Freistaat Christiania "Kinder sahen ihre Eltern vor die Hunde gehen"

Mitten in Kopenhagen gründeten Aussteiger 1971 einen autonomen Mini-Staat. Für Kinder drogensüchtiger Hippies war Christiania alles andere als ein Paradies. Viele litten unter Vernachlässigung, Angst, Missbrauch.

Von , SPIEGEL TV


Ein Bollwerk gegen den Kapitalismus sollte der Freistaat Christiania in Kopenhagen sein, ein Hippie-Paradies, offen für alternative Lebensstile. Ab Herbst 1971 zogen Aussteiger, Utopisten und Künstler aus ganz Europa hin. Sie waren überzeugt, sich selbst und ihren Kindern ein erfülltes Leben zu ermöglichen, gegründet auf Selbstbestimmung, Gewaltlosigkeit und freier Liebe.

Die Kommune schwärmte von einer "magischen Mischung aus Anarchie und Liebe". Doch sie ist bis heute voller Tabus und grausamer Geschichten. Die Erwachsenen lebten in der Illusion, dass ihre Kinder Hunderte Eltern hätten - während viele Kinder das Gefühl hatten, überhaupt keine zu haben.

Zudem hielten die Erwachsenen eine Kontrolle von außen durch Polizei oder soziale Ämter für unnötig - und die Kinder litten unter den Konsequenzen. Ihrem Leben fehlten persönlichen Bindungen, es war vielfach geprägt von Missbrauch, Vernachlässigung, Angst.

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Anarcho-Kommune Christiania: Die Kinder der Hippies

Rufus zählt zur ersten Generation dieser Kinder. Sein Vater zog 1974 mit ihm nach Christiania, fand ein Dach über dem Kopf und konnte sich seiner Selbstverwirklichung widmen. Zugleich musste er für Rufus Verantwortung übernehmen. Nächtelang war der Vater fort, brachte immer wieder fremde Frauen mit nach Hause. Rufus fühlte sich alleingelassen:

"Ich hatte Diskussionen mit meinem Vater: 'Du warst nicht hundert Prozent für mich da!' Er antwortete: 'Aber ich war hundert Prozent da, wenn ich auf dich aufgepasst habe. Ich bin um 6 Uhr morgens mit dir aufgestanden, habe Acid genommen und dann mit dir gespielt.' Und ich denke mir: Kann man eine Beziehung zu einem Kind entwickeln, das zwei, drei, fünf Jahre alt ist - wenn man LSD genommen hat?"

Christiania: Am Anfang stand die Hausbesetzung. Anarchisten und Alternative hatten die leer stehenden Kasernen des verlassenen Militärgeländes Christianshavn inmitten der dänischen Hauptstadt besetzt. Weit mehr als in einer geplanten Utopie wurzelte Christiania in einer sozialen Rebellion, wie sie in den Siebzigerjahren dem Zeitgeist entsprach, und der Suche nach Wohnraum.

Größter Haschischmarkt Europas

Es begann als idealistischer Versuch. "Wir müssen das gemeinschaftliche Leben lernen, wir müssen Solidarität lernen", hieß es in einem frühen programmatischen Artikel. Handwerkskollektive entstanden, Theatergruppen, WGs. Die Aussteiger lebten auf dem 34 Hektar großen Gelände in den Kasernen, in selbst gezimmerten Holzhütten, Bauwagen und bunten Baracken zusammen, Privateigentum war verpönt. Man praktizierte basisdemokratische Selbstverwaltung und beschloss in der Vollversammlung nur, was Konsens war.

  • Die Dokumentation "Die Kinder der Hippies" läuft am 24. Dezember um 20:15 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Die Zeit der Rebellion war zugleich die Zeit der Experimente, auch durch Bewusstseinserweiterung - durch Drogen. In teils naiver Unkenntnis der Risiken nahmen die jungen Wilden enthemmt, was ihnen in die Finger kam. Auf der Pusher-Street, dem Hauptboulevard, florierte bald der größte offene Haschischmarkt Europas.

Sofie war das erste Kind, das in Christiania zur Welt kam, da war ihre Mutter 21, ihr Vater 19 Jahre alt. Beide hat das Experiment Christiania später das Leben gekostet:

"Damals wussten die Leute nicht so wirklich, wie gefährlich Drogen waren. Meine Mutter erzählte mir, dass die Leute sagten, wir sollten dies und das mal ausprobieren: Kokain, LSD, Heroin.… Manche schafften es, das nur gelegentlich zu nehmen. Meine Eltern aber nicht. Es wurde immer schlimmer. Sie nahmen Heroin, Kokain, Methadon, Psychopharmaka, Schlaftabletten, Alkohol. Sie waren nie clean. Und sie beendeten ihr Leben als Drogensüchtige."

