Filmklassiker "Metropolis" "Kuddelmuddel über Fortschritt"

Die Vision einer futuristischen Großstadt - "Metropolis" gilt heute als Fritz Langs Meisterwerk. Zur Premiere vor 90 Jahren erntete der Regisseur viel Spott, der spektakuläre Film floppte. Aber Goebbels war begeistert.

akg-images / Fototeca Gilardi/ Universum

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Solche Bilder waren im Kino nie zu sehen gewesen: eine Stadt mit in den Himmel ragenden Riesentürmen. Ein Roboterwesen, das sich in eine Frau verwandelt. Hunderte Menschen, die von Wassermassen überflutet werden.

Für "Metropolis" hatte Regisseur Fritz Lang eine monumentale futuristische Stadt zum Leben erweckt. Der Film war 1927 die bis dahin teuerste Ufa-Produktion. Alles daran war überdimensioniert: der Dreh, Langs Bilder - wie auch das Trümmerwerk, das er Generationen von Filmhistorikern und Restauratoren hinterließ.

Heute gilt "Metropolis" als Fritz Langs Meisterwerk, als verblüffende Science Fiction und früher Prototyp eines Blockbusters. Es ist einer der meistzitierten Filme in der Geschichte des Kinos. Spuren dieser Kulissen und Kostüme tauchen immer wieder auf der Leinwand auf - von "Blade Runner" bis "Das fünfte Element" (siehe Fotostrecke). 2001 wurde die damals vollständigste restaurierte Fassung ins Unesco-Weltdokumentenerbe aufgenommen.

"Lasset uns einen Turm der Technik bauen"

Ursprünglich wollte die finanziell angeschlagenen Ufa mit "Metropolis" den US-Markt erobern. Doch die immensen Kosten brachen der Filmgesellschaft fast das Genick: Das Team um Filmarchitekt Erich Kettelhut erstellte ein Miniaturmodell der Zukunftsstadt, für die vielen Massenszenen baute man trotzdem aufwändige Kulissen. Kameramann Eugen Schüfftan perfektionierte eine Spezialeffekttechnik, das Schüfftan-Verfahren.

Fast anderthalb Jahre dauerte der Dreh und verschlang die damals ungeheure Summe von vier bis sechs Millionen Reichsmark - die Hälfte des Ufa-Produktionsbudgets für die Saison 1925/1926, so viel wie die übrigen 22 Filme zusammen kosteten.

Die Ufa-Meldungen über die Dreharbeiten kündigten den Zeitungen eine Sensation an: 36.000 Menschen seien auf dem Set gewesen, darunter "750 Kinder" und "100 Neger und 25 Chinesen". 1100 Statisten hätten sich für "Metropolis" den Kopf rasieren lassen. 3500 Paar Schuhe und 50 speziell designte Autos seien zum Einsatz gekommen.

"Also sprach Lang: Lasset uns einen Turm der Technik bauen, dessen Spitze bis an die Sterne reiche", schrieb ironisch die Filmillustrierte "Licht-Bild-Bühne" im Januar 1927, "an die Spitze aber wollen wir setzen: Groß ist der Film und sein Schüfftan; und groß sind die Menschen, die ihn gebaut und gedreht haben."

Fotostrecke

25  Bilder
Fritz Langs Monumentalfilm: Science Fiction von 1927 - "Metropolis" und die Nachahmer

380 Stunden Negativfilm soll Lang in seinem Perfektionismus aufgenommen haben, auch weil drei Kameras gleichzeitig die Szenen aufzeichneten. Endlos habe der Regisseur Wiederholungen von den Schauspielern verlangt, erinnerte sich Filmarchitekt Kettelhut. Die Strapazen waren immens - gerade in den sechs Drehwochen der Sequenz, wie die Unterstadt mit ihren Bewohner geflutet wird. Zum Trost soll Lang zehn Flaschen Brandy unter den Statisten verteilt haben. Um dann weiterzuarbeiten.

