Junge DDR-Rebellen Wäschemangel statt Social Media

Wie plant man einen Aufstand ohne Internet und Handy? Die jungen Leipziger, die 1989 gegen die Diktatur aufbegehrten, brachten als kreative Bastler ihre Flugblätter trickreich unters Volk.

Ernst Demele

Von


Rainer sammelte Wäschemangeln und versteckte sie im Keller. Ein seltsames Hobby für einen 22-Jährigen? Nein - wozu Wäschemangeln gut sein können, gehört zu den überraschenden Geheimnissen jener rebellischen Generation, die sich Ende der Achtzigerjahre in den verfallenen Häusern von Leipzig zusammenfand.

Der Theologiestudent Rainer Müller wohnte damals mit etlichen anderen jungen Leuten in der Mariannenstraße 46, im Leipziger Osten. Die Räumlichkeiten waren ziemlich heruntergekommen, boten aber Freiraum für seine Freunde und ihn.

Die "Marianne" war ein offener Treffpunkt für Aktivisten aus politischen Gruppen. Man kam vorbei und saß zusammen, ob in den WG-Küchen oder im Hof, rund um einen selbst gezimmerten Tisch zwischen Sonnenblumen und Mülltonnen. Hier wurden Pläne geschmiedet für Aktionen, mit denen sie die Leipziger aus ihrer Lethargie und Resignation reißen und zu Demonstrationen bewegen wollten.

Die Revolution stinkt nach Essig

Rainer wusste: Die Wäschemangeln im Keller der "Marianne" konnten zu wertvollen Gerätschaften politischer Untergrundarbeit werden. Mit ihrer Hilfe wurden im Mai 1988 etwa die Einladungen produziert, die zur ersten Umweltdemo entlang des extrem verschmutzten Flusses Pleiße aufriefen.

Fotostrecke

12  Bilder
Leipziger Widerstand: Mit Bleilettern gegen die Diktatur

Eines Abends tippten die Leipziger Rebellen den kurzen Flugblatttext auf einer uralten Mercedes-Schreibmaschine gleich zweimal hintereinander auf je eine Seite von fünf kostbaren Ormig-Matrizen. Die hatten sie in der Lukasgemeinde bei Pfarrer Christoph Wonneberger abgestaubt; als einer der wenigen evangelischen Geistlichen in der Stadt unterstützte er ihre Aktion.

Die einen tippten, die anderen klemmten eine alte Wäschemangel aus dem "Volkseigenen Betrieb Textilmaschinenbau Aue" auf die Tischplatte. Sabine aus der Gruppe stellte eine Schüssel mit Essig und Schwamm daneben. Mit einer Kurbel an der Wäschemangel ließen sich zwei Holzwalzen in der Andruckhöhe verstellen. Der große Abstand war zum Durchziehen von Frotteestoffen, der kleine für dünne Halstücher - aber mit Papier funktionierte es auch.

Systemkritik aus der Dunkelkammer

Jedes einzelne Blatt Papier wurde zunächst per Essigschwamm befeuchtet und dann zusammen mit einer vorsichtig daraufgelegten Matrize, die etwas bläuliche Farbe abgab, durch die beiden Walzen gepresst.

Das Ergebnis? Immerhin lesbar. Aber eine Matrize reichte für höchstens 30 Blatt. Erst spät am Abend konnten aus den gedruckten Seiten rund 300 Einladungen geschnitten werden. Noch stundenlang stank die ganze Wohnung nach Essig, wie auch die Hände und das Flugblatt.


SPIEGEL-Autor Peter Wensierski über die Leipziger Rebellen:

DER SPIEGEL

Die Demo am 5. Juni 1988 gelang: 230 Leute liefen entlang der Pleiße, Polizei griff nicht ein, niemand wurde festgenommen oder Flugblatt-Urheber identifiziert. Und die Wäschemangel verschwand wieder im Keller.

Der Erfolg ermutigte zu neuen Aktionen, die im SPIEGEL-Buch "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" genau beschrieben sind. Alles drehte sich um die Frage, wie man etwas bekannt machen kann, wenn es keine offiziellen Druckmöglichkeiten gibt. Keine Copyshops, nirgendwo Kopierer oder kleine Betriebe, in denen man einfach mal so Drucksachen in Auftrag geben kann. Wie es eben ist, wenn Diktatoren und ihre Helfer die Kontrolle nicht nur über die Massenmedien haben, sondern auch über Papier, Druckerfarbe, Telefonanschlüsse.

Also musste man erfinderisch zu werden. Manche Jugendliche hatten zu DDR-Zeiten eine private Dunkelkammer. Mit dem - oft aus Polen stammenden - Vergrößerungsgerät ließen sich Papierabzüge herstellen.