Doch auch wer seine Familie nicht an den Tod, sondern an die Sucht verlor, war verlassen: Wo die Kinder bei diesen Selbstversuchen blieben, war vielen Eltern egal.

Trylle hat das am eigenen Leib erfahren. Sie lebte mit ihren Eltern in einem Wohnwagen. Zuerst glich ihr Leben einem fantastischen Abenteuerspielplatz. Ihr Vater gründete die Theatertruppe "Sonnenwagen", von morgens bis abends wurde ausgelassen getanzt und gespielt. Im Hippie-Mekka verschwammen Realität und Fantasie.

"Ich wollte einfach nur Sicherheit und meine Eltern"

Als Trylle etwa drei Jahre alt war, begannen ihre Eltern abzurutschen. Die Party im Paradies wurde zum Höllentrip. Sie tranken unablässig und waren bald stark alkoholabhängig:

"Ich erinnere mich, dass sich die Abende sehr unsicher anfühlten. Oft bin ich meine Eltern suchen gegangen. Und Christiania war ein hartes Pflaster. So schön und fantastisch es am Tag aussehen mochte - genauso hart und brutal konnte es in der Nacht sein, wenn es dunkel war. Es gab keine Straßenlaternen. Große Hunde. Verrückte. Betrunkene Idioten. Ich musste mich darin zurechtfinden, obwohl ich verdammt müde war und einfach nur Sicherheit wollte. Und meine Eltern und ein Bett, in dem ich schlafen konnte."

Nicht allen Kindern der alternativen Gemeinschaft ist es so ergangen. Es gab auch intakte Familien, wie die von Lise. Ihr Vater wurde Teil des Schmiedkollektivs in Christiania und baute später Pedersen-Räder. Der Lebenskünstler hatte vorher schon vieles ausprobiert - als Brauer, Werber, Archäologe, Hafenarbeiter, Herumtreiber. So war sein Ego schon gefestigter als das vieler anderer Christianiten.

Lise beschreibt ihre Kindheit als größtenteils glücklich:

"Meine Familie war eine der Kernfamilien von Christiania. Mama, Papa, drei Kinder und die ganzen Tiere. Wir hatten ein Zuhause, in das andere Kinder kamen, deren Elternhaus nicht so stabil war. Sie konnten hier immer ihre Spaghetti mit Fleischsoße bekommen. Es waren meist viele Leute um uns herum, es gab oft Abendessen im Garten. Es war sehr poetisch und großartig, ein Teil davon zu sein."

Doch auch in heilen Familien gab es Risse. Als eine Motorradgang Lises Schwester in einem Café zusammenschlug, hatte das keinerlei Konsequenzen. Die Gemeinschaft versagte. Das Vakuum, das durch fehlende staatliche Gewalt entstanden war, nutzten Gruppen aus und bedrohten die pazifistische Kommune: Banden, Drogendealer, Triebtäter.

Wer keinen Platz in der Gesellschaft fand, sollte hier willkommen sein - das war Teil der Ideologie Christianias. Auch Alkoholiker, Obdachlose, psychisch Kranke, Drogenabhängige. Dass kleine Kinder einen Schutzraum brauchen? Kein Thema. "Ihr wart so sehr damit beschäftigt, einen Spielplatz für Erwachsene zu erschaffen, dass es kein guter Spielplatz für Kinder wurde", sagt Lise heute.

Paradies für Pädophile

Als Rufus sieben Jahre alt war, wurde er von einem Mann mit Wahnvorstellungen beinahe erwürgt. Trylle entging nur knapp einer Vergewaltigung:

"Es rannten viele Psychotiker rum, die verrückte Trips schoben. Die Leute kamen nach Christiania, weil sie dachten, hier sei alles erlaubt. Manche vergingen sich an Kindern. Ich wurde nie vergewaltigt, aber ich war nah dran. Es gab Menschen von außerhalb, die hielten das hier für ein Paradies, in dem man Kinder missbrauchen könne: Sie laufen einfach herum, und niemand passt auf sie auf."

Exzessiver Drogenmissbrauch führte häufig zu schizophrenen Störungen, Wahnvorstellungen, Halluzinationen der Eltern. Die Folgen für die Kinder lassen sich nur erahnen.

Sofies Mutter sah am Ende keinen Ausweg mehr, als vor dem schizophren gewordenen Vater zu fliehen:

"Es gab Zeiten, in denen er außer Kontrolle war. Er konnte nicht schlafen und war die ganze Zeit auf Koks. Er hatte irgendeinen Eifersuchtstrip - und sperrte mich und meine Mutter ein paar Tage im Wohnwagen ein. Sie wartete, bis er eingeschlafen war, und haute dann ab. Ich erinnere mich, wie wir zusammen wegrannten."

