Urheberrechtsposse Steinreich dank Goebbels' Tagebüchern

Er verbreitete die Worte seines Nazi-Helden - und verdiente noch daran. Trickreich sicherte sich der Schweizer François Genoud nach dem Krieg die Rechte an Goebbels' Tagebüchern. Sogar Deutschland überwies horrende Summen an den bekennenden Hitler-Verehrer, seine Nachkommen kassieren bis heute.

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Er hatte studiert, promoviert – und war trotzdem seit zwei Jahren arbeitslos. So schrieb der Sohn eines Tapetenhändlers aus dem rheinischen Rheydt am 17. Oktober 1923 frustriert in sein Tagebuch: "Wie trostlos ist heute so ein Gang durch die Straßen der Stadt. An allen Ecken stehen Truppen von Arbeitslosen und debattieren und spekulieren. Es ist eine Zeit zum Lachen und zum Weinen. Es macht so den Anschein, als ob der neue Kurs nach rechts ginge." Der Verfasser dieser Zeilen sollte mit seiner Einschätzung recht behalten - und selbst bald den politischen Kurs im Deutschen Reich beeinflussen.

Denn es war niemand geringeres als der spätere Propagandaminister Joseph Goebbels, der an diesem Herbsttag 1923 zum ersten Mal in sein Tagebuch schrieb. Diesem Eintrag sollten fast 22 Jahre lang Tausende weitere folgen, bevor Goebbels' Monumentalwerk nach dem Krieg von der Bildfläche verschwand und eine merkwürdige Gestalt auf den Plan rief.

Protagonist dieser Groteske um Goebbels' Traktate war ein Privatbankier namens François Genoud aus Lausanne. Der hatte den NS-Propagandaminister zu Lebzeiten zwar nie getroffen, ergatterte nach dessen Tod aber die Verwertungsrechte an seinen Tagebüchern. So verfügte ein Mann über eine der wichtigsten Quellen der deutschen Zeitgeschichte, der sich offen zum Nationalsozialismus bekannte. Dank Joseph Goebbels und dem deutschen Urheberrecht wurde er dabei auch noch reich.

Seinen Anfang nahm die Karriere des Nazi-Sympathisanten Genoud wohl im Herbst 1932: Mit seinen Eltern war der Teenager in Bad Godesberg bei Bonn, als er im Rheinhotel Dreesen zufällig dem Anführer einer aufstrebenden deutschen Partei begegnete: Adolf Hitler. "Eure Generation wird Europa erbauen", soll der Politiker dem 17-Jährigen gesagt haben, dann schüttelte Genoud die Hand des NSDAP-Chefs und wurde zu dessen Verehrer auf Lebenszeit.

Geschäfte mit Texten von Bormann, Goebbels, Hitler

Hitler wurde Diktator, Genoud wurde Familienvater und Nationalsozialist. Hitler führte Europa ins Verderben, Genoud führte nach dem Krieg dessen Ideen fort. Mit Hilfe juristischer Spitzfindigkeiten.

So kam es, dass Genoud 23 Jahre nach dem Treffen mit Hitler die Rechte an den Schriften von dessen Propagandaminister ergatterte: Dank enger Verbindungen zu Alt-Nazis hatte er Joseph Goebbels' Nachfahren davon überzeugt, dass er künftig die Tantiemen für Texte des NS-Politikers erstreiten sollte. Im Tausch gegen die Verwertungsrechte versprach er der Familie die Hälfte der Erlöse daraus. Die Angehörigen des verstorbenen Nazi-Funktionärs stimmten zu. Im August 1955 übertrug ein gerichtlich eingesetzter Nachlasspfleger die Rechte an allen literarischen Goebbels-Werken tatsächlich an Genoud. Ein Geniestreich.

Denn nun verfügte der Schweizer über einen gigantischen Nachlass: Rund 7000 Seiten soll Goebbels allein bis 1941 beschrieben haben, in den letzten Kriegsjahren kamen noch mindestens 50.000 Schreibmaschinenseiten dazu, abgeheftet in 100 Aktenordnern. Nur einen winzigen Teil davon konnte nach dem Krieg das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IFZ) sichern, denn der Großteil der Schriften war nach der deutschen Kapitulation klammheimlich in Moskauer Archiven gelandet. Genoud verfügte zu diesem Zeitpunkt über keine einzige Seite.