Als Weihnachtspäckchen getarnt

Andere nutzten Kinderstempelkästen für einfache Flugblätter. Beliebt war auch die Vervielfältigungsmethode mit zwischen Papierblättern gelegtem Kohledurchschlagspapier. Damit gelangen aber nur etwa fünf Durchschläge. Ganze (verbotene) Bücher wurden so nächtelang abgetippt.

Ende der Achtzigerjahre wollte man mehr Menschen erreichen. Pfarrer Wonneberger wünschte sich einmal von einer westlichen Partnergemeinde ein "richtiges" Ormig-Vervielfältigungsgerät, wie es West-Lehrer damals für kleine Auflagen benutzten. Die Einzelteile des zerlegten Apparats wurden als Weihnachtspäckchen an einen Altenkreis verschickt. Alles kam an. Wonneberger sammelte die Päckchen bei seinen Senioren ein und setzte den Apparat in Leipzig wieder zusammen.

ANZEIGE
Peter Wensierski:
Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution

Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte - Ein SPIEGEL-Buch

DVA; 464 Seiten; 19,99 Euro

Besonders begehrt für die Herstellung von Flugblättern, Untergrundzeitungen und -broschüren waren Abzugsgeräte, mit deren Wachsmatrizen man je 1000 Blatt schaffte. Doch die Geräte standen in Kirchengemeinden, waren registriert und streng kontrolliert.

Einige Pfarrer wollten es aber nicht so genau wissen, wenn engagierte junge Leute nach dem Schlüssel für den Arbeitsraum fragten. Oder sie hintergingen den Pfarrer und druckten erst etwas Kirchliches, dann ihr eigenes Blatt. Überschriften wurden mitunter unter Zuhilfenahme von Stricknadeln auf die Matrizen geritzt.

Schmuggel mit Cornflakes

Papier war stets knapp, wer welches sah, griff vorsorglich zu und hortete es. Druckerfarbe war extrem rar. Um sie zu verlängern, experimentierte Rainer aus der Leipziger "Marianne" mit Ruß aus dem Kachelofen. Ein anderer ließ von seiner West-Oma Druckerfarbe in der Cornflakes-Packung über die Grenze schmuggeln.

An einem warmen Apriltag 1989 schlenderte Michael Arnold von der Leipziger "Initiativgruppe Leben" mit seiner kleinen Tochter Johanna im Tragetuch durch die Straßen, da fiel ihm ein kleiner Betrieb auf, eine Art Kunstdruckerei, die noch mit Bleilettern arbeitete. Er fragte genau nach, wie alles funktionierte, und erfuhr: Die Bleilettern hatten sie beim Leipziger VEB Polygraph bezogen.

Kurzerhand steckte Micha, 24, tags drauf eine schriftliche Bestellung über einen kompletten Satz Bleilettern in den Briefkasten. Überraschend schrieb ihm der Volkseigene Betrieb zurück, er müsse die Lettern dort abholen, der Versand sei wegen des hohen Gewichtes nicht möglich.

Micha hatte inzwischen den Entwurf für ein Flugblatt zur Kommunalwahl im Mai '89 fertig. Es ging um ein "Zeichen der Ablehnung der bestehenden Wahlordnung und Wahlpraxis" und den Aufruf: "Kommen Sie am Wahltag, 7. Mai 1989, 18.00 Uhr auf den Markt am Alten Rathaus".

Mit Bleilettern gegen das System

Er traf die Aktivistin Gesine Oltmanns, 23, in einer leerstehenden Wohnung, streckte ihr seine Faust entgegen und öffnete sie. Gesine musste genauer hinsehen und erkannte einzelne kleine Buchstaben - die Bleilettern vom VEB Polygraph. Damit wollten sie das Flugblatt diesmal drucken.

Micha bastelte einen stabilen Holzrahmen, rückte die Buchstaben gerade und verkeilte sie, damit sie schön straff saßen. Beim Setzen freute er sich, dass genügend Vokale wie "a" und "e" dabei waren, aber er hatte vergessen, ausreichend Ausschluss für die Wortzwischenräume zu bestellen. Also behalf er sich mit auf den Kopf gestellten Buchstaben, was dem Flugblatt am Ende ein etwas eigentümliches Aussehen gab.

