Fritz Kolbe Verrat als Waffe

Fritz Kolbe: Verrat als Waffe Fotos
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Kann ein Verräter ein Held sein? Aus Hass auf die Nazis wurde Fritz Kolbe zum wichtigsten Spion der Alliierten. Bis Kriegsende lieferte er rund 1600 Dokumente an den US-Geheimdienst - darunter sogar präzise Skizzen von Hitlers hochgeheimem Hauptquartier, der "Wolfsschanze". Von

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Mit einem sonntäglichen Tennismatch im verschlafenen Bern im Jahr 1917 beginnt eine nahezu unglaubliche Geschichte, die um ein Haar der Welthistorie in die Speichen gegriffen hätte. An diesem Frühlingstag nämlich versetzt der junge amerikanische Diplomat Allen Welsh Dulles einen russischen Emigranten und geht lieber mit einer jungen Dame das Racket schwingen.

Keine gute Entscheidung: Der Unbekannte ist Wladimir Iljitsch Lenin. Kurz darauf verfrachten die Deutschen den russischen Berufsrevolutionär in einem Zug nach Sankt Petersburg, wo er die Sowjetunion ausruft.

Doch manche bekommen von der Geschichte eine zweite Chance: Gut ein Vierteljahrhundert später ist Dulles als Resident des US-Geheimdienstes wieder in Bern, wieder ist Krieg, wieder bekommt er das Angebot, einen Unbekannten zu treffen - und diesmal sagt er lieber zu, zu seinem Glück. Am 19. August 1943 sitzt er einem Konsulatssekretär 1. Klasse aus dem Auswärtigen Amt in Berlin gegenüber. Der zieht 16 geheime Telegramme aus einem Kurierumschlag, den er aus dem Machtzentrum der Nazis in die Schweiz geschmuggelt hat.

Sprudelnde Quelle im Herzen des Hitler-Reiches

Bis Kriegsende liefert "George Wood", so der Deckname der ganz unerwartet sprudelnden Quelle im Herzen des Hitler-Reiches, rund 1600 Dokumente und unzählige mündliche Informationen. Er enttarnt den deutschen Top-Spion "Cicero" (der albanische Kammerdiener des britischen Botschafters in Istanbul), weist auf einen Nazi-Spitzel im Umfeld von US-Vizepräsident Henry Wallace hin und hilft, einen deutschen Geheimsender im neutralen Irland auszuschalten (der Informationen über die Invasionsvorbereitungen nach Berlin funkt).

Wood warnt vor U-Boot-Angriffen auf alliierte Konvois, berichtet von einem neuen, 1000 Stundenkilometer schnellen Messerschmitt-Düsenflugzeug und liefert präzise Skizzen von Hitlers hochgeheimem Hauptquartier "Wolfsschanze". Durch ihn erfahren die Alliierten von der geplanten Liquidierung der jüdischen Gemeinde Roms, sind über die Deportation der ungarischen Juden im Bild und hören zum allerersten Mal von einem gewissen "SS-Obersturmbannführer Eichmann" - Wood ist, so das Urteil von Dulles, der nach dem Krieg auch Dank dieser Erfolge bis an die Spitze der CIA aufsteigt, "einer der besten Agenten, den irgendein Geheimdienst jemals gehabt hat".

Mehr als ein Spionagethriller

Doch wer war "George Wood"? Mit Fritz Kolbe, dem Menschen hinter dem Decknamen, hat der französische Autor Lucas Delattre eine echte Entdeckung gemacht. Delattre, lange Jahre Berliner Korrespondent der Tageszeitung "Le Monde" und heute Leiter des Pariser Büros des Europarates, hat für sein in diesen Tagen auf deutsch erscheinendes Buch vor kurzem freigegebene Geheimdienstdokumente aus den USA ausgewertet, im Archiv des Auswärtigen Amtes gegraben und in Australien den Nachlass Kolbes ausfindig gemacht.

Die daraus entstandene Biografie konfrontiert den Leser mit einem deutschen Leben, das für heftige Diskussionen gut ist. Denn in der Geschichte des Fritz Kolbe steckt weit mehr als nur ein Spionagethriller.

Der 1900 geborene Handwerkersohn aus der Berliner Louisenstadt, der sich vom Eisenbahnobersekretär der Reichsbahn über die Abendschule zum Beamten im gehobenen Dienst des AA emporarbeitete, wollte kein Geld für seine Informationen, war keine Spielernatur, wurde auch nicht erpresst - Kolbe hat ein einziges, triftiges Motiv: Hass auf Hitler und die Nazis. Der Meisteragent aus den Spionage-Anthologien, so Delattres Schlussfolgerung, handelte als zu allem entschlossener Widerstandskämpfer, dessen Waffe der Verrat war.

