Fotosensation San Francisco in Schutt und Farbe

Fotosensation: San Francisco in Schutt und Farbe Fotos
Smithsonians National Museum of American History/AP

Neuer Blick auf das "Große Beben": 1906 zerstörten ein gewaltiges Erdbeben und die darauf folgende Feuersbrunst große Teile von San Francisco. Bislang gab es nur Schwarzweißbilder von den Ruinen - doch nun sind erstmals Farbmotive der kalifornischen Katastrophe aufgetaucht. Von

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Das Holzhaus steht friedlich an der Straße, eingerahmt von Strommasten. Der Himmel leuchtet blau, an einer anderen Holzhausfassade bieten Installateure und Elektriker ihre Dienste an. Ganz vorn drängt eine Werbetafel ins Bild.

Die Häuser sind keine Schönheiten, sie wirken zerbrechlich und alt. Aber die Werbung ist ein Stück heiler Welt mitten in einer Mondlandschaft aus Schutt, Dreck und Ruinen: Das Bild, das der Fotograf 1906 aufgenommen hat, zeigt San Francisco nach einer der größten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA. Ein Erdbeben der Stärke 7,8 hatte die Metropole am 18. April erschüttert, die nachfolgenden Brände hatten die Stadt dem Erdboden gleichgemacht.

Das "Große Beben" zerstörte vor 105 Jahren den Großteil der Häuser und Infrastruktur der Stadt in Kalifornien - gleichzeitig war es auch eine der ersten öffentlichen Tragödien. Zeitungen berichteten ganzseitig und die Fotografie sorgte dafür, dass Bilder von dem Unglück um die Welt gehen konnten. Das erhöhte die Spendenbereitschaft: Allein aus London sollen einhunderttausend Dollar für den Wiederaufbau gekommen sein. Doch die Bilder, die die Zeitungen druckten, waren alle in schwarz-weiß.

Der Fotoschatz - ein Zufallsfund

Das Bild von den Friseuren aber ist in Farbe und deshalb eine Sensation. Es gehört zu einer Serie von sechs Fotos, die das Smithsonian's National Museum of American History entdeckt hat. Sie sind nicht nur die ersten Aufnahmen, die San Francisco nach dem Beben in Farbe zeigen, sondern möglicherweise auch die einzigen. Sie stammen aus dem Nachlass des Fotografiepioniers Frederick Ives, der die Westküstenmetropole 1906 besucht hatte. Und sie wurden nur durch Zufall gefunden.

Wie der "San Francisco Chronicle" berichtet, stolperte ein freiwilliger Helfer des Museums vor zwei Jahren über den einzigartigen Fotoschatz, der jahrelang in den Archiven geschlummert hatte. Anthony Brooks wollte Glasplatten katalogisieren, die der Sohn von Frederick Ives, Herbert, dem "Smithsonian" vermacht hatte. Und dabei stieß Brooks auf Fotografien, die auf das Jahr 1906 datiert und in San Francisco aufgenommen worden waren.

Über die sogenannte "Photochromoscope"-Technik, mit der Ives die Farbfotos anfertigte, schrieb Brooks schon 2010 in einem Blog. Der Fotopionier Ives habe mit Filtern jeweils zwei Platten für die Primärfarben Rot, Grün und Blau angefertigt und diese dann mit Paketband aufeinander geklebt. Das so entstandene Paket hieß "Krömgram". Mit einem speziellen Gerät, das Ives dafür entwickelt hatte, ließen sich die aufgenommenen Szenen in 3-D betrachten. Doch der Businessplan sei nicht aufgegangen. "Die Geräte waren zu teuer", sagte die Kuratorin der Smithsonian's Photography History Collection, Shannon Perich, dem "Chronicle".

Um 5:12 Uhr begann die Katastrophe

Die Bilder, die Ives von San Francisco machte, müssen aufgrund des Zustands der Ruinen kurz nach dem Großen Beben entstanden sein, obwohl bisher nur verbürgt war, dass Ives im Oktober 1906 in die Stadt an der Westküste reiste. Er residierte im Hotel Majestic, das 1902 gebaut wurde und auch heute noch existiert und hielt so das ganze Ausmaß der Zerstörung in seinen Bildern fest: Das zerstörte Stadtzentrum, herausgerissene Gleise oder Strommasten, die mitten aus der Gerölllandschaft ragen. Das Majestic war für Ives der perfekte Aussichtspunkt, nur zwei Blocks entfernt war das wütende Feuer gestoppt worden.

Erste kleine Vorbeben um 5:12 Uhr am Morgen des 18. April 1906 kündigten die Katastrophe an, die wenige Sekunden später mit aller Wucht ausbrach. Das Epizentrum des Bebens entlang des Andreasgrabens lag in einem nur wenige Kilometer entfernten Vorort von San Francisco: Kaliforniens Metropole wurde besonders hart getroffen. Fast 3000 Menschen starben, bis zu 300.000 wurden nach Angaben des United States Geological Surveys obdachlos - von damals 400.000 Einwohnern.

Doch die größten Zerstörungen wurden nicht durch das Beben, sondern durch nachfolgende Brände verursacht. Vier Tage und Nächte dauerte das Inferno. Erschwert wurden die Löscharbeiten nicht nur durch den Bruch der Hauptwasserleitung sondern vor allem durch die Tatsache, dass Menschen ihre Häuser selbst anzündeten. Die Heime waren nur gegen Feuer versichert, nicht aber gegen Erdbebenschäden. Noch am Tag des Bebens machte San Franciscos Bürgermeister E.E. Schmitz in einer Bekanntmachung klar, dass er Plünderungen nicht dulden würde. Er gab Polizei und Armee einen Schießbefehl.

Die Vergangenheit ist nicht mehr nur schwarzweiß

Schon 1915 war San Francisco beinahe völlig wiederaufgebaut. Doch die Geschwindigkeit der Restauration hatte einen hohen Preis: Bauvorschriften sollen außer Kraft gesetzt worden sein, um den Prozess zu beschleunigen. Die Auswirkungen sind bis heute zu spüren: Die Stadt am Golden Gate ist alles andere als erdbebensicher.

"Wir kennen die Welt von früher nur in Schwarzweiß", sagte Brooks dem "Chronicle". Es sei verblüffend, auf Fotos plötzlich das San Francisco zu sehen, wie es wirklich war, kurz nach dem Erdbeben. Den blauen Himmel, graues Geröll. Auf einigen Bildern sind auch nahezu unversehrte oder schon wieder aufgebaute Häuser zu sehen. An Mauern oder behelfsmäßigen Zäunen kleben Werbeplakate. Ives' Bilder sind deshalb nicht nur faszinierende Farbfotos.

Sie erinnern auch daran, wie schnell das Leben in den Trümmern San Franciscos weiterging und die Normalität zurückkehrte.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Amano Wudd 11.03.2011
Bürgermeister E.E. Schmitz, ein verkrachter deutschstämmiger Violinist, ist durch die Bebenkatastrophe um eine langjährige Gefängnisstrafe wegen kriminellen Machenschaften im Amte herumgekommen ! Also auch damals schon.......
2.
Jörg Müller 07.01.2013
Sind nicht die Bilder 8 und 15 Aufnahmen desselben Hauses, nur seitenverkehrt?
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