Fotografenlegende Hanns Hubmann Jeder Schuss ein Treffer

Fotografenlegende Hanns Hubmann: Jeder Schuss ein Treffer Fotos

Er knipste FJS beim Ping-Pong, erwischte Romy Schneider beim Schlemmen und verewigte Willy Brandts Kniefall in Warschau: Hanns Hubmann war einer der bedeutendsten deutschen Pressefotografen des 20. Jahrhunderts - ein Zwischenspiel als Propagandaknipser für die Nazis inklusive. Von

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Hanns Hubmann hat ziemlich oft abgedrückt. Und ziemlich gut getroffen. Fidel Castro schoss er beim Baseball-Spiel, Loriot beim Zeichnen, Kaiserin Soraya erwischte er bei der Hundedressur und Willy Brandt beim Kniefall in Warschau. Sie alle ließen den Mann mit der Leica ganz nah an sich heran, so nah wie sonst kaum jemanden.

Und Hubmann fing sie in seinen Bildern ein wie kaum ein anderer Fotograf es konnte. Egal ob Politiker oder Schauspieler, auf Hubmanns Bildern stiegen die Stars von ihrem Thron aus sorgfältig arrangierten Bildern herab und zeigten sich als Menschen: Romy Schneider etwa, die sich auf einem Flug nach Indien vor Hubmanns Linse mit einer Gabel einen Bissen in den weit aufgerissenen Mund schiebt, ihr göttliches Gesicht verzerrt zu einer komischen Fratze entrückten Genusses. Aufgeschreckt blickt sie in die Kamera, als hätte Hubmann sie ertappt.

Oder Franz Josef Strauß: Den CSU-Politiker kannte die ganze Republik nur als polternden Machtmenschen, der in stiernackiger Angreiferpose und mit brachialer Rhetorik dem politischen Gegner an die Kehle ging. Für Hubmann zeigte er sich höchst privat, in weit geöffnetem Hemd und knapp sitzender Turnhose, keine Spur mehr von der furchteinflößenden Unangreifbarkeit seiner Figur - wieder einmal war für Hubmann war ein Denkmal vom Sockel gestiegen.

Pionier der Fotoreportage

"Ein Besessener der Kamera bin ich", schrieb der begnadete Fotoreporter einmal über sich selbst. Hubmann, geboren 1910 im niedersächsischen Freden, gestorben am 8. Mai 1996 in Ulm, Mitbegründer der Illustrierten "Quick", gehörte für ein halbes Jahrhundert zur fotografischen Crème de la Crème Deutschlands. Heute lagert das Vermächtnis eines der bestbezahlten deutschen Pressefotografen auf 30 Metern Regalbrettern im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin; geschätzte 800.000 Schwarzweiß- und 30.000 Farbnegative hat er dem Archiv vermacht.

"Hubmann hat Zeitgeschichte geschrieben", sagt sein ehemaliger Kollege Heinrich Jaenicke, weil er "den Blick dafür hatte, was der historische Moment ist". Begonnen hatte die Karriere des Bergwerksdirektor-Sohnes bodenständig. Es war in Darmstadt, 1930, als sich der 20-Jährige durch die Massen der Olympischen Spiele der Studenten drängte. Mit einer billigen 4-Mark-Kamera schoss Hubmann ein paar Fotos und ließ sie entwickeln. Der Inhaber des Labors war begeistert von den Aufnahmen und schickte den jungen Mann zu der Frankfurter Regionalzeitung "Das Illustrierte Blatt". Dessen Chefredakteur empfahl Hubmann eine Ausbildung zum Bildjournalisten.

Der Beruf des Fotoreporters steckte da noch in den Kinderschuhen. Zwar veröffentlichten Zeitungen schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Fotos. Die Bilder sollten allerdings vor allem das gedruckte Wort illustrieren, nicht etwa eigene Geschichte erzählen. Ohnehin: Nachrichtenfotos oder gar Fotoreportagen zu schießen war kaum möglich mit den unhandlichen Riesenapparaten der damaligen Zeit und ihren langen Belichtungszeiten. Erst als die Firma Leica Mitte der zwanziger Jahre eine handliche und schnelle Kamera entwickelte, änderte sich das. Die Möglichkeit, mehrere Fotos kurz hintereinander zu schießen, ermöglichte eine ganz neue Art des Journalismus - Hubmann zählte zu dessen Pionieren.

Kindische Spielerei mit der Leica

1931 zog er für eine Fotografenausbildung nach München. Als das Oktoberfest wenig später das erste Mal seit 80 Jahren einschneite, schwang er sich auf sein Fahrrad, radelte durch den morgendlichen Schnee zur Theresienwiese und drückte ein paar Mal ab. Die Fotos verschickte er an fast alle deutschen Zeitungen: 48 von 60 Bildern wurden gedruckt. Vom Dekan der Fotografenschule allerdings fing sich der umtriebige Studierende dafür ein Donnerwetter ein: Die Leica sei "eine kindische Spielerei", Hubmann solle sich entscheiden, was er wolle - die Leica oder eine ordentliche Ausbildung. Hubmann wählte die Kamera.

Die "kindische Spielerei" erwies sich für ein Ausnahmetalent wie Hubmann schnell als lohnendes Metier. Hubmann gründete eine eigene Fotoagentur, setzte auf modernste Ausrüstung und strich bald von der "Münchner Illustrierten" 250 Reichsmarkt pro Foto ein - in etwa so viel, wie ein Postassistent damals in einem Monat verdiente.

