Frauenfußball in Deutschland "Wenn meine Frau spielt: Scheidung!"

Frauenfußball in Deutschland: "Wenn meine Frau spielt: Scheidung!" Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/SBB / P.E. Hahn

Sie kickten auf Äckern oder mussten sich als "Alte Herren" tarnen: Heute ist Frauenfußball beliebt und das deutsche Team WM-Favorit, doch noch bis in die siebziger Jahre hinein war der Sport verpönt. Der DFB, in einem Monat stolzer WM-Gastgeber, wünschte die Frauen sogar lieber an den Herd. Von

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Sepp Herberger wusste, dass der Ball rund ist und ein Spiel 90 Minuten dauert. Der Weltmeistertrainer von 1954 war der Mann für die unumstößlichen Wahrheiten des Fußballs - und er war sich sicher, dass Frauen darin nie eine aktive Rolle spielen sollten. "Fußball ist keine Sportart, die für Frauen geeignet ist, eben schon deshalb, weil er ein Kampfsport ist", sagte Herberger Anfang der fünfziger Jahre.

Auch für Frederik Jacobus Johannes Buytendijk hatte das weibliche Geschlecht keinen Platz in dem von Männern geprägten Spiel. Der niederländische Universalgelehrte schrieb 1953 in seiner "psychologischen Studie über das Fußballspiel", das Spiel sei "wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. (…) Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob darum Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich."

Die erste große Frauenfußball-Begeisterung in Deutschland hatte ausgerechnet Herberger ausgelöst. Das "Wunder von Bern" pflanzte auch Frauen das Fußballvirus ein. Stellvertretend für viele erinnerte sich Gisela Lehmann, ehemalige Spielerin von Grün-Weiß Dortmund: "Schuld war eigentlich die WM '54. Ich war auf der Pferderennbahn in Castrop-Rauxel. Am Endspieltag hatte man ein großes Zelt aufgebaut, dort stand ein Fernseher. Ich bin da reingegangen und war begeistert von dem Spiel. Ich dachte mir: Mensch, das möchte ich auch mal machen."

Insbesondere im Ruhrgebiet gründeten sich so zahlreiche Frauenfußballclubs. Ihre Spiele sorgten für Aufsehen und zogen bis zu 10.000 Zuschauer an - so viele, dass sich der DFB auf seinem Bundestag am 30. Juli 1955 mit dem Phänomen "Damenfußball" befasste. Die Verbandsherren beschlossen, das Frauen-Kicken aus "grundsätzlichen Erwägungen" und "ästhetischen Gründen" zu ächten.

"Sie kickten nur 20 Minuten"

Einstimmig wurde beschlossen, "a) unseren Vereinen nicht zu gestatten, Damenfußball-Abteilungen zu gründen oder Damenfußball-Abteilungen bei sich aufzunehmen, b) unseren Vereinen zu verbieten, soweit sie im Besitz eigener Plätze sind, diese für Damenfußballspiele zur Verfügung zu stellen, c) unseren Schieds- und Linienrichtern zu untersagen, Damenfußballspiele zu leiten". Das sei schon eine schwere Sünde gewesen, "dass die Mädchen da mit einem wackeligen Busen übers Feld liefen und dann auch noch gegen den Ball traten oder sich gegenseitig foulten", erinnerte sich Hubert Claessen, langjähriges DFB-Vorstandsmitglied und 1955 als Delegierter in Berlin.

"Ständig wurde ich mit meinen Kolleginnen von Fortuna Dortmund von den Trainingsplätzen vertrieben. Wir mussten auf irgendwelche Wiesen oder in größere Privatgärten ausweichen und vorher noch die Maulwurfshügel plattmachen", erzählte die Spielerin Christa Kleinhans im Magazin "11 Freundinnen", einer Spezialausgabe der "11 Freunde". Manchmal griff auch die Polizei ein, wie Ende Juli 1955 bei der Partie zwischen dem DFC Duisburg-Hamborn und Gruga Essen auf dem Fußballplatz des Herren-Kreisklassenvereins Hertha Hamborn. Dessen zweiter Vorsitzender betrat mit einem "Schutzmann" den Platz und ließ das Spiel abbrechen. "Draußen stand für alle Fälle das Überfallkommando", berichtete die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung". Die Spielerinnen wurden vom Sportplatz vertrieben. "Sie kickten nur 20 Minuten (...) dann wurde der Damenfußball liquidiert. Es war diesmal nichts mit der Gleichberechtigung..."

