Historische Bunkeranlagen Vom Riesen-Ski zum Raketensilo

Sie sollten Abschussrampen und neue Waffentechnologien schützen, jetzt sind viele Bunker des Zweiten Weltkriegs Museen oder Trümmerhalden. Martin Kaule begab sich auf eine Suche nach den Kolossen aus Stahlbeton und ihrer Geschichte.

Martin Kaule/ orte-der-geschichte.de

Nur wenige Tage nach dem D-Day begann die deutsche Wehrmacht am 13. Juni 1944 nach dem Befehl "Rumpelkammer" mit dem Einsatz einer neuartigen Fernwaffe: der mehr als acht Meter langen Fieseler Fi-103. Das stählerne Monstrum, vom NS-Regime zuerst als "Wunderwaffe", später zynisch als "Vergeltungswaffe 1" bezeichnet, gilt heute als erster Marschflugkörper der Welt.

Bis zum März 1945 würden insgesamt mehr als 32.000 Fi-103 produziert werden, wovon knapp ein Drittel in Richtung London und etwa 6500 Stück auf Antwerpen verschossen wurden. Mehr als 10.000 Menschen sollten durch die Waffe ihr Leben verlieren.

Doch auch die propagierte "Wunderwaffe" konnte den militärischen Zusammenbruch des NS-Regimes nicht mehr aufhalten. Denn die eigens errichteten verbunkerten Abschussstellungen wurden von den Alliierten frühzeitig aufgeklärt und gezielt aus der Luft angegriffen. Zur geschützten Unterbringung der fertig montierten "Flügelbomben" hatte man Bunkerbauten errichtet, die zwar dicke Panzerung boten - aber einfach zu auffällig aussahen: Ihr charakteristisches Erscheinungsbild in Form eines auf der Seite liegenden 80 Meter langen Skis machte es alliierten Aufklärern äußerst leicht, die militärischen Einsatzorte - spöttisch "ski sites" genannt - auszumachen.

Renaissance des Bunkerbaus

Verbunkerte Einrichtungen für ein Waffensystem waren damals ein Novum. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren noch vornehmlich Festungsanlagen mit Beton verstärkt worden, die rein strategischen Funktionen dienten. Auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs dann waren vor allem Waffendepots, Gefechtsstände oder unterirdische Quartiere in Form provisorischer Bunker gebaut worden. Erst zwischen den Weltkriegen hatten Bunkeranlagen in Europa eine Renaissance erlebt. Zahlreiche Nationen hatten ihre Außengrenzen durch komplexe Bunkerlinien gesichert - wie die französische Maginot-Linie oder die befestigte deutsche Westgrenze, unter dem NS-Regime martialisch "Westwall" genannt.

Nach der NS-Machtergreifung forcierte Deutschland den Bau von Bunkern wie kein anderes europäisches Land. Neben gesicherten Kelleretagen in staatlichen Einrichtungen folgte ab Mitte der Dreißigerjahre der Aufbau einer verbunkerten Infrastruktur zur Führung eines geplanten Kriegs - etwa Nachrichtenknoten und Vermittlungsstellen sowie verbunkerte Führungs- und Gefechtsstände.

Im Zweiten Weltkrieg intensivierte Deutschland den Bunkerbau weiter: Zivile Bunkeranlagen wurden errichtet, die Rüstungsindustrie in den bombensicheren Untergrund verlagert - oder in gigantische Kolosse aus Stahlbeton. Doch die dazu benötigten Materialien waren im Krieg begehrte Rohstoffe, die entsprechend gezielt verteilt werden mussten.

Schutzwall aus Stahlbeton

Angesichts des alliierten Luftkriegs mussten neu entwickelte Fernwaffen wie die Fi-103 bei der Produktion und am Einsatzort vor Bomben geschützt werden. Unter der mörderischen Ausbeutung von Häftlingen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern wurden kilometerlange Stollenanlagen errichtet. Quer durch das Deutsche Reich baute man sogenannte Untertageverlagerungen auf. Der größte Komplex dieser Zeit war das Stollensystem des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora, in dem eine geschützte Produktion der neuen Fernwaffen - auch der Fi-103 - erfolgte. Um die Waffen zum Einsatz zu bringen, mussten im besetzten Frankreich entsprechende Einsatzbunker errichtet werden.

Doch die Alliierten klärten alle Stationierungsorte letztlich auf und zerstörten sie aus der Luft: Im Rahmen der alliierten "Operation Crossbow" wurden ab August 1943 gezielt Einsatz- und Produktionsorte des deutschen Fernwaffenprogramms angegriffen. Dabei wurden knapp 69.000 Einsätze geflogen, die mit einer Bombenlast von mehr als 122.000 Tonnen etliche Anlagen zerstörten.

Tausende weitere Bunkerbauten entstanden während des Zweiten Weltkriegs. Unter der Bezeichnung "Atlantikwall" wurden entlang der Küstenlinie der besetzten Länder der Atlantik- und Nordseeküste mehr als 8000 Bunkerbauwerke errichtet, um eine eventuelle Invasion der alliierten Streitkräfte abzuwehren. Hinzu kamen zahllose weitere militärische Barrieren und Stellungen entlang aller Fronten.

