Frisurenmode Alles wie geschmiert

Frisurenmode: Alles wie geschmiert Fotos
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Elvis liebte sie, Marlon Brando hat sie benutzt und Mickey Rourke wurde mit ihr zum Sexsymbol: Die Pomade verschafft seit fast einem Jahrhundert Filmstars und Musikern einen glänzenden Auftritt. einestages zeigt die tollsten Schmalzlocken und die schmalzigsten Tollen aus 90 Jahren Showgeschäft. Von Danny Kringiel

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Ein Drugstore in einem winzigen Nest irgendwo in Mississippi im Jahr 1937. Der Ladenbesitzer, ein dicker Mann mit Hosenträgern, schiebt eine kleine Dose über den Ladentisch. "FOP" steht in großen roten Buchstaben darauf. Sein Kunde schaut ihn mit großen Augen an: "Moment mal, ich will diese Pomade nicht - ich will 'Dapper Dan'!" Apathisch antwortet der Verkäufer: "Hab ich nicht. Hab nur 'FOP'." Der Kunde muss sich sammeln, blickt ins Leere. Und bellt dann zurück: "Ich will aber kein 'FOP', gottverdammt noch mal! Ich bin ein 'Dapper Dan'-Mann!"

Mit fanatischer Hingabe sucht Hollywoodbeau Clooney in dem Film "O Brother, Where Art Thou?" aus dem Jahr 2000 als entflohener Häftling Everett McGill nach dem geeigneten Schmiermittel für seine Haare. Aus heutiger Sicht mag das skurril wirken - für das Schönheitsideal im Amerika der dreißiger Jahre war das nicht untypisch. Der gepflegte Mann von Welt verwendete damals Pomade, dieses schmierige Gemisch aus Fett, Bienenwachs und Duftstoffen, ebenso selbstverständlich wie Rasierwasser zur täglichen Körperpflege. Zu glänzenden Strähnen gekämmte, pomadierte Haare galten als Wahrzeichen gepflegter Männlichkeit.

Doch im Grunde war das pflegende Haarschmalz schon damals nichts Neues: Bereits im 18. Jahrhundert war Pomade in europäischen Adelskreisen ein beliebtes Pflegeprodukt. Die ölige Masse erhielt ihren Namen damals in Ableitung vom italienischen "pomata" für "Apfel". Bei der Herstellung des Glibbers wurden zunächst nicht nur Öl und Bienenwachs verwendet, sondern auch pürierte Äpfel, die dem Gemisch eine angenehmere Duftnote verleihen sollten. Als das Kosmetikum den Sprung über den großen Teich machte, fanden amerikanische Männer das zunächst alles andere als dufte.

Schläge für Pomadenträger

In den zwanziger Jahren erschien auf den Leinwänden der immer populärer werdenden Kinos in den USA ein Pomadenträger, bei dessen Anblick nur die Damen dahinschmolzen: Der gebürtige Italiener Rudolph Valentino, der in Filmen wie "Der Scheich" von 1921 oder "König der Toreros" aus dem Jahr 1922 zum Prototyp des Latin Lovers wurde - und zum größten Sexsymbol der Stummfilmgeschichte. Frauen verfielen seinem Schlafzimmerblick, seinem makellosen Teint - und seinen stets streng zurückpomadierten, glänzenden Haaren. Ihre Gatten sahen das natürlich ganz anders.

Rudolph Valentinos schmalziges Erscheinungsbild erschien vielen wie ein Frontalangriff auf das traditionelle amerikanische Männerbild: "Vaselino" nannte man ihn wegen seiner pomadierten Haare. Und als "Vaselinos" wurden auch jene Männer beschimpft, die es wagten, seinen aalglatten Look zu kopieren. Im Juli 1926 beschuldigte ein Artikel der "Chicago Tribune" den Stummfilmstar, er trage mit seinen Filmen zur Verweiblichung amerikanischer Männer bei. Valentino war so erbost, dass er den anonymen Autor zu einem Boxkampf auf dem Dach des New Yorker Ambassador Hotels herausforderte. Anstelle des Schreibers erschien der ebenfalls gegen Valentino aufgebrachte Box-Redakteur des "New York Evening Journal". Valentino, der von Schwergewichtschampion Jack Dempsey trainiert wurde, gewann den Kampf.

