Niemandsland im Rheintal Hoppla, wir gründen einen Staat!

Niemandsland im Rheintal: Hoppla, wir gründen einen Staat! Fotos
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Es klingt wie ein Karnevalswitz: Nach dem Ersten Weltkrieg übersahen Kartographen der Besatzungsmächte einen winzigen Landstrich im Rheintal. Ein Bürgermeister rief daraufhin den Freistaat Flaschenhals aus, führte irrwitzige Geldscheine ein - und machte die Region zum Paradies für Kriminelle. Von

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Von einem Tag auf den anderen war das Einkaufen für die Bürger von Lorch wieder ein Vergnügen. Zwar war seit Ende des Ersten Weltkrieges auch der beschauliche Winzerort am oberen Mittelrhein von der Wirtschaftskrise betroffen, doch nun sorgten zumindest die neuen Geldscheine für Belustigung: Auf den Banknoten, die es im Rest des Deutschen Reiches so nicht gab, prangten neben Bildern lokaler Sehenswürdigkeiten neuerdings Sprüche wie dieser: "In Lorch am Rhein, da klingt der Becher, denn Lorcher Wein ist Sorgenbrecher." Ein anderer Schein verkündete: "Nirgends ist es schöner als in dem Freistaat Flaschenhals."

Man musste für diese Attraktion Anfang der zwanziger Jahre nicht ins idyllische Lorch kommen, die neue Währung galt ebenso in der nahegelegenen Kleinstadt Kaub und in 30 weiteren Dörfern des Rheingaus. Ohnehin waren ulkige Banknoten zwischen 1919 und 1923 nicht das einzige Kuriosum in diesem malerischen Landstrich im Rheintal. Auch ein eigenes Postwesen und eigene Telegrafenleitungen hatten die Bewohner jener Gegend aufgebaut, die sogar eine Art Staatschef hatte: Edmund Pnischek, damals Bürgermeister in Lorch, regierte in einem Land, dessen Name schon damals wie ein Treppenwitz klang. Doch der "Freistaat Flaschenhals" existierte tatsächlich.

Was wie eine Wortschöpfung aus der Augsburger Puppenkiste klingt, war das Zufallsprodukt eines der kuriosesten Vermessungsfehler des 20. Jahrhunderts. Denn nach dem Ersten Weltkrieg entstand mit Pnischeks Freistaat ein von aller Welt abgeschotteter, faktisch unabhängiger Landstrich im Rheingau. Und dieses Land war nicht nur das wohl eigenartigste und am wenigsten bekannte Resultat des Waffenstillstandsvertrags von Compiègne, der am 11. November 1918 zwischen den Westmächten und dem Deutschen Reich abgeschlossen worden war. Der bizarre Freistaat machte sich auch schnell einen Namen - mit viel Kreativität und krimineller Energie.

*"Wenigstens noch ein Streifen wirklichen deutschen Rheines"

Und das alles wegen einer mathematischen Schlamperei: Bei der Planung der alliierten Besatzungszonen auf der rechten Rheinseite hatten die zuständigen Kartografen um drei rechtsrheinische Großstädte jeweils im Halbkreis einen Radius von 30 Kilometern gezogen, die einander berühren sollten. Doch zwischen den gezirkelten Zonen von Mainz und Koblenz hatten die Planer eine kleine Lücke übersehen, die somit nicht zum Einflussbereich der alliierten Besatzungsmächte gehörte. Einziges Problem: Auch vom Deutschen Reich, zu dem der Landstrich damit formal gehörte, war er geografisch, technisch und infrastrukturell vollständig abgeschnitten.

So erstreckte sich laut der Politologin Stefanie Zibell, die den Freistaat Flaschenhals und dessen Geschichte erforscht hat, zwischen Rheinufer und Taunus ein faktisch staatenloser Streifen ins Hinterland. An seiner schmalsten Stelle war das Gebiet gerade mal 800 Meter breit, in Richtung Westen wurde es jedoch gleichmäßig breiter - und erinnerte daher von seiner Form an einen Flaschenhals.

Aber wer sollte den herrenlosen Flecken mit seinen rund 17.000 Einwohnern verwalten? Zunächst unterstand er dem Landrat von Limburg an der Lahn, doch der "Flaschenhals" lag unerreichbar im Niemandsland, keine Straße oder Bahnstrecke führte dorthin.

Landrat Robert Büchting übertrug daraufhin die Macht über die winzige Enklave dem Lorcher Bürgermeister Edmund Pnischeck, der die Gelegenheit nicht ungenutzt ließ: Am 10. Januar 1919 erklärte er das winzige Territorium für unabhängig und telegrafierte an die deutsche Waffenstillstandskommission, dass "zwischen Bonn und Mainz wenigstens noch ein Streifen wirklichen deutschen Rheines verbleiben soll". Ganz ernst gemeint war die Bezeichnung "Freistaat Flaschenhals" aber nicht, denn staatsrechtlich war kein neues Land entstanden - dafür aber ein Haufen Probleme.

