Fotografie Wedeln oder Flachlegen?

Fotografie: Wedeln oder Flachlegen? Fotos
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Surrende Sounds, grünstichige Bilder: Sofortbilder mit der Polaroid-Kamera waren immer die etwas andere Art der Fotografie. Model-Scouts, Künstler und Kriminalkommissare fanden die Schnellknipskiste lange unersetzlich - jetzt stellt Polaroid die Produktion ein. Von

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Ein Fotoapparat, über einen Meter hoch und mehr als 100 Kilogramm schwer? Nichts für Schnappschüsse - aber für Liebhaber der Fotografie ist die Polaroid-Großformatkamera ein Kultobjekt. Auch im Digitalzeitalter schwören Künstler und Berufsfotografen für leuchtende Farbfotos und frische Schwarzweißaufnahmen im Format 50 mal 60 Zentimeter auf die größte je gebaute Sofortbildkamera.

In dieser Woche nun kam die Nachricht, dass die Firma Polaroid die Produktion des Sofortbild-Filmes einstellt. Noch in diesem Jahr sollen die Werke in den USA, in Mexiko und den Niederlanden geschlossen werden, gab das Unternehmen bekannt, 450 Mitarbeiter verlieren ihren Job - und zigtausenden Polaroid-Fans ihr Liebstes. Eine Ära geht zu Ende.

Sofortbildkamera? Was im digitalen Zeitalter Standard ist, war seinerzeit eine echte Sensation. Den Anstoß zu der revolutionären Erfindung, die die Kamera zum Skizzenblock und die Dunkelkammer überflüssig machte, gab die kleine Tochter des amerikanischen Physikers Dr. Edwin Herbert Land: Das Mädchen wollte die gemachten Bilder eben am liebsten sofort nach dem Fotografieren anschauen. Land ließ der scheinbar unerfüllbare Wunsch seiner Tochter nicht mehr los - und im Februar 1947 überraschte er die Weltöffentlichkeit mit einer revolutionären Kamera, der man kurz nach dem "Klick" ein fertig entwickeltes Bild entnehmen konnte.

Das Sofortbild als Kunst

Von Skeptikern anfangs als vorübergehendes Spielzeug verspottet, sind Polaroid-Kameras in den vergangenen 60 Jahren zur Legende geworden. Die eigentliche Neuerung lag dabei weniger in der Kamera selbst. Es war der dazugehörige "Trennbildfilm", bei dem ein von Land erfundenes Schnellentwicklungsverfahren das belichtete Negativ unmittelbar nach dem Fotografieren auf ein Positiv übertrug. Beim Herausziehen des Polaroidbilds aus der Kamera lief der Trennbildfilm zwischen zwei Walzen hindurch, die eine Entwicklerpaste zwischen Positiv und Negativ verteilten. Nach einer kurzen Wartezeit von 30 bis 90 Sekunden konnte man dann das fertige Positiv abziehen und bei Licht betrachten.

Zum Preis von 89,50 Dollar war die erste Polaroid-Kamera in den USA unter der Bezeichnung "Land Camera Model 95" ab Herbst 1948 im Handel - und in kürzester Zeit wurde der Firmenname zum weltweiten Synonym für Sofortbildkameras. Obwohl damit zunächst nur Schwarzweißfotos möglich waren, wurde schon 1956 die millionste Kamera verkauft. Vier Jahre später beschäftige die Polaroid Corporation in Boston/Cambridge, Massachusetts, bereits über 2.500 Mitarbeiter.

Land führte den Vorsitz über seine rasant expandierende Firma wie ein Physikdozent, der mit seinen Studenten in ein großartiges wissenschaftliches Abenteuer geraten war. Seine Erfindung sah Land nicht nur als kommerzielles Produkt, sondern von Anfang an auch als neues künstlerisches "Ausdrucksmedium". Schon früh hatte er deshalb den berühmten Landschaftsfotografen Ansel Adams als Berater engagiert, um die Produkte aus einem ganz anderen Blickwinkel bewerten zu lassen, als es die Techniker taten. Schon bald stellte Land Adams weitere begabte Fotografen zur Seite - viele der damals entstandenen Schwarzweißarbeiten bilden heute die Grundlage für die Polaroid Collection", inzwischen an der Harvard University beheimatet, die mehr als 22.000 Bilder von vielen bekannten Fotografen umfasst, darunter etwa Fotos von Helmut Newton.

