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Tagebuch der Marianne Strauß "Der übl. Wochenendsuff"

Marianne Strauß: "Seine Lieblosigkeit ist unerträglich" Fotos
DPA

Nach außen hielt Marianne Strauß ihrem oft maßlosen Mann stets den Rücken frei. Nun belegen bisher unveröffentlichte Tagebuchnotizen, wie sehr die Eskapaden ihres Mannes sie verletzten - und wie wenig sie ihm vertraute. Von

"Gott sei Dank", notierte Marianne Strauß am 27. Mai 1968 lakonisch in ihr Tagebuch, einen gebundenen Jahreskalender in DIN-A5-Größe. Der Grund für ihre Erleichterung: Endlich war das Wochenende vorbei. Die nächsten fünf Tage würde ihr Mann wieder im fernen Bonn arbeiten, weit weg von dem oberbayrischen Dörfchen Rott am Inn, in dem sie mit den drei gemeinsamen Kindern lebte.

Schon einen Monat zuvor hatte Marianne Strauß am Ende eines wieder einmal verkorksten Wochenendes notiert: "Ich frage mich, was ich bloß mit diesem Mann anfangen soll."

Dieser Mann, das war der CSU-Politiker und damalige Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß. Hassfigur der Linken, Kanzlerhoffnung der Bayern, Freund der Rüstungsindustrie. Machtbewusst und skandalumwittert wie kaum ein anderer Politiker der Nachkriegszeit war er - wenig überraschend - offenbar auch als Ehemann mitunter eine Zumutung. Bekannt war aber bisher nicht, wie tief verletzt seine Frau auf Grund der Eskapaden ihres Lebemanns war.

Nächtliche Gelage

Jetzt erlauben bisher unveröffentlichte Tagebuchnotizen Einblicke in die Gefühlswelt von Marianne Strauß. Gesichtet und ausgewertet hat sie der Politikwissenschaftler Peter Siebenmorgen, der jahrelang zu Strauß geforscht hat und nun eine neue Biografie über die CSU-Ikone herausgegeben hat. Darin belegt Siebenmorgen auch, wie geschickt sich Strauß dank einer treuhänderisch geführten Tarnfirma jahrelang von führenden deutschen Unternehmen schmieren ließ. (Lesen Sie mehr dazu im aktuellen SPIEGEL).

Beteiligt an dieser 1964 gegründeten Briefkastenfirma war auch Marianne Strauß. Gemeinsam zog das Paar also an einem Strang, wenn es darum ging, die Hand aufzuhalten. Im Privaten aber verlief die Beziehung des Metzgersohns mit der begüterten Tochter eines erfolgreichen Brauereiunternehmers nicht immer so harmonisch.

Da war etwa der Alkohol. Wenn Strauß am Ende der Arbeitswoche von Bonn nach München flog, fuhr er nicht direkt zu seiner Familie in Rott, sondern legte noch in irgendeinem Lokal einen Stopp ein. Nicht selten arteten diese Treffen mit Parteifreunden und Bewunderern in nächtliche Gelage aus, wie zahlreiche Tagebucheintragungen seiner Frau belegen.

Klang "Mami", wie er seine Frau nannte, noch ein wenig belustigt, als sie am 27. Januar 1968 notierte, ihr Franz sei "ziemlich illuminiert" heimgekehrt, wirkte sie zwei Wochen später aufrichtig empört. In weniger feinen Worten hielt sie fest, ihr Mann sei erst um "1h stockbesoffen" zum Wochenende eingetroffen. "Soff dann weiter", so eine kurze Notiz vom Folgetag.

Mitunter trank Marianne mit, um die wenige Zeit mit ihrem Mann zu teilen. Mal half sie, "drei Flaschen Wein" zu leeren, dann wurde noch ein schwerer Beerenlikör geköpft, "bis er (Franz Josef) voll war (4h morgens)". Die Wochenenden waren in dieser Zeit wohl eine Mischung aus Einsamkeit und Frust. Im März 1968 hielt Marianne Strauß fest: "Saß dann noch oben, bis Franz sehr sehr müde von München kam. Tranken erst oben, dann unten weiter bis 1.30 Uhr. Der übl. Wochenendsuff."