Auf dem Arm der Mutter blickte sie zurück, voller Angst, der Vater könne sie verfolgen. Die Flucht aus Christiania gelang. Bis heute ist Sofie über den Mangel an Solidarität in der Kommune erschüttert. Niemand habe sie in Schutz genommen, ihren Vater zur Rede gestellt, ihnen Obdach angeboten.

Entzug oder Auszug

Rufus' Vater Finn machte als einer der wenigen Christianiten der ersten Stunde eine Therapie. Er gibt offen zu, dass es Probleme gab mit vernachlässigten Kindern und mit den Drogen - und versteht, wie unheimlich es seinem Sohn war, wenn überall in der Wohnung Heroinnadeln der bei ihnen untergekommenen Junkies herumlagen.


Christiania (September 2016): Bewohner reißen Haschisch-Stände ab

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Der Drogenkonsum war Ende der Siebzigerjahre außer Kontrolle geraten, viele süchtige Bewohner lebten inzwischen im Elend. Rufus erinnert sich, welche Freude er als Kind empfand, als die Christianiten 1979 bei der "Junk Blockade" verwahrloste Wohnungen räumten. Die Kommune untersagte den Verkauf harter Drogen und stellte Heroinabhängige vor ein Ultimatum: Entzug oder Auszug.

Auch später gingen Bewohner immer wieder selbst gegen den Drogenhandel vor, der in Christiania dennoch bis heute ein Problem ist. Viele Kinder der ersten Generation endeten als Junkies oder sitzen im Gefängnis, erzählt Rufus. Doch das werde von vielen Christianiten verheimlicht oder abgestritten.

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Hans Peter Kaub, 23.12.2016
1. Tja, was soll ich sagen.
Ich war 1976 in Christiania, ganz kurz, nur 1h, da war nichts Erstrebenswertes oder Interessantes. Ich sah nur Dreck und Elend. Ich habe schnell das Weite gesucht. Übrigens, ich war damals 19Jahre alt und wusste das Drogen gefährlich sind.
Ronald Soll, 23.12.2016
2.
Ich war einige Male in den 70ern In Kristiania. Der Bericht ist schon realistisch. Mich hat dieses Projekt sehr interessiert und auch fasziniert. Damals habe ich aber auch sehr viel Elend gesehen. Einem Minderjährigen wurde von einem Erwachsenen in einer Cafeteria Heroin gespritzt. Da wußte ich: Hier läuft etwas schief. Aber es gab auch fantastische Leute in den Werkstätten und Leute, die sich tolle Unterkünfte gebaut haben. Kaputtes und Tolles waren ganz dicht beieinander. Im Grunde genommen rangen die aktiven Kristianiter mit denen, die sich gehen ließen. Das war damals schon ein Thema. In gewisser Weise spiegelte das Leben in Kristiania auch die bürgerliche Gesellschaft. Elendsunterkünfte in den Kasernen und tolle Häuser rund um die Teiche im Hippie-Blankenese-Style. Trotzdem bin ich Kristiania wohlgesonnen. Es ist eine ewige Auseinandersetzung.
M. Pfitzner, 23.12.2016
3.
Was für ein Albtraum! Ich frage mich, warum im Gedächtnis vieler Deutscher Christiania immer noch der Inbegriff für eine positive, bessere, alternative Lebens- und Wohnform zu sein scheint. Irgendwie erinnern mich die traurigen Schilderungen der ehemaligen Christiania-Kinder an den bekannten Werbespot einer Bausparkasse, die mit dem Ausspruch eine kleinen Mädchens endet, das in einem Bauwagen leben muss: "Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden..."
Stefan Claus, 23.12.2016
4. Ein Spielplatz für Erwachsene
- innerlich erwachsene - mag es sein, aber bestimmt kein Spielplatz für Kinder. Diesen Eindruck hatte ich auch bei meinem Besuch 2013 dort. Dabei erinnerte mich vieles an das, wovon ich mit 20 geträumt habe, als es bspw. wilde Partys im Französischen Viertel Tübingens zu feiern gab. Aber jetzt, mit drei Kindern, erscheint mir völlig einleuchtend, dass ein solches Umfeld nicht gut für ein behütetes Aufwachsen und glückliches Erwachen kindlichen Geistes ist.
Johanna Jovanovic, 23.12.2016
5. Dreck
War ein mal dort, erinnere, wie jemand einen epileptischen Anfall hatte. Duesterer, kalter Ort.
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