Trotzdem sollten ausgerechnet ihn die Nazi-Pamphlete zum reichen Mann machen.

Fortan durfte von Goebbels kein pubertäres Gedicht, kein Tagebucheintrag, kein Leitartikel veröffentlicht werden, ohne dass Genoud zustimmte und abkassierte. Während der von Nazi-Texten besessene Bankier auch Briefe von NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann, die "Tischgespräche" des Diktators und dessen angebliches "politisches Testament" veröffentlichen ließ, machte ihn das Gesamtwerk Goebbels ganz nebenbei zum reichen Mann.

Mit 20 Kilo Goebbels-Texten durch den Eisernen Vorhang

Mit dem Reichtum wuchs offenbar auch Genouds Radikalität: Während er sich mit Massenmördern anfreundete und Terroristen unterstützte, legte sich der Bankier auch mit der Fachwelt an: Als der Historiker Helmut Heiber 1971 Goebbels-Reden veröffentlichte und er Genoud einen "Vorbericht" zugestehen musste, wünschte der Schweizer dem Historiker darin verklausuliert den Tod. Er hob außerdem hervor, dass Hitler und Konsorten "durchgreifend und groß auf den Gang der Weltgeschichte eingewirkt haben" und wie sehr ihm daher daran liege, "dass Goebbels ausgiebig zu Wort kommt".

Das war zunächst jedoch kaum möglich, denn von Goebbels' Hauptwerk, den Tagebüchern, waren bislang nur einige Zufallsfunde aus den Jahren 1925/1926 und 1942/1943 aufgetaucht. Der Großteil seiner täglichen Notizen galt noch immer als verschollen – bis sich der Schriftsteller Erwin Fischer 1969 auf die Suche machte: Dank seiner guten Kontakte in den Ostblock bannten DDR-Forscher für ihn die in Moskau lagernden Goebbels-Originale auf Mikrofilm. So transportierte Fischer im September 1972 etwa 20 Kilo Tagebuch-Kopien aus den letzten vier Kriegsjahren von Berlin aus in seine oberbayerische Heimat. Mindestens 250.000 Mark sollte er für seine ostdeutschen Handelspartner im Westen dafür einwerben. Tatsächlich wurde der Schriftsteller mit dem Verlag Hoffmann und Campe schnell einig und ging am Ende trotzdem leer aus.

Denn inzwischen hatte sich Genoud eingeschaltet und pochte auf seine Rechte. Mit Erfolg: Erwin Fischer wurde laut der "Zeit" mit 5000 Mark abgefunden, François Genoud aber bekam in der 1977 veröffentlichten Tagebuch-Edition sogar eine "Nachbemerkung" zugestanden. Darin tönte er, dass "dieser 'unziselierte' Goebbels auf die eindrucksvollste Weise den letzten Akt der Tragödie eines Volkes und eines Helden wiedergibt", dass diese Veröffentlichung dem Willen des Verfassers eigentlich widerspreche und nur Genouds "historischem Gewissen" zu verdanken sei. Dass Goebbels selbst die Publikation seiner Tagebücher bereits seit 1936 geplant hatte, verschwieg Genoud dabei - ebenso wie die Tatsache, dass der Verlag mehrere hunderttausend Mark für die Texte bezahlt hatte. Und das war erst der Anfang.

Joseph Goebbels, "der typische Held"

Im August 1980 verkaufte der Verlag Hoffmann und Campe sein Goebbels-Material laut der "Zeit" für 70.000 Mark an das Bundesarchiv und das Münchner Institut für Zeitgeschichte, die eine textkritische Goebbels-Gesamtausgabe planten. Wieder meldete Genoud eigene Ansprüche an, wieder kassierte er ab: Am 10. September 1985 schloss die Bundesrepublik Deutschland einen hochdotierten Vertrag mit dem Hitler-Verehrer aus der Schweiz.

Es war ein Geschäft, das vor allem der Historiker Bernd Sösemann öffentlich als moralisch bedenklich kritisierte: Genoud konnte mit staatlicher Unterstützung seine NS-Helden zu Wort kommen lassen und daran zugleich verdienen. Immerhin gab das Münchner IFZ bis 2008 schrittweise eine kritische Ausgabe der gesamten Goebbels-Tagebücher heraus.