Natürlich sind solche persönlichen Einträge, so schreibt auch Peter Siebenmorgen, "mit Vorsicht zu behandeln", zumal es keine andere, "vergleichbar offene Darlegung der Empfindungen" von Franz Josef Strauß gebe. Zudem war Marianne Strauß, soweit man weiß, keine regelmäßige Tagebuchautorin. Sie schrieb, mutmaßt Siebenmorgen, nur in den Jahren 1967 bis 1969, als ihre Ehe vor dem Aus stand. Und auch dann hinterließ sie meist nur Stichworte, selten zusammenhängende Schilderungen.

Mehr dazu im SPIEGEL
Dennoch sind die Notizen bemerkenswert, denn bisher waren kritische Worte von Marianne Strauß nicht dokumentiert gewesen. Im Gegenteil: Die diplomierte Volkswirtin - klug, gebildet, mehrsprachig - galt als loyale Politikergattin, die klaglos ihre eigenen Ambitionen für den Erfolg ihres Mannes opferte.

"Meine Mutter hatte die Kraft, zu verzichten und zurückzustehen, obwohl sie meinem Vater intellektuell ebenbürtig war", erzählte Tochter Monika Hohlmeier einmal dem Strauß-Biografen Werner Biermann. "Aber sie sagte sich, da steht ein Genie, gewiss auch ein schwieriger Mensch, ich muss ihm den Rücken freihalten, damit er dieses Genie wirklich entfalten kann."

Vielleicht war es anfangs auch wirkliche Liebe. 1957, zehn Jahre vor den ersten harschen Tagebuchnotizen, hatte Marianne Zwicknagl den fast 15 Jahre älteren, damaligen Verteidigungsminister auf dem Faschingsball in München kennengelernt. Ein guter Fang: Der Polit-Star Strauß galt als einer der begehrtesten Junggesellen der Republik. Schon wenige Monate später heiratete das Paar. Marianne Strauß zog in die Hauptstadt. Weg aus der Provinz und der Enge der Familienbrauerei, in deren Leitung sie schon involviert war.

Getrennte Welten

Sie dürfte das alles als Abenteuer empfunden haben. Ihr Mann sah die Verbindung nüchterner. "Ich habe gut geheiratet, nicht sehr gut, aber gut", schrieb er einem Freund kurz nach der Hochzeit.

Wann immer Strauß in die Kritik geriet - und das war fast der Dauerzustand - verteidigte Marianne ihn fortan nach Kräften. So auch in seiner tiefsten Krise, der SPIEGEL-Affäre, die ihn schließlich sein Amt als Verteidigungsminister kostete. Noch Jahre später habe Marianne ihren Mann zum "großen Märtyrer" stilisiert, dem "bitter Unrecht" zugefügt worden sei, berichtete der damalige Bonner Bürochef des WDR nach einem Abend mit dem Strauß-Ehepaar einem Freund. Er empfand das als "unerträglich".

Nach außen wahrte das Paar auch noch den Schein, als es längst in getrennten Welten lebte: sie alleinerziehend wieder im heimischen Rott, er - wiedererstarkt - als Finanzminister in Bonn. "Sie gibt sich tapfer (…), wenn Franz Josef Strauß Spießrutenlaufen muss", schrieb 1969 ein Reporter der "Rheinpfalz", als Strauß im Ruhrgebiet gnadenlos angefeindet wurde. "Ihre glühend gewordenen Wangen sprechen beredt. Marianne Strauß hat Angst um ihren Mann."

Zerstörtes Vertrauen

Die Wirklichkeit dürfte weniger romantisch gewesen sein. Gut ein Jahr zuvor, das legt das Tagebuch nahe, war sie kurz davor gewesen, sich von ihrem Mann zu trennen. Die Vertrauensgrundlage sei unwiderruflich zerstört, notierte sie im März 1968. Und zwei Monate später: "Es wird richtig sein, sich über die nötigen Konsequenzen illusionsfrei klar zu werden."

Es waren weniger die Alkoholexzesse, die sie zweifeln ließen. Marianne Strauß unterstellte ihrem Mann in dieser Zeit, eine Affäre zu einer mehr als 30 Jahre jüngeren Frau zu haben: Ulrike Pesch, Tochter eines Ehepaars, mit dem die Familie Strauß seit 1966 eng befreundet war.

Immer wieder ist von Strauß-Biografen über diese Affäre spekuliert worden. Vieles ist dabei auch falsch kolportiert worden, wie Siebenmorgen in seinem Buch nachweist: So beruhen fast alle Gerüchte auf einem angeblichen Tagebuch eines früheren Strauß-Mitarbeiters, das aber niemand bisher im Original gesehen hat - und das womöglich eine reine Erfindung ist. Zudem haben Strauß und Pesch zeitlebens eine Affäre vehement bestritten.

