Frauenfußball "Mädchen, das war schon ganz gut!"

Die Vorgängerinnen der deutschen Weltmeister-Fußballfrauen mussten lange um sportliche Anerkennung kämpfen - und teilweise sogar konspirativ kicken gehen. Erst 1970 gaben die Herren vom DFB ihren Segen für offizielle Damenmannschaften.

Andreas Wittner/www.landpresse.de

Von Andreas Wittner


"Geschmacklose Vergleiche des Frauenfußballs mit der Nationalelf" - mit dieser Schlagzeile leitete ein Essener Sportjournalist im Oktober 1956 einen Kommentar im Fachblatt "Sport Magazin" ein. Was geschehen war? Eine Illustrierte hatte sich erlaubt, die Fußballerin Helga Tönnies als "den weiblichen Fritz Walter" zu bezeichnen. "Über guten Geschmack lässt sich bekanntlich streiten", echauffierte sich der Autor, "aber ein Fußballmädchen mit Fritz Walter zu vergleichen, ist für jeden echten Sportler ein Schlag ins Gesicht."

Zwei volle Spalten lang zog der Autor dann über den Artikel der Kollegen anlässlich des ersten Länderspiels einer deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft im September 1956 in Essen her. Die - noch inoffizielle - Länderspiel-Premiere gegen die Niederlande hatten die besagte Helga Tönnies und ihre Mitspielerinnen mit 2:1 gewonnen, vor sage und schreibe vor 18.000 Zuschauern.

In traditionellen weißen Trikots mit Bundesadler auf der Brust waren die Kickerinnen auf das Spielfeld des Mathias-Stinnes-Stadion eingelaufen. "Zuschauer mit dicker Trommel machten eine Zirkusvorstellung unter der Bundesfahne", monierte der "Sport Magazin"-Mann pikiert.

Auf einer Stufe mit Frauen-Catchen

Hardliner im Hinblick auf den aufkommenden Frauenfußball im Deutschland der 1950er Jahre waren allerdings nicht nur Journalisten. Die Funktionäre des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hatten ein Jahr zuvor, im Oktober 1955, per Beschluss des DFB-Bundestages den Frauenfußball gar verbieten lassen. Unter Androhung von Strafen wie Verbandsausschluss wurde den Vereinen untersagt, Frauenfußballmannschaften zu gründen oder auch nur auf ihren Fußballplätzen spielen zu lassen.

Da es hauptsächlich die Kommunen waren, die ihre Stadien für Frauen-Länderspiele zur Verfügung stellten, wandten sich die Verbandsoffiziellen direkt an die Sportämter der Städteverwaltungen und sogar an den Deutschen Städtetag. Ihre Forderung: ein generelles Frauenfußballverbot. Falls sie Frauenfußball duldeten, drohte der DFB den Gemeinden damit, künftig keine großen Fußballereignisse der Männer in den betreffenden Städten zu veranstalten.

Bei den DFB-Oberen herrschte die Meinung, beim Frauenfußball verschwinde die Anmut der weiblichen Bewegung, erlitten Körper und Seele der Frau unweigerlich Schaden, sei ihre wahre Weiblichkeit in Gefahr. Kickende Frauen standen für sie auf einer Stufe mit kommerziellem Frauen-Showcatchen, das tatsächlich verboten war.

"Das Nichttreten ist weiblich"

Mit solchen Anschauungen standen die Verbandsbonzen damals allerdings keinesfalls alleine. Unterstützung erhielt der DFB von vielen Sportärzten, die zahlreiche Argumente bezüglich der unzulänglichen weiblichen Physis für das Fußballspiel in den Raum stellten.

Der Niederländer Fred J. J. Buytendijk etwa verfasste 1953 die Schrift "Das Fußballspiel - eine psychologische Studie". Darin hieß es wörtlich: "Das Fußballspiel als Spielform ist also wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit, so wie wir diese auf Grund unserer traditionellen Auffassung verstehen." Einige Zeilen später kam der Verfasser zu der Schlussfolgerung: "Das Treten ist wohl spezifisch männlich; ob darum das Getretenwerden weiblich ist, sei dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich."

Das Geschwurbel solcher Pamphlete wurde durch die Praxis des Frauenfußballs täglich widerlegt. Nach dem zweiten Länderspiel, das in München stattfand, erhielt die Redaktion der Fußball-Zeitschrift "Kicker" zahlreiche Telefonanrufe junger Mädchen. Begeistert von den Leistungen der "Fußball-Amazonen" erkundigte sie sich, wo man sich denn anmelden könne für den Damenfußball.

Im Gegensatz zum ´"Sport Magazin" vertrat der "Kicker" auch eine aufgeschlossenere Sicht auf den Frauenfußball. "Unästhetisch, nein, so wirkte das ganz und gar nicht, was die Mädels im Alter zwischen 17 und 22 Jahren vorführten", resümierte das Blatt die Begegnung: "Das Münchner Spiel bewies, dass Damenfußball durchaus sportlich ist."

