Fotos von Hollywood-Stars Übermenschen privat

Fotos von Hollywood-Stars: Übermenschen privat Fotos
Prestel Verlag / John Kobal Foundation

Cary Grant spielt halbnackt im Sand, Bogart radelt übers Filmset und Frankensteins Monster kaut ein Sandwich: Was wie zufällige Schnappschüsse wirkt, beschäftigte im Hollywood der Dreißiger eine ganze Industrie. Ein Bildband dokumentiert die geschickt inszenierte Imagepflege. Von Fabienne Hurst

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Cary Grant trägt ein knappes Badehöschen und knöchelhohe Tennissocken - sonst nichts. Sein sonnengebräunter Oberkörper hebt sich hervorragend ab von der weißen Fassade der "Bachelor Hall". Sein "Jungesellenhaus" am Strand von Malibu teilt der 30-Jährige zu der Zeit mit seinem Schauspielkollegen Randolph Scott. Der Mitbewohner amüsiert sich ebenfalls kaum bekleidet beim Ballspiel in der Sonne.

Auf den ersten Blick wirkt das Bild wie der Schnappschuss eines Klatschfotografen, der das intime Verhältnis der beiden Männer entlarven will. Doch es entstand 1935 - in der glitzernden Welt Hollywoods gaben Paparazzi damals noch lange nicht den Ton an. Tatsächlich ist das Foto ein durch und durch inszeniertes Reklamebild: Perfekt ausgeleuchtet, einwandfrei komponiert. Die Werbeabteilung des Filmstudios Paramount hatte die Bilder am Strand anfertigen und an neugierige Fans verschicken lassen.

Dabei ist die Aufnahme ziemlich brisant: Schon damals kursierten in Hollywood Gerüchte, die beiden Schauspieler seien ein Paar. "Unfug", mussten sich die Studiobosse gedacht haben, und gaben die private Foto-Homestory über ihre Stars in Auftrag. Die Fotos sollten das Gegenteil der Gerüchte beweisen, indem sie das Image der beiden Männer als legendäre Frauenverführer kultivierten.

Monster in der Schnittchenpause

Aufnahmen wie diese waren ein wichtiger Teil der gigantischen Hollywoodmaschinerie. Produziert wurden sie von eigens dafür angestellten, oft namenlosen Fotografen. Die schufteten Tag und Nacht an den Filmsets und abseits der Studios, um den Glanz der Hollywood-Industrie einzufangen.

"Hollywood Unseen", ein neuer Bildband das Prestel-Verlags, widmet sich nun dieser ganz besonderen Art von Fotoaufnahmen der Filmstars. In ihm finden sich eben jene Aufnahmen der Stars, die scheinbar ganz privat wirken. Mit Bodenständigkeit oder Realität hatten diese Fotos jedoch nichts zu tun. Sie zeigten die gleichen Übermenschen, wie sie auch über die Leinwand flimmerten: "Larger than life" - überlebensgroß.

Wenn Liz Taylor sich auf einer "Behind the Scene"-Aufnahme vorm Spiegel zurechtmacht, ist ihr Make-up längst perfekt. Und Boris Karloff wird natürlich nur dann während seiner Schnittchenpause am Set von "Frankensteins Braut" fotografiert, wenn er haargenau so hergerichtet ist, wie die Zuschauer ihn aus dem Kino kennen. Etwas Halbfertiges würde nicht nur die wirklichen Menschen hinter der Maske, sondern die glitzernde Welt des Films schlechthin entblößen.

Blieben Schauspieler zu Beginn der Spielfilmära namentlich weitgehend unerwähnt, wuchs um das Jahr 1913 das journalistische Interesse an den Darstellern rapide an. Immer beliebtere Filmmagazine wie "Photoplay", "Motion Picture" oder "Screenland" forderten ständig Nachschub an Hintergrundgeschichten und Bildmaterial aus der Traumfabrik. Bald darauf berichteten auch Zeitschriften wie "Life" und "Time" immer häufiger über Schauspieler.

Allzeit abschussbereit

Große Studios wie MGM, Paramount oder Warner Bros. witterten ihre Chance: Wenn sie gezielt private Aufnahmen zur Veröffentlichung freigaben, konnten sich die Zuschauer mit ihren Stars identifizieren. Filme wurden durch bekannte Schauspieler aufgewertet, versprachen höhere Zuschauerzahlen und damit mehr Einnahmen.

Bis Ende der vierziger Jahre waren alle Hollywoodstars deshalb vertraglich dazu verpflichtet, ständig und überall für die Fotokamera zu posieren. Am Filmset, bei den Pausen, beim Grillen, beim Einkaufen, am Strand. So heißt es etwa im Vertrag mit MGM der Schauspielerin Anita Page vom 13. Februar 1926:

"Wenn erbeten, so muss (die Schauspielerin) persönlich bei den Filmsets erscheinen, und prompt und gewissenhaft allen zumutbaren Anweisungen, Regeln und Vorschriften folgen, die von den Produzenten diesbezüglich vorgegeben werden. Unter diesen Bedingungen hat sie ihre Dienste jederzeit und überall nach bestem Wissen und Gewissen sowie nach bestem Können und im Sinne der Produzenten zu erbringen."

