Fotografenlegende Gottlieb Scharfschütze des Jazz

Fotografenlegende Gottlieb: Scharfschütze des Jazz Fotos
William P. Gottlieb

Nackte, Tyrannen, Drogenopfer: William P. Gottlieb kannte die Stars der wilden New Yorker Jazzszene in den vierziger Jahren besser als jeder andere Fotograf. Und kam ihnen bei seinen Aufnahmen so nah wie niemand sonst. Dabei hatte er seine Liebe zum Jazz nur einem verdorbenen Stück Fleisch zu verdanken. Von

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Von Seelenpein geschüttelt wirft die Frau ihren Kopf in den Nacken. Ihre Augen sind vor Schmerz zusammengekniffen, sie öffnet ihre Lippen und aus ihrem Mund strömt ein unhörbares Wehklagen. Unhörbar, weil es nicht die Jazzsängerin Billie Holiday selbst ist, die wir vor uns haben. Sondern ein Foto, mit dem es dem Fotografen William Paul Gottlieb im Februar 1947 im New Yorker Jazzclub "Downbeat" gelang, die ungeheure Leidenschaft einzufangen, die die Musikerin in ihren Gesang legte. Und die sie trotz fehlender musikalischer Ausbildung und ihrer eigentlich eher dünnen Stimme zu einer Legende machen sollte.

Nicht weniger legendär wurde das Porträtfoto, das Gottlieb von ihr schoss: Die Momentaufnahme der vollkommen versunkenen Billie Holiday steht wie keine andere für die Emotionen, die sie in ihre Musik hineinlegte. Sie sang mit all der Bitterkeit einer gebrochenen Frau, die sich schon als 14-Jährige prostituieren musste und zeit ihres Lebens mit der Drogensucht kämpfte. Kein anderes Bild der Sängerin wurde öfter reproduziert als dieses, keines erschien häufiger auf den Originalalben, posthumen Wiederveröffentlichungen und Best-Of-Sammlungen Billie Holidays. Das Foto Gottliebs wurde zu jenem Bild, mit dem die Ausnahmesängerin sich bis heute in das Gedächtnis der Jazzfans eingebrannt hat.

Alleine diese einzige Aufnahme hätte wohl genügt, um ihren Fotografen unsterblich zu machen. Und doch stellt sie nur einen winzigen Teil vom Werk Gottliebs dar, der von 1938 bis 1948, während des "Goldenen Zeitalters" des Jazz, seine Nächte in den Clubs entlang der sogenannten "Swing Street" in New York verbrachte und hunderte Fotos schoss. Er kam den Musikern dabei näher als jeder andere Fotograf. Dabei hatte er ursprünglich nicht das geringste Interesse an Jazz gehabt.

Der Foto-Scharfschütze und sein "Biest"

Seine Leidenschaft für diese Art von Musik, die ihm den Namen "Mr. Jazz" bescheren und ihn zum wichtigsten Fotografen der Szene machen sollten, verdankte William Gottlieb einem verdorbenen Stück Fleisch: 1936 zog er sich, damals Student der Wirtschaftswissenschaften an der Lehigh Universität in Bethlehem, Pennsylvania, durch halbgares Schweinefleisch in der Mensa eine Wurminfektion zu, die ihn den Sommer über ans Bett fesselte. Häufig besuchte ihn in dieser Zeit sein Freund "Doc" Bartle, ein Pianist. Bei jedem Besuch brachte er Platten von Jazzmusikern wie Duke Ellington oder Louis Armstrong mit, um seinem kranken Kumpel die Zeit zu vertreiben. Und entfachte so eine tiefe Liebe in Gottlieb für diese neue, aufregende Musik, die ein Leben lang anhalten sollte.

Zum Fotografen wurde Gottlieb durch den Geiz eines Arbeitgebers: Nach seinem Studium nahm er einen Job in der Anzeigenabteilung der "Washington Post" an. Getrieben von seiner Jazzleidenschaft bat er dort darum, eine wöchentliche Kolumne über diese Musikrichtung schreiben zu dürfen - für 10 Dollar. Seine Vorgesetzten stimmten zu. Zunächst wurde Gottlieb bei seinen nächtlichen Konzertausflügen von einem Fotografen begleitet, doch aufgrund der späten Arbeitszeiten berechnete dieser Sondersätze, die der "Washington Post" bald zu teuer wurden. Und so war Gottlieb, der nicht einmal eine eigene Kamera besaß, auf sich selbst gestellt.

Er verkaufte hunderte von Schallplatten aus seiner Sammlung und erwarb dafür eine "Speed Graphic"-Kamera, die zwar zu den am weitesten verbreiteten Pressekameras zählte - aber auch zu den umständlichsten. Gottlieb nannte sie daher "das Biest". Tapfer holte der Fotografieanfänger sich bei Kollegen aus der Bildredaktion Rat und machte die Defizite der Kamera zur Tugend: Da der Filmwechsel höchst umständlich war und er sich die teuren Filme und die Blitzlichtbirnen, die nach jeder Aufnahme ausgetauscht werden mussten, kaum leisten konnte, beschränkte sich Gottlieb auf nur drei bis vier Fotos pro Abend. Und lernte, mit der Präzision eines Scharfschützen im genau richtigen Moment abzudrücken.