Die hatte wohl auch Willi Ruppert nicht im Kopf, als er 1956 den "Westdeutschen Damen-Fußball-Verband e.V." und später den "Deutschen Damen-Fußball-Bund e.V." gründete. Der Essener Kaufmann hatte erkannt, dass Frauenfußball ein Spektakel war, das zahlreiche Zuschauer anlockte, und organisierte Vergleiche gegen Teams aus den Niederlanden. Am 23. September 1956 stieg so im Essener Mathias-Stinnes-Stadion das erste inoffizielle deutsche Frauen-Länderspiel. 18.000 Zuschauer sahen einen 2:1-Sieg über die Auswahl Westhollands und Lotti Beckmann als erste Torschützin der Länderspielgeschichte.

"Kopfbälle von Dauerwelle zu Dauerwelle"

Am 16. März 1957 folgte der zweite Auftritt, dieses Mal in München. Wieder war Westholland der Gegner, wieder die Kulisse stattlich: 17.000 strömten ins Dante-Stadion. Die Verkehrsbetriebe mussten Sonderzüge einsetzen, die lokale Presse sprach von einer "wahren Völkerwanderung". Die "Abendzeitung" ortete in der Menge zahlreiche mit Feldstechern ausstaffierte männliche Zuschauer, die sensationslüstern "eher zur Inspektion der westdeutschen und holländischen Hügellandschaften erschienen waren, als das fußballerische Kombinationsspiel der Damen zu prüfen."

Doch vor allem Letzteres konnte sich wohl sehen lassen, auch wenn der Ton der Berichterstatter noch reichlich unsicher zwischen Belustigung und Anerkennung wechselt. Der Kommentator der Wochenschau etwa sah "ein bestrickendes Spiel" und unterlegte seine Filmausschnitte blumig: "Geradezu aus der Luft gehäkelt, dieser Ball. (...) Die Umstellung von Haushaltsführung auf Ballführung scheint tatsächlich gelungen zu sein, obwohl die Herren der Schöpfung noch immer lachen. Unsere Fußball-Suffragetten tragen keine Blau- sondern Ringelstrümpfe, besiegen die Meisjes (…), und Mutti freut sich." Der "Münchner Merkur" berichtete von einem unterhaltsamen Spiel "mit Eifer (…) ohne Rohheiten, ohne unfaire Kniffe und Püffe. (…) Es knallten haushohe Kopfbälle von Dauerwelle zu Dauerwelle, es wurde gestoppt und gedribbelt, zugespielt und kombiniert".

Und die Experten des Fachorgans "Kicker" resümierten, ganz im Gegensatz zum DFB: "Unästhetisch, nein, so wirkte das ganz und gar nicht, was die Mädels im Alter zwischen 17 und 22 Jahren vorführten (…) Das Münchner Spiel bewies, dass Damenfußball durchaus sportlich ist." Die Redaktion der Fußball-Zeitschrift erhielt in den darauffolgenden Tagen viele Telefonanrufe junger Mädchen. Begeistert von den Leistungen der "Fußball-Amazonen" wollten sie wissen, wo man sich denn für den Damenfußball anmelden könne.

