Fotografie Bill Gates, Bildergott

Kaufen, kaufen, kaufen! 1989 witterte Bill Gates ein Riesengeschäft - den Handel mit Digitalbildern. Er gründete eine Fotoagentur, sicherte sich wie im Rausch die Rechte an berühmten Motiven und übernahm legendäre Archive. einestages zeigt die besten Motive aus den ersten 20 Jahren Bilderjagd.

Corbis

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John D. Rockefeller hatte es vorgemacht. Der Ölmagnat und einst reichste Mann der Welt blieb nicht einfach auf seinen Geldbergen sitzen, sondern investierte in Kunst. Eine Tradition, die seine Großfamilie über Jahrzehnte fortsetzte, indem sie ein kostbares Gemälde nach dem anderen erwarb oder gleich ganze Museen gründete. Bill Gates, Microsoft-Gründer, Multimilliardär und derzeit wieder reichster Mann der Welt, ist ein wenig der John Rockefeller des 20. Jahrhunderts. Nur: Seine Gemälde sind nicht aus Öl. Seine Sammlungen brauchen keine riesigen Ausstellungsräume. Bill Gates sammelt Fotografien - und speichert Millionen aktuelle, berühmte und historische Aufnahmen in einer gewaltigen digitalen Datenbank.

1989 dämmerte Gates, dass im Zeitalter der Digitalisierung der Handel mit Fotorechten ein Milliardengeschäft werden könnte. Es war eine Zeit, in der durch den Siegeszug von Fernsehen und Internet die Bedeutung des Visuellen immer wichtiger wurde. Sogar erzkonservative Zeitungen veränderten radikal ihr Layout und druckten plötzlich bunte Fotos inmitten von einstigen Textwüsten. Das Internet gierte nach spektakulären Aufnahmen, das Fotografieren wurde billiger und simpler, die Speichertechnik für große digitale Datenmengen machte rasante Fortschritte - und Bill Gates handelte nach seinem alten Prinzip: überall mitzumischen, und das möglichst früh.

Als erster Großindustrieller von Weltrang stieg Gates 1989 in den Fotomarkt ein, gründete die Bildagentur Interactive Home Systems, die sich später in Corbis unbenannte - und wirbelte den traditionellen Fotomarkt kräftig durch. Es war der Startschuss zu einem scharfen Verdrängungswettbewerb, einer Welle von Übernahmen, Fusionen und harten Umbrüchen im Geschäft mit den Fotorechten. 20 Jahre später, feierte sich die Fotoagentur Corbis ein wenig selbst. Eine hauseigene Jury wählte dazu aus dem gigantischen Fundus von mehr als 100 Millionen Fotos zwanzig Motive aus, für jedes Jahr das beste Bild. Bei der Auswahl zählten aber nicht nur Optik und Bekanntheitsgrad, sondern auch der Faktor Geld: Welche Fotos waren besondere Verkaufsschlager?

Wie Bill Gates an Einstein verdient

Herausgekommen ist eine bunte Mischung emotionaler Aufnahmen, die an zentrale Wendepunkte der jüngsten Zeitgeschichte erinnern, ja mitunter schon Teil unseres kollektives Gedächtnis sind: Ein junger Mann sitzt im November 1989 triumphierend auf der Berliner Mauer. Ein Kind weint 1994 in Ruanda neben der Leiche seines ermordeten Vaters. Ein einsamer Feuerwehrmann steht 2001 verloren in den rauchenden Ruinen des World Trade Center in New York, brillant festgehalten in einer düsteren Schwarzweiß-Fotografie.

Aber da es bei der Auswahl nur um Aufnahmen aus diesen 20 Jahren ging, blieben Corbis' echte Fotoschätze in der Kiste - darunter etliche weltberühmte Bild-Ikonen: Wer heute Albert Einstein mit herausgestreckter Zunge, Marilyn Monroe mit hochfliegendem Rock oder den dreijährigen John F. Kennedy Junior salutierend am Sarg seines ermordeten Vaters zeigen will, zahlt indirekt in Gates' Milliarden-Imperium. Denn Corbis kaufte 1995 in einem spektakulären Deal das legendäre Bettmann-Archiv auf, angelegt von dem deutschstämmigen USA-Immigranten Otto L. Bettmann. Der wurde zu Lebzeiten respektvoll "The Picture Man" genannt und schuf in den dreißiger Jahren die Grundlage für die seinerzeit weltweit größte Sammlung historischer Fotografien.

Und Corbis legte ein paar Jahre später noch einmal spektakulär nach und kaufte die angesehene Pariser Bildagentur Sygma. Das 1973 von einem Fotografenkollektiv gegründete Unternehmen zählte dank seiner renommierten Fotoreporter schon zu Zeiten des Vietnam-Kriegs zur Elite des internationalen Fotojournalismus. Mit dem Coup sicherte sich das Gates-Imperium die Rechte an 40 Millionen Farbdias, Negativen und Abzügen. Damit allerdings stellte es sich einer kostspieligen Mammutaufgabe: Um diesen einzigartigen visuellen Nachlass vor dem Verfall zu schützen, werden die Bilder in einem Hightech-Archiv in Frankreich bei minus drei Grad Celsius gelagert. Sie müssen aufwendig klassifiziert und digitalisiert werden, bis heute ist nur ein Bruchteil online verfügbar.