"Sauce von Sentimentalität"

Welche der etlichen Zahlen und Anekdoten zu "Metropolis" stimmen, was in der Werbekampagne übertrieben wurden - schwer zu rekonstruieren. Klar ist: Die Ufa-Gigantomanie ließ Lang beim Budget jede Freiheit.

Die angeheizten Erwartungen konnte die Premiere am 10. Januar 1927 im Ufa-Palast am Berliner Zoo kaum einlösen. Die 1200 Gäste beklatschten "Metropolis" zwar ausgiebig, aber in der Pause der fast dreistündigen Aufführung waren im Foyer bereits skeptische Stimmen zu vernehmen.

Die Kritiken fielen gemischt bis negativ aus. Die schärfste formulierte der britische Science-Fiction-Autor H. G. Wells in der "New York Times", nachgedruckt von der "Frankfurter Zeitung": "Ich habe neulich den törichsten Film gesehen. (...…) Er verabreicht in ungewöhnlicher Konzentration nahezu jede überhaupt mögliche Dummheit, Klischee, Plattheit und Kuddelmuddel über technischen Fortschritt überhaupt, serviert mit einer Sauce von Sentimentalität, die in ihrer Art einzigartig ist."

"Metropolis": Trailer zur restaurierten Fassung von 2010

Kritisiert wurde vor allem das Drehbuch von Langs Ehefrau Thea von Harbou. Regisseur Luis Buñuel schrieb, eigentlich seien es zwei Filme, "Bauch an Bauch aneinanderklebend": "Was uns hier erzählt wird, ist trivial, schwülstig, schwerfällig und von überkommenem Romantizismus." Doch wenn man statt auf die Story darauf schaue, wie die Filmbilder Objekte in ihrer Bedeutung steigerten, werde "'Metropolis' alle unsere Erwartungen übertreffen und uns als das herrlichste Bilderbuch begeistern, das man sich nur ausmachen kann".

Angebot von Goebbels

Gerade das Finale erboste Filmkritiker: In den höchsten Höhen der Stadt Metropolis leben die oberen Klassen; die Arbeiter fristen ein karges Dasein unter der Erde, in der Unterstadt. Am Ende reichen sich Arbeiter, Kapitalist und Kapitalistensohn einträchtig die Hand.

Von Harbou gab in ihrem Roman zum Film die Richtung vor: "Dieses Buch dient keiner Tendenz, keiner Klasse, keiner Partei." Im Zentrum stehe vielmehr eine Erkenntnis: "Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein." Filmkritiker Siegfried Kracauer sah darin rückblickend den Vorschein der faschistischen Volksgemeinschaft - der Satz könnte auch "ohne Weiteres von Goebbels stammen", kommentierte er 1947 in "Von Caligari zu Hitler".

Tatsächlich war der Reichspropagandaminister begeistert. "Er sagte mir", so Lang 1941, dass "er und der Führer vor vielen Jahren meinen 'Metropolis' in einer kleinen Stadt gesehen hätten und Hitler damals gesagt habe, dass ich die Nazifilme machen sollte".

Lang schlug Goebbels' Angebot aus, ließ sich im April 1933 scheiden und emigrierte erst nach Paris, dann in die USA. Thea von Harbou wurde Vorsitzende des gleichgeschalteten Verbandes deutscher Tonfilmautoren und trat 1940 in die NSDAP ein.

Vielfach verstümmelt

"Metropolis" spielte nur einen Bruchteil der Kosten ein - und wurde in den USA um gut 45 Minuten gekürzt, weil Paramount befürchtete, die wirre Handlung verschrecke das Publikum. Theaterautor Channing Pollock schrieb neue Zwischentitel und schnitt den Film um: "Es war wild gewordener Symbolismus, so dass die Zuschauer nicht sagen konnten, wovon der Film handelte", erklärte er zur US-Premiere. "Ich habe ihm meine Bedeutung gegeben."

Fritz Lang distanzierte sich, denn die Verstümmelung war ohne ihn erfolgt. Das Werk wurde zu einem ewigen Steinbruch. Das Original sahen nur die Premierengäste, etