Fotosammlung "Documerica" Schrott, lass nach

Fotosammlung "Documerica": Schrott, lass nach Fotos

Die Schattenseiten einer Supermacht auf Mikrofiche: Mit mehr als 80.000 Fotos dokumentierte die Umweltschutzbehörde EPA Anfang der siebziger Jahre die Lebensbedingungen in den USA. einestages zeigt Aufnahmen aus der schockierenden Galerie der Umweltsünden, die kurz darauf in Archiven verschwand. Von

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Es war wie bei einer großen Beweisaufnahme. Woche für Woche kamen neue Fotos, und fast jedes war eine Anklage: Sie zeigten giftig orange leuchtendes Wasser hinter der Chemiefabrik von Lake Charles, Smog in den Wohnvierteln von North Birmingham, rostige Autowracks am Ufer eines ausgetrockneten Flusslaufs, qualmende Müllhalden zwischen Wolkenkratzern und Flugzeuge, die fast die Dächer der Wohnhäuser berührten. Dazu monotone Reihenhaussiedlungen, Slums. Eine apokalyptische Sammlung.

Kistenweise landeten solche Aufnahmen ab Frühjahr 1972 auf dem Schreibtisch von Gifford Hampshire. Bald hatte er keinen Platz mehr in seinem Büro. Eine Wand vom Boden bis zur Decke war mit den gelben Kästen zugestellt, in denen das Fotolabor entwickelte Diafilme lieferte. Fast jedes dieser Dias zeigte ein Vergehen. Doch der Raum, in dem sich die Belege der zerstörerischen, krankmachenden Lebensumstände, der Fehlleistungen und Deformationen einer wachsenden Industrienation stapelten, gehörte nicht zu einem Gericht. Gifford Hampshire wollte und sollte keine Urteile fällen. Vielmehr war er ein Visionär, dessen Leistung allerdings erst 40 Jahre später gebührende Aufmerksamkeit und Anerkennung finden sollte.

Nixon entdeckt den Umweltschutz

Hampshires Arbeitsplatz befand sich zu Beginn der siebziger Jahre in der gerade neu gegründeten amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA. In den Washingtoner Büros der Environmental Protection Agency herrschte Aufbruchstimmung. Gut zwei Jahrzehnte ungebremsten Wirtschaftswachstums lagen hinter dem Land, in dem Reichtum und Konsum die zentralen Merkmale des Erfolgs waren. Wissenschaft und Technik hatten die Nutzung neuer Ressourcen möglich gemacht - für jedermann: Immer mehr Familien zogen von der Mietswohnung an den Stadtrand ins eigene Heim, leisteten sich ein großes Auto. Wohl niemand fragte nach dem Kraftstoffverbrauch, dem bleihaltigen Dunst in der Luft oder der Herkunft der enormen Mengen Bauholz.

Der Raubbau an der Umwelt hatte sein Finale: Als der verschmutzte Fluss Cuyahoga River in Ohio im Sommer 1969 in Flammen stand und eine Ölpest vor den Stränden Südkaliforniens die Amerikaner aufschreckte, gingen die Menschen auf die Straße. 20 Millionen waren es 1970 beim ersten Earth Day. Präsident Nixon kam nicht umhin, eine staatliche Umweltbehörde ins Leben zu rufen und Gesetze zum Schutz des Wassers zu erlassen. Und Milliarden Dollar in den Umweltschutz zu stecken.

Der Enthusiasmus der neuen ökologischen Bewegungen wirkte noch in die Arbeit der Behörde hinein, als Gifford Hampshire dort seinen Job als Leiter für Öffentlichkeitsarbeit antrat. Der gelernte Fotojournalist sah seine Chance, Großes zu bewegen - mit Unterstützung von ganz oben: Behördenleiter William Ruckelshaus hatte ihm versichert, der Präsident persönlich habe seine Zustimmung zu dem Projekt gegeben.

Nation im Fokus

Documerica - so hieß die Vision des Gifford Hampshire und bedeutete tatsächlich nicht weniger als die nahezu vollständige Erfassung sämtlicher Lebensbedingungen in den Vereinigten Staaten von Amerika. Vom Zustand des Wassers und der Luft bis zu Wohnraum, Vegetation, Verkehr und allen sonstigen Aspekten, die den Alltag und die Gesundheit der Amerikaner in allen Teilen des Landes beeinträchtigten. Eine Fotodokumentation der gesamten Nation.

Mit Fotografie kannte sich Hampshire aus. Vor allem mit der politischen Wirkung von Fotografie. Eine zeitlang hatte er für "National Geographic" gearbeitet, später in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der US-Lebensmittelüberwachungsbehörde. Ein Ereignis war ihm in besonderer Erinnerung geblieben: der Moment, als seine Organisation zu Thanksgiving den Verkauf von Cranberries verbieten musste, weil die Ernte durch Pestizide verseucht worden war. Es sei das erste Mal gewesen, schrieb Hampshire später in seinen Erinnerungen, dass die Regierung etwas zum Schutz der Lebensmittelversorgung in den USA getan habe. Hampshire fand, dass auch er etwas tun musste. Als er von der Gründung der EPA hörte, bewarb er sich - und wurde genommen.

Sein neuer Chef Ruckelshaus war begeistert von der Idee einer fotografischen Bestandsaufnahme. Nur einmal hatte es bis dahin eine ähnlich große Fotodokumentation gegeben, die von der US-Regierung finanziert worden war. Das war zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren, als Präsident Roosevelt die besten Fotografen losgeschickte, um das Elend der Landbevölkerung in Bildern festzuhalten.