Das Nest sauber halten?

Auch ohne den Segen des DFB entwickelte sich in den folgenden Jahren ein regelmäßiger Frauenfußball-Spielbetrieb in Deutschland, wenn auch ohne offizielle Ehrungen und Meisterschaften. Bis 1963 wurden 70 Frauen-Länderspiele ausgetragen. Der DFB hatte den frühen Boom des Frauenfußballs schlichtweg verschlafen.

"Das kategorische Nein des DFB zum Frauenfußball wäre besser nicht gesprochen worden", konstatierte schon im Oktober 1957 der Berliner "Tagesspiegel": "Stattdessen hätte er seinen Vereinen raten sollen, bei Bedarf Frauen-Fußball-Abteilungen zuzulassen. Ihm wäre dieser Sport nicht entglitten, ... die ganze Geschichte sähe heute sicher ganz anders aus."

Doch auch in den Medien dominierte eher eine konservative Einstellung in Sachen Frauenfußball, die das grundsätzliche Frauenbild der 1950er Jahre widerspiegelte. Es wolle "nicht recht in den Kopf" schrieb etwa ein Journalist der "Sport Illustrierten" anlässlich eines Frauen-Länderspiels, "dass eine Frau all das in den Beinen haben soll, was man benötigt, um den Ball zu beherrschen. Genügt es ihnen nicht, dass sie das drin haben, was man benötigt, um die Männer zu beherrschen?"

Auch die UFA-Wochenschau ließ es sich zwar nicht nehmen, bewegte Bilder von den Frauen-Länderspielen zu präsentieren, kommentierte diese aber mit bemerkenswerter Süffisanz: "Deutschland gegen England hieß der neueste Schlager im unaufhaltsamen Ausverkauf holder Weiblichkeit", heißt es etwa in einem überlieferten Kommentar. "Unermüdlich drängten sich die Insel-Damen in den gegnerischen Strafraum, aber angestachelt durch echte Hausfraueninstinkte hielten die Deutschen ihr Nest sauber."

Konspiratives Kicken

In den 1960er Jahren wurde es etwas ruhiger um den Frauenfußball. Die FIFA richtete 1964 ein Rundschreiben an alle Mitgliedsverbände, um deren Haltung zum Frauenfußball zu sondieren. So erfuhren die Herren vom Weltfußballverband in Zürich vom DFB, dass man in Deutschland "wegen ärztlicher Gutachten über die Schäden des Fußballspiels für den weiblichen Organismus den Frauenfußball verboten habe."

Ohne ihren Organismus zu schädigen, huldigten derweil Tausende von Frauen der ihnen offiziell vorenthaltenen Sportart - und ließen dadurch so manches Kuriosum entstehen. So trafen sich ab 1966 vor den Toren Karlsruhes beim FV Daxlanden regelmäßig Frauen mittleren Alters zum kicken - vom Verein offiziell als "Alte Herren" geführt.

Und 1968 gründet sich in Frankfurt-Niederrad die SG Oberst-Schiel, eigentlich ein alteingesessener Schützenverein, unter dessen Deckmantel die Gattinnen der Schützenbrüder ihre Treffsicherheit mit dem runden Leder unter Beweis stellten. Und das nicht schlecht: Bei der ersten offiziellen Deutschen Frauenfußballmeisterschaft 1974 unterlagen die Schützen-Frauen nur dem späteren Deutschen Frauenmeister TUS Wörrstadt.

Spätes Einsehen

Da hatte der DFB bereits ein Einsehen gezeigt. Nach fast 15 Jahren Fußballverbot für Frauen wurde beim DFB-Bundestag im Oktober 1970 die Zulassung von Damen-Fußballspielen beschlossen. Es gab zwei Gegenstimmen. Zwischen 40 000 und 60 000 Mädchen und Frauen dürften zu diesem Zeitpunkt ohne Segen des DFB Fußball gespielt haben.

Helga Tönnies, inzwischen verheiratete Nell, erlebte die Wende noch Mit der Spielvereinigung Rot-Weiß Resser Mark erreicht sie noch in den 1970er Jahren das westdeutsche Pokalendspiel. Ganz am Ende ihrer Laufbahn gewann sie mit ihrem Verein ein Pokalturnier in Bochum-Hapen; im Finale schoss die Mittdreißigerin zwei Tore.

Unter den Zuschauern befand sich an diesem Tag kein Geringerer als Fritz Walter höchst persönlich. Nach dem Endspiel kam er zu Helga. "Mädchen, das war schon ganz gut!", waren die ermutigenden Worte der Lauterer Legende an Helga Nell, geborene Tönnies: Der weibliche Fritz Walter aus dem Jahre 1957.



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Alois Schneider, 10.10.2007
1.
Was mich interessieren würde: Rechnet der DFB die vielen in Privatregie ausgetragenen Länderspiele in seine Statistik mit rein? Vorstellen kann ich es mir - ehrlich gesagt - nicht. Und: Wer waren überhaupt die Ausrichter dieser Länderspiele?!
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