Als 1933 die Nazis an die Regierung kamen, geriet Hubmann ahnungslos in die Fänge der beginnenden Diktatur. Auf einer Privatparty lichtete er kurz nach der "Machtergreifung" einen Mann ab, der sich als Adolf Hitler verkleidet hatte und den "Führer" parodierte. Über Zuträger, so berichtete es Hubmann nach dem Krieg, erreichte das Motiv den Diktator, der das Foto ganz und gar nicht zum Lachen fand. Die Partygäste und der Fotograf selbst, erinnerte sich Hubmann, wurden inhaftiert, erst nach fünf Wochen sei er wieder freigekommen. Doch es war wohl noch Glück im Unglück, denn im Jahr darauf erließen die Nazis das sogenannte Heimtückegesetz, welches das Veralbern der NSDAP-Führung unter Strafe stellte.

Kriegsfotograf Hubmann

Trotz dieses Ausrutschers engagierte die von den Nazis längst gleichgeschaltete "Berliner Illustrierte" Hubmann 1936 für 25.000 Reichsmark pro Jahr - das Gehalt eines preußischen Staatssekretärs. Dann allerdings kam der Krieg, 1941 wurde der Starfotograf eingezogen und mit einer Kamera bewaffnet an die Ostfront geschickt. Mit Bildern von lachenden Soldaten und einer friedlichen Idylle abseits von Panzern und Granaten sollte Hubmann das große Morden für die NS-Propagandazeitschrift "Signal" als Urlaubsreise durch Europa ins Bild rücken.

Hubmann tat sein Bestes, den grauen Krieg mit einer fröhlichen, farbigen Scheinwelt zu übertünchen. Auf einem seiner Fotos aus dieser Zeit sieht man deutsche Soldaten, die sich in voller Kampfmontur ein gebratenes Hühnchen gönnen. Die Sonne scheint, die Männer müssen die Augen zusammenkneifen. Mit schmutzigen, staubigen Händen halten sie die Keulen in der Hand, beißen grinsend in das Fleisch, während einer der Soldaten den Rest des Festbratens hoch in die Kamera hält, als stemme er einen Goldpokal. Das Foto ist nicht gestellt, sondern eine typische Hubmann-Momentaufnahme - die vor der Kulisse des Zweiten Weltkriegs mit seinen Millionen von Toten unfreiwillig grotesk wirkt.

Hubmann ließ sich durchaus willig zum Werkzeug der NS-Propaganda machen, Mitglied der NSDAP wurde der Fotograf aber nicht. "Er war opportunistisch", urteilt Hubmanns Sohn Andreas heute, "Hitler, Castro, Kennedy - er hat da keinen Unterschied gemacht. Das waren für ihn Objekte." "Er war völlig unpolitisch", ergänzt auch Ex-Kollege Jaenicke.

Himmlische Jahrzehnte

Als der Krieg 1945 endete, startete Hubmann sofort durch. Es hatte ihn in ein Dorf bei Nürnberg in der amerikanische Besatzungszone verschlagen. Dort engagierten Redakteure der US-Armeezeitung "Stars and Stripes" den ehemaligen "Signal"-Fotografen vom Fleck weg für ihr eigenes Blatt - Hubmann erkannte die Chance, tauschte die Wehrmachtsklamotten für eine US-Kluft und dokumentierte in den folgenden drei Jahren für die Amerikaner, was von Deutschland übriggeblieben war.

Es sind vor allem Schwarzweißbilder, die vom Aufbau erzählen, von körperlicher Arbeit zwischen Schutt und Staub und von einer neuen Generation: der schwarze GI mit dem deutschen Mädchen im Arm oder ein Pappschild, das den Weg durch Ruinen in den Keller eines zerstörten Hauses weist: "Feinkost Gevekoh wieder eröffnet." Hubmanns Bildsprache strotzte vor Symbolen und Metaphern.

Als der Verleger Dietrich Kenneweg und Hubmanns Ex-"Signal"-Kollege Franz Hugo Mösslang ihn 1948 fragten, ob er mit ihnen zusammen eine neue Illustrierte aufbauen wollte, sagte Hubmann sofort zu. Mit seinen Bildern machte er die Münchner "Quick" für Jahrzehnte zur schärfsten Konkurrenz für Blätter wie den "Stern" oder die "Bunte" und prägte in den sechziger und siebziger Jahren den deutschen Fotojournalismus mit. Es waren himmlische Jahrzehnte für Illustrierte - und Hubmann schwebte gemeinsam mit der "Quick" (die 1992 eingestellt wurde) auf Wolke Sieben.

Hübsch oder hässlich

Bis 1980, als er mit 70 Jahren aus dem Tagesgeschäft ausstieg, war Hubmann "gute zwei Dutzend Mal um die ganze Erde" geflogen, wie er einmal vorrechnete. Staatsmänner wie John F. Kennedy, Fidel Castro, Nikita Chruschtschow oder Willy Brandt ließen sich nur zu gerne von ihm ablichten - selbst als er schon im Ruhestand war: Helmut Kohl porträtierte Hubmann noch 1984 einmal für die "Quick".

Das Urteil des Augenmenschen über die Großen und Wichtigen, Schönen und Reichen fiel dennoch sehr nüchtern aus: "Die Potentaten dieser Welt unterscheiden sich durch nichts von anderen Leuten", so Hubmanns Resümee aus einem halben Jahrhundert Fotografenerfahrung: "Sie sind hübsch oder hässlich, stehen da mit krummen Beinen und machen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, keineswegs die bedeutsamen und wichtigen Gesichter, die sie der Presse zeigen sollen."

Genau jenen Moment abzupassen und im richtigen Augenblick auf den Auslöser zu drücken, das war das Kapital Hanns Hubmanns. Und er machte reichlich Gebrauch davon. Franz Joseph Strauß konnte ein Lied davon singen.

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