Friedensnobelpreis Die Sprengkraft der Pappschachteln

Friedensnobelpreis: Die Sprengkraft der Pappschachteln Fotos
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Der Friedensnobelpreis zählt zu den renommiertesten Auszeichnungen weltweit. Aber wie trifft das Preisgericht in Oslo eigentlich seine Entscheidungen? Johannes Schweikle ist in den Keller des Archivs gestiegen - und hat Erstaunliches gefunden. Von

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Die Sekretärin, eine nicht mehr ganz junge Norwegerin, wuchtet die Stahltür im Keller auf. Aus den Regalen in dem acht Quadratmeter großen Raum zieht sie eine unscheinbare Pappschachtel, "Prisforslag 1935". Darin liegt eine Denkschrift aus der Schreibmaschine des deutschen Publizisten Hellmut von Gerlach. Die 38 penibel getippten Seiten entwickelten die Sprengkraft für einen internationalen Skandal: 1936 folgte das Norwegische Nobel-Institut Gerlachs Vorschlag und vergab den Friedensnobelpreis an Carl von Ossietzky. Hitler tobte, der norwegische Außenminister trat aus dem Preiskomitee zurück.

Die biedere Fassade wirkt wie eine Tarnung: eine großbürgerliche Villa aus dem Jahr 1867, am Rand des Schlossparks von Oslo gelegen. Unter einem Kronleuchter im zweiten Stock, an einem ovalen Tisch aus Mahagoni, berät ein Komitee aus sechs Mitgliedern darüber, wer den angesehensten Preis der politischen Welt erhält. Am kommenden Freitag, dem 12. Oktober, um elf Uhr wird der Vorsitzende den diesjährigen Laureaten bekannt geben. Am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel, findet die Verleihung im Rathaus von Oslo statt.

Skandal um Preis an Kissinger

Geir Lundestad (62) ist seit 1990 Direktor des Nobel-Instituts. Der Historiker hat zwei Jahre in Harvard geforscht und Bücher über das transatlantische Verhältnis geschrieben. In sein behagliches Büro kommen jedes Jahr Menschen aus aller Welt, um für ihren Friedenspreis-Kandidaten zu antichambrieren. "Ich gebe ihnen eine halbe Stunde Zeit, höre Sie an und mache mir Notizen", sagt er norwegisch trocken. Symbolische Geschenke wie Federhalter nimmt er an, in seiner Amtszeit verzeichnete er fünf ernsthafte Bestechungsversuche. "Aber wer nur ein kleines bisschen von Norwegen versteht, der weiß: Alles, was nach Korruption riecht, ist kontraproduktiv." Bis zum Stichtag am 1. Februar sichtet Lundestad die eingegangenen Nominierungen, meist sind das etwa 200. Ein paar Wochen später trifft sich das Komitee zu seiner ersten Sitzung. Gemäß dem Testament von Alfred Nobel setzt sich dieses aus fünf Personen zusammen, die vom norwegischen Parlament bestimmt werden. Die Entwicklung dieses Gremiums spiegelt die Krisen des Friedenspreises wider: Um es vor internationalem Druck zu schützen, gehört diesem seit dem Skandal um Ossietzky kein Regierungsmitglied mehr an.

Der umstrittenste Preis ging 1973 an Henry Kissinger und den Vietnamesen Le Duc Tho. Zwei Mitglieder des Komitees trugen die Entscheidung nicht mit und traten zurück. In der Folge suchte man einen größeren Abstand zur norwegischen Parteipolitik: Seit 1977 dürfen auch keine Abgeordneten mehr ins Komitee. Und dieses hat noch eine Entwicklung durchlaufen: Derzeit besteht es aus drei Frauen und zwei Männern.

Kein Preis für Gandhi

"Ohne die kontroversen Entscheidungen hätte der Preis nicht seine heutige Bedeutung", urteilt Lundestad und denkt dabei an die Laureaten Ossietzky, Sacharow und Gorbatschow. In der Liste sieht er nur einen dunklen Fleck: Mahatma Gandhi war dreimal in der engeren Wahl, hat den Preis aber nie bekommen. "Das erklärt sich vielleicht aus den traditionell engen Beziehungen Norwegens zu England." In jedem Jahr hat das Komitee bei seiner ersten Sitzung die Möglichkeit, Kandidaten nachzunominieren. Diese Praxis resultiert aus der Panne von 1978: Damals sollte Jimmy Carter den Preis gemeinsam mit Menachem Begin und Anwar al-Sadat erhalten - aber niemand hatte den US-Präsidenten nominiert.