Mehr als 150 illegale Länderspiele

Der DFB hingegen reagierte empört. Generalsekretär Dr. Georg Xandry beschwerte sich schriftlich bei Münchens Oberbürgermeister Thomas Wimmer. Die Stadt sei offenbar nicht in der Lage, zwischen "Sport und Zurschaustellung" zu differenzieren: "Mit der in Frage stehenden Veranstaltung sind Sie uns in unserem Kampf gegen den Damenfußball in den Rücken gefallen." Da es in der Regel die Kommunen waren, die den Frauen ihre Stadien für Länderspiele vermieteten, wendeten sich die Verbandsoffiziellen auch an die Sportämter und Verwaltungen. Die Forderung: ein generelles Frauenfußball-Verbot. Die Drohung: Bei weiterer Duldung würde der DFB in den betreffenden Städten künftig auch keine großen Fußballereignisse der Männer mehr veranstalten.

Als der Weltfußballverband Fifa 1964 ein Rundschreiben an seine Mitgliedsverbände richtete, um deren Haltung zum Frauenfußball auszuloten, bekräftigte der DFB stur seinen inzwischen neun Jahre alten Berliner Beschluss. Nach Zürich wurde gemeldet, dass man in Deutschland "wegen ärztlicher Gutachten über die Schäden des Fußballspiels für den weiblichen Organismus" den Frauenfußball verboten habe. Ganz ohne ihren Organismus zu schädigen, kickten Ende der sechziger Jahre geschätzt zwischen 40.000 und 60.000 Mädchen und Frauen abseits vom Verband, nicht wenige davon subversiv in Abteilungen von DFB-Vereinen. Ab 1966 trafen sich beispielsweise vor den Toren Karlsruhes beim FV Daxlanden regelmäßig Frauen mittleren Alters zum Ballspiel – vom Verein offiziell als "Alte Herren" geführt.

Im Sommer 1970 fand dann in Italien die erste inoffizielle Damen-Fußballweltmeisterschaft statt. Das vielbeachtete Turnier wurde von der 1969 gegründeten Federazione Internazionale Europeo di Football Feminile initiiert und durch den Spirituosenhersteller Martini & Rossi gesponsert. Als Vertreter Deutschlands hatte man das Frauenteam des SC 07 Bad Neuenahr eingeladen. Als das auf seiner Reise über den Brenner im schwäbischen Illertissen zu einem Testspiel gegen eine Augsburger Studentinnen-Auswahl Halt macht, schauten sagenhafte 20.000 Zuschauer zu.

Das "Wunder von Travemünde"

Beim DFB in Frankfurt hatte man den Boom schlichtweg verschlafen. Es war vor allem die Angst, die Fußballfrauen könnten sich in einem eigenen Verband organisieren oder unter dem Dach des Turnerbunds eine neue Heimat finden, die den Verband aufwachen ließ. Bei zwei Gegenstimmen hoben die 145 Delegierten des DFB-Bundestags in Travemünde am 30. Oktober 1970 das 15 Jahre alte Frauenfußball-Verbot auf. Das Ende der Diskriminierung war damit aber noch lange nicht gekommen, denn das "Damen-Regelwerk" enthielt Auflagen: Diese sahen ein kleineres Spielfeld, einen Jugendball, eine kürzere Spielzeit und eine halbjährige Winterpause vor. Stollenschuhe waren verboten, absichtliches Handspiel zur Vermeidung schmerzhafter Begegnungen mit dem Ball (Schutzhand) hingegen ausdrücklich erlaubt.

Auch mit einer aktiven Förderung und Entwicklung eines bundesweiten Frauenfußball-Spielbetriebs hielt sich der Verband weiter sehr zurück. Bei großen Kreisen des Fachpublikums fand die feminine Ballbehandlung ohnehin wenig Gegenliebe. Der damalige Bundestrainer Helmut Schön etwa fand Frauenfußball "nicht gerade ästhetisch" und urteilte im Kölner Boulevardblatt "Express" ganz im Geiste der fünfziger Jahre: "Die Frau ist von der Natur her nicht für diesen Sport geeignet." Sein Nationalstürmer Gerd Müller sekundierte und erklärte, dass Frauen lieber kochen statt kicken sollten. Uwe Witt, Abwehrspieler der Berliner Hertha, teilte via "Bild"-Zeitung knapp mit: "Wenn meine Frau spielt: Scheidung!"

