Fotoshooting mit Gerd Müller Der Splitter-Bomber

Fotoshooting mit Gerd Müller: Der Splitter-Bomber Fotos
Rolf Hayo

Jeder Junge kann Nachbars Glasscheibe einschießen - ob Stürmerstar Gerd Müller vom FC Bayern sechs auf einmal schafft? Für ein Fotoshooting mit dem "Bomber der Nation" unternahm Fotograf Rolf Hayo 1967 in den Bavaria-Filmstudios ein gewagtes Experiment - mit spektakulärem Ergebnis. Von

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Mancher Torwart wird das Jahr 1967 nicht so leicht vergessen. Die Bälle sausten den Keepern auf dem Platz nur so um die Ohren, donnernd schlug das Leder Mal um Mal im gegnerischen Tor ein. Unhaltbar. Mit reichlich Wumms. Der Top-Torjäger jener Tage, der die Gegner zur Verzweiflung brachte, war ein 20-jähriges Kraftpaket aus München: Gerd Müller, der "Bomber der Nation".

Der Junge hatte eine Blitzkarriere hingelegt. Vom Provinzclub Nördlingen wechselte der 17-Jährige 1964 zum FC Bayern München. Ein guter Bekannter von Bayern-Manager Robert Schwan hatte ihn empfohlen; Schwan und Geschäftsführer Fembeck schnappten das Talent dem Lokalkonkurrenten München 1860 weg, bei dem sich Müller selbst beworben hatte. Noch Minuten vor der Unterschrift glaubte das umworbene Stürmertalent, die beiden Herren aus München kämen von 1860.

Zwei Jahre später lief Gerd Müller erstmals für die deutsche Nationalmannschaft auf; gleich in seinem zweiten Länderspiel am 8. April 1967 in Dortmund gegen Albanien schoss er vier Tore - und war endgültig ein Star.

"Kleines dickes Müller"

Damit war "kleines dickes Müller", wie Bayern-Trainer "Tschik" Cajkovski liebevoll getauft hatte, auch ein Thema für die Medien. Noch im gleichen Jahr schickte mich die Illustrierte "Quick" in die Spur: Textreporter Otmar Kauck und ich als Fotograf bekamen den Auftrag, über Gerd Müller eine Reportage zu machen.

Wir trafen den Ausnahmekicker auf dem Bayern-Trainingsgelände an der Säbener Straße, und bald hatte ich alles Mögliche im Kasten: Kopfbälle mit Trainer und jede Menge Fotos, die Gerds mächtige Oberschenkel zeigten. Was noch fehlte, war ein richtiger Hingucker.

Wie ließ sich die Summe von Gerd Müllers außergewöhnlichen Stürmerqualitäten in Szene setzen? Sein gutes Auge für den Ball, seine exzellente Schusstechnik, sein geniales Timing? Irgendwie fiel das Wort "Glas", wahrscheinlich in Zusammenhang mit Gerede über Kindheitserinnerungen, als ein außer Kontrolle geratener Ball eine Fensterscheibe des Elternhauses oder, noch schlimmer, bei fremden Leuten zerdeppert hatte.

Der Anblick von berstendem Glas

Und schon war die Idee geboren: Wir würden Gerd einen Ball durch mehrere hintereinander gestellte Glasscheiben dreschen lassen und ihn dabei ablichten. Damit, so die Überlegung, ließe sich die Gewalt seines harten Schusses im Bild ausdrücken und das fetzige Splittern des Glases der Bild eine starke Dynamik geben. Um den Effekt zu verstärken, würden wir das Ganze bei Nacht im Gegenlicht der Scheinwerfer fotografieren. Gerd war angetan.

Aber wie ließ sich so etwas umzusetzen? Erst einmal war jede Menge zu organisieren: Wo finden wir entsprechenden Platz, starke Scheinwerfer und nicht zuletzt einen guten Partner aus der Glasbranche? Mein Textpartner Otmar wusste Rat: Er hatte gerade für seine Wohnung einen besonderen Spiegel gesucht und war bei der Glaserei Deubl in der Schwabinger Türkenstraße gelandet. Der Betrieb wurde von zwei Brüdern geführt, die ihn vom Vater übernommen hatten. "Die sind jung und ehrgeizig", meinte Otmar, "vielleicht machen's mit."

Tatsächlich waren die Gebrüder Deubl sofort Feuer und Flamme. Dann folgten Telefonate mit den Bavaria-Filmstudios in Geiselgasteig, wo wir die Szene schießen wollten, dazu Buchung von Scheinwerfern und zwei Beleuchtern. Die Deubl-Brüder waren derweil mit dem Zuschneiden von zwei mal sechs Scheiben beschäftigt - wir wollten genug für einen zweiten Versuch haben, sollte Gerd danebenballern. Auch das Holzlattengestell musste erst eigens gezimmert werden.

Splitter wie Wassertropfen

Je näher der entscheidende Tag des Shootings rückte, desto mehr Bedenken plagten uns: Was, wenn es regnete? Oder wenn ein starker Wind wehen sollte? Doch als es soweit war, hatten wir ideale Bedingungen. Trockenes Wetter, Windstille - perfekt! Dann der Moment, den wir auf Film bannen wollten: Gerd lief kurz an, zog durch - Volltreffer! Sechs Scheiben Fensterglas zerbarsten auf einen Schlag, Splitter schossen in alle Richtungen wie Wassertropfen, wenn ein Lastwagen durch ein Pfütze fährt.

Müller machte das Getöse einen Heidenspaß. Nun musste das Reserveglas auch noch dran glauben. Doch diesmal blieben drei Scheiben ganz - die ziemlich dünnen, aber großformatigen Scheiben waren bis zu einem bestimmten Grad biegsam und schluckten eine nach der anderen Schussenergie. Für den Nachschuss wollte Gerd noch "ein Pfund drauflegen", aber auch da blieben noch zwei Scheiben heil.

Egal - ich hatte meine Bilder ja im Kasten.

Die Ausstellung "Zeitzeuge: Rolf Hayo" ist vom 14. November 2008 an in den Ladenräumen von Photo-Optik Zitzlsperger an der Münchner Strasse 31 in 83022 Rosenheim zu sehen.


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1.
Georg Oehl 21.11.2008
Als Hobbyfotograf mit einer Digitalknipse, die 60 Bilder pro Sekunde aufnehmen kann, vermisse ich ein wenig die technischen Details zur Fotoserie. Mit welcher Bildfrequenz wurden die damals Bilder gemacht? Mit einer einzigen Kamera? Ein besonderes Modell speziell für Aufnahmen dieser Art konzipiert?
2.
David Zitzlsperger 21.11.2008
Die Bilder sind zur Zeit in Rosenheim (Bayern) bei Photo Optik Zitzlsperger an der Münchener Str. 31 ausgestellt. Zur Ausstellung existiert ein Katalog in dem genauer beschrieben ist wie es zu den Bilder gekomme ist. Die Aufnahmen wurden laut Katalog 1967 mit einer Leicaflex gemacht. Zur Absicherung haben die noch eine Highspeed-Filmkamera mitlaufen lassen. Die komplette Serie kann man unter www.zitzlsperger.com/ausstellung (Bild 4) ansehen!
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