zu suchen. Was hier fotografiert wurde, sind Soldaten...
Philomes Papandreou, 20.11.2014
4. Volkspolizei
Die Bildunterschrift ist teilweise falsch, von Beginn an selbst zur Zeit der Sowjetzone bis Gründung der DDR hat sie sich Grenzpolizei bzw. Deutsche Grenzpolizei genannt. Auch wenn immer wieder VOPO (Volkspolizei) in Westberlin getitelt wurde, hatte die Volkspolizei nichts mit der Grenzpolizei bzw. späteren Grenztruppen der NVA zu tun. Die Grenztruppe war dem Ministerium für nationale Verteidigung unterstellt. Die Volkspolizei dem Minister des Innern der DDR. Die Volkpolizei hat bis auf unrühmliche Ausnahmen ganz normale polizeiliche Tätigkeiten war genommen, wie sie auch im Westteil von Deutschland üblich waren. (Kripo, Verkehr, Streifendienst, Fussballsicherung)
Siegfried Wittenburg, 20.11.2014
5. Freund und Helfer
"Die Volkpolizei hat bis auf unrühmliche Ausnahmen ganz normale polizeiliche Tätigkeiten war genommen, wie sie auch im Westteil von Deutschland üblich waren." - Und worum handelte es sich bei diesen Ausnahmen, wenn ich fragen darf?
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