"Einer der bestinformierten Beamten"

Anders als die all zu oft nur räsonnierenden Akademiker und Offiziere des deutschen Widerstandes, von denen sich all zu viele mehr Gedanken machen, wer welches Regierungsamt übernehmen soll, als darüber, wie man Hitler tatsächlich stürzen könnte, glaubt Kolbe nicht daran, dass die Deutschen die Diktatur alleine abschütteln können. Ihre Putschpläne hält er für naiv. Kolbe sieht in der Befreiung von außen die einzige Chance der Hitler-Gegner. Alles, was den Krieg verkürzt, ist für ihn nicht nur legitim, sondern geboten.

Und er weiß, dass ausgerechnet er auch als Einzelner ein großes Rad drehen kann. Als Mitarbeiter des Sonderbotschafters Karl Ritter, dem Verbindungsmann des AA zum OKW gehen sämtliche geheimen Depeschen über Kolbes Schreibtisch. Er ist, so seine durchaus nicht übertriebene Selbsteinschätzung, "einer der bestinformierten Beamten" im Amt. Dass der Verrat zur Waffe seiner Wahl wird, ergibt sich so fast zwangsläufig. Moralische Skrupel hat Kolbe keine; der Vaterlandsverräter ist Hitler - nicht er.

Kolbe nimmt zur Vernichtung bestimmte Telegramme abends mit nach Hause und schreibt sie ab. Später fotografiert er sie mit Hilfe eines zwangsverpflichteten französischen Arztes in dessen Arbeitszimmer in der Charité. Eine Freundin aus Wandervogel-Tagen in der Kurierabteilung des AA verschafft ihm Reisemöglichkeiten in die Schweiz.

Eine "Volksmiliz" soll US-Truppen in Hitlers Hauptstadt führen

Über den berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, mit dessen Sekretärin er liiert ist, steht Kolbe in Kontakt mit dem organisierten Widerstand. Zu seinen Vertrauten zählen der frühere SPD-Reichstagspräsident Paul Löbe und Major Alfred Graf von Waldersee, der schon 1941 den Versuch unternommen hatte, Hitler in Paris zu erschießen. Bei Walter Bauer, einem der "Bekennenden Kirche" nahe stehender Unternehmer, begegnet er Dietrich Bonhoeffer und Carl Goerdeler. Nach dem 20. Juli kommt es in seinem Bekanntenkreis zu zahllosen Verhaftungen, und auch Kolbe muss mit dem Schlimmsten rechnen. "Sauerbruch glaubt, dass wir alle verloren seien und dass das vor allem für ihn und mich gelte", notiert Kolbe: "Vielleicht hat er Recht."

Kolbe riskiert zweifelsohne sein Leben, nicht weniger als Stauffenberg. Doch er ahnt, dass die Nachwelt sein Verhalten wohl nicht als heroische Tat empfinden wird. So drängt es auch ihn im Frühjahr 1944 zur großen Tat. Eine "Volksmiliz" von 30 bis 100 Widerständlern, plant Kolbe mit einigen Eingeweihten, soll zwischen Wannsee und Schlachtensee landenden US-Fallschirmjägern helfen, die Reichshauptstadt im Handstreich zu nehmen. Dulles soll die Waffen liefern und Washington überzeugen. Kolbe habe befürchtet, "falls er die bisherige Arbeit zum Sturz Hitlers fortsetze, von der neuen Führung in Deutschland als 'Spion' gesehen zu werden", wie sich Dulles später erinnerte. "Als anerkanntes Mitglied des Widerstandes dagegen hätte er im neuen Deutschland einen anerkannten Status."

Dulles gelingt es, sein bestes Pferd im Stall zu überzeugen, dass er als Informant der bessere Widerständler sei - und so kommt es genau, wie es Kolbe vorausgesehen hat: Nach dem Krieg bekommt er in Deutschland kein Bein auf den Boden. Alte Nazi-Seilschaften im AA verhindern, dass er wieder in den Konsulatsdienst aufgenommen wird. Immer wieder gerät ihm seine Vergangenheit als "Spion" in die Quere. So platzt ein Angebot der Deutschen Presse-Agentur für einen Posten als Schweiz-Korrespondent, nachdem sie Erkundigungen über Kolbe eingeholt hat. Anfang 1951 druckt die Zürcher "Weltwoche" einen reißerischen Artikel über "George Wood" aus einem US-Magazin nach. "Die Veröffentlichung in der Schweiz zu diesem Zeitpunkt wird ihm ziemlich schaden", registriert Dulles mitfühlend, "das ist wirklich sehr tragisch". Kolbe schlägt sich schließlich als Vertreter für Motorsägen durch, 1971 stirbt er unbeachtet in Bern.

