Frauen in der Stunde Null "Wir waren froh, noch da zu sein"

Im Mai 1945 lag München in Trümmern. Den Wiederaufbau mussten die Frauen meist allein schultern - ihre Männer waren tot, verwundet oder in Kriegsgefangenschaft. Susanne Rieger hat Frauenschicksalen aus der Stunde Null nachgespürt.

Susanne Rieger

Johanna Breitinger hat die braune Aktentasche bis heute aufbewahrt, selbst für viel Geld würde sie sie nicht hergeben. Die Tasche ist ein Memento, Erinnerung an die Hungerjahre und besonders an 1945: Johanna war damals 18 Jahre alt, der Krieg gerade zu Ende. Die junge Frau lebte in der Wohnung ihrer Eltern in München. Überraschend bekam sie Besuch von einem ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. Der Mann aus Odessa am Schwarzen Meer half ihr beim Herrichten der von Fliegerangriffen geschädigten Räume. Aus Dankbarkeit.

Im Juli 1944 war der Mann schon einmal da - abkommandiert zur Instandsetzung der Wohnung. Vater Breitinger hatte ihm damals Brot zugesteckt. Nun, nach Ende des Krieges, brachte der Russe Lebensmittel in einer braunen Aktentasche mit. Über die Herkunft wollte er nichts sagen, was Johannas Freude darüber nicht schmälerte.

Am 30. April 1945 war die 42. US-Infanteriedivision in das Herz der bayerischen Landeshauptstadt, bis zum Marienplatz, vorgestoßen. Damit hatte der Krieg geendet in München - oder dem, was nach 73 Luftangriffen, die weit über 6000 Todesopfer gekostet und 300.000 Menschen obdachlos gemacht hatten, von der Stadt übrig war.

Schlaf und ein Stück Brot

Es begann die Zeit des Wiederaufbaus, dessen Hauptlast der weibliche Teil der Bevölkerung zu tragen hatte. Die Mehrheit der Männer im wehrfähigen Alter war tot oder in Gefangenschaft. Bei jungen Frauen oder Teenagern herrschte trotz Tod, Zerstörung und ungewisser Zukunft das Gefühl der Erleichterung vor. "Alle ham si' g'freit, dass sie no' da san", meint die Münchnerin Franziska Preinfalk, geborene Brenner.

Mit der Erleichterung verbunden waren bescheidene Träume, wie sich Gertrud Hubrich erinnert: "Das Gefühl, dass es keinen Fliegeralarm mehr gab, war unbeschreiblich. Ich weiß noch, dass ich mir gedacht habe: Nachts schlafen können und wenn ich Hunger habe, ein Stück Brot haben! Mehr Wünsche habe ich nicht mehr an das Leben, Wünsche einer damals Zweiundzwanzigjährigen."

Wie die Breitingers mussten die meisten Münchnerinnen und Münchner zunächst ihre ruinösen Unterkünfte wieder auf Vordermann bringen. Das Bild von "Trümmerfrauen", die den Schutt nach brauchbarem Bau- oder Brennmaterial durchwühlten, wurde zum Alltag.

Auf der Suche nach Baumaterial

Auf dem Heimweg von der Arbeitsstelle gingen die Schwestern Frieda (geb. 1909) und Franziska (geb. 1920) Brenner, ausgerüstet mit einem Hammer in der Handtasche, in den Ruinen der Nachbarschaft auf die Suche nach Ziegeln. Im Erfolgsfall schleppten sie diese zu ihrem halbzerstörten Haus, um die Arbeiten der Maurer an den Wohnungen zu beschleunigen. Trümmer gab es in der Umgebung genug, das Viertel, in dem sie lebten, die Maxvorstadt, gehörte zu den vom Bombenkrieg am schwersten betroffenen Quartieren Münchens.

Von der Militärregierung waren keine Bezugsscheine zu bekommen, also musste Material "organisiert" werden. Im November 1946 fehlten noch 700 Backsteine zu den eigenen vier Wänden. Erst im September 1947 konnten die beiden Frauen und der Mann der jüngeren Schwester ihr neu hergerichtetes Domizil beziehen.

Andere waren auf die Zuteilung von Wohnraum durch die Behörden angewiesen. Theodora Winter war bei Kriegsende bereits eine junge Mutter. Bis zum Herbst 1946 musste die ausgebombte Familie auf die Zuweisung einer Wohnung warten. Ihre Unterkunft, die die Familie noch mit einer Untermieterin teilte, beschreibt Theodora Winter so: "In einem Zimmer waren mein Mann, meine Tochter und ich, im Schlafzimmer waren meine Eltern und in der Kammer war mein Schwager. In der Küche sind wir alle um einen Ofen rumgesessen. In den Fensterscheiben war Blech oder Holz. Im Wohnzimmer ist die Decke runtergehängt, da war kein Putz mehr drauf."