Peinlich, peinlich

Wie steinig der Weg zur Gleichberechtigung war, zeigen nicht nur die kritischen Kommentare von Fußballern oder Trainern - sondern auch eine Anekdote aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen. 1975 wählten 200.000 Zuschauer Beverly Rangers Treffer zum "Tor des Monats". Die Jamaikanerin vom Bonner SC hatte einen spektakulären Sololauf hingelegt. Und was machte die "Sportschau"-Redaktion? Sie feierte den Treffer eher als launige Arabeske und untermalte ihn – politisch nicht ganz korrekt – mit dem Vico-Torriani-Schlager: "Schön und kaffeebraun sind alle Frauen aus Kingston Town."

1980/81 durften die Frauen erstmals den DFB-Pokal ausspielen, 1990 wurde die (zunächst zweigleisige) Bundesliga eingeführt. Der Frauenfußball war in der Gegenwart angekommen, nur der DFB hatte damit noch so seine Schwierigkeiten. 1986 untersagte er den Frauen die Trikotwerbung. Die Begründung im Wortlaut: "Aufgrund der Verzerrungen durch die Anatomie kamen wir zu dem Entschluss, dass durch Werbung im Brustbereich der Trikots keine neuen Einnahmequellen für den Damenfußball liquiiert werden können."

In einer ersten Version hieß es, das erste inoffizielle Frauenfußballländerspiel habe am 23. September 1957 stattgefunden. Es war aber der 23. September 1956. Wir entschuldigen uns für den Fehler.

Zum Weiterlesen:

Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza: "Verlacht, verboten und gefeiert - Zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland". Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2005, 84 Seiten.

Das Buch "Verlacht, verboten und gefeiert - Zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland" erscheint ab Montag, den 30.5.2011 in der dritten, völlig erweiterten und aktualisierten Auflage (jetzt 220 Seiten) mit über 100 (neuen) Abbildungen im Ralf Liebe Verlag.

Seit Juli 2006 ist die Wanderausstellung "Verlacht, verboten und gefeiert" der Volkshochschule Aachen in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung bundesweit zu sehen. Noch bis 31. Mai 2011 befindet sich die Ausstellung im Historischen Museum Schloss Gifhorn. Ab 1. Juni wird sie dann im Sportpark Ostra &Sportgymnasium in Dresden zu sehen sein. Weitere Ausstellungsorte und Termine erfragen Sie bitte bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

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1.
Renate Franz 27.05.2011
Als Ergänzung dazu verweise ich auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Frauenradsport
2.
Christian Basler 27.05.2011
Guten Tag, schöner Artikel der gute Einblicke in die Anfänge des Frauenfußballs gibt. Wenn man die geschichte des Frauenfußballs über die Visuelle Ebene Ehrfahren möchte, dann kann ich die Ausstellung: "Pionierinnen des Frauenfußballs" von dem Fotogafen Günther Bauer empfehlen. Besondes der Film der Bei den Aufnahmen für die Fotoausstellung entstanden ist gibt in einer kurzen viertel Stunde Prägnant interressante Informationen zum Thema. Mehr ehrfahren kann man über das Projekt auf der Website: www.sportartproject.de
3.
Jasmin Keine 28.05.2011
Sieh an, der Gerd Müller: "Lieber kochen statt kicken". Ist das nicht der in dieser peinlichen Müllermilch-Werbung?
4.
Mona Schmid 28.05.2011
Toller und vor allem aufschlussreicher Artikel! Schade, dass das Buch zum Weiterlesen laut Online-Katalog nicht verfügbar ist. Auch der Verlag listet es unter den Publikationen der Autoren nicht einmal mehr auf. Schade eigentlich.
5.
Bodo Niemann 29.05.2011
Das ist der fünfte Beitrag zu dieser schwülstigen Emanzengeschichte. Es interessiert einfach niemanden und das ist ist gut so!
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