Erster Weltkrieg König für zwei Monate

Friedrich Karl von Hessen wurde im Herbst 1918 zum ersten und einzigen finnischen Monarchen ernannt - als Nachrückkandidat. Doch der König zweiter Wahl sollte sein Reich nie betreten.

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An einem der letzten Augusttage 1918 erhielt Landgraf Friedrich Karl von Hessen einen Brief aus Berlin. Er kam aus der Machtzentrale des Deutschen Kaisers Wilhelm II. Auf dem Umschlag prangte ein Stempel: "Streng geheim".

Friedrich Karl, 50 Jahre alt, war ein unpolitischer Landgraf, der sich keinen Sekretär leisten konnte. Er lebte zurückgezogen, war von einer Weltkriegsverletzung angeschlagen und trauerte um einen gefallenen Sohn. Der Hesse war mit dem Kaiser verschwägert, doch der hatte sich seit Jahren nicht mehr bei ihm gemeldet.

Nun aber unterbreitete Wilhelm seinem Schwager ein verlockendes Angebot. In der Nachricht stand, dass der finnische Senat Friedrich Karl die Krone anzutragen wünsche: Der Landgraf von Hessen sollte König von Finnland werden.

Friedrich Karl war ein Bauer im geopolitischen Schachspiel des Deutschen Reiches. Die Führung um Generalstabschef Erich Ludendorff und Kaiser Wilhelm II. träumte im Sommer 1918 davon, die Vorherrschaft in Europa zu erobern. Um das neue Großreich zu schützen, wollte sie in den Ländern an den Grenzen treue Monarchen einsetzen.

Dabei schätzte die deutsche Führung die Lage jedoch falsch ein: An der Westfront taumelte das Heer der Niederlage entgegen und im Reich organisierten sich antimonarchistische Revolutionäre. Die Ereignisse überholten die Pläne: Friedrich Karl sollte nach nur zweieinhalb Monaten wieder abdanken.

Krieg ohne Gewehre

Die Geschichte von Friedrich Karls Königsabenteuer begann in St. Petersburg und hatte erst einmal wenig mit Finnland und dem Landgrafen von Hessen zu tun. Im Winter 1916/17 kämpfte die Armee des Zaren schon seit zweieinhalb Jahren gegen das Kaiserreich, hatte aber kaum Gewehre, Stiefel und Brot. Die ersten Soldaten streikten, desertierten oder erschossen ihre Offiziere.

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Erster Weltkrieg: König ohne Land

In den Städten protestierte die kriegsmüde und hungrige Bevölkerung. Im März 1917 besetzten Arbeiter- und Soldatenräte Fabriken in der Hauptstadt St. Petersburg. Zaristische Truppen schossen erst mit Maschinengewehren auf die Protestzüge, doch dann liefen die Soldaten zu den Aufständischen über. Der Zar war schon nicht mehr vor Ort. Er dankte wenig später ab.

Im November putschten sich Lenin und die Bolschewisten an die Macht. Den Völkern des ehemaligen Zarenreiches sagte Lenin das Recht zur Selbstbestimmung zu. Er ging davon aus, dass sie sich dann auf eigenen Wunsch in eine zukünftige Union der Sowjetrepubliken eingliedern würden.

Ein Dutzend Königskandidaten

Finnland war seit gut hundert Jahren Teil des Zarenreiches. Nun aber sahen finnische Nationalisten ihre Chance auf einen eigenen Staat. Sie erklärten die Unabhängigkeit und Lenin erkannte Finnland Silvester 1917 an. Das junge Land war jedoch tief gespalten: Sozialisten und Sozialdemokraten rangen mit Republikanern und Monarchisten um die Macht. Ende Januar entbrannte ein Bürgerkrieg.

Das Deutsche Reich profitierte vom Umsturz in Russland. Revolutionäre und Konterrevolutionäre bekämpften sich, die Russen waren mit sich selbst beschäftigt. Das Deutsche Heer besetzte Teile Osteuropas und zwang Lenin im März 1918 einen demütigenden Friedensvertrag auf.

In den eroberten Gebieten im Osten an der russischen Grenze wollte das Kaiserreich Vasallenstaaten einrichten. Dieser "Germanische Grenzwall" sollte sich von Georgien über Rumänien, Bulgarien und das Baltikum bis nach Finnland ziehen - regiert werden sollten die Länder von deutschen Adeligen.

In Berlin kursierte eine Liste mit einem guten Dutzend Königskandidaten - inklusive Friedrich Karl. Der Hesse strebte nach einer Krone im Baltikum und warb für sich. "Die ferne Grenzmark im Nordosten würde in den Händen dieses Geschlechts wohl gewahrt sein, als äußerste Schulterwehr des deutschen und preußischen Vaterlandes", schrieb er an den Kaiser. Seine Begründung: Er stamme vom Herzog ab, der das Kurland - eine Region in Lettland - im 16. Jahrhundert regiert habe.

"Eine neue Existenz in den Baltischen Gebieten" könne zudem das Leid seiner Frau lindern. Margarethe von Preußen, die Schwester des Kaisers, hatte einen Sohn im Krieg verloren und ein zweiter war schwer verwundet. Der Landsitz in Hessen werde ihr qualvoll, weil sie alles an die Söhne erinnere, schrieb Friedrich Karl. Ein Neustart als König im Kurland wäre die richtige Therapie, argumentierte er. Zu Finnland aber hatte der Hesse keinerlei Bezug.

Nachrück-Monarch

Dort tobte im Frühjahr 1918 der Bürgerkrieg. Die konservativen Kräfte nahmen im März die Industriestadt Tampere ein und massakrierten Hunderte sozialistische Rotgardisten. Wenig später landete die deutsche Ostseedivision in Finnland und kämpfte ebenfalls gegen sie. Die Deutschen eroberten Helsinki - und entschieden damit den Bürgerkrieg.

Die konservativen Kräfte Finnlands setzten sich durch. Sie bauten auf eine gute Beziehung zum Kaiserreich, das sie als Schutzmacht gegen Sowjetrussland betrachteten. Zudem hofften sie, mit deutscher Hilfe Gelände in Karelien zu gewinnen, dem Grenzgebiet zu Russland. So stimmten die Finnen Geheimverträgen zu, die das Land zum Vasallen des Kaiserreiches machte. Und sie entschieden sich für die Monarchie als Staatsform.

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Am 8. August eröffnete der Senat die Königssuche. Zuerst warben die Finnen um einen Sohn Wilhelms II., aber der Kaiser legte sein Veto ein. Der Senatsmitglieder diskutierten nun über Nachrückkandidaten und einigten sich am Ende auf Karl Friedrich.

Während sich die Finnen in Helsinki berieten, brachen an der Somme britische Panzer durch die deutschen Linien. Der Widerstand des kaiserlichen Heeres brach zusammen und die Franzosen, Briten und US-Amerikaner rückten in Richtung Rhein vor.

Die Finnen glaubten wohl noch immer an einen deutschen Sieg und schickten Anfang September eine Delegation in Friedrich Karls Frankfurter Stadtwohnung am Untermainkai, um ihm die Krone anzutragen. Nach kurzer Bedenkzeit sagte er zu. Er bekam einen Crashkurs in finnischer Sprache, Geschichte, Politik und Kultur.

Herrscher für zwei Monate

Am 9. Oktober 1918 wurde Friedrich Karl gewählt. Er erfuhr davon aus einem sechszeiligen Telegramm: "Anlässlich der heute stattgefundenen Wahl eurer Hoheit zum König von Finnland bezeugt die Regierung Finnlands eurer Hoheit ihre ehrfurchtsvolle Ergebenheit." Friedrich Karl war nun der erste finnische König: Fredrik Kaarle.

Keine vier Wochen später stürzte das Kaiserreich vollends in die Krise. In Kiel erhoben sich die Matrosen der Reichsmarine, ihre Revolution breitete sich schnell nach Berlin und München aus. Die deutsche Regierung schloss einen Waffenstillstand mit den Westmächten. Der Kaiser flüchtete in die Niederlande.