Stundenlang warten auf einen Hering

Eine ebenso existentielle Frage wie die nach der Wohnung war die nach dem täglichen Brot. Die Grundversorgung war wegen des Zusammenbruchs des europaweiten Ausbeutungssystems der Nazis und der Verwüstungen zunächst schlechter als während des Krieges. Schwarzmarktgeschäfte und Hamsterfahrten ins oberbayerische Umland boten für die, die etwas zum Tauschen hatten, meist die einzige - wenn auch illegale - Möglichkeit, die unzureichenden Rationen aufzustocken. Der Hunger wurde zum beherrschenden Thema der Gespräche. Bis heute dominiert er die Erinnerungen derer, die jene Zeiten miterlebt haben.

Die Mutter und der Mann von Theodora Winter entwickelten eine gewisse Begabung für solche Versorgungsunternehmungen. Die bei einer solchen Aktion ergatterten Landeier waren für die Familie ein Festessen - und wurden mit angemessener Andacht verspeist. Theodora selbst stand einmal stundenlang auf einem Markt für einen Hering an, nur um miterleben zu müssen, wie der Händler seinen Laden schloss, als sie endlich an die Reihe kam: "Ich bin heulend heim."

Für viele junge Frauen bedeutete der politische und wirtschaftliche Neuanfang einen Wendepunkt in der Biografie. Anita Nienkirchen machte fünf Jahre nach Kriegsende ihr Abitur. Ein Jahr später - sie besuchte gerade die Handelsschule - erfuhr sie von einer Freundin, dass der Münchner PX, das Kaufhaus der US-Streitkräfte, Personal mit Englischkenntnissen suchte. Am Tag der Vorstellungsgespräche stellte auch sie sich in die lange Schlange der Stellensuchenden vor dem Gebäude der Militärregierung.

Job in der PX-Warenwunderwelt

Dort begegnete ihr eine Schulkameradin, die ihr - glücklich darüber, einen Job als Verkäuferin bekommen zu haben - dringend riet, mangelnde Kenntnisse nicht zuzugeben. "Wie ich dann drankomme, nach einer Stund oder so, musste ich reden, schreiben, Dreisatz rechnen und Prozente. Dann hat er gesagt: ,And here the typewriter.' K, L, M, Ö, das hab' ich draufgehabt, aber Maschineschreiben?! Ich hatte ja grad erst in der Handelsschule angefangen! Aber dann hat er gesagt ,okay' und ich bin in die Buchhaltung gekommen."

Ein in der Bevölkerung weit verbreiteter Trugschluss war freilich, dass man als Angestellte freien Zugang zur PX-Warenwunderwelt hatte. Beim Verlassen des Geschäfts wurde das deutsche Personal durchsucht. Lediglich diejenigen, die direkt oder indirekt engere Beziehungen zu US-Bürgern pflegten, konnten sich über diese ihre Konsumträume erfüllen - und wenn auch nur in Form eines modischen amerikanischen Mantels, den Anita von einer Freundin geschenkt bekam, die später den Gouverneur von Alaska heiratete. Die beiden hatten sich in München während seiner Dienstzeit bei der Militärregierung kennengelernt. 1955 gab Anita Nienkirchen ihre Stelle bei den Amerikanern auf, um selbst zu heiraten.

Die Lebenswege der anderen Zeitzeuginnen verliefen ähnlich: Sie gründeten Familien, erlebten ihr eigenes kleines Wirtschaftswunder mit neuen Annehmlichkeiten wie Waschmaschinen, ersten Urlaubsreisen und zwei- bis vierrädrigen Fahrzeugen.

Kochrezepte für den Aufbau

Ein anrührendes Sinnbild dieser Auferstehung aus Ruinen ist das von Theodora Winter wie ein Schatz gehütete, mittlerweile zerfledderte Rezeptheft mit blaugrauem Umschlag und linierten Seiten. Beginnend während des Krieges hielt sie darin feinsäuberlich in schwungvoller Frauenschrift all die von der Not diktierten Zusammenstellungen fest, die sie und ihre Mutter aufgeschnappt oder sich ausgedacht hatten. Die kulinarische Zeitreise geht bruchlos über die Stunde Null hinaus bis zum "Thunfischsalat Ibiza" der sechziger Jahre, als die Rezepte aus Zeitschriften ausgeschnitten und ins Rezeptheft eingeklebt wurden.

Als Reminiszenz an die Jahre, die wie keine anderen das Leben ihrer Generation geprägt haben, wird das Heft immer zu Weihnachten hervorgeholt, um eines der ersten darin notierten Rezepte - eine Art Makronenersatz aus angerösteten Haferflocken mit etwas Zucker und einem Ei - zu backen. Diese süße Form der Erinnerung mögen auch die Enkel, die den Beigeschmack von Trümmerstaub nicht kennen.

Zum Weiterlesen:

Mehr Informationen über die NS-Zeit, den Bombenkrieg und die Nachkriegsjahre in München aus der Sicht der Betroffenen enthält das Buch von Susanne Rieger : Brennende Erinnerung. Münchner Zeitzeugen berichten über den Luftkrieg. Berlin 2005.



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