Duell zweier Milliardäre

Gates' erfolgreiche Einkaufstouren lockten bald Nachahmer an. Schon Anfang der neunziger Jahre kristallisierte sich der härteste Konkurrent heraus: Mark Getty, milliardenschwerer Enkel des texanischen Ölmagnaten Jean Paul Getty. "Intellektuelles Eigentum ist das Öl des 21. Jahrhunderts", sagt Mark Getty gern, der 1995 seine eigene Bildagentur Getty Images gründete. Bald kam es auf dem "Markt mit endlosen Möglichkeiten" zum erbitterten Zweikampf der beiden Großunternehmer - und das auch noch in einer Stadt: Getty Images wie Corbis haben ihren Firmensitz in Seattle an der amerikanischen Westküste.

Jahrelang lieferten sich die beiden Medienkonzerne ein Kopf-an-Kopf-Rennen, schnappten sich gegenseitig Fotosammlungen und Archive weg, investierten Hunderte Millionen Dollar und lösten eine regelrechte Goldgräberstimmung aus. Nachdem Gates mit dem Kauf der Bettmann- und Sygma-Archive vorgelegt hatte, zog Getty Images im Februar 2000 nach und erwarb für 220 Millionen Dollar die Bildagentur Visual Communications, weltweit die Nummer zwei der Branche. Corbis konterte nur kurz danach und übernahm die New Yorker Agentur Saba Press sowie die französische Sportfotografie-Agentur TempSport. Im Jahr 2000 besaßen beide Rivalen schließlich jeweils die Rechte an etwa 70 Millionen Fotos.

Das Kalkül beider Unternehmer war simpel: Möglichst schnell möglichst viele Bilder aufkaufen, digitalisieren, in Datenbanken einspeisen und dann die Nutzungsrechte weltweit über das Internet vermarkten. Lange sah es auch so aus, als könnten die beiden scheinbar unangreifbaren Agenturriesen den Markt auf Dauer dominieren, ja unter sich aufteilen. Doch Gates und Getty hatte eine Entwicklung nicht vorhergesehen: Seit jeder Hobbyfotograf dank digitaler Fototechnik qualitativ gute Bilder erzeugen und im Internet verkaufen kann, erlebte die Bilderbranche einen dramatischen Preisverfall. In den vergangenen Jahren gründeten sich vermehrt sogenannte Microstock-Häuser, die massenhaft Bilder auch zu Spottpreisen von teils einem Dollar verkaufen - das "Micro" steht für billig. Die Nachfrage nach Fotos zu Schleuderpreisen ist gerade im Internet geradezu explodiert, so dass die zahllosen Microstock-Agenturen sogar die beiden Medienmogule das Fürchten lehren - zumindest ein wenig.

Und mit noch einer Prognose lag Bill Gates bisher falsch: Ursprünglich war er überzeugt, dass Flachbildschirme bald so günstig sein würden, dass irgendwann in den meisten Häusern etliche Bildschirme an den Wänden hängen und hochauflösende Fotos zeigen würden - als Ersatz für das klassische Gemälde. In Gates' Privathaus ist die Vision schon Realität, doch bisher orientieren sich die meisten Kunstliebhaber doch noch an der Idee der alten Rockefeller-Dynastie: Sie sammeln lieber analoge Originale oder echte Ölgemälde - und keine digitalen Abbilder, die auf einen USB-Stick passen.


Anm. d. Red.: Corbis wurde 2016 von Unity Glory, einem Unternehmen der chinesischen Visual China Group gekauft. Außerhalb von China hat der einstige Konkurrent Getty die Lizensierung der Bilder übernommen.

insgesamt 6 Beiträge
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Björn Steinz, 24.09.2009
1.
Warum werde die Namen der Fotografen die diese Bilder erst möglich gemacht haben nicht erwähnt und alles nur unter dem anonymen Agenturnamen CORBIS veröffentlicht ? Das erscheint mir respektlos.
Ralf Bülow, 25.09.2009
2.
Getty Images hat aber das TIME-LIFE-Archiv, das beste von allen ! Das kriegt Bill Gates nicht.
Tobias Dorra, 25.09.2009
3.
(fast) nur Leid und Elend, Krieg und Tote in diesen Bildern. Sind _nur_ das die "berühmten Motive" die es zu zeigen lohnt?
Björn Steinz, 25.09.2009
4.
Kompliment und herzlichen Dank an die Redaktion von "einestages" für das nachträgliche Einfügen der Fotografen Namen - ich denke die Urheber dieser Bilder verdienen es wirklich genannt zu werden um nicht in der Anonymität zu versinken.
Volker Kleinhenz, 29.03.2016
5. Research Gate
Bill Gates finanziert(e) auch Researchgate, was es ganz und gar nicht so ernst mit Copyright nimmt, und dies von deutschen Boden.
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