Nun erst begriffen die Finnen, dass das Kaiserreich der falsche Verbündete war und wandten sich Großbritannien und Frankreich zu. An Fredrik Kaarle hielten sie zunächst weiter fest, denn seine Frau Margarethe war eine Cousine des britischen Königs Georgs V. - vielleicht würden die Westmächte ihren König akzeptieren.

Am 20. Dezember jedoch schickte der finnische Unterhändler aus London ein Telegramm: "Bin gezwungen festzustellen, dass der Prinz weder jetzt noch in Zukunft von der Entente anerkannt werden wird. Wäre wichtig, so schnell wie möglich seine offizielle Absage zu erhalten."

Karl Friedrich wurde zum Bauernopfer und erklärte umgehend seinen Verzicht auf die Krone. Seine Regentschaft endete keine zweieinhalb Monate nach der Wahl. Finnland schaffte die Monarchie ab und wurde zur Republik.

Und doch hielt sich Friedrich Karl mehrere Wochen länger im Amt als die Könige von Bayern, Württemberg und Sachsen, länger als sein Schwager, der deutsche Kaiser Wilhelm II. Sein Reich aber betrat der erste und einzige König Finnlands nie.

insgesamt 8 Beiträge
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Simon Schultheis, 09.10.2018
1. Fehler bei der Bildergallerie
Der Kommentar beim letzten Foto lautet: "General an der Macht: Die Finnen riefen ihr Land kurzerhand zur Republik aus und machten Carl Gustaf Mannerheim, den General der konservativen Truppen im Bürgerkrieg, zu ihrem ersten Präsidenten." Das ist falsch. K. J. Ståhlberg war der erste Präsident Finnlands. Mannerheim wurde erst viel später, 1944, Präsident Finnlands.
Joseph Klas, 09.10.2018
2.
Wenn ich mich richtig erinnere, trainierte das Kaiserreich auch vorher schon heimlich etwa 1500 freiwillige Finnen, die die Unabhängigkeit vom Zarenreich gewaltsam mit deutscher Hilfe erlangen wollten. Da diese zur Tarnung als preußisches Jägerregiment deklariert waren, heißen die finnischen Infanteristen bis heute Jääkäri.
Klaus H. Biermann, 09.10.2018
3. Zu 1,: Formal richtig
Mannerheim war bis zum 27. Juli 1919 Staatsverweser, von den maßgeblichen Leuten in der Republik eingesetzt. Insoweit also Vorgänger des Präsidenten Ståhlberg.
Martin Hagenspiegel, 09.10.2018
4.
"Das Deutsche Heer besetzte Teile Osteuropas und zwang Lenin im März 1918 einen demütigenden Friedensvertrag auf." Ich dachte bisher, Lenin wurde vom dt. Kaiser gezielt gg. den russischen Zaren aufgebaut und unterstützt und finanziert? Wurde er nicht in einem verschlossenen Waggon von Österreich über Deutschland und Finnland nach Russland geschleust? So gesehen war Lenin dem dt. Kaiser noch was schuldig.
Torsten Behrend, 10.10.2018
5. zu 4)
Nein, Lenin wurde nicht vom Deutschen reich aufgebaut, er war schon lange Bolschewik und hast dem Zarenreich Rache für seinen Bruder geschworen, der nach einer Protestaktion zum Tode verurteilt wurde. Das Deutsche Reich wollte einfach einen Kriegsgegner schwächen und hoffte, dass der Krieg dann schneller ein Ende fände. Man hoffte, dass die bolschewistische Revolution nur ein kurzes Strohfeuer sein würde, was für ein fataler Irrtum. Es heißt im Text fälschlicherweise, dass das Deutsche Reich eine Vormachtstellung in Europa anstrebte, was aber Blödsinn ist. Deutschland sah sich als Mittelmacht, von feindlichen Großmächten umzingelt (Frankreich, Russland, England, Österreich) Es war immer das Ziel der deutscher Aussenpolitik, friedliche Koexistenz mit seinen Nachbarn zu leben. Eine "Pufferzone" an den Rändern dieser Großmächte war also im Interesse des deutschen Reiches. Wer Imme noch meint, dass das Deutsche Reich der Hauptschuldige für den 1. Weltkrieg sei, empfehle ich Christopher Clark "Schlafwandler"!
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