Systematische Zerstörung

Obwohl ab den Dreißigerjahren Vorbereitungen für einen Luftkrieg in Deutschland getroffen worden waren, standen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nur wenige Luftschutzeinrichtungen für die Zivilbevölkerung zur Verfügung. Mit den Luftangriffen auf deutsche Städte durch die Alliierten wurde im Oktober 1940 das größte zweckgebundene Bauprogramm der Geschichte ins Leben gerufen. Unter der Bezeichnung "Führer-Sofortprogramm" wurden 61 Städte in Deutschland zum Luftschutzort erster Ordnung bestimmt - Orte mit einer Konzentration kriegswichtiger Rüstungs- und Industrieanlagen. Bis Kriegsende wurden so für die Zivilbevölkerung mehrere Tausend Bunkeranlagen errichtet. Zumeist durch den massiven Einsatz von Zwangsarbeitern, die bei einem Luftschutzalarm selbst keine der von ihnen errichteten Bauwerke aufsuchen durften.

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Letztlich verlängerten die Bunkerbauten in Deutschland und den besetzten Ländern die Dauer des Zweiten Weltkriegs trotz all dieser Bemühungen nur unwesentlich: Propagierte "Bollwerke" wie etwa der "Westwall" blieben am Ende nur provisorisch fertiggestellte Festungslinien. Nur wenige Monate nach Ende des Kriegs wurde die Zerstörung aller militärischen Bunkerbauten in Deutschland durch den Alliierten Kontrollrat beschlossen und umgesetzt.

Werften im Betonmantel

Das Ende des Zweiten Weltkriegs war allerdings nicht das Ende des Bunkerbaus in Europa: Während des Kalten Kriegs entstanden zum Schutz der Bevölkerung erneut Tausende Zivilschutzanlagen sowie militärische Führungsbunker, Regierungsbunker und Depots. Bedingt durch neuartige Waffen wie die Atombombe war die technische Ausstattung der Bauwerke weit komplexer als im Zweiten Weltkrieg. Wichtige Punkte der Infrastruktur wie Nachrichtenknoten oder Krankenhäuser erhielten ebenfalls verbunkerte Einrichtungen. Es entstanden riesige unterirdische Systeme, in denen ganze Schiffsverbände, Flugzeuge oder gar Silos für Lang- und Mittelstreckenraketen für einen Dritten Weltkrieg startbereit gehalten wurden.

Mit Ende des Kalten Kriegs und dem Abzug der alliierten Truppen aus Deutschland verloren auch diese Bauten ihre Existenzberechtigung. Wo eine Gefahr für Mensch und Umwelt von ihnen ausging, wurden sie abgerissen, andernorts sich selbst überlassen und in den vergangenen Jahrzehnten von der Natur zurückerobert.

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26  Bilder
Bunker-Fotografien: Steinerne Zeugen der Geschichte

Auch im Jahr 2014 erinnern noch viele dieser Bauten, zum Teil erstaunlich gut erhalten, an unsere Vergangenheit - vom Großbunker des NS-Fernwaffenprogramms, der heute als Museum betrieben wird, über U-Boot-Bunkerwerften, die zu Dokumentationsstätten umgebaut werden, bis hin zu Atombunkern des Kalten Kriegs. einestages zeigt beeindruckende Aufnahmen dieser steinernen Zeugnisse der Geschichte.



insgesamt 18 Beiträge
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Julius Richter, 01.07.2014
1. Rückbau der Geschichte
ich finde es absolut unfassbar, dass das nicht regelmäßig von Kolonnen anständiger Leute rückgebaut wird – koste es was es wolle. Was wird sonst ein neues Regime daran hindern, die alten Anlagen wieder in Benutzung zu nehmen? Es wird Zeit, dass das bis auf den letzten Krümel verschwindet.
Jens Habermann, 01.07.2014
2. Denken
Diese Bunkeranlagen, von denen ich viele selbst besichtigt habe, sind für mich beredte Zeugen des monströsen und abartigen Denkens ganzer Generationen. Die Überreste des I. WK stehen dem in nichts nach. Krank ...
Oliver McWirty, 01.07.2014
3. nicht alle waren verbunkert
Von den V1-Produktionsstätten waren nicht alle verbunkert. So ist in Neu-Tramm bei Dannenberg im Wendland den amerikanischen Truppen erst kurz vor Kriegsende eine bis dato unbekannt gebliebene komplette Fertigungsstätte mit zahlreichen V1 in die Hände gefallen. Die Anlage war als landestypisches Rundlingsdorf konzipiert worden, und die Produktionsanlagen selbst wurde geschickt in angrenzende Waldstücke hineingebaut, so dass sie trotz flächendeckender Luftaufklärung nicht entdeckt wurde.
Michael Sieber, 01.07.2014
4. Mit dem Ende
des Kalten Krieges und dem Abzug der Alliierten" ... Das ist neu. Immerhin modernisieren die US-Truppen die in Bunkern und Abschussanlagen Atomwaffen. Also von verwegen Abzug. Schön wär's.
Hans Heckenhauer, 01.07.2014
5. Es ist Zeitgeschichte und Mahnmale
Keiner würde z.B. die Pyramiden Rückbauen wollen. Ok schlechter Vergleich, da es Gräber sind, aber so wie Gebäude, Denkmäler etc sind Bunkeranlagen ein Stück Zeitgeschichte. Sie zu zerstören würde auch ein Stück der Geschichte zerstören und Fehler wiederholen sich nur nicht, wenn man diese nicht vergisst. Achja meines Wissens nach konnten einige Befestigungsanlagen nicht wirklich zerstört werden. Die Flaktürme waren besonders widerspenstig. Die V1 hatte übrigens auch den Spitznamen "Knatterbombe" und konnte relativ leicht abgeschossen werden, da diese immer die selben Flugschneisen nutzen. Aber nichts desto trotz eine beeindruckende Waffe.
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