Fotoserie aus den Siebzigern Das wahre Leben in der Dorfdisco

Gute Kumpels, gelangweilte Mädchen und Bier für 40 Pfennige. Ende der Siebzigerjahre dokumentierte Thomas Kläber die Tanzabende in seiner Heimat mit der Kamera. Seine Bilder zeigen einzigartige Augenblicke realsozialistischer Abendgestaltung in der Provinz.

Thomas Kläber

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Zigarettenqualm wabert in Schwaden durch den Raum. Am Tisch sitzen drei Männer, jeder ein Bier vor sich. Stammgäste. Sie haben die Kneipentür im Blick, registrieren jeden, der den Gastraum betritt. Vor dem Eingang herrscht dichtes Gedränge, junge Leute schieben sich am Tresen vorbei in Richtung Tanzsaal. Direkt an der Tür sitzen zwei freundlich aussehende ältere Herren, vor sich auf dem Tisch ein paar Münzen. Wechselgeld. Sie sind die Einlasskontrolle.

Drinnen drehen sich Paare eng umschlungen auf der Tanzfläche, manche knutschen, andere stehen am Rand, in der Hand ein Bier oder eine Zigarette. An der Theke lehnt ein Uniformierter, über seinen Kopf hinweg wird ein volles Glas gereicht. Zwei in Lederjacke packen sich im Gedränge unsanft an den Schultern, ein Dritter zerrt die Streithähne auseinander. Ein junger Mann wird hinausbegleitet. Er kann sich kaum mehr auf den Beinen halten.

Es sind Bilder wie von einem Film-Set. Einem Film, der in der DDR spielt. Schwarzweiß. Irgendwo, tief in der Provinz. In einer Kneipe mit Sprelacart-Tischen und Mustertapeten im blassen Licht von Leuchtstoffröhren. Es ist Ende der siebziger Jahre. Die Männer tragen strähnige Langhaarfrisuren, karierte Hemden, Jeansjacken; die Frauen kurzärmelige Strickpullis oder weiße Blusen zu frisch geföhnter Dauerwelle, die Wirtin trägt Kittelschürze. Jedes Foto zeigt eine Szene, jedes Bild scheint eine Geschichte zu erzählen. Zugleich wirken sogar Details wie selbstverständlich, zufällig, authentisch - wohl deshalb, weil es gar keine Bilder aus einem Film sind. Was hier zu sehen ist, ist das echte Leben.

"Welt in Ordnung"

"Das ist mein Heimatdorf Beyern. Beyern mit e-ypsilon", sagt Thomas Kläber. Und das, was im grauen Pappeinband der edition 365 des Berliner ex pose Verlags vor dem 58-Jährigen liegt, ist seine Jugend. "Tanz" steht als schlichter Titel auf dem Deckel.

Schule, Fußball, Disco - darum drehte es sich, wenn man seine Jugend in Beyern bei Torgau im Bezirk Cottbus in der DDR, heute Brandenburg, verbrachte. Fußball, Disco und Freunde waren für Thomas Kläber auch danach ein guter Grund, an den Wochenenden in die Heimat zurückzukehren. 1976 hatte er ein Studium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst begonnen. Sein Schwerpunkt: "Sozialdokumentarische Fotografie", das Einfangen des ganz normalen, alltäglichen Lebens. Bald schon stand für ihn das Thema der Diplomarbeit fest: "Landleben, Bilder aus meinem Dorf".

Vorbild für ihn wie für viele seiner Studienkollegen war zu der Zeit der französische Fotograf Henri Cartier-Bresson, berühmt für seine Schwarzweißbilder und bekannt als der Fotograf des "entscheidenden Augenblicks". Ausgestattet mit einer passablen Praktica MTL und höherempfindlichen Orwo-Filmen ging Kläber dann irgendwann auch in die Kneipe. Es sei ihm, wie er erklärt, nicht nur darum gegangen, eine bloße Situation einzufangen - sondern den wichtigen Moment. Die Dorfdisco war nun mal ein Teil des Landlebens.

"Da war die Welt für uns noch in Ordnung", sagt Kläber, der bis heute als Fotograf arbeitet. Die Kneipe ist längst abgerissen, die Gefühle aber sind noch immer da. "Wir waren eine Clique, die sich regelmäßig traf. An den Wochenenden spielten wir zusammen Fußball, abends gingen wir dann gemeinsam auf Pirsch" - mal in Beyern, mal in irgendeinem anderen Dorf. "Das war das Gute", sagt Kläber, "man konnte hinkommen, wohin man wollte: Man war überall herzlich willkommen. Auch wenn man sich auf dem Platz hart begegnet war, abends war man Freund. Der Zusammenhalt unter uns Jugendlichen war wirklich sehr gut. Ich denke, dieses Kameradschaftliche, Freundschaftliche kann man auch in den Bildern sehen."