Fest im Griff der Studiobosse

Wer einen Studiovertrag unterzeichnete, verschrieb sich oft für mehrere Jahre den Zwängen der Filmindustrie. Urlaub oder Krankheitsfälle wurden in den Kontrakten nie erwähnt, fiel einer der Schauspieler während eines Drehs aus, wurden nach Ende der Vertragszeit Extratage drangehängt. Unbezahlt.

Die Stars mussten ständig zur Verfügung stehen. Für Werbekampagnen und Fotostrecken inszenierten die Studios das Privatleben ihrer Stars, immer entsprechend der jeweiligen Rollen und der Vorlieben des Publikums. Laut Vertrag durften die Schauspieler niemals müde, nie schlecht gekleidet oder gar übel gelaunt auf die Straße treten. Die Studios bestimmten nicht nur die Filmrollen der Schauspieler, sondern auch wie und wo sie lebten, wie sie sich kleideten, welche Autos sie fuhren oder gar wen sie heirateten. So ehelichte Cary Grant eine Schönheit nach der anderen, und Greta Garbo spielte fast ausschließlich verführerische Femmes fatales, die Männer ins Unglück stürzten. Dementsprechend wurde auch die Schauspielerin hinter den Rollen inszeniert.

Zu der beliebtesten Sorte Fotos gehörten Aufnahmen bei den Stars zuhause, weil sie den Fans einen "heimlichen" Blick ins Privatleben ihrer Vorbilder gewährten. Teilweise entstanden die Bilder tatsächlich in den Villen oder Sommerhäusern der Stars, oft mieteten die Studios auch einfach Häuser für einen Nachmittag, um dort Prominente wie Buster Keaton, Rita Hayworth oder Marlene Dietrich in vermeintlichen Alltagssituationen abzulichten.

Der Anschein von Wirklichkeit

Und noch etwas bot diese Art von pseudorealistischer Fotografie: Die ideale Möglichkeit, Stars als Sexsymbole zu vermarkten, ohne die strengen Moralvorstellungen des prüden Amerikas zu verletzen. Ein am heimischen Pool getragener Bikini war ein legitimes Requisit des Alltags: sexy, aber nicht halb so obszön wie ein Zweiteiler in einer Pin-up-Aufnahme aus dem Fotostudio. Der Anschein von Wirklichkeit machte es möglich. Es waren Bilder "der unschuldigen Sorte", schreibt der Hollywoodstar Joan Collins im Vorwort zum Bildband "Hollywood Unseen". "Schon bald begriff ich, was nötig war und kaufte mir einige schicke Badeanzüge."

Ende der vierziger Jahre begann die Publicity-Fassade zu bröckeln: Im Jahr 1948 konnten sich unabhängige Filmproduzenten schließlich gegen die Vorherrschaft der fünf größten Filmstudios durchsetzen. Eine staatliche Kartellklage ließ das über Jahrzehnte hinweg etablierte Studiosystem zusammenbrechen, denn der Gerichtsbeschluss bewirkte die Trennung der Produktion der Filme von ihrer Vorführung. Damit hatten die Hollywood-Studios keine Kontrolle mehr über das Image und die Fotos der Stars, die sich von nun an von freien Agenten vertreten ließen. "Sobald es keine Verträge mehr gab, übernahmen die Schauspieler ihre Publicity selbst", erinnert sich Joan Collins. "Doch als ein paar Jahre später die Paparazzi auftauchten, konnte man auch das vergessen!"

Kaum hatten sich die Stars aus den Fängen der Filmindustrie befreit, begaben sie sich unweigerlich in die noch skrupelloseren Hände der sensationslüsternen Klatschfotografen. Stets die Kamera vors Gesicht gepresst, lauerten die Paparazzi den Reichen und Schönen auf, um im richtigen Moment hinter Blumenkübeln hervorzuspringen und abzudrücken. Wie zuvor die Studiobosse griffen nun freiberufliche Fotografen in die Privatsphäre der Stars ein. Doch gingen sie noch einen Schritt weiter: Anders als Paramount und Co. war es den Paparazzi herzlich egal, ob Cary Grants weiße Badehose am Strand von Malibu den Star vorteilhaft aussehen ließ oder nicht.

Zum Weiterlesen:

Gareth Abbott (Hrsg.): "Hollywood unseen: Filmstars hinter den Kulissen". Prestel Verlag, 2013, 239 Seiten.

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1.
Peter Wolf 26.03.2013
Der Begriff "Übermensch" jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Wenn er dabei auch noch für normale Schauspieler verwendet wird, die nichts wirklich außergewöhnliches leisten oder geleistet haben, frage ich mich zusätzlich noch wo die Relation geblieben ist.
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