Friedliche Revolution 1989 "Man ahnte, dass etwas passiert"

Friedliche Revolution 1989: "Man ahnte, dass etwas passiert" Fotos
Martin Jehle/Album Heinz-Joachim Bona

Es begann im Mai 1989 mit ein einigen Mutigen, die dem Regime bei der Wahlauszählung auf die Finger schauten - und endete im Herbst mit Massenprotesten, Mauerfall und der Entmachtung der SED. Martin Jehle hat Menschen im Berliner Vorort Zepernick zum Ablauf der "Wende" dort befragt. Von

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Als im Frühjahr 1989 in der DDR die Kommunalwahlen stattfanden, hätte wohl kaum einer geglaubt, dass nicht einmal ein Jahr später die ersten freien Wahlen stattfinden würden. Am Abend des 7. Mai 1989 beobachteten in Zepernick Bürger die Auszählung der Stimmen. Dass sie dabei mehr Stimmzettel zählten, auf denen alle Kandidaten der Nationalen Front durchgestrichen waren, als dann im offiziellen Wahlergebnis erschienen, überraschte sie nicht. Die Gewissheit, wieder einmal ein unwahres Wahlergebnis präsentiert bekommen zu haben, erfuhr lediglich eine Bestätigung.Einige Monate später befand sich das Land im Umbruch: Fluchtwelle, Honecker-Rücktritt und immer stärker werdende Proteste nagten am SED-Staat.

Am 23. Oktober fand auf Einladung des Zepernicker Pfarrers Gerd Natho ein Gesprächsabend der Evangelischen Kirche statt. Seit Jahren gab es unter dem Dach der Kirche die Veranstaltungsreihe "offener Abend", die sich oft gesellschaftskritischen Fragen widmete. Was sich hinter dem unverfänglichen Titel der Veranstaltung "Alternativ sein - heute" verbergen sollte, sprach sich in Zepernick schnell herum.

Gerd Natho hatte Sprecher von Reformgruppen und Vertreter der SED sowie der Blockparteien gebeten, öffentlich zu diskutieren. An diesem Abend war der Andrang so groß, dass die Veranstaltung vom Gemeindehaus in die Kirche selbst verlegt wurde. Diese war dann "so knackend voll", wie sich Peter Liebich aus Röntgental erinnert, dass "trotzdem nicht alle Leute reinkamen". Dies führte dazu, dass für die draußen wartenden Menschen die Diskussion am selben Abend nochmals stattfand.

In die Mangel genommen

Im Inneren war die Stimmung sehr aufgewühlt - man sang zunächst das Lied "Die Gedanken sind frei". Vor knapp 300 Leuten trugen beide Seiten ihre Ansichten über Situation und Zukunft der DDR vor. Mit kritischen Fragen zu Themen wie Reisefreiheit, Pressefreiheit, Wahlgerechtigkeit oder die Wirtschaftslage wurden die Vertreter der SED und Blockparteien "regelrecht in die Mangel genommen", wie Peter Liebich, der zusammen mit seiner Frau in die Kirche kam, noch weiß. Als jemand aus dem Publikum die Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 7. Oktober ansprach, bei der es zu Übergriffen auf Teilnehmer sowie zu Festnahmen gekommen war, schrie plötzlich eine laute Stimme: "Das sind Lügen". Ein älterer Mann wollte die Wirklichkeit nicht wahr haben.

Fotos wurden von der Versammlung in der Kirche nicht gemacht. Niemand wollte sich wohl dem Verdacht aussetzen, ein Stasi-Spitzel zu sein."Man wusste nicht, was passiert, aber man ahnte, dass etwas passiert", so gibt Gerd Natho im Rückblick die Gedanken wahrscheinlich vieler Menschen zu dieser Zeit wieder.

Nicht mal zwei Wochen später erreichte der Druck auf den Staat einen vorläufigen Höhepunkt. Mehr als eine halbe Million Menschen demonstrierten am 4. November in Berlin auf dem Alexanderplatz und in umliegenden Straßen für Reformen. Christiane Herbst aus Zepernick war zusammen mit Bekannten dabei: "Wir riefen 'Wir sind das Volk', 'Stasi in die Produktion' und 'Keine Gewalt'."

Lange Schlange vor Meldestelle

Fünf Tage später fiel schließlich die Mauer - zur Freude einer riesigen Mehrheit der DDR-Bürger. Noch am gleichen Tag nutzten Tausende die Gelegenheit den Westteil Berlins zu besuchen. Am Vormittag des 10. November bildete sich vor der Meldestelle der Volkspolizei in der Möserstraße eine lange Schlange. Es hieß, man benötige an den Grenzübergängen in Berlin ein Visum.

Falko Jakob, damals Lehrling, kam gegen Mittag von der Arbeit. Er wohnte mit seinen Eltern neben der Meldestelle. "Die Schlange war recht lang, reichte noch bis zu unserem Nachbargrundstück. Als ich vorbeigehen wollte, wurde ich erst nicht durchgelassen, weil man glaubte, dass ich mich vordrängeln wollte. Als ich im Haus war, hörte ich im Radio, dass es genügen würde, beim Grenzübertritt den Ausweis hochzuhalten", so der heute 32-Jährige: "Ich sagte das den Leuten in der Schlange und fuhr mit der S-Bahn nach Pankow, wo ich mich mit anderen Lehrlingen verabredet hatte. Kurze Zeit später war ich dann das erste Mal im Westen."

Rolf Gerlach, Schriftsteller und Historiker, hat für den "Bucher Boten" in seinen Tagebuchaufzeichnungen geblättert. Am Samstag, dem 11. November, notierte er, dass in Zepernick Totenstille herrschte und das Restaurant "Pankschloss" überraschend geschlossen war. "Die Ruhe im Ort war sehr auffällig, man merkte, dass viele Menschen nicht da waren. Man konnte nicht sicher sein, dass die Grenze offen bleiben würde. Wahrscheinlich waren die Mitarbeiter des 'Pankschlosses' nicht erschienen. Deshalb war zu", kommentiert er heute die Eintragung in sein Tagebuch.

Auffällig viele fehlende Schüler

Margitta Muck, die damals stellvertretende Leiterin der Oberschule war, kann sich noch daran erinnern, dass am Samstag auffällig viele Schüler fehlten. "Ich konnte mir denken, dass die Eltern mit ihren Kindern in West-Berlin waren. Dafür hatte ich Verständnis", so die heutige Rentnerin. Mit dem Besuch Helmut Kohls in Dresden im Dezember wurden die Rufe nach einer Wiedervereinigung beider deutscher Staaten lauter. Es gründeten sich Parteien und Ende Januar wurde der Termin für Neuwahlen endgültig festgelegt.

Claus Hopke, später Bürgermeister von Zepernick, war zu den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 Kandidat der SPD. Handgeschriebene Flugblätter wurden an die "Schwarzen Bretter" in Zepernick angebracht - Wahlkampf mit noch einfachsten Mitteln. Das Bürgerkomitee organisierte die Durchführung der Wahlen in Zepernick; benannte die Stimmzähler. Der Wahlleiter war zwar der gleiche wie noch im Mai zuvor.

Doch am Ergebnis gab es diesmal keinen Zweifel.

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Matthias Mittag 29.10.2007
Bei den beiden offensichtlich überforderten Uniformierten handelt es sich um Offiziersschüler. Man beachte das "S" auf den Schulterklappen. Tolles Foto!
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