Sofort ein Bild vor Augen

Mit astronomischen Zuwachsraten war die Polaroid Corporation Anfang der sechziger Jahre ein Lieblingskind der Wall Street geworden, Gründer Land längst Multimillionär mit einem geschätzten Privatvermögen von rund 150 Millionen Dollar. Doch er blieb vor allem eins: Erfinder. "Entdeckungen", so Land, "werden von wenigen Einzelnen gemacht, die sich von der üblichen Denkweise befreit haben und Altbekanntes mit frischem, ungetrübten Blick betrachten." Um seinen Mitarbeitern den zu ermöglichen, gewährte ihnen der Chef ungewöhnlich große Freiräume während der Arbeit. Weiterbildungskurse von der Chemie bis hin zur Fotografie sollten Kreativität fördern, häufig wurden Produktionsmitarbeiter an neuen Entwicklungsprojekten beteiligt, um so neue Talente und Interessen zu wecken.

Der Polaroid-Erfinder selbst verbrachte einen Großteil seiner Zeit im Labor des Firmensitzes in Cambridge bei Boston - wenn ein Projekt in die entscheidende Phase kam nicht selten Tag und Nacht. Den Sofortbild-Schwarzweißfilm entwickelte er so nahezu alleine und schuf bei der Entwicklung des 1963 vorgestellten Farbfilms zumindest die Grundlage weitgehend im Alleingang.

Ein Schwachpunkt der Sofortbild-Fotografie war in den ersten Jahren die relativ lange Wartezeit und vor allem die Notwendigkeit eines Zwischennegativs. Dieses machte die Herstellung des Trennbildfilms aufwendig und teuer. Mit dem neuentwickelten "Integralfilm" SX 70 wurde es dann ab 1973 möglich, innerhalb von zehn Sekunden fünf Bilder zu schießen, die sich dann binnen vier Minuten selbst entwickelten. Die Kameras für das SX-70-System schoben die belichteten Bilder unmittelbar nach der Aufnahme mit Hilfe eines kleinen Elektromotors mit dem typischen Surren heraus, um sich dann vor den Augen des Fotografen selbst entwickelten. Für Modefotografen und Modelscouts, Polizisten im Verkehrsdezernat und der Mordkommission zählte SX 70 in den Siebzigern und Achtzigern zur Standardausrüstung.

Das gewisse Etwas

Ende der siebziger Jahre warb in Deutschland der Schauspieler Hansjörg Felmy, als Kommissar Heinz Haferkamp in den frühen "Tatort"-Folgen zu Ruhm gelangt, in einer groß angelegten Kampagne für das neue System. Mit dem SX-70-System erschien auch eine Spiegelreflex-Faltkamera, die ab 1978 unter den Namen Revue von Foto Quelle angeboten wurde. Bis 1980 gelang es Polaroid die Bildqualität des Integralfilms weiter zu verbessern und die Entwicklungszeit zu verkürzen - allerdings gelang es nie, den typischen, leichten Grünstich der Polaroid-Fotos zu beseitigten.

Auch ein weitverbreiteter Irrglaube hielt sich hartnäckig: Frisch aus der Kamera entnommene Bilder wurden von Profis wie Amateuren oft heftig durch die Luft gewedelt, um damit die Entwicklung zu beschleunigen. Das allerdings schadete eher, als dass es nutzte: Allzu heftige Bewegungen konnten sogar zu einer Trennung der Chemikalien und zur Blasenbildung führen konnte. Am besten, so der Rat des Herstellers, legte man das Foto flach auf einen Tisch, wo es sich dann ganz ungestört optimal entwickeln konnte.

