Fotografie Demontage Amerikas

Knipsen, zerstören, neu zusammenfügen: Der Künstler Bob Scoverski erschafft mit seinen Collagen von Autos und Gebäuden seit 1988 Abbilder eines zerfallenden amerikanischen Traums. Im Interview mit Rainer W. Sauer spricht der Fotograf aus Seattle über die Poesie des Puzzelns.

Rainer W. Sauer/Quelle: Bob Scoverski, Seattle

Der amerikanische Traum ist groß, bunt und voller Dollars. Viele US-Amerikaner glauben noch immer daran, dass man diesen Traum mit persönlicher Anstrengung und nützlichen Fähigkeiten erreichen kann. Doch harte Arbeit allein ist keine Garantie für Erfolg oder die Position eines Menschen in der Gesellschaft. Der Traum löst sich auf, zerfällt in seine Einzelteile. Wie er sich dann präsentiert, das zeigt der, in Seattle beheimatete Photograph Bob Scoverski, der seit zwei Jahrzehnten den zerbrechenden amerikanischen Traum in einzigartigen Fotocollagen und Fotomontagen dokumentiert.

"Red Chevy", "Skyn Deep", "Table For Two", "Yellow Dodge" oder "Guild 45th" nennt er seine Werke, die in ihrem Ergebnis durchaus auch einmal an Bilder von Georges Braque oder Lyonel Feininger erinnern. Und immer wieder sind es vor sich hin rostende, amerikanische Autos, an denen Scoverski seine Photo-Technik fast schon exzessiv spielen lässt. Aus Hunderten von Detailfotos aus verschiedenen Blickwinkeln puzzelt er das große Ganze wieder zusammen.

Das Objekt erscheint dem Betrachter dabei auf den ersten Blick seltsam vertraut, irritierend sind jedoch die kleinen Veränderungen, die das Gesamtbild fragil erscheinen lassen. Der "Yellow Dodge" würde, obwohl er in Scoverskis Portrait grandios aussieht, so niemals fahren können, die "Space Needle" in Seattle könnte im präsentierten Zustand keine zehn Minuten zusammenhalten, der "Sculpture Park" wirkt wie die Kulisse aus einen Science-Fiction-Film. So erkennt der Betrachter in Scoverskis Fotocollagen die Zerbrechlichkeit der Symbole des amerikanischen Traums.

Frage: Wie entstehen Ihre Collagen?

Bob Scoverski: Ich arrangiere und re-arrangiere Einzelfotos, Fixieren die Teile mit Klebefilm und befestige sie am Ende mit Klebstoff auf einem Brett.

Frage: Wie entscheiden Sie, was ihr nächstes Motiv wird?

Scoverski: Der finale visuelle Effekt einer Collage, die Wirkung des Ergebnisses, bringt mir die Idee für mein nächstes Projekt. Ideen entstehen auch dadurch, dass ich mit jedem neuen Motiv versuche, Stil und Technik weiter zu verfeinern. Grundsätzlich gibt es täglich Situationen, Objekte oder Gebäude, die ich betrachte. Ich sehe dann schon einen großen Teil der späteren Collage vor mir.

Frage: Warum bilden Sie immer wieder Autos ab?

Scoverski: Ich kann das nicht rational erklären. Alte rostige Fahrzeuge ziehen mich wie magisch an. Ich betrachte das Auto dann in aller Ruhe, denke darüber nach, wie ich es aus welchem Winkel und aus welcher Entfernung abbilden muss, um die Fotocollage zu erreichen, die sich in meinem Kopf langsam entwickelt.

Frage: Was macht den Reiz bei der Endmontage der einzelnen Fotos aus?

Scoverski: Die Zeit, die ich damit verbringen muss, die Collage zu konstruieren. Wenn ich die Fotos bearbeite, passiert oft ein magischer Moment, egal ob es Papierfotos sind, die ich mit der Hand verschiebe oder elektronische Fotos im Computer. Die Natur der Fotos ermöglicht einem plötzlich eine völlig andere Sichtweise auf das ursprüngliche Objekt. Es kommt vor, dass sich eine Arbeit durch die Kanten und Linien der Fotos in eine völlig neue Richtung bewegt.

Frage: Wie lange arbeiten Sie an Ihren Collagen?

Scoverski: Auch wenn das jetzt versponnen klingt: gelegentlich entwickelt sich die Arbeit an einer Collage zu einem Kampf mit einem Biest. Das Tier besiegt mich gelegentlich und ich muss ein, zwei Monate Pause machen. Dann habe ich wieder genug Kraft geschöpft, um das Werk abzuschließen, so wie ich es mir zuvor gewünscht hatte. Normalerweise arbeite ich etwa zwei Wochen an einem Foto-Objekt.

Scoverski wurde 1962 in einem Nest namens Jersey Shore in Pennsylvania geboren und hat die Kleinbürgerlichkeit des Amerika der sechziger und siebziger Jahre, dem schon David Lynch ("Blue Velvet") ganze Filme widmete, hautnah miterlebt. Seine Mutter ließ sich scheiden, als der Junge gerade mal fünf Jahre alt war und arbeitete von morgens bis spät abends, um Bob und seine zwei Schwestern ernähren zu können.

Scoverski besuchte dank eines Stipendiums das Pennsylvania State College. Er interessierte sich zuerst für Mikrobiologie, spezialisiert sich dann aber auf Informatik. Als Ausgleich besuchte er einen Kurs für Bildende Kunst, fand Gefallen an der Fotografie, konnte sich aber aufgrund fehlenden Geldes keine professionelle Kameraausrüstung leisten.

Nach seinem College-Abschluss im Jahre 1986 fand Scoverski einen Job bei den Boeing-Flugzeugwerken und zog nach Seattle. Sein Einkommen ermöglichte ihm nun eine professionelle Ausbildung in Fotografie und er begann Ende 1986 sein neues Betätigungsfeld mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Personen und Gegenständen. Eines Tages, im Sommer 1988, las er einen kurzen Artikel über eine ältere Dame, die Fotos knipste, aus diesen Teile ausschnitt und diese zu Bildcollagen zusammenfügte. Dies faszinierte Bob Scoverski so sehr, dass er noch am selben Tag loszog, um die erste seiner Fotocollagen zu beginnen.

Einige Jahre später fand er über eine Ausstellung von Bildern des englischen Malers und Fotografen David Hockney Zugang zu dessen Werk. Dies inspirierte Scoverski zu Dutzenden eigener Montagen und Collagen von Symbolen des amerikanischen Traums auf Fotopapier.

Die meisten seiner Werke verschenkte Bob in der Anfangszeit an Familienmitglieder und Freunde, andere verkaufte er über kleinere Galerien in Seattle und Umgebung. Seit zwei Jahren ging Scoverski zwei weitere Wege. Zum einen indem er mit verschiedenen Malern zusammenarbeitete, die seine Fotocollagen in Öl auf Leinwand bannten. Zum anderen indem er sich verstärkt der digitalen Fotografie widmete, die ihm weitere Möglichkeiten für die Kreation komplexer Motive eröffnete. Außerdem, so Scoverski im Gespräch, konnte er so seine Bilder besser über das Internet vermarkten. Trotzdem verkauft er seine Bilder vom zerbrechenden amerikanischen Traum weiterhin am liebsten in einer kleinen Fotokunstboutique in Seattle.



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