Fotoschatz von Krefeld Chronik einer Jedermann-Stadt

Fotoschatz von Krefeld: Chronik einer Jedermann-Stadt Fotos
Krefelder Fotoarchiv

Seniorenturnen, Polizisten auf Schweinejagd und ein angewiderter Karl Lagerfeld: Wenn in Krefeld was passierte, war Rudolf Brass dabei. 40 Jahre lang dokumentierte der Fotograf auf mehr als einer Million Bildern das Leben in der Stadt. Die Fotos waren fast vergessen. Nun werden sie veröffentlicht. Von

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"Verrückt waren diese Sachen, sehen Sie sich diese Astronautenhüte an. Das hat kein Mensch je getragen!", sagt der 76-jährige Fotograf Rudolf Brass lachend, als er eines seiner Bilder aus den sechziger Jahren betrachtet. Leicht gequält blickt darauf eine Dame unter einem Hut hervor, der aussieht wie ein umgedrehter Filzeimer. An ihrer Hand ein Mann im kleinkarierten Ganzkörper-Pullunder. Was aussieht wie ein bizarres Kostümfest, ist eine Modenschau des berühmten französischen Designers Pierre Cardin. Als Ort dafür hatte sich der Modeschöpfer nicht Paris, New York oder London ausgesucht, sondern: Krefeld.

Bei so einem Ereignis durfte Rudolf Brass natürlich nicht fehlen. Fast 40 Jahre lang, von 1965 bis 2002, fing der Pressefotograf mit seiner Kamera ein, was sich in der Stadt abspielte: Theaterpremieren, Autounfälle, Schützenfeste, Fußballspiele. 60 Kilometer Film hat Brass in dieser Zeit belichtet, rund 1,5 Millionen Bilder geschossen.

Dass der Lokalfotograf seine alten Aufnahmen nun wieder zu Gesicht bekommt, hat er seinem Sohn Christof zu verdanken. 2002 stieß der beim Aufräumen in der Waschküche seines Vaters auf ein Wandregal, bis unter die Decke vollgestopft mit Filmdosen. Nachdem der heute 48-Jährige ein paar der eingestaubten Dosen geöffnet hatte, erkannte Brass junior: Hier lagert das Schwarz-Weiß-Gedächtnis einer ganzen Stadt. Rasch nahm er die Lupe zur Hand - und begann zu staunen.

Karl Lagerfeld im Knoblauchdunst

Von den Negativen lachten ihn bierselige Karnevalisten ebenso an wie muskelbepackte Bodybuilder und übermüdete Feuerwehrmänner, aufgekratzte Schulkinder und honorige Stadträte. Ob Fabrikarbeiterin, Kneipenwirt, Kirmesgänger oder Anti-Vietnam-Demonstranten: Vater Rudolf Brass hatte sie alle vor der Linse - ein Panorama einer typischen Stadt in Deutschland. Brass erkannte, dass er hier einen unermesslichen Bilderschatz vor sich hatte, den er der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte.

Diese Idee stellte den gelernten Schriftsetzer vor ein Problem: Das Einscannen war mit der Technik von 2002 noch viel zu zeitraubend - "bei der Menge an Material hätte ich Jahrzehnte gebraucht", sagt Christof Brass. Also ließ er die Filmdosen ruhen und wartete ab. Mittlerweile ist die Technik so weit fortgeschritten, dass sich das Krefeld-Projekt realisieren ließ: 30.000 Negative hat Christof Brass, heute Inhaber einer Multimedia-Firma, bereits fein säuberlich vom Schmutz der Zeit befreit und eingescannt, jede Woche kommen rund 600 weitere dazu. "Bei jedem Foto, das neu auf meinem Bildschirm erscheint, entdecke ich weitere überraschende Details von Krefeld", so Brass. Für Vater Rudolf, der bei der zeitraubenden Beschriftung helfen soll, ist die Betrachtung seiner Fotos eine amüsante Reise in die Vergangenheit.