So kurios das Land des Selfmade-Staatsmanns Pnischek auch war, für die Bewohner war die Lage zunächst alles andere als witzig: Sie durften die angrenzenden Besatzungszonen nicht betreten, Rheinschiffe und Züge hatten im Freistaat Halteverbot, und die zirkelförmige Grenzziehung der alliierten Brückenköpfe hatte zudem alle Straßenverbindungen zur Außenwelt gekappt.

Willkommen in der Isolation!

Daher eilte schließlich Limburgs Landrat Büchting zu Hilfe: Er ließ eine Telegrafenleitung in den Flaschenhals verlegen und richtete eine Postkutsche ein. So pendelte zweimal die Woche ein Bauernkarren über die Knüppeldämme im Taunus zwischen der Bischofsstadt Limburg und dem Mikrostaat. Wer den jedoch selbst verlassen wollte, hatte in der Regel Pech - und musste die bis zu 55 Kilometer lange Strecke zu Fuß bewältigen.

Doch der Freistaat stand bald vor ganz anderen Schwierigkeiten: Da die Kutsche nicht den kompletten In- und Export übernehmen konnte, wurden viele lebenswichtige Waren knapp, die Preise stiegen und die Ausgaben somit auch. "Das Papiergeld war rar geworden, namentlich das Kleingeld", schrieb Bürgermeister Pnischek später in seine Chronik, "und das Notgeld der benachbarten Großstädte kam nicht zu uns, weil wir ja abgesperrt waren."

Den Freistaatlern blieb nur eine Wahl: selbst Geld zu drucken. Doch was halfen bunte 25-Pfennig-Scheine, wenn man damit nichts kaufen konnte? Die Isolation des Flaschenhalses verhinderte eine regelmäßige Versorgung und fachte so die Inflation an, es drohten Hunger und Not. Doch die wackeren Rheinländer wussten sich zu helfen.

Schmuggel mit Kühen und Kohle

Zunächst versuchten die Bewohner der Enklave es auf legale Weise: Ein Verbindungsweg durch den Taunus sollte die Versorgung aus dem abgeschnittenen Rest-Deutschland sichern. Doch das Nadelöhr Richtung Osten erwies sich als nur schwer passierbar: Wiesen und Feldwege, Waldschneisen und Felder waren als Hauptverkehrsader für die Versorgung von Tausenden Menschen im Freistaat kaum geeignet - und auch die provisorische Einrichtung von Knüppeldämmen aus Baumästen änderte daran nichts: Jeder Transport musste sich über Stock und Stein, durch Schlaglöcher und Matsch quälen - und konnte wegen des heftigen Geruckels oft nur zur Hälfte beladen werden. Eine andere Lösung musste also her, eine effektivere: Schmuggel.

So trieben bald immer häufiger Bauern aus den besetzten Gebieten nachts Kühe und Rinder über die Grenze, Winzer schleusten karrenweise Kohle über Waldwege in den Freistaat. Bezahlt wurden die Schmuggler per Tauschhandel mit der einzigen Ware, die in der Enklave Flaschenhals in rauen Mengen vorhanden war: selbstgebrannter Schnaps und Wein.

Der Mikrostaat fungierte mit der Zeit sogar als Umschlagsort für Waren aus den Besatzungszonen ins unbesetzte Deutschland, wie der Journalist Hermann Jung Jahre später festhielt: "Nachts machte hinter den Lorcher Inseln ein Motorboot fest, und emsige Kräfte halfen es zu leichtern. Noch in der gleichen Nacht wurde die Ware umgeladen auf Wagen und Karren, und diese fuhren gen Limburg."

Sturm auf das Schwarzhandel-Paradies

Selbst entkommene Kriegsgefangene und politische Flüchtlinge wurden heimlich über die Grenzen des Minireichs geschleust. Der illegale Grenzverkehr blühte so auf, dass es den Bewohnern des Flaschenhalses besser ging als vielen Mitbürgern im restlichen Deutschland. Dort konnte der rheinische Schmuggelstaat laut Pnischek sogar ganze Landstriche mitversorgen: "Wenn in Deutschland manche Stadt und manches industrielle Werk vor Hungerstreiks bewahrt geblieben sind", schrieb der Chronist mit rheinischem Humor, "haben sie das den Heinzelmännchen zu verdanken, die damals in Lorch tätig waren."

Dem französischen Kommandeur im Rheinland, General Henri Mordacq, war der florierende Schwarzhandel von Anfang an ein Dorn im Auge. Deshalb nutzte er "jede Gelegenheit, den Flaschenhals zu ergreifen", wie er später in seinen Memoiren schrieb. Als der Schmuggel stetig zunahm, ließ Mordacq daher Scheinwerfer zur Überwachung der Grenzen aufstellen. Die Bewohner des Flaschenhalses wehrten sich erneut, auf ihre Art: Einige "deutsche Buben", so überliefert es Pnischek, protestierten nachts am Rheinufer unter "Entblößung ihrer Sitzflächen" gegen die Grenzüberwachung. Doch am Ende setzten sich die Franzosen durch.

