Fotografie Die Farbe des Krieges

Fotografie: Die Farbe des Krieges Fotos
Hans Hildenbrand

Grüne Uniformen, blutroter Mohn, Ruinen unter blauem Himmel: 19 offizielle Fotografen dokumentierten auf deutscher Seite den Ersten Weltkrieg - einer knipste in Farbe. Nun sind die spektakulären Zeitdokumente erstmals in einem Buch erschienen. Sie verändern unseren Blick auf die europäische Katastrophe vor 90 Jahren. Von Peter Walther

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Der Erste Weltkrieg ist für die Nachgeborenen Horror in Schwarzweiß. Die Bilder der umgepflügten Landschaften Flanderns und Nordfrankreichs sind in das kollektive Gedächtnis Europas und der Welt in Grauschattierungen eingebrannt - und irgendwie schien das zum furchtbaren Geschehen auch zu passen. Dass auch über der Somme die Sonne schien und im Frühling Blumen in den Granattrichtern blühten, ist der Nachwelt bestenfalls aus Soldatengedichten bekannt, die den blutroten Klatschmohn über Gräberfeldern besingen.

Dass bereits im Ersten Weltkrieg in Farbe fotografiert wurde, wussten bis vor kurzem nur wenige Experten. Erst 2004, zum 90. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, wurden die Medien erstmals in größerem Stil auf Farbaufnahmen aufmerksam, die französische Fotografen in den Jahren 1914 bis 1918 an der Front gemacht hatten. Dass auch auf deutscher Seite das Geschehen in den Schützengräben und in der Etappe von offiziellen Kriegsfotografen in bunten Bildern festgehalten wurden, ist bis heute so gut wie unbekannt.

Farbfotografien gab es als Unikate bereits seit dem 19. Jahrhundert. Als erste gelungene Farbfotografie, die sich bis heute erhalten hat, gilt eine Aufnahme des französischen Erfinders Louis Ducos du Hauron von 1878, auf der die Heimatstadt des Fotografen, Agen (Gers), zu sehen ist. Nach einer Vielzahl von Verfahren entstanden in den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten Einzelstücke von Farbaufnahmen, deren Entstehung sämtlich auf dem Prinzip beruhte, dass sich alle Farben durch die Mischung der drei Grundfarben Rot, Grün und Blau darstellen lassen.

Offiziell akkredierte Kriegsfotografen

Die Verbreitung der frühen Farbfotografie erfolgte in zwei Schritten: Zunächst gelang es unter anderem durch die Forschungen des Berliner Fotochemikers Adolf Miethe, farbige Fotos aufzunehmen, die ab 1902 im Drei-, später im Vierfarbendruck reproduziert wurden. Das Aufnahmeverfahren, das der Dreifarbenfotografie zugrunde lag, war jedoch nur für die Reproduktion im Druck, nicht aber für den privaten Gebrauch geeignet.

In einem zweiten Schritt wurde die Farbfotografie mit der Einführung der sogenannten Autochrom-Platten durch die Gebrüder Lumière (1907) popularisiert. Nunmehr entstanden aus den belichteten Fotoplatten farbige Durchsichtbilder, die projiziert oder auch im Druck reproduziert werden konnten. Das Verfahren blieb für Amateure bis zur Einführung des modernen Dia-Farbfilms (1935 Kodacolor, 1936 Agfacolor) die einzige praktikable Möglichkeit, farbig zu fotografieren.

Bei den hier abgebildeten Fotos handelt es sich durchweg um Autochrom-Aufnahmen, die während des Krieges im Druck erschienen sind. Der Stuttgarter Fotograf Hans Hildenbrand (1870-1957) hatte seit 1909 mit Autochromen fotografiert. 1911 gründete er die Farbenphotographische Gesellschaft und vermarktete seine Farbaufnahmen aus allen Gegenden Mitteleuropas erfolgreich in Büchern, als Ansichtskarten und Stereoskopbilder. Als Stuttgarter "Hof-Photograph" gehörte er 1914 zu den neunzehn offiziell akkreditierten Kriegsfotografen. Er war der einzige, der die Kriegsschauplätze 1915 und 1916 im Elsass, in den Vogesen und in der Champagne aus deutscher Perspektive in Farbaufnahmen festhielt.

Sammelbände mit Farbbildern während der Schlacht

Auf Seiten der Entente gab es dagegen mehrere Fotografen, die auch in Farbe fotografierten. Neben britischen und australischen Bildjournalisten waren es vor allem die Franzosen Paul Castelnau, Fernand Cuville, Léon Gimpel und Jules Gervais-Courtellemont, die sich der damals modernen Autochrom-Technik bedienten. Jules Gervais-Courtellemont (1863-1931) brachte seine Farbfotos von der ersten Marne-Schlacht und von der Schlacht bei Verdun mit begleitenden Texten noch während des Geschehens als Sammelband in Einzellieferungen heraus.