"Nackt sah er aus wie ein abgeschlaffter mittelalter Mann"

Den entscheidenden Karriereschritt machte Gottlieb während der vierziger Jahre: Er zog nach New York, ins Herz der boomenden Jazz-Szene, und begann, für das Jazzmagazin "Down Beat" zu arbeiten. Damals entstanden seine spannendsten Aufnahmen: Etwa jene, die er 1947 im New Yorker Paramount-Theater von Duke Ellington machte. Erstaunt erlebte Gottlieb in der Garderobe, wie Ellington sich verwandelte: "Nackt sah er einfach aus wie irgendein abgeschlaffter mittelalter Mann. Aber nach dem Duschen trug er Babypuder und diverse andere Kosmetika auf, suchte einen seiner vielen Anzüge aus, ein teures Hemd und eine Krawatte und zeigte sein majestätisches Zähnefletschen."

In genau diesem Augenblick drückte Gottlieb auf den Auslöser - und fotografierte den eitlen Duke durch den Garderobenspiegel, umrahmt von dessen zahllosen Krawatten, Hüten, Hemden und Anzügen, vor einem Schminktisch voller Fanbriefe, Salben und Puderdosen.

Immer wieder schaffte Gottlieb es, exakt in dem Moment abzudrücken, in dem der Fotografierte seine Persönlichkeit offenlegte: So wie auf den Fotos, die er 1947 von Frank Sinatra während Aufnahmen mit einem Orchester in der New Yorker Liederkrantz Hall machte. Auf einem Bild sitzt der Sänger abseits der Musiker und liest mit ernstem, fast ärgerlichem Blick ein Notenblatt.

In seinen Aufzeichnungen erinnert sich Gottlieb, dass Sinatras Popularität damals gerade nachließ. Dies habe zum Teil an seiner gefürchteten Streitsucht, Gerüchten über Mafiaverbindungen und zahlreiche Frauengeschichten gelegen. Der Fotograf erlebte, wie sich das auf die Stimmung des Sängers niederschlug: "Mit besorgniserregender Häufigkeit unterbrach Sinatra immer wieder die Aufnahmen wegen angeblicher Fehler." Aber Gottlieb war sich nicht sicher, ob es ihm dabei wirklich um die Musik gegangen sei: "Waren die Fehler wirklich da? Oder war das nur das Getue eines ehemaligen Stars, der sich und den anderen beweisen wollte, dass er noch immer ein Star war?"

"Sie sah furchtbar aus. Sie klang noch schlimmer."

Das vielleicht tragischste Shooting Gottliebs jedoch war ausgerechnet seine letzte Begegnung mit der Frau, deren Portrait ihn berühmt gemacht hatte: Billie Holiday. 1947, als er das bekannte Portrait der Sängerin schoss, sei sie noch eine "bemerkenswert schöne Frau" gewesen. Das habe ironischerweise daran gelegen, dass sie erst kurz vor den Aufnahmen eine Gefängnisstrafe wegen Drogenbesitzes abgesessen hatte: "Während ihrer Inhaftierung unfähig, an Drogen oder Alkohol heranzukommen, hatte sie ihre Pummeligkeit verloren." Die Schönheit, die Gottlieb in seinem Foto einfing, sollte jedoch nicht lange währen.

Bei seiner letzten Begegnung mit Holiday wartete Gottlieb lange im Publikum, doch die Sängerin erschien einfach nicht auf der Bühne. Als er schließlich in ihre Garderobe ging, bot sich ihm ein erschütterndes Bild: "Ich fand sie halb angezogen auf dem Rand einer Liege sitzend. Sie war praktisch völlig weggetreten." Gottlieb half ihr, sich anzuziehen und führte sie zur Bühne. Doch das entpuppte sich als schlechte Idee: "Sie sah furchtbar aus. Sie klang noch schlimmer." Gottlieb packte seine Kamera wieder ein, verließ den Club und ging nie wieder zu einem Konzert der einstigen Jazz-Diva. Er wollte sie mit dem Bild im Gedächtnis behalten, das er sich einst von ihr gemacht hatte.

Bis heute ist auch Gottlieb selbst mit den Bildern im Gedächtnis von Jazzfans rund um die Welt geblieben, die er einst von Billie Holiday machte, von Duke Ellington, von Frank Sinatra, von Stars wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Ella Fitzgerald und hunderten weiteren. Und das, obwohl er sich bereits am Ende der vierziger Jahre von dem Fotografieren verabschiedete, um weniger Zeit in verrauchten Clubs und mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Er starb schließlich 2006 im Alter von 89 Jahren.

Um Gottliebs Erbe auch zukünftig nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, hat die amerikanische Library of Congress in Kooperation mit flickr eine Online-Bilddatenbank eingerichtet, in die nach und nach 1600 Bilder aus Gottliebs Werk eingestellt werden. einestages präsentiert die spektakulärsten, witzigsten und eindrücklichsten dieser legendären Aufnahmen.

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