Freigegebene Erpresserbriefe "Nach geben Geld wir sagen wo Bombe"

Geld oder Leben: Jedes Jahr verschicken Erpresser Hunderte von Drohbriefen, nur wenige gelangen an die Öffentlichkeit. Nun hat das BKA einige aus der Asservatenkammer geholt - einestages dokumentiert die dreistesten, drohendsten und dämlichsten Ergüsse deutscher Erpresser.

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"Guten Tag die Wurst die Ihr herstellt ist sehr gut doch nur solange wie wir nichts reinspritzen!" Hinter den Eröffnungssatz dieses, in unbeholfenen Druckbuchstaben verfassten, Erpresserbriefes hat der Verfasser einen kleinen Totenkopf gekritzelt. Was auf den ersten Blick wirkt wie ein Dumme-Jungen-Streich, ist durchaus ernst gemeint.

Jedes Jahr werden in Deutschland hunderte Erpresserbriefe wie dieser verfasst und an Supermarktketten, Lebensmittelhersteller, Banken oder die Familien von Entführungsopfern verschickt. Die wenigsten dieser Schreiben gelangen an die Öffentlichkeit. Nun hat das Bundeskriminalamt (BKA) eine Auswahl von Erpresserbriefen aus seinen Asservatenkammer hervorgeholt.

Darunter sind Drohschreiben, deren Autoren sich offenkundig für kriminelle Superhirne halten und die wortreich beschreiben, wie genau sie die Polizei aufs Kreuz legen werden. Es gibt andere, deren Verfasser mit albernen Sprachklischees vorzutäuschen versuchen, es handele sich bei ihnen um einen Ausländer - den Satz "Nach geben Geld wir sagen wo und wieviel Bomben" würde man eigentlich nicht einmal einem drittklassigen Komiker zutrauen.

Das Handwerk aus Krimis erlernt

Und dann gibt es auch solche Erpresserbriefe, in denen in unterkühlt-freundlichem Amtsdeutsch und komplexen Satzstrukturen festgestellt wird "Wenn sie erst handeln wollen, sobald die ersten Kunden einen gesundheitlichen Schaden davon getragen haben, bedauern wir dies zwar, aber wir sind entschlossen unseren Weg bis zum Ziel zu gehen." Natürlich hat ein solcher Brief auch eine Betreffzeile - "Kontaminierte Lebensmittel - Beispiel". Und, direkt über der Anschrift des Erpressten - den Briefkopf des Verfassers.

An den jetzt freigegebenen Dokumenten fällt auf, dass viele der Drohbrief-Verfasser ihr Handwerk offenkundig bei intensiver Lektüre zahlloser Krimis und vor dem Fernsehgerät beim Betrachten aller möglichen Polizeiserien erlernt haben müssen. Ausführlich erklären viele in ihren Briefen etwa, wie sie nach Fertigung des kriminellen Schriftstücks zur Beseitigung von Spuren Haare und Hautschuppen entfernt oder Schreibmaschinen beseitigt hätten, selbstverständlich alles mit Handschuhen an den Händen. "Es ist nichts mehr vorhanden", resümiert einer der Erpresser in seinem Schreiben, "nur meine Gedanken."

Sprachlicher Fingerabdruck

Nicht ganz. Denn fast alle Erpresserbriefe landen im Referat "Sprecherkennung, Tonträgerauswertung und Autorenerkennung" des BKA in Wiesbaden. Und dort werden nicht nur Dinge wie die Herkunft des Papiers, der Schreibmaschinen-Typ oder etwaige Fingerabdrücke ermittelt. Die Briefe landen auch in der Abteilung für forensische Linguistik. "Die Leute wissen aus den Krimis, dass man keine Spuren hinterlassen soll", erklärte die Linguistin Sabine Schall in der "Süddeutschen Zeitung", die zuerst eine Auswahl der Briefe präsentierte. "Aber sie wissen oft nicht, dass man auch in der Sprache Spuren hinterlässt."

Die Aufgabe von Ermittlern wie Schall ist es, in den Briefen einen linguistischen Fingerabdruck zu finden. Dafür wird die Sprache des Erpressers genauestens untersucht: auf Rechtschreib- und Grammatikfehler, regionalsprachliche Besonderheiten, Begriffe aus dem Berufsjargon oder Auffälligkeiten bei der Interpunktion. So können unter anderem Vermutungen über die soziale Schicht oder die regionale Herkunft angestellt werden. Mit diesen Hinweisen tragen die Linguisten häufig zur Ergreifung der Täter bei.

Ist ein Erpresser mit Hilfe der Sprachdetektive im BKA erst einmal geschnappt, hilft es ihm auch nichts, wenn er zuvor in seinem Drohbrief beteuert hat: "... außerdem erhalten Sie die Summe mit Zinsen innerhalb der kommenden 12 Monate zurück."



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