Unter PR-Verdacht

Das Projekt in den dreißiger Jahren allerdings war rasch in den Ruf einer Propaganda-Aktion geraten - ein möglicher Vorwurf, den Hampshire gleich im Vorfeld ausschließen wollte: Seinen Fotografen machte er keinerlei Vorgaben. Im Vorgespräch hatte er lediglich wissen wollen, ob sie genug an der Sache interessiert seien. Ansonsten vertraute er auf ihre Intelligenz. Sie seien schließlich selbst Betroffene und würden schon die richtigen Mittel und Motive finden, argumentierte er.

150 Dollar am Tag - nach heutigem Wert rund 650 Euro - plus Spesen ließ sich die EPA jeden der rund 120 Fotografen kosten, den sie jeweils für etwa einen Monat anheuerte. Sobald deren Fotos eintrafen, wählten Hampshire und sein Assistent jeweils zwei Dias eines jeden Motivs aus, kopierten sie auf Mikrofiche-Folien und erfassten per Computer Aufnahmeort, Datum, Fotograf und Bildbeschreibung. Zeitweise kamen sie mit der Eingabe kaum nach: Mehr als 80.000 Bilder lieferte das Fotolabor im Verlauf von etwa zwei Jahren bei der EPA an.

Doch plötzlich war Schluss: Rund 16.000 Bilder waren bereits in der Datenbank, weitere 6000 zur Erfassung ausgewählt, als das Projekt unerwartet stockte. Mit der hereinbrechenden Wirtschaftkrise strich die US-Regierung 1974 das Budget zusammen. Noch schwerer traf Hampshire die Tatsache, dass er mit seinem Behördenleiter auch den Rückhalt in der EPA verlor: Im Zuge der Watergate-Affäre war Ruckelshaus kurzfristig zum Direktor des FBI ernannt worden.

Fotografen gesucht

Hampshire blieb in der Behörde - und hoffte auf einen Regierungswechsel, der ihm helfen würde, Documerica wiederzubeleben. Vergeblich. Nachdem er 1980, drei Jahre nach dem offiziellen Ende des Projekts, in den Ruhestand ging, geriet die Dokumentation vorübergehend in Vergessenheit. Wiederentdeckt wurde sie erst viele Jahre später. National Archives digitalisierte die Bilder und veröffentlichte sie im Internet - wo das Projekt begeisterte Fans fand.

Die EPA startete daraufhin eine Neuauflage: "Was hat sich in 40 Jahren hinsichtlich des Umweltbewusstseins getan?", fragt die US-Behörde nun in einem eigens dazu eingerichteten Blog und ruft Fotografen auf, noch einmal die Aufnahmeorte der Documerica zu besuchen - für ein Bild aus gleicher Perspektive. Beteiligen dürfen sich an dieser neuerlichen Beweisaufnahme dieses Mal nicht nur amerikanische, sondern Fotografen aus aller Welt. Noch bis zum Jahresende können sie ihre Arbeiten einreichen. Offen bleibt bei der Aktion allerdings, ob sich - nach heutigem Wissensstand - Umweltprobleme überhaupt noch so leicht erkennen und im Bild festhalten lassen.

Die Wiederbelebung seines Projekts hat der 2004 verstorbene Documerica-Initiator Gifford Hampshire nicht mehr miterlebt. Resigniert prognostiziert er zuletzt, dass sich die US-Regierung wohl kein weiteres Mal eine so umfangreiche Fotodokumentation leisten würde. Womit er recht behalten könnte: Bei ihren Vorher-nachher-Aufnahmen unter dem Titel "State of the Environment" setzt die EPA ganz auf den Altruismus der Fotografen.

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1.
Siegfried Wittenburg, 03.06.2013
Igitt - erinnert mich an Bitterfeld 1989.
2.
Johannes Bachmann, 04.06.2013
Bei der Überschrift dachte ich, es geht um die optische Umweltverschmutzung durch die Documenta.
3.
Peter Boots, 04.06.2013
Hm. Die Gesetze die zur Gruendung der EPA fuehrten waren schon seit Ende der fuenfziger Jahre im US Congress im Gespraech und wurden im National Environmental Policy Act (NEPA) 1969 entlich abgeschlossen. Was Nixon tat war die relevanten Bueros der verschiedenen Ministerien in die EPA zusammenzuschliessen. Was ich ueberhaupt nicht verstehe ist wie die "reizlose und monotone Bebauung in Las Vegas, fernab des schillernden Vergnügungsviertels" in diesen Artikel gehoert. Die vom WW II zurueckgekerten GIs hatten in der GI Bill kostenloses Studium oder andere education, konnten sich von der Farm oder dem Armenviertel in den Mittelstand erarbeiten und Teil des American Dream's war immer das eigene Haus. Nur diese suburbs, gemodellt nach Levitown on Long Island, NY, konnten diesen Bedarf decken, ganz besonders nach dem 'babyboom' dieser Generation. Bald hatten diese Haueser Gaerten und Baeume, swimming pools, und die Bewohner waren gluecklich, wie man es auch im ungeschoenten Dokumentarfilm Levitown sehen kann.
4.
Peter Boots, 04.06.2013
Natuerlich waren diese neuen suburbs auch nicht ueberall gerne gesehen. In der ersten 'season' von Weeds wurde dieses sehr bekannte Lied (1962) von Malvina Reynolds gespielt: "Little boxes on the hillside, Little boxes made of ticky tacky, Little boxes on the hillside, Little boxes all the same. There's a green one and a pink one, And a blue one and a yellow one, And they're all made out of ticky tacky, And they all look just the same." ('Ticky tacky' ist eine Wortschoepfung von Malvina Reynolds. Es bedeutet etwa 'billiges Baumaterial von niedriger Qualitaet.') Das ganze Lied kann man auf YouTube sofort finden.
5.
Friedrich Hattendorf, 05.06.2013
http://www.archives.gov/research/arc/topics/environment/documerica-topics.html
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