Es sind die einzigen zeitgenössischen Buchveröffentlichungen, die Fotos vom Kriegsgeschehen in Farbe bieten. Diese Aufnahmen dienten den hier abgedruckten Fotos von Gervais-Courtellemont als Vorlage.

Dass die Aufnahmen, soweit Menschen auf ihnen zu sehen sind, inszeniert wirken, hat nicht nur mit der zeitgenössischen fotografischen Ästhetik oder mit der propagandistischen Wirkungsabsicht beider Fotografen zu tun, es hat darüber hinaus auch einen technischen Grund: Die geringe Empfindlichkeit der Platten erzwang den Verzicht auf die Abbildung bewegter Szenen. Die militärische Zensur spielte übrigens in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle.

Freizügige Darstellung der Zerstörungen

Zwar gab es bereits seit Ende August 1914 Fotografierverbote für einzelne Städte und Regionen, aber sie betrafen vor allem die Abbildung strategisch wichtiger Anlagen und Waffen. Erstaunlich ist vielmehr - auf dem Hintergrund der Praxis im Zweiten Weltkrieg, in dem die Abbildung von Kriegszerstörungen als defätistisch galt -, mit welcher Freizügigkeit das Zerstörungspotential des Krieges im Bild festgehalten und verbreitet wurde. Dies mag vor allem daran gelegen haben, dass der Großteil der Zivilbevölkerung, anders als im Zweiten Weltkrieg, von den Schrecken des Krieges verschont geblieben ist.

Hans Hildenbrand und Jules Gervais-Courtellemont, die sich während des Kriegs als Fotografen in feindlichen Lagern gegenüberstanden, gehörten nach dem Ersten Weltkrieg zu den wichtigsten Beiträgern von Farbaufnahmen für das amerikanische Magazin "National Geographic". Zuletzt veröffentlichte Hildenbrand dort 1937 Farbfotos für den Beitrag "Changing Berlin", der aus US-amerikanischer Perspektive die Entwicklung Berlins unter dem NS-Regime reflektiert. Bei einem Bombenangriff auf Stuttgart ging 1944 das Archiv Hildenbrands unter, so dass einzig die zeitgenössischen Reproduktionen der Farbfotos überliefert sind. Die Firma "Photo-Hildenbrand" bestand bis 1997.

Der Autor Dr. Peter Walther ist Mitarbeiter des Brandenburgischen Literaturbüros in Potsdam und Herausgeber des Bandes "Endzeit Europa. Ein kollektives Tagebuch deutschsprachiger Schriftsteller, Künstler und Gelehrter im Ersten Weltkrieg", Wallstein-Verlag, Göttingen 2008, 431 Seiten, 29,90 Euro, dem dieser leicht überarbeitete Text und die Bilder entnommen sind.

Das Buch können Sie im SPIEGEL Shop bestellen.


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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Max Schneider 12.11.2008
Und jetzt die spannende Frage: WO waren diese Bilder 90 Jahre lang?
2.
michael buchholz 18.11.2008
Ich habe enorme Zweifel an der Authentizität der Bilder, bzw. der Farben. 1.) Die deutschen Uniformen während des 1. Weltkrieges waren nicht etwa grün, sondern Feldgrau. 2.) Lederkoppel und Patronentaschen der Mannschaften waren ab 1915 generell schwarz, ggfs. noch braune Restbestände waren auf Grund einer Armeevorschrift umzufärben. Daher vermute ich, dass es sich um nachträglich bearbeitete Aufnahmen handelt, die mittel Eiweisslasurfarben oder chemischer Filterungsprozesse koloriert wurden. Zudem ein Hinweis: Der 1. Weltkrieg war keine "europäische" Katastrophe. Spanien, Schweden, Schweiz u.a. blieben völlig neutral
3.
Werner Mueller 07.05.2009
" Zudem ein Hinweis: Der 1. Weltkrieg war keine "europäische" Katastrophe. Spanien, Schweden, Schweiz u.a. blieben völlig neutral " Diese Aussage ist angesichts von geschätzten 10 Mio. militärischer Opfer, 7 Mio. ziviler Opfer und 20 Mio. Verwundeter in etwa so sinnvoll wie folgende: "Das Haus ist nicht abgebrannt, der Keller ist ja noch erhalten."
4.
Oliver Kluge 21.10.2013
"Nach einer Vielzahl von Verfahren entstanden in den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten Einzelstücke von Farbaufnahmen, deren Entstehung sämtlich auf dem Prinzip beruhte, dass sich alle Farben durch die Mischung der drei Grundfarben Rot, Grün und Blau darstellen lassen. " Allerdings arbeitet Farbfotografie subtraktiv, d.h. mit den Grundfarben Cyan, Magenta und Gelb. Übrigens wäre es schön, wenn man weiter oben kennzeichnen würde, dass der Artikel schon ein halbes Jahrzehnt alt ist (20008), wenn man ihn im Jahr 2013 wieder auf der Frontseite von SPON verlinkt. Dann stolpert man auch nicht über die Katastrophe die "vor 90 Jahren" geschah, wenn es nun schon bis auf 1 Jahr 100 Jahre sind...
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