Stilles Einverständnis

Wenn Kläber darüber nachdenkt, warum das heute nicht mehr so ist, fällt ihm zuerst das Bier ein: "Es hängt wohl auch damit zusammen, dass alles billiger war: Wenn man in die Kneipe reinkam, in der Karten gespielt wurde oder in der man sich nach dem Training traf, dann konnte man eine Kneipenrunde geben. Bei 40 Pfennigen für ein Bier war das kein Problem."

"Ich will um Gottes Willen nicht zurück", schränkt Kläber mit Blick auf die realsozialistische Vergangenheit ein, "aber das menschliche Miteinander vermisse ich schon ein bisschen. Der eine will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben, der andere traut sich nicht mehr, weil er sich minderwertig fühlt. Das war vorher nicht. Wir waren doch alle relativ gleich. Das empfand ich als sehr angenehm."


Zum Weiterblättern:

Das Buch "Tanz" (2014) von Thomas Kläber ist erhältlich über die Website des ex pose Verlag


Die Alltagsfotos von damals sind heute außergewöhnlich. Nicht nur, weil sich in Kläbers Heimat seither so viel verändert hat, sondern auch, weil es mittlerweile fast unvorstellbar geworden ist, solche Bilder zu machen. Mit der Kamera in die Kneipe oder Discothek zu gehen und Freunde wie Fremde abzulichten, die sich völlig unbeeindruckt und gelassen durchs Bild bewegen. Wo es genügte, in der Runde kundzutun, was man vorhatte. Wo es keiner schriftlichen Genehmigungen bedurfte; wo allein das offene, unverborgene Fotografieren mit einem stillen Einverständnis einherging. Damals war das so.

Und so kam es, dass auf jedem von Kläbers Bildern tatsächlich etwas passierte - wie an den spannendsten Stellen in einem Film. Nur in diesem Fall war es das echte Leben.



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Siegfried Wittenburg, 06.03.2014
1.
"...aber das menschliche Miteinander vermisse ich schon ein bisschen. Der eine will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben..." Diese Klage höre ich oft. Warum mag das so sein?
Sandra Malik, 07.03.2014
2.
Warum das so sein mag? Lässt sich einfach erklären. Im Osten war der Zusammenhalt notwendig - der Tauschhandel blühte auf Grund der miserablen Wirtschaft. Man war angewiesen auf die Menschen um einen herum. Jeder kannte einen, der einen kennt, der einen kennt - der etwas besorgen konnte. Das Prinzip "eine Hand wäscht die andere" ist nicht mehr notwendig. Brauch ich etwas, kauf ich es einfach so. Ich muss keine Beziehungen mehr pflegen, um am Wochenende Gulasch kaufen zu können. Die immer so hochgelobte Solidarität im Osten verschwand mit der westl. Marktwirtschaft. Was widerum zeigt, wie viel sie wert war.
Mathias Völlinger, 07.03.2014
3.
hmm... war in Westdeutschland auf dem Land auch nicht viel anders. Nur das Bier war etwas teurer.
Gernot Klein, 07.03.2014
4.
>"...aber das menschliche Miteinander vermisse ich schon ein bisschen. Der eine will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben..." > >Diese Klage höre ich oft. Warum mag das so sein? Dieses Gerede von der Menschlichkeit und dem tollen Zusammenhalt in der DDR geht mir ziemlich auf die Nerven. Haben alle schon vergessen, wieviele der "tollen Freunde" beim VEB Guck und Horch waren. Hört doch endlich auf die Vergangenheit zu glorifizieren. Sie ist Teil unserer Geschichte. Aber nichts was sich irgendjemand zurückwünschen sollte.
Frank Schönian, 07.03.2014
5.
Werter Herr Klein, und mir geht diese eindimensionale Geschichtssicht ziemlich auf die Nerven. Was den menschlichen Zusammenhalt angeht ist die heutige Gesellschaft eine ziemliche Katastrophe. Warum das in der DDR anders war, wird man doch wohl mal fragen dürfen. Hier glorifiziert niemand die Vergangenheit! Es wünscht sie sich auch niemand zurück... Aber es ist schlicht wahr, dass wenn jemand in Verdacht geriet für "die Firma" zu arbeiten, er ganz schnell ausgeschlossen war. Dass in der DDR jeder jeden ausspioniert hat, ist ein Märchen, dass man heute immer wieder erzählt. Eben um die Vergangenheit zu verteufeln... Für mich ist der Grund, dass das heute so nicht mehr funktioniert schlicht dieses absurde Konkurrenzdenken, welches den Kindern schon in der Schule eingebleut wird, der Konsumterror und schlicht die Tatsache, das soziales Beisammensein und jede Freiheit, die man sich nehmen möchte, Geld kostet, das man sich erst einmal erarbeiten muss... Wir studieren die Geschichte aus einem wesentlichen Grund: Um nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Dazu ist aber eine sachliche Diskussion nötig, ohne Schwarz-Weiß-Malerei! In diesem Sinne, mfg
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