"Seine Lieblosigkeit ist unerträglich"

Das Rätsel können die Tagebuchnotizen auch nicht lösen. Aber sie zeigen, wie fest Marianne Strauß an diese Affäre glaubte. In ihrem Tagebuch dokumentierte sie, wenn ihr Mann noch um Mitternacht mit der vermeintlichen Geliebten sprach. Mehrmals wollte sie ihn zur Rede stellen: "Nochmals Gespräch über U.P. (Ulrike Pesch) versucht, leider erfolglos", notierte sie im März 1968. "Ich verstehe nicht, warum er nicht Manns genug ist, ehrlich zu sein." Als sie ihre vermeintliche Rivalin einmal zufällig in Bonn traf, wahrte sie dennoch die Form, grüßte höflich - und fühlte sich danach erniedrigt. "Es ist alles so scheußlich und peinlich."

Selbst als sich ihr Mann im Sommerurlaub 1968 "die denkbar größte Mühe gibt, nett zu sein" und sogar eigenhändig den Wohnzimmerboden schrubbte, glaubte ihm Marianne nicht mehr. "FJ friedlich. Er wird immer höflicher. Merkwürdig." In ihrer Wut unterstellt sie ihm, dass er "jeden Teenager seiner Frau und jeden Wirtshaustisch seiner Familie vorzieht". Im Januar 1969 schien ihre Entscheidung gefallen zu sein: "Ich will nicht mehr mit ihm zusammen sein, denn seine Lieblosigkeit ist unerträglich."

Dass sie sich dennoch nicht trennte, war womöglich reiner Zufall. Denn wenige Monate später begann Ulrike Pesch in den USA ein Auslandssemester und verliebte sich dort. Als sie nach Deutschland zurückkehrte, empfand Marianne Strauß sie offenbar nur noch selten als Bedrohung. Oder sie hatte sich damit arrangiert. Schließlich stellte sie ihr Tagebuch ein. Erst 1971 musste sie wieder Spott und Häme ertragen, nachdem ihr Mann nachts im New Yorker Central Park von zwei Prostituierten bestohlen worden war.

Marianne Strauß starb 1984 bei einem Autounfall. Den Mann, dem sie stets loyal war, erlebten die Reporter bei der Totenmesse wie versteinert.

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insgesamt 79 Beiträge
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1. So so
Lukas Lauboeck, 26.08.2015
Er war also in seinem Privatleben wie millionen anderer Männer auch, wau. Sehr interessant.
2. Kujaus Himmelswerk
Baldur Urach, 26.08.2015
Da ist das "Schwarzbuch Franz Josef Struss" aber wesentlich weniger schmuddeliger und besser belegt. Die Tagebucheintragungen kann doch jeder fälschen. Nicht Kujau?
3.
Johannes Raabe, 26.08.2015
FJS scheint für den Spiegel sein größter Widersacher zu sein. Ich bin der Meinung sie sollten das Kriegsbeil begraben und nicht versuchen ständig über ihn herzuziehen. Vielleicht wäre es auch mal eine Kolumne wert wie Spiegel und Strauß sich gegenseitig groß gemacht haben. Es war wie in jedem Trickfilm einen Guten und einen Bösen. Der Spiegel hat das Duell gewonnen, weil er nicht biologischen Prozessen unterworfen ist. Wenn man mal überlegt, kommt man zu dem Schluss das FSJ der beste deutsche Nachkriegspolitiker war. Bayerns Horst erntet noch heute den Erfolg von FSJ in seinem Geldbeutel. Der Spiegel sollte endlich Frieden schließen. Große Geiste haben immer Eskapaden. Wie Brandt usw.
4. ...
Thomas Fischbach, 26.08.2015
Will der Spiegel seinem alten Erzfeind FJS zum 100. Geburtstag unbedingt noch aufs Grab pinkeln? Ziemlich schäbig sowas. Strauß war ein Politiker mit Ecken und Kanten und zweifellos auch dunklen Seiten. Trotzdem würde ich mir einen Mann wie ihn in der heutigen Politik mehr denn je wünschen.
5. Kein Leben im Übermaß
Philip Heinemann, 26.08.2015
Viel mehr ein Wicht, der eine starke Frau nicht ertragen konnte. Wegbereiter des MIKes in Deutschland. Korrupt, ungerecht, selbstverliebt. Übermaß? Vorbild? Niente, chica caliente!
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