Noch geheimer als "Top Secret"

So hat Kolbes Schicksal eine entschieden tragische Note. Dazu gehört auch, dass seine unter allergrößter Gefahr übermittelten Warnungen den Lauf der Dinge letztlich kaum beeinflussten, obwohl sie dazu geeignet waren. Welch bittere Ironie: Die Informationen schienen den Alliierten einfach zu gut um wahr zu sein - lange, viel zu lange, fürchteten sie ein Doppelspiel. Rivalitäten zwischen den alliierten Geheimdiensten taten ein übriges; die Briten, bei denen ein gewisser Kim Philby mit der Auswertung der Kolbe-Lieferungen betraut war, taten was sie konnten, um den Amerikanern ihre phänomenale Quelle madig zu machen.

Erst als Dulles der Kragen platzte und er Ende 1943 nach Washingtoner kabelte, er sei "bereit, meinen Ruf dafür zu riskieren, dass die Dokumente echt sind", hatte das Theater ein Ende und Kolbes Informationen wurden ernst genommen. Leider zu ernst: Die "Wood"-Telegramme wurden noch geheimer als "Top Secret" eingestuft ("Kappa Secret") - mit der Folge, dass gerade elf Personen in Armee, Marine und State Department sowie Präsident Franklin D. Roosevelt persönlich die Berichte von Kolbe zu lesen bekamen. Die Kriegsschauplätze erreichten seine Hinweise erst ab Anfang 1945, und selbst dann noch versandeten sie immer wieder irgendwo auf dem Weg durch die alliierte Kriegsmaschinerie: "Alle Indizien wurden geliefert, doch unter unserer Nase führten die Deutschen genau die im Kappa-Telegramm beschriebene Aktion durch", wetterte Dulles Anfang Februar 1945. Bitter beschwerte er sich, die Alliierten behandelten Kolbes Berichte als "Museumsstücke".

Kolbe selbst ist kein "Museumsstück" geworden. Nichts erinnert mehr an diesen stillen Helden - in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gibt es für ihn keine Ausstellungstafel; im Auswärtigen Amt, dass doch auf die wenigen Widerständler in seinen Reihen besonders stolz ist, ziert sein Name nicht die Tafel der ums Leben gekommenen Amtsangehörigen. Immerhin ließ der damalige Hausherr Joschka Fischer 2004 einen Sitzungssaal nach Kolbe benennen.

So bleibt das Resumee von Dulles, mit dem Delattres wichtiges Buch endet, bis auf weiteres das letzte Wort zum Fall Fritz Kolbe: "Ich hielt es immer für ungerecht, dass es das neue Deutschland versäumt hat, die hohe Integrität von Georges Beweggründen und die große Rolle anzuerkennen, die er beim endgültigen Umsturz des Hitlerismus gespielt hat", schrieb der Amerikaner vier Jahre vor Kolbes Tod: "Und so hoffe ich, dass dieses Unrecht eines Tages wieder gut gemacht wird und dass sein Land seine wahre Rolle dann anerkennt."

Vielleicht bekommt nicht nur Allen Dulles, sondern nun auch Fritz Kolbe von der Geschichte eine zweite Chance.

Zum Weiterlesen:

Lucas Delattre: Fritz Kolbe - Der wichtigste Spion des Zweiten Weltkriegs. Verlag Piper. München 2004.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Frank Fischer 09.02.2008
Hallo, vielleicht kann mir jemand mit Quellen o.ä. zu dem im Text erwähnten "...Major Alfred Graf von Waldersee, der schon 1941 den Versuch unternommen hatte, Hitler in Paris zu erschießen..." behilflich sein. Google wirft mir nur eine Person aus, die bereits 1904 verstorben ist. Da ich auch noch nie von einem Attentatsversuch auf Hitler in Paris gehört habe, bitte ich sehr um Aufklärung. Frank
2.
Alex Bänninger 09.02.2008
Foto 1 ist in Zürich aufgenommen worden, nicht in Strassburg.
3.
Niels Behnke 25.02.2008
Hallo, auf http://resistanceallemande.online.fr/attentats/attentats.htm wird zumindest der Attentatsplan (kein echter Versuch) bestätigt. Über den Major Alfred Graf von Waldersee gibts aber nicht mehr.
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