Der Anbruch des Digitalzeitalters in der Fotografie hat den exklusiven Vorteil der Polaroid zunichte gemacht. Gemessen an den mit Digicam oder dem Handy geschossenen Fotos von heute, die schon Millisekunden nach dem Drücken des Auslösers verfügbar sind, wirkt die einst so rasante und supermoderne Polaroid-Kamera wie ein Grammophon neben einem MP3-Player - minutenlang auf ein Bild warten, das war damals Fortschritt? Und die Pixel-Bilder von heute sind mit einem Mausklick vergrößer- und veränderbar, sie können sofort elektronisch verschickt und ohne Qualitätsverlust beliebig oft vervielfältigt werden - von Polaroids konnte man noch nicht mal einen zweiten Abzug machen, geschweige denn sie vergrößern.

Dass die Polaroid dennoch auch im 21. Jahrhundert ihre Fangemeinde hat, liegt an der Philosophie, die Erfinder Edwin Land ihr mit auf den Weg gegeben hat: Polaroid-Fotografie mag nicht mehr die schnellste sein - aber das "Ausdrucksmedium" Polaroid-Bild hat immer noch ein gewisses, spontanes, künstlerisches Etwas. Bei Polaroid-Fans herrscht nun Fatalismus. "Ich schätze, es war unvermeidlich", sagte ein Aficionado der Nachrichtenagentur AP. "Aber ich bin sofort losgegangen und habe mich eingedeckt." Womöglich gibt es ein wenig Hoffnung: Die kalifornische Firma Adesso Albums gab an, vom Produktionsende gewusst und Reserven angelegt zu haben. Mindestens noch bis Ende 2009 sollen die Sofortbildfilme erhältlich sein.

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1.
Erich Richard Arens 14.02.2008
Schöner Artikel, der allerdings nicht erwähnt, dass Land schon lange vor der Entwicklung der Sofortbild-Kamera reich geworden ist, weil er spezielle Polarisationsfilter erfunden hat - daher auch der Firmen-Name "Polaroid".
2.
Paul Kirchhoff 15.02.2008
Nachdem ich 1970 meine berufliche Laufbahn bei POLAROID begonnen habe, ist es mir ein Vergnügen, aus dieser spannenden Hoch-Zeit von POLAROID zu berichten! Damals war POLAROID ein absolutes must have Produkt und zum Glück habe ich viele Pola´s, die ich dann dieser Tage hochladen werde. Schade, dass nun meine Hardware-Sammlung der Kameras irgendwann mangels Filmen einstauben wird ;-(
3.
Sabine Hoffmann 15.02.2008
Das allererste Foto, dass von mir (Jahrgang 1979) gemacht wurde, war ein Polaroid-Foto.... Ich werde nicht der einzige Mensch sein, bei dem das so ist... Solche Dinge werden einem immer erst dann bewußt und man wird wehmütig, wenn man sie nicht mehr hat.
4.
Kerstin Kollmann 16.02.2008
"allerdings gelang es nie, den typischen, leichten Grünstich der Polaroid-Fotos zu beseitigten" Unwahr. 2006 brachte unsaleable.com gemeinsam mit Polaroid einen neuen, auf SX-70 Kameras ausgerichteten Integral-Film auf den Markt, der diesen Blau(!)stich (der bei vielen SX-70 EnthusiastInnen überaus beliebt ist/war) nicht aufweist: http://www.sx70blend.com/ Was mir auch gefehlt hat: Eine Erwähnung der Webseite http://www.polanoid.net/, da diese mittlerweile wohl die größte Online-Sammlung von Sofortbildfotografie weltweit darstellt. (Die beiden Webseiten werden - nicht verwunderlich - von demselben Team von Polaroidliebhabern betrieben, und nein, ich gehöre nicht dazu, finde die Initiativen, die sie gesetzt haben, aber wahnsinnig toll und wichtig, deswegen auch hier mein Kommentar.)
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