Ende Februar 1923 durften General Mordacqs Truppen die Gunst der Stunde nutzen: Weil das Deutsche Reich mit den Reparationslieferungen von Kohle und Holz nicht nachkam, besetzten alliierte Truppen das Ruhrgebiet und die Franzosen den verhassten Flaschenhals. Als sie im November 1924 schließlich wieder abzogen, wurde der Mikrostaat nicht reaktiviert - sondern als Teil der Weimarer Republik wirtschaftlich erschlossen.

Zum Weiterlesen:

Stephanie Zibell/Peter Josef Bahles: Der Freistaat Flaschenhals. Historisches und Histörchen aus der Zeit zwischen 1918 und 1923. Societäts-Verlag: Frankfurt am Main 2009, 144 Seiten.

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1.
Deter Roosu 25.02.2013
Eines kann man jedenfalls mit Sicherheit sagen: Die damaligen Politiker handelten schnell und effizient, während bei uns alles zerredet wird und schließlich NIX rauskommt! In Darmstadt stehen derzeit seit sechs oder sieben Jahren tausende von frisch renovierten (!) Wohnung der Besatzungsmacht USA leer - und dies, obwohl hier ein großer Mangel an Studentwohnungen herrscht. Die - wie gesagt - kurz vor dem (vorläufigen!) Abzug der Besatzer auf deutsche Kosten renovierten Wohnungen würden locker für 5.000 bis 10.000 Studenten in WGs reichen. In Frankreich hätten wahrscheinlich die Studenten die Wohnungen längst besetzt, aber hier verhindern die üblichen Bedenkenträger von ganz links bis tief schwarz, dass eine SCHNELLE Lösung gefunden wird. Man "plant" die renovierten (!) Wohnungen abzureißen und daraus "Edelwohngebiete" zu schaffen! Insofern: Hut ab vor dem damaligen Bürgermeister, der GEHANDELT hat! Dass es aber auch heute noch ganz vereinzelt Politiker gibt, die wirklich schnell handeln, zeigt sich in Mannheim: Dort wurden schon vor über zehn Jahren erhebliche Teile der ehemaligen Soldatenwohnungen in Studentenwohnheime umgewandelt und zu bezahlbaren Preisen vermietet. Wer einen Wg sucht, findet ihn auch! Gilt sogar für Politiker!
2.
Ulrich Hartmann 25.02.2013
Der Artikel nimmt die Bezeichnung "Freistaat Flaschenhals" zu ernst. Besetztes wie unbesetztes Gebiet war damals ohne Frage Teil des Deutschen Reiches, also der Weimarer Republik, und wurde es nicht erst nach Abzug der Besatzungstruppen. Die Bezeichnung "Freistaat Flaschenhals" war wohl nie mehr als eine scherzhafte Umschreibung für diesen kleinen Streifen unbesetzten Gebietes zwischen zwei Brückenköpfen der Alliierten. Daß man dort eigenes Notgeld druckte, war nichts Besonderes. Viele Städte ließen damals eigene Scheine machen, und nicht nur sie: Bei meiner Großmutter fand ich einmal einen Geldschein mit dem Aufdruck "Daimlerwagen - Daimlergeld: Wer sie hat, ist gut bestellt."
3.
Eberhard Geier 25.02.2013
Von diesem Freistaat habe ich uch erst vor einiger Zeit durch einen Fernsehbeitrag erfahren. Als alter Hesse war das für mich eine sehr erheiternde Angelegenheit, obwohl die Zeiten damals ganz sicher alles anders als lustig waren. Aber muss man deshalb - wie in der Artikelüberschrift - dieses Unikum als Heimstatt für Kriminelle bezeichnen?
4.
Roland Waasmeier 25.02.2013
Der Freistaat Flaschenhals von 1923 ist mir allemal sympathischer als das großdeutsche Riesenreich namens "Bundesrepublik Deutschland" von 2013.
5.
Daniel Blubb 25.02.2013
nette anekdote aus fernen zeiten ... was ich aber nicht ganz begriffen habe: halbkreisförmige besatzungszonen sind kein "staat". die verbindung des Flaschenhalses mit den Deutschen Reich über Limburg als "landbrücke" existiert doch. und selbst wenn sich die besatzungszonen-kreise berührt hätten: die ecke um Lorch wäre ja trotzdem weder in die eine noch in die anderen zone gefallen. Dieser umstand, dass "lücken" zwischen sich berührenden kreisen entstehen, begreift jedes kind, das erstmals einen zirkel in der hand hat, automatisch durch anschauung - das muss also den vermessungs-leuten damals auch klar gewesen sein. Das problem muss also an anderen berührungspunkten der besatzungszonen-kreise ebenfalls entstanden sein ... und trotzdem wurden dort offensichtlich keine "freistaaten" mit der möglichkeit des lukrativen schmuggels eingerichtet.
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