Mit Bleilettern gedruckt: Demo-Aufruf zur Wahl am 7. Mai '89
Peter Wensierski

Mit Bleilettern gedruckt: Demo-Aufruf zur Wahl am 7. Mai '89

Micha besorgte noch zwei Gummirollen aus einem Tapetengeschäft und etwas Ähnliches wie Druckerschwärze, dann trafen sich einige Aktivisten erneut in der Wohnung. Erst schwarze Farbe mit einer Rolle auf den selbstgefertigten Satz auftragen, ein Blatt Papier drauflegen, mit der zweiten, sauberen Rolle drüberwalzen. Das Ganze 250 Mal ergab nach dem Zerschneiden 500 Flugblätter.

Da Michas Wohnung unter Stasi-Dauerbeobachtung stand, wollte er die Lettern lieber loswerden und schaffte den gesetzten Text mitsamt Rahmen zu Ernst Demele aus der Gruppe. Der war gern bereit, die Sachen auf dem Dachboden aufzubewahren. Die Buchstaben nahm er wieder auseinander, weil er dachte, dann lasse sich auf keinen Fall nachweisen, dass damit das Flugblatt gedruckt worden war.

Das so entstandene Flugblatt sah zwar etwas seltsam aus, erfüllte aber seinen Zweck. Viele Menschen in Leipzig (wie im ganzen Land) stimmten ungültig - und abends am Wahltag, den 7. Mai 1989, kam es auf dem Leipziger Markt zu einer Protestaktion.

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Michael Spengler, 12.05.2017
1. Bildunterschrift zu Bild 8
"Lizenzscheiben der verbotenen Westmusik"? Das ist paradox! Sollte man nochmal drüber nachdenken ...
Mario Kuban, 12.05.2017
2. Literaturpreis
Ich bin sehr dafür, endlich einen Literaturpreis für die kitschigste DDR Story ins Lebe zu rufen. Es sollten ein paar Vorgaben gemacht werden wie "heruntergekommene Mietshäuser" oder "sozialistischer Plattenbau", auch die "Stasibeobachtung" sollte nicht fehlen. Die Chancen steigen auch, wenn man in vorauseilendem Gehorsam die DDR als Diktatur oder Unrechtsstaat bezeichnet. So manches SPON Geschichtchen ist prädestiniert für einen entsprechenden Award. Wann hört das endlich auf, dass mit derart hanebüchenen und in sich völlig unlogischen und in gleichem Maße reißerischen Geschichten die Lebenshistorie von Millionen Ex DDR Bürgern umgeschrieben, entwertet und wieder und wieder diffamiert wird. Ist ja gut, der Westen hat gewonnen, wir machen doch alle euren Schwachsinn der stetigen Wachstumsraten (koste es was es wolle) und des ungezügelten (und völlig sinnentleerten) Konsums mit. Lasst eure "Aufklärung" über die DDR sein und den Ex DDR Bürgern den Stolz auf ihr eigenes Land und Leben.
Ingo Schiege, 12.05.2017
3.
Herr Kuban, war die DDR etwa keine Diktatur und eine Stasibeobachtung hat es auch nicht gegeben? Ich finde solche Geschichten durchaus interessant und kann sehr wohl bestätigen, wie schwer es war, an Vervielfältigungstechnik zu kommen. Wir hatten in unserem Betrieb eine Lichtpausmaschine, die schon hinter 2 Türen gut verschlossen war. Trotzdum musste zum Feierabend der Stecker in eine extra Stahlkassette eingeschlossen werden. Ich weiß jetzt nicht genau, worauf sie stolz sind, wenn sie an die DDR denken, aber wenn junge Leute ihre Freiheit riskieren, um einem Unrechtssystem die Stirn zu bieten, dann sollte uns das doch auch mit Stolz erfüllen. Aber man liest schon die ideologischen Scheuklappen, die sie auch in 28 Jahren nicht abgelegt haben, aus ihren Zeilen. Das Schöne ist, sie können ihre Meinung problem- und folgenlos hier der Welt verkünden. Eine Freiheit, die die DDR und andere Diktaturen mit aller Macht zu verhindern suchen. Es zwingt sie übrigens niemand zum Konsum, ob sie nun abends französischen Wein, englisches Bier, russischen Tee oder schlicht Leitungswasser trinken, interessiert niemand, aber das System ermöglicht es ihnen.
Frank Quiram, 12.05.2017
4.
danke Herr Kuban, Sie sprechen mir aus der Seele......"Honigmädchen" und "Der gleiche Himmel" sind das entsprechende aktuelle Pendant im Filmbereich.....
Paul Müller, 12.05.2017
5.
Unheimlich! Zur gleichen Zeit habe ich PostScript Laserdrucker, PageMaker 3.5 und Adobe Illustrator 88 eingesetzt. Ich verneige mich vor den Schöpfer dieser Flugblätter.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.