Rätselhafte Fotos Was macht die Frau da auf dem Baum?

Ein Hamburger sammelt alte Amateurfotos: Sie zeigen Frauen auf Bäumen. Mal im Bikini, mal im Hosenanzug, mal im Sommerkleidchen. Der Grund für die mysteriösen Aufnahmen? Es gibt nur eine Vermutung.

Sammlung Jochen Raiß

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Sie trägt ein elegantes, weites Sommerkleid mit Karo-Muster. Dazu hat sie eine helle Bluse und feine, weiße Schuhe gewählt.

Die richtige Kleidung…, um mal fix auf einen Baum zu klettern?

Etwas schüchtern blickt die junge Blondine hinab zum Fotografen. Vielleicht möchte sie ihm winken, doch sie muss sich am Baumstamm festhalten und hat ihre Schühchen in eine Astgabel gedrückt. Schnell, ein Foto! Sicher ist es anstrengend, in dieser Haltung lange zu posieren, ohne zu verkrampfen oder vom Baum zu fallen.

Sammlung Jochen Raiß

Wer die junge Frau ist, wem sie zulächelt und warum sie auf diesen Baum kletterte - längst vergessen. Jochen Raiß ist trotzdem hingerissen von dieser Amateuraufnahme, die wohl aus den dreißiger Jahren stammen dürfte.

"Ich liebe Fotos von Menschen in außergewöhnlichen Situationen. Bilder, die nicht perfekt sind, von denen ich nichts weiß. Dann beginnen sich sofort Geschichten in meinem Kopf zu entwickeln." Deshalb sammelt Jochen Raiß, 46, seit einem Vierteljahrhundert alte Amateurbilder auf Flohmärkten überall in Deutschland. Und besonders gern ein Motiv: Frauen auf Bäumen.

Das Kopfkino des passionierten Sammlers

Es sind Frauen im Hosenanzug oder im Bikini, mal in Gruppen, mal so versteckt im Laub, dass sie kaum zu erkennen sind. Manche posieren selbstbewusst hoch in den Baumkronen, andere nur einen Meter über der Erde, oder sie versuchen gerade vergeblich, einen Stamm zu erklimmen.

92 solcher Raritäten hat Raiß gesammelt, mit ebenso raren Informationen: Hier und da steht auf der Rückseite ein Aufnahmedatum oder ein Ort - meist aber gar nichts. Einen Bildband mit den seltsamen Fotos wird er im Juni im Hatje Cantz-Verlag veröffentlichen.

Zum 25. April, "Tag des Baumes", drängt sich die Frage auf: Was bloß machen all diese Frauen in den Bäumen? Ist das womöglich ein vergessener Volkssport? Eine weiblich-teutonische Liebe zur Natur, eine Frühform von Tree Hugging , lange vor der Öko-Bewegung?

Alle denkbaren Kalauer als Erklärungsmuster - Jochen Raiß kennt sie nur zu gut. Wenn er von seinem Buchprojekt erzählt, erntet er oft zuerst schallendes Gelächter. Und dann beginnt kindliches Staunen, Rätseln, Grübeln.

"Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern", schrieb Astrid Lindgren einmal. Und Fjodor Dostojewski im Roman "Der Idiot": "Ich verstehe nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann, ohne glücklich zu sein." Das kommt der Sache schon näher, glaubt Jochen Raiß.

"Wun derschöne, eingefrorene Momente"

"Für mich sind die Frauen gerade auf einem Sonntagsspaziergang unterwegs gewesen, zusammen mit ihrem Partner", sagt der Sammler. "Sie haben sich gut angezogen, wirken glücklich, manche richtig verliebt. Wunderschöne Momente, die wie eingefroren sind."

Aber wieso konnte er auf all den Flohmärkten kaum Fotos von Männern auf Bäumen finden? "Die meisten Bilder stammen aus den Anfängen der Amateurfotografie. Da war eben die Kamera noch fest in Männerhand, so wie es damals meist die Männer waren, die Auto fuhren", erklärt Raiß und nimmt an: "Das sind Menschen, die mit der Kamera losgegangen sind und einfach mal Quatsch gemacht haben. So wie es die junge Generation heute mit Instagram macht."