Etwa zu dem Abend, als Karl Lagerfeld 1973 in Krefeld mit dem Mode-Preis "Goldenes Spinnrad" ausgezeichnet wurde. Da trug er noch Vollbart und Kotletten. Für ein Foto musste Brass mit der Kamera ganz nah an den aufstrebenden Star ran. "Angewidert wandte sich der Lagerfeld von mir ab, weil ich am Vorabend beim Italiener war und ordentlich Knoblauch gegessen hatte", erinnert sich Brass und lacht. Das Foto schoss er natürlich trotzdem.

Zeuge des "größten Fußballspiels aller Zeiten"

Der gelernte Werksfotograf dokumentierte auch eine in den sechziger und siebziger Jahren enorm lebendige Kunst- und Theaterszene. So lichtete er Gottfried John ab, der später als James-Bond-Bösewicht in "Goldeneye" zu Weltruhm gelangte. Der Schauspieler startete seine Karriere Ende der sechziger Jahre am Krefelder Theater, in dem legendären Peter-Handke-Stück "Publikumsbeschimpfung". "Untermenschen! Kriegstreiber!", meckerte John die Theaterbesucher von der Bühne herab an. "Schauspieler!" habe ein schlagfertiger Besucher gekontert, erinnert sich Brass. Der Fotograf lernte sogar den Künstler Joseph Beuys kennen, der zwar in Krefeld geboren war, dies aber stets leugnete: "Ein sympathischer Mann", sagt der Pressefotograf im Ruhestand, "der unablässig geredet hat."

Einer der schönsten Momente seiner Fotografenlaufbahn indes ereilte den Rheinländer 1986 im Fußballstadion, beim "Wunder der Grotenburg ", wie das legendäre 7:3 des FC Bayer 05 Uerdingen im Europacup-Viertelfinale gegen Dynamo Dresden getauft wurde. "Beim Stand von 1:3 ging ich mit meinen Kollegen zum Parkplatz, um zurück in die Dunkelkammer zu eilen. Die Sache schien entschieden, und wir wollten los, bevor das Verkehrschaos ausbrach", so Brass. Doch dann hörte er die Jubelschreie, hastete zurück und wurde Zeuge des laut einer Umfrage des Magazins "Elf Freunde" "größten Fußballspiels aller Zeiten". Innerhalb von einer halben Stunde schossen die Krefelder sechs Tore, "unbeschreiblich war das", sagt Brass noch immer gerührt von diesem Großereignis in Krefelds Stadtgeschichte.

Die Persönlichkeit der Stadt zeigen dennoch vor allem die vielen alltäglichen Augenblicke, die der Lokalfotograf eingefangen hat. Das Bild eines Autounfalls, zwei Polizisten, die versuchen, ein entlaufenes Schwein einzufangen, alte Damen beim Turnen oder Szenen der Herbstjagd in einem Wald bei Krefeld.

Sein Sohn Christof hat nun damit begonnen, alle Fotos seines Vaters ins Internet einzustellen. Auf der Website krefelder-fotoarchiv.de findet sich dann irgendwann "eine komplette Stadt auf dem Negativ", so Brass junior. "So etwas gibt es im Netz bislang nicht." In den kommenden Monaten will er die im Internet verfügbare Sammlung auf 180.000 Aufnahmen ausbauen. Das Ergebnis wäre das wohl bundesweit umfassendste Online-Stadtarchiv. Darauf, wieso er sich eine solche Heidenarbeit antut, hat Christof Brass aber eine ganz einfache Erklärung: "Das ist Vatterns Lebenswerk. Und auch ein großer Teil meines Lebens."

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Jan Vering 07.07.2011
Einfach nur Klasse - der Artikel und vor allem dessen Inhalt.
2.
Reinhard Kropp 07.07.2011
Ein toller Artikel, eine tolle Idee, da könnte man fast neidisch werden auf die Stadt und ihren Stadtfotografen. Die sollten Krefeld zum Zentrum für alle Stadtfotografen machen - und einen Stadtfotografenpreis.
3.
HEINZ KETCHUP 08.07.2011
Gelungener Fall von Schleichwerbung für einen Datenbankanbieter, der sein Geld mit Fotolizenzen zu verdienen gedenkt. Herzlichen Glückwunsch!
4.
A Winkler 09.07.2011
Gibt es auch Bilder zu Verberg?
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