Fotografie am Abgrund Glücklich in der Gosse

Fotografie am Abgrund: Glücklich in der Gosse Fotos
Anders Petersen

Trinker und Transvestiten, Huren und Heroinsüchtige, Diebe und Dunkelmänner: Der Fotograf Anders Petersen hat Anfang der Siebziger in der legendären Hamburger Kneipe "Lehmitz" fotografiert. Seine packenden Bilder zeigen Menschen, die ganz unten angekommen sind - und dennoch ihre Würde bewahren. Von

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Es gibt Menschen, die man nicht vergisst, obwohl man sie nie getroffen hat. Sie ruhen als schemenhafte Gestalten in der Erinnerung, um urplötzlich als Assoziationen aufzutauchen und uns zuzurufen: Hier bin ich, sieh mich an. Vergiss mich nie wieder. Eindrucksvolle Kunstwerke können diese Empfindung auslösen. So wie die Fotos von Anders Petersen. Zwei Jahre lang, von 1969 bis 1971, besuchte der schwedische Fotograf regelmäßig die Hamburger Bierhalle "Café Lehmitz" am Zeughausmarkt nahe der Reeperbahn und hielt mit seiner Kamera fest, was er dort sah.

Was er sah, erscheint heute, knapp 40 Jahre später, beim Betrachten seiner Bilder fast unwirklich. Es sind Szenen wie aus einer anderen Welt, aus James Joyces Dublin der Jahrhundertwende oder Otto Dix' Berlin der Zwischenkriegszeit. Das "Lehmitz", benannt nach einer gleichnamigen Getränkefirma, war so etwas wie die letzte Oase der Gestrandeten.

An der Glut des Gemeinschaftsgefühls wärmten sich hier all jene, die von der Gesellschaft längst ausgespuckt worden waren: Huren und Heroinsüchtige, Trinker und Transvestiten, Bettler und Berber, Diebe und Dunkelmänner. Im "Lehmitz" fanden sie das, was sie draußen auf der Straße vermissten: ein warmes Plätzchen, ein volles Glas, ein wenig Solidarität und auch mal ein Lächeln. Sie trugen Namen wie Korn-Uschi, Cherry, Der Zwerg oder Karin Jägermeister, andere nannten sich Ochse, Wermut, Pummel oder Blumen-Paul. Natürlich gab es Frauen, die Peter hießen, und manche von ihnen konnten sich in 40 Minuten 108 Korn hinter die Binde kippen. Sie soffen und stritten, lachten und weinten, tanzten und disputierten - und viele verrotteten jeden Tag ein Stückchen mehr.

Nicht Voyeur, sondern Dokumentar

Der damals 25-jährige Petersen war mittendrin in dieser Mischpoke. Er war Teil dieser seltsam verschworenen Gemeinschaft aus Gestrandeten - nicht als Voyeur, sondern als Dokumentar. "Ich möchte nicht, dass es eine Sozialpornografie wird", sagte er dem Münchner Journalisten Roger Anderson, der die Einleitung zu Petersens 1978 erschienenem Bildband verfasste. "Ich möchte nicht, dass du schreibst: Diese Frau ist Alkoholikerin und hat zwei kleine Kinder. Sie verkauft sich auf der Toilette." Vielmehr ging es dem Fotografen darum, das Elend und die Kälte, aber auch die Würde und das Zusammengehörigkeitgefühl dieser Menschen so zu zeigen, dass die Welt da draußen endlich aufmerksam würde auf die Armseligkeit und Ungerechtigkeit, die sie selbst hervorbringt.

Das sieht man Petersens Fotos noch heute an: Sein Blick durch die Kamera war nicht entlarvend, sondern solidarisch, nicht voyeuristisch, sondern liebevoll, ja fast kämpferisch. In all seiner Abgründigkeit verewigte er das "Lehmitz" als Symbol für Wärme, Freundschaft und Menschlichkeit. Deshalb ist es dankenswert, dass der lange Zeit vergriffene Bildband, der Petersens internationalen Ruhm begründete, mittlerweile neu aufgelegt wurde.

Das "Café Lehmitz" dagegen gibt es schon lange nicht mehr, im Jahr 1987 wurde das alte Gebäude abgerissen. Zwar nennt sich heute eine Musikkneipe auf der Reeperbahn "Lehmitz", aber Menschen wie Blumen-Paul oder Karin Jägermeister findet man dort nicht. Die sind mit großer Wahrscheinlichkeit längst tot. Doch in Anders Petersens Bildern leben sie weiter. Es gibt Menschen, die man nicht vergisst, obwohl man sie nie getroffen hat.

Zum Weiterlesen:

Anders Petersen: "Café Lehmitz". Schirmer/Mosel, München 2013, 116 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

Aufgezeichnet von Florian Harms

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1.
alexander Stotz 13.12.2007
Die Fotos sind in der Tat toll und strahlen eine morbide Ästhetik aus. Also keine Kritik and der Leistung des Fotografen. Was mich jedoch stört ist der Kommentar "...seine Bilder zeigen Menschen, die ganz unten angekommen sind - und dennoch ihre Würde bewahren." Das ist pseudo-soziologisches geschwurbel eines Redakteurs der eigentlich in die Mittagspause will. Ich kann nicht viel an Würde bewahren erkennen wenn betrunkene oder bekiffte Männer Alkoholkranken Huren in den Schritt fassen. Gerade das Würdelose and diesen Bildern ist was fasziniert. Schönen Gruß
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