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Verbot des Frauenfußballs "Decken, decken! Nicht Tisch decken! Mann decken!"

Fotostrecke: Elf Freundinnen müsst ihr sein Fotos
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Grätschende Frauen und wackelnde Busen waren den alten Herren ein Gräuel. 1955 verbot der DFB den Frauenfußball. Anne Droste und Christa Kleinhans kickten unverdrossen weiter. Gegen alle Widerstände. Von

Knapp 90 Sekunden. Und schon hatte sich Wim Thoelke um Kopf und Kragen geredet. "Und da sind dann auch endlich die Damen Fußballerinnen", kommentierte der Moderator des "Aktuellen Sportstudios" am 28. März 1970 die Zusammenfassung eines Spiels deutscher Fußballfrauen. "Da hat Mutter eine wunderbare Flanke nach halblinks gegeben", lobte Thoelke einen gelungenen Pass. "Laufen, Erna. Aber die Erna ist nicht flink genug", meckerte er, als eine Spielerin den Ball nicht schnell genug eroberte. Nach einer Landung im Matsch tönte der Sportreporter: "Die brauchen sich doch gar nicht aufzuregen, die Zuschauer, die Frauen waschen doch ihre Trikots selber."

Auch mit praktischen Ratschlägen geizte der Moderator nicht: "Decken, decken! Nicht Tisch decken! Richtig, Mann decken! So ist's recht!" Unter Fußballerinnen ist Thoelke bis heute als Macho verschrien.

Dass überhaupt im ZDF über Frauenfußball berichtet wurde, war eine Neuheit. Knapp 15 Jahre zuvor hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am 30. Juli 1955 auf seinem Bundestag in Berlin den Frauenfußball verboten - aus Sorge um das weibliche Wohl und die Aufrechterhaltung der Moral. "Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand", begründete der Sportverband seine Entscheidung.

"Das war schon eine schwere Sünde, dass die Mädchen da mit einem wackeligen Busen übers Feld liefen und dann auch noch gegen den Ball traten oder sich gegenseitig foulten", erinnerte sich der DFB-Funktionär Hubert Claessen in den Neunzigerjahren an die damalige Stimmung. Im DFB organisierte Vereine durften fortan weder Damenfußball-Abteilungen unterhalten noch ihre Sportplätze für Frauen bereitstellen. Schiedsrichtern war es ausdrücklich verboten, Begegnungen zu pfeifen.

"Ein bestrickendes Spiel"

"Diese alten vernagelten Köpfe", gerät Christa Kleinhans auch heute noch in Rage. "Die haben sich lächerlich gemacht", meint auch Anne Droste. Zusammen mit neun anderen Spielerinnen liefen die beiden Dortmunderinnen am 16. März 1957 dem DFB zum Trotz auf dem Grün des Münchner Dante-Stadions auf. Eine bundesdeutsche Auswahl trat gegen Kickerinnen aus Holland an. Aus ganz München strömten die Zuschauer ins Stadion. Wie die Polizei mussten auch die Verkehrsbetriebe Sonderschichten einlegen.

Aus ihrem Bus heraus hatten Droste und Kleinhans bereits auf dem Weg ins Stadion die überfüllten Straßenbahnen beobachtet. "Wissen Sie, was das Schöne war? Die kamen wirklich zu uns!", erklärt Droste. Rund 17.000 Menschen verfolgten am Ende das Spiel. "Das haben wir dann mit 4:2 gewonnen, ich habe zwei Tore gemacht", erinnert sich Kleinhans.

Die Presse war begeistert. "Das Spiel war ein voller Erfolg, für die Fußballerinnen und für die Zuschauer, die ebenso sachkundig wie freundlich gesonnen waren", meinte der "Münchner Merkur". "Unästhetisch, nein, so wirkte das ganz und gar nicht", kritisierte der "Kicker" den DFB. "Es gibt keinen Grund, sie nicht spielen zu lassen", fasste die "Münchner Abendzeitung" zusammen.

Lediglich der Kommentator der "Wochenschau" vergriff sich im Ton. Er sah ein "bestrickendes Spiel" und lobte die gelungene "Umstellung von Haushaltsführung auf Ballführung". Der DFB war hingegen überhaupt nicht begeistert - München sei "unserem Kampf gegen den Damenfußball gleichsam in den Rücken gefallen", behauptete Generalsekretär Georg Xandry in einem Schreiben an die Kommune als Eigentümerin des Dante-Stadions.

"In die Duschen durften wir auch nicht"

Möglich wurde dieses Spiel, weil einige Frauen dem Verbot des DFB trotzten - und unabhängige Vereine wie Gruga Essen oder den DFC München gründeten. Kleinhans und Droste spielten mit Fortuna Dortmund beim erfolgreichsten Verein dieser Zeit. "Wir wollten einfach Fußball spielen. Das war's", erinnert sich Anne Droste. Schon als kleines Mädchen hatte sie auf der Straße gekickt: "Ich habe nur mit den Jungs gespielt. Wenn meine Mutter dann so ein bisschen zugeguckt hat, hat sie gesagt, dass die Anne besser ist als alle zusammen."