Genoud kassierte indessen weiter im ganzen Land ab: Verlage und Bundesbehörden, Zeitungen und auch Magazine wie der SPIEGEL mussten Genoud für Goebbels-Zitate Hunderttausende Mark überweisen. Ob das dem Schweizer wirklich zustand, ist jedoch nach wie vor unklar - denn die Rechteübertragung von 1955 wurde nie von einem Gericht geprüft. Zu wichtig seien die Goebbels-Schriften jedoch für die Erforschung der NS-Herrschaftsstrukturen, als dass ein jahrelanger Rechtsstreit dieses Vorhaben gefährden dürfe, erklärte 1989 der Historiker und IFZ-Direktor Martin Broszat.

François Genoud jedenfalls hat aus seinen Beweggründen nie ein Geheimnis gemacht: Für ihn war Goebbels "der typische Held" und "ein großer Mann, der sich selbst gut verteidigt, wenn man ihm die Gelegenheit gibt, sich auszusprechen." Da Genoud ihm dazu jedoch nur gegen Geld Gelegenheit geben wollte, arrangierte er in den Neunzigern vorsorglich, dass seine Testamentsvollstreckerin noch bis 2015 für veröffentlichte Goebbels-Worte zur Kasse bitten darf. Als diese juristischen Feinheiten geklärt waren, versammelte der 80-jährige Genoud am 30. Mai 1996 im schweizerischen Pully seine engsten Freunde und Verwandten um sich - dann nahm er Gift. Wie einst Martin Bormann, Heinrich Himmler und Eva Braun.

Zum Weiterlesen:

Willi Winkler: "Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud." Rowohlt Verlag, Berlin 2011, 352 Seiten.



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
A H, 13.01.2014
1.
Francois Genoud hat nicht nur die Nazis verehrt. Er hat auch massgeblich daran mitgewirkt, die Allianz zwischen Altnazis und Islamisten zu schmieden - unter anderem ihm ist es zu verdanken, dass hierzulande heute von "Rebellen", "Moderaten" etcetera gesprochen wird.
Helmut Kubin, 13.01.2014
2.
Das Buch kann man nur empfehlen. Zudem ist noch darauf hinzuweisen, dass Francois Genoud sich in seiner antisemitischen Grundhaltung Ende der 60er Jahre mit der extremen deutschen Linken einig wusste. Von daher hat er auch die Zusammenarbeit der exponierten Linken mit den Palästinensern finanziell gefördert.
Michael Weigand, 13.01.2014
3.
Unverständliches Recht.... wie kann ein Rechtssystem zulassen, dass Menschen zum Rechtsnachfolger für so was werden. Dann muss man aber doch auch Schadensersatzansprüche der Franzosen, Engländer, Polen, Russen, des jüdischen Volkes, usw. erstmal von den Tantiemen begleichen- Das kann ich einfach nicht glauben. Unabhängig vom Nazischei... finde ich es bedenklich, wenn z.B. ein Mörder den Mord und die Planung usw. beschreibt, dafür Geld kassiert und das Opfer soll leer ausgehen. Wenn die Gesetze so sind, dann muss man einfach die Gesetze ändern. Wer wie Goebbels Schuld am Millionenfachen Mord hat, der muss auch zahlen und sollte nicht vererben können, solange nicht die Schuld beglichen ist....
Rudolf Probst, 13.01.2014
4.
>Das Buch kann man nur empfehlen. Zudem ist noch darauf hinzuweisen, dass Francois Genoud sich in seiner antisemitischen Grundhaltung Ende der 60er Jahre mit der extremen deutschen Linken einig wusste. Von daher hat er auch die Zusammenarbeit der exponierten Linken mit den Palästinensern finanziell gefördert. < Auf solch einen Unsinn kann eigentlich nur kommen, wer aus böswilliger Absicht keinen Unterschied zwischen Antisemitismus und Israelkritik macht. Bzw. in jeglicher berechtigter Kritik an diesem Apartheidstaat schon Antisemitismus sieht, um diese Kritik damit vom Tisch zu wischen, damit die unhaltbaren Zustände gewahrt bleiben.
Ralf Hübner, 13.01.2014
5.
Oh weh, wieder einer der Fakten, die man auf die Frage, wofür Steuergelder sinnlos rausgeschmissen werden, anbringen muss. Und deutsche Gerichte befassen sich heutzutage mit Verfahren gegen 90jährige Greise, die in KZ gedient haben, aber so ein Fall bleibt außen vor....
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