Sammlung Jochen Raiß

Neben den Frauen-auf-Bäumen-Bildern hat Jochen Raiß auch rund 1500 andere alte Fotos im Fundus. Ihre Aura reißt ihn mitunter in eine melancholische Stimmung. Dann fragt er sich, wie es kam, dass die Bilder in Flohmarktkisten schlummerten: "Die meisten Menschen auf diesen Fotos leben ja gar nicht mehr. All diese glücklichen Momente sind längst verflogen, die Erinnerung an sie wird offenbar nicht mehr wertgeschätzt."

So viele Schicksale lägen nun "wild gemischt zusammen in einem Fotokarton", sagt Raiß, "von Menschen, die sich nie begegnet sind oder kannten, aber vielleicht gar nicht mochten."

Vielleicht haben sie sich aber auch verliebt: an einem lauen Sommertag vor hundert Jahren - und sie wollten ihr Glück mit einem Schnappschuss auf einer Astgabel festhalten.

Mehr Amateurfotos auf der Website von Jochen Raiß


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insgesamt 6 Beiträge
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Cem Iker, 24.04.2016
1. Räuberleiter
Die glückliche Stimmung, die die Frauen ausstrahlen, lässt vermuten, dass die Aufnahme von ihren Freunden/Verlobten gemacht wurde, die ihnen vorher per Räuberleiter hochgeholfen haben. Vielleicht liegt auch bei einigen eine richtige Leiter im Gras.
Wolfgang Rueckert, 24.04.2016
2. Hoch und Runter
Der Dame des Herzens hoch und runter zu helfen hatte für den Herren ja sicher auch seinen Reiz :-) und wäre umgekehrt nicht so einfach gewesen ...
Benjamin Fischer, 25.04.2016
3. *Gruselig*
Leute, die private Fotos und Filme anderer Leute sammeln, fand ich schon immer etwas gruselig. Und wenn man sich dann noch auf ein bestimmtes Motiv "spezialisiert", wie hier Frauen auf Bäumen, dann nenne ich das nicht "Hobby" oder "Spleen", sondern - ganz ehrlich - "seltsamer Fetisch".
Arribert Kotz, 26.04.2016
4. Vergänglichkeit...
Bei meiner Großmutter, die letztes Jahr verstorben ist, hingen jede Menge Fotos im Keller. Ich bin sicher, dass dies alles Verwandtschaft war. Man sollte diese Familienfotos maximal eine Generation aufbewahren. Ich glaube, ich verfüge das mal in meinem Testament. Kein Foto von mir darf länger als 20 Jahre aufbewahrt werden, wenn ich tot bin. Ich möchte nicht, dass mein Abbild in einer Fotosammlung landet. Ich mag aber auch die Fotografierei auf Familienfeiern nicht. Aber auch dieses Pseudo-Mitteilungsbedürfnis meiner Verwandtschaft, die jeden Furz ihres Kindes in Whatsapp publizieren geht mir vollkommen ab. Die Bilder unserer Kinder reisen nicht ständig auf der Datenautobahn durch die Gegend.
Tomas Murks, 27.04.2016
5. Deutschland im Harz
Weil meine Mutter eine protestantische Fundamentalistin, bei der man nicht einmal zuhause lachen durfte, selbst zur Mutter hatte, trat sie mit 14 Jahren dem BDM bei. Auf den ausgedehnten Wanderungen durch den Harz stolperte man dann regelmässig in HJ-Zeltlager, die dort "Orientierungsmärsche" abhielten. Und wenn man/frau schonmal da war, konnte man sich ja auch gleich noch als zu suchendes Objek zur Verfügung stellen. Und wenn die jungen Verblendeten dann auch noch völlig blind waren, konnte man aus dem reichen Schatz des deutschen Volksliedgutes rezitieren, um die lästige Sucherei etwas abzukürzen. Schliesslich musste man sich auch noch, in Ermangelung anderer materieller Werte, als Preis zur Verfügung stellen. Da kommen dann solche Bilder zustande, unter denen steht: "Hasch mich, ich bin der Frühling".
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