Frauen im Film Die schwarzen Witwen von Hollywood

Frauen im Film: Die schwarzen Witwen von Hollywood Fotos
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Die Männer mimen Machos, aber wo es lang geht, bestimmen die Frauen: In Hollywoods "Schwarzer Serie" der vierziger Jahre spielen wortkarge Privatdetektive und Gangsterbosse nur vordergründig die Hauptrolle. Die eigentlichen Helden sind verruchte Vamps und Femmes fatales. Von

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Als Walter Neff diese Frau trifft, verfällt er ihr sofort. Die kühle Blonde mit dem taxierenden Blick ist die Verführung in Person. Eingewickelt in nichts als ein Handtuch empfängt Phyllis Dietrichson den Versicherungsvertreter zu Hause. "Is there anything I can do?", säuselt sie mit rauchiger Stimme. Einige Schnitte später trippelt Pyllis in hochhackigen, federverzierten Pantoletten aufreizend die Treppe herunter, dabei konzentriert sich die Kamera auf das zarte Fußkettchen an der schlanken Fessel, ihre schmale Silhouette umspielt ein Kleid in unschuldigem Weiß. Doch hinter der Engelsfassade verbirgt sich in Wirklichkeit ein echter Teufelsbraten: Mit Hilfe des betörten Neff will Phyllis ihren Ehemann aus dem Weg räumen.

Als eiskalte Femme Fatale in Billy Wilders Filmklassiker "Frau ohne Gewissen" elektrisierte US-Schauspielerin Barbara Stanwyck 1944 die Zuschauer - und wurde zur Ikone eines neuen weiblichen Typs, der Hollywoods Frauenbild revolutionierte: der Frau der Tat. Nur vordergründig sind Männer die Helden in Hollywoods legendärer "Schwarzer Serie", jenen Kultfilmen aus den vierziger und fünfziger Jahren, in denen wortkarge Privatdetektive mit Schlapphut, hochgeschlagenem Mantelkragen und Kippe im Mundwinkel von kargen Büros mit herabgelassenen Jalousien aus durch eine Welt zwischen Hinterzimmerspielhöllen und neonblinkenden Stadtlandschaften streifen.

In Wirklichkeit bestimmen die Frauen das Geschehen im "film noir" - Frauen wie Phyllis, die nach erfolgtem Gattenmord auch noch ihrem naiven Liebhaber ans Leben will, um das Erbe ihres Mannes alleine durchzubringen. "Ich tötete für Geld und die Gunst einer Frau", resümiert der in die Falle gegangene Neff. "Ich bekam weder das Geld noch die Frau."

Nutzlose "Glamour shots"

Auch Hollywood-Sexbombe Rita Hayworth mutierte Ende der Vierziger von der harmlosen "Liebesgöttin von Amerika" zum verruchten Biest. Regie-Wunderkind Orson Welles, Hayworths Ehemann Nummer 5, erkor die Aktrice 1948 zum Star seines tiefschwarzen Klassikers "Die Lady von Shanghai" - und ließ dafür kurzerhand die wallende Mähne der Hayworth kappen und ihr Haar platinblond färben. Derart runderneuert schritt sie als Elsa Bannister zum Mord an Gatten und Liebhaber, ganz wie ihre Kollegin Stanwick in der Rolle der Phyllis: Die Lebensversicherung lockt.

Columbia-Pictures-Boss Harry Cohn allerdings war entsetzt. Er ließ den Streifen ein Jahr lang zurückhalten, aus Angst, der Imagewechsel werde seinen Star kaputtmachen. Bevor "Die Lady von Shanghai" schließlich in die Kinos kam, mussten auf Geheiß von Cohn "glamour shots" von Hayworth in den Film montiert werden. Es nützte nicht viel. Niemand wollte eine männermordende Rita Hayworth sehen; der Film floppte. Erst viel später wurde das Werk zum Klassiker der Schwarzen Serie.

Zeitgenossen unterstellten Regisseur Welles, er habe die Hayworth aus Rache absichtlich demontiert. Während des Drehs nämlich war die Ehe der beiden schon beendet. Eine "Akt der Hinrichtung" nennt der deutsche Filmkritiker Adolf Heinzlmeier die Regie. Mehr noch: Welles habe "in Gestalt der Rita Hayworth den Mythos der amerikanischen Frau" dämonisiert, so der Buchautor. Was immer den Filmemacher antrieb - letztlich verhalf er Hayworth gerade durch den Imagewandel hin zum Vamp zu einem festen Platz als ernstzunehmende Schauspielerin in der amerikanischen Filmgeschichte. Das American Film Institute wählte sie in die Top 20 der weiblichen ewigen Kinostars.

Ein echter Zungenkuss

Die Frauen im "film noir" wissen was sie wollen und wie es zu bekommen ist - voran durch den Einsatz weiblicher Reize. Nahtstrümpfe, High heels und äußerst figurbetonte Kleider sind ihre wichtigsten Accessoires. Manipulativ schürzen die Protagonistinnen ihre blutroten Lippen und wickeln die triebgesteuerten Kerle um den Finger. Berechnend sind sie, die Schönen, gierig und böse. Dem alten Rollenmodell der braven, verheirateten Ehefrau und Mutter widersetzen sie sich auf ihre Weise: indem sie Männer zu kriminellen Handlungen verführen, ihren eigenen Vorteil dabei stets im Blick.

Von einem Lippestift wird in "Im Netz der Leidenschaften" von 1946 der Auftritt von Pin-Up-Legende Lana Turner angekündigt. Durch das Bild rollt das symbolträchtige Accessoire dem Herumtreiber Frank direkt vor die Füße. Dann erscheint Turner alias Cora Smith - zuerst scheinbar endlose Beine, schließlich der wohlgeformte Körper, gekleidet in einen knappen weißen Bikini, die Haarpracht auf dem Kopf in ein Handtuch gewickelt. Die Botschaft des Auftritts ist unzweideutig: Vorsicht, ich bin keine brave Ehefrau.

Die kurvige Blonde beginnt mit Frank eine leidenschaftliche Affäre - und schockiert das Kinopublikum mit einem echten Zungenkuss auf der Leinwand. Doch Claire ist noch mitnichten zur Sache gekommen, wie ihr Gespiele denken mag. Auch sie will mit Franks Hilfe den eigenen Gatten meucheln; ihr Mann stirbt bei einem fingierten Autounfall. Aber die Mörderin folgt ihm auf gleiche Weise nach und ihr Geliebter wird verurteilt - wegen Ermordung der schönen Claire.

Turners Überzeugungskraft in der Rolle als tödliche Verführerin machte den Streifen zu einem beachtlichen Kassenerfolg - für einen "film noir" durchaus nicht die Norm. Das Studio MGM dagegen war nicht nur erfreut über den Erfolg seines Stars. Um die Turner nicht allzu einseitig auf das durchtriebene Biest festzulegen, wurde die Presse mit Fotostorys überflutet. Da gibt die Diva die liebevolle Mutter, die hingebungsvoll mit ihrer zweijährigen Tochter Cheryl spielt.

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Ralf Bülow 24.01.2010
Schwarze Serie? Der Erfinder des neuen Frauentyps ist doch wohl eher Howard Hughes, der für seinen Star Jane Russell sogar einen speziellen BH schuf, siehe http://en.wikipedia.org/wiki/The_Outlaw "The Outlaw" entstand 1941, kam aber aus moralischen Gründen erst Jahre später in die Kinos. Im übrigen sollten wir die göttliche Mae West nicht vergessen, die zu den großen emanzipierten Frauen Hollywoods zählte,
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