1955 hatte die 19-Jährige zusammen mit anderen Frauen Fortuna Dortmund gegründet. Später stieß auch noch die gleichaltrige Christa Kleinhans dazu. Wie alle Spielerinnen litten auch sie unter Schikanen. "Wir hatten einmal ein Spiel auf einem städtischen Platz, aber wir durften nicht in die Umkleidekabine", erzählt Droste. "Da haben wir uns schon im Hotel umgezogen. Und in die Duschen durften wir auch nicht. Was haben wir gemacht? Sind hinterher in den Bus gestiegen und zum Schwimmbad gefahren."

Bald spielten Droste und Kleinhans zahlreiche Partien. Gerade Männer schauten sich die Frauenspiele an - aus sportlichem Interesse und weniger zur Besichtigung der "Hügellandschaften", wie 1957 noch die "Abendzeitung" vermutet hatte. "Einmal kamen wir vom Platz und gingen ins Sportheim, um etwas zu essen und zu trinken", sagt Droste. "Als wir reinkamen, standen die Männer auf und applaudierten." Auch ihre ehemalige Mannschaftskameradin Kleinhans ist überzeugt, dass die Zuschauer aus Freude am Spiel kamen: "Ich hätte keine zehn Jahre Fußball gespielt, wenn ich mich der Lächerlichkeit hätte preisgeben müssen."

"Brustpanzer"

1965 endete die Fußballkarriere der beiden Kickerinnen - Fortuna Dortmund löste sich auf, die Mannschaft konnte keine komplette Elf mehr aufstellen. In Schwerte fand das Abschiedsspiel statt. "Da wollten welche vom DFB rein", erinnert sich Anne Droste. "Die sagten: 'Wir kommen überall umsonst rein.' Ich habe nur gesagt: 'Bei uns nicht!'" So zeigten die Fußballfrauen aus Dortmund dem DFB ein letztes Mal die Grenzen auf. "Wir wollten Fußball spielen. Wir wollten zeigen, dass auch Frauen Rechte haben. Und dass der mächtige DFB nicht seine Krallen ausstrecken und ein Verbot aussprechen kann", meint Christa Kleinhans.

Erst am 31. Oktober 1970 hob der DFB sein Frauenfußballverbot auf, weil die Fußballfrauen kurz davor standen, einen eigenen Verband zu gründen. Von Gleichberechtigung war allerdings keine Rede. Stollenschuhe waren den Frauen zum Beispiel verboten, sie durften nur mit Jugendbällen spielen, ihre Spielzeit währte bis 1993 lediglich 2 mal 30 Minuten - und das auch nur bei guten Wetterverhältnissen. Ein findiger Geschäftsmann hatte sich in Erwartung eines neuen Marktes einen extra verstärkten Büstenhalter, eine Art "Brustpanzer", patentieren lassen, um das scheinbar schwache Geschlecht vor Schäden zu bewahren. Das ging dann sogar dem DFB zu weit.

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1.
Felix Horch, 26.06.2015
Nur einen Fehler haben die Damen gemacht: Statt sich dem DFB auszuliefern, hätten sie ihren eigenen Verband gründen sollen. Naja, so ist das halt mit Menschen, die einfach nur Fußball spielen wollen, anstatt ein Auge auf den Machtpoker zu haben: Am Ende mussten sie den Kompromiss mit den Auflagen eingehen (2x 30 Minuten usw.), sich auf diesem Wege zu Fußballern 2. Klasse machen lassen. Machtspiele sind widerlich und ich verstehe jeden, der sie ebenfalls nicht mag. Leider darf man sie nicht ignorieren, sonst hat man am Ende den Schaden.
2.
Thomas Grimm, 26.06.2015
Nun ja, das ist die Gilde der Hoenesse und Blatters. Eigentlich sind diese korrupten Sportfunktionäre es gar nicht wert, dass man sich mit ihrem Geschwätz beschäftigt. Das Interesse schon damals zeigte, dass es sehr wohl ohne ohne deren Einmischung auch ging.
3. ...und ich dachte immer...
Friedemann Henke, 26.06.2015
...beim DFB hätte irgendjemand gemerkt, dass diese Verbote massiv gegen das Grundgesetz verstossen haben. Offensichtlich eine Überschätzung der Leute...
4. Geschichte ist nun mal Geschichte
Axel Weitermann, 26.06.2015
Ich kriege immer die Krise, wenn jede Phase der Geschichte - die man natürlich bescheuert finden kann - mit der heutigen chronisch moralinsauren, aber politisch überaus korrekten Sichtweise beurteilt werden muss. Alles von früher ist ganz bös rassistisch oder sexistisch. Erst der edle, aufgekärte Mensch des 21. Jahrhunderts hat den Durchblick. Thoelkes Beitrag war ganz zweifellos 1970 schon eine Satire. Eine Satire auf Stammtischniveau, sicher, aber Fußball wird bis heute seltenst anders kommentiert. Ob die nun Simon, Wontorra, Reif oder Rethy heissen. Oder all die Durchblicker von SPON: Ahrens, Buchheister und Co. Ich wäre gespannt, zu erfahren was in 50 Jahren über die Auswüchse der 10er Jahre geschrieben wird, als man ständig vor sich selber stramm stand und seinem Spiegelbild salutierte: Mann, was bist Du korrekt.
5. @ Thomas Grimm
Uwe Merckens, 26.06.2015
Uli Hoeneß wurde 1978 "Spielermanager" und 1979 begann seine Karriere am Schreibtisch, Da war das Verbot schon fast zehn Jahre aufgeboben. Zudem ist Hoeneß nie Funktionär beim DFB gewesen. Erst informieren, dann schreiben.
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