Auch, wenn es nicht alleine an diesem Boxmatch gelegen haben kann - in den folgenden Jahrzehnten erlebte die Pomade einen Siegeszug in Amerika: C.D. Murray, ein Friseur aus Chicago, brachte 1925 die bis heute erfolgreiche "Murray's Superior Pomade" auf den Markt. Und schnell zog Konkurrenz nach - mit Produkten wie der "Dixie Peach Hair Pomade", "Brilliantine" oder der "Kreml Pomade". Sie warben damit, das Haar nicht nur besser formbar zu machen, ordentlicher aussehen zu lassen und so die Damen zu entzücken. Sie behaupteten auch, gut gegen Schuppen zu sein, Haaren Sonnenschutz zu bieten und sie überhaupt ganz hervorragend zu pflegen.

Elvis und der "Entenarsch"

In der Blütezeit des Rock'n'Roll während der späten fünfziger Jahre wandelte sich die Pomadenträgerszene: Fachmännisch geschmierte Haare waren nun nicht mehr Dandys und Spießern vorbehalten, sondern wurden zur Insignie junger Rebellen. Verantwortlich dafür waren vor allem zwei Männer: Der Bekanntere von ihnen war Elvis Presley, der zu Hits wie "Jailhouse Rock" auf der Bühne nicht nur seine Hüften, sondern auch seine spitz nach vorne pomadierten Haare schwang. Der andere war Joe Cirello, ein Friseur aus Philadelphia, der Elvis' Haarschnitt erfunden hatte - und der Frisur, die bald Tausende von Rock'n'Roll-Jüngern überall auf der Welt trugen, einen Namen gegeben hatte: "Duck's Ass", Entenarsch. Und tatsächlich sah es ein wenig so aus, als hätten die jungen Herren einen (ordentlich gekämmten) Schwimmvogel auf dem Kopf.

Seither haben die Schmalzlocken sich einen festen Platz im Showbusiness erobert und so manchem Star das entscheidende Quäntchen Glanz verliehen: Etwa James Dean, als er 1955 in "... denn sie wissen nicht, was sie tun" im gestohlenen Auto auf eine Klippe zuraste, kurz vor dem Abgrund aus der Tür rollte und mit perfekt sitzender Schmalzlocke zum Stillstand kam. 1971 wurde gar ein ganzes Musical in Anlehnung an die Slangbezeichnung für Pomade "Grease", also "Schmierfett" genannt. Und 1978 wurde John Travolta in der Verfilmung des Musicals als Schmalzlocken tragender Halbstarker Danny Zuko zum Hollywood-Star.

In der Mode der Achtziger verschwand die Pomade immer mehr im Schatten überdimensionaler Haarskulpturen, die von Haarspray und Gel in Form gehalten wurden. Und doch hielten ihr einige Hollywood-Stars die Treue: Mickey Rourke, als er 1986 mit Kim Basinger in "9 1/2 Wochen" zum Sexsymbol wurde. Michael Douglas und Charlie Sheen, denen das Haarschmalz ein Jahr später half, sich in "Wall Street" als aalglatte Banker zu inszenieren. Oder Andy Garcia, dessen nach dem Vorbild Valentinos stets zurückpomadierte Haare in Filmen wie "The Untouchables - die Unbestechlichen" zu seinem Image als Latin Lover beitrugen. Während der Neunziger verschwand die Pomade dann nahezu vollständig im Schminkschränkchen Hollywoods. Man trug die Haare wieder trocken.

Doch gegenwärtig erleben die Pomadenfrisuren ein Comeback. Ob auf den Köpfen der Hauptdarsteller in der vielfach preisgekrönten Fernsehserie "Mad Men", ob auf dem Haupt von Prinz Daniel von Schweden oder über der hohen Stirn des Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg: Das Haar so manches Prominenten kriegt sein Fett weg wie schon seit Jahren nicht mehr. einestages präsentiert das Beste aus 90 Jahren Pomadenprominenz.

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