"Die Kriterien für unsere Entscheidung leiten wir aus dem Testament von Alfred Nobel ab", sagt Ole Danbolt Mjoes: "Wer am meisten für die Menschheit getan hat, bekommt den Preis." Mjoes ist seit 2003 Vorsitzender des Komitees. Er ist 68 Jahre alt, Mitglied der Christlichen Volkspartei und der lutherischen Kirche. In einem Norwegen-Film wäre der weißhaarige Mann die Idealbesetzung für den Pfarrer, ernsthaft und freundlich. Seit über 30 Jahren lehrt der Mediziner an der Universität von Tromsoe, einer Kleinstadt über dem Polarkreis.

Liegt Oslo schon am Rand Europas, so liegt Tromsoe am Rand der Welt. Von hier brach Fridtjof Nansen zum Nordpol auf, und Mjoes sagt selbstironisch: "Ich lebe ganz oben. Von hier hat man den Überblick." Ausländische Zeitungen liest er nur auf Auslandsreisen. Auch die Nachrichten von CNN oder BBC schaut er nur sporadisch. Er diskutiert mit seinen Studenten, aber nicht über den Nobelpreis. Über die Kandidaten in der engeren Wahl bekommt er Gutachten, im Auftrag des Nobel-Instituts erstellt von externen Experten, allesamt Angehörige von Universitäten in Europa und Nordamerika. Sie spiegeln einen Grundwert des Nobel-Instituts wider: den liberalen Internationalismus westlicher Prägung.

Herrenclub aus Europäern und Nordamerikanern

Das Komitee hat seinen Friedensbegriff nie näher beschrieben. Da die Vergabe jedes Jahr zwangsläufig Enttäuschungen hervorruft, wird diese fehlende Definition regelmäßig kritisiert. Auf der anderen Seite ermöglicht diese Begriffsunschärfe eine dynamische Entwicklung des Preises: Seit den 60er-Jahren würdigt der Preis auch den Einsatz für Menschenrechte. 2004 wurde erstmals eine Umweltaktivistin ausgezeichnet, Wangari Maathai aus Kenia.

Die Liste der Preisträger bildet den Bewusstseinswandel in den westlichen Demokratien ab: Der Herrenclub aus Europäern und Nordamerikanern bekam in den 1970er-Jahren zunehmend Mitglieder aus Asien und Afrika. Und Frauen.

In eigener Sache weiß Lundestad die internationalen Medien klug zu nutzen. Die Bekanntgabe des Preisträgers im Oktober ist für sie ein Event, weil vorher nie etwas durchsickert. Normalerweise benachrichtigt Lundestad den Laureaten eine Dreiviertelstunde vor der Bekanntgabe in Oslo: "Als Jimmy Carter 2002 endlich den Anruf erhielt, auf den er viele Jahre vergeblich gewartet hatte, hielt er ihn für einen schlechten Scherz". Als Mohamed ElBaradei 2005 den Preis erhielt, verzichtete Lundestad auf die telefonische Vorwarnung, weil er im Umfeld der Internationalen Atomenergiebehörde zu viele lauernde Journalisten vermutete.

Nominierte Kohl jedes Jahr denselben Kandidaten?

"Wir vermarkten Oslo als Stadt des Friedens", sagt Svein-Petter Haslerud, der Direktor des "Grand Hotel". In seinem Traditionshaus aus dem Jahr 1874 wohnt der Preisträger bei der Verleihung im Dezember. Am Abend winkt er vom Balkon der Nobel-Suite im ersten Stock in die Menschenmenge, die ihn mit einem Fackelzug ehrt. Im Spiegelsaal des Hotels wird das Festbankett gegeben, für 250 Gäste wird das Nobel-Service mit breitem Goldrand eingedeckt. Die Kellner tragen weiße Handschuhe, die Herren Smoking.

Mittlerweile verkauft Haslerud das Nobel-Diner als Incentive: Amerikaner buchen gern das Fünfgang-Menue von 2002 namens "Jimmy Carter", serviert auf dem gleichen Porzellan. Im Paket wird noch eine Führung durch das Nobel Peace Center angeboten, das im Juni dieses Jahres eröffnet hat. In bester Lage am Hafen, direkt neben dem Rathaus, bieten elektronische Medien einen schillernden Zugang zum Friedenspreis und seiner Geschichte.

Ist Gerhard Schröder nach seinem Nein zum Irak-Krieg für den Friedensnobelpreis nominiert worden? Oder war das Wahlkampfpropaganda der SPD? Trifft es zu, dass Helmut Kohl jedes Jahr denselben Kandidaten nominierte? So freundlich Lundestad und Mjoes auch sind, bei diesen Fragen beißt man auf Granit. Zu den vergangenen zehn Jahren macht das Komitee keinerlei Angaben. Erst wenn die Pappschachteln im Keller geöffnet werden, kommen die Irrungen der Zeitläufte ans Licht. Im "Prisforslag 1935" liegt neben der Denkschrift für den Pazifisten Ossietzky die Nominierung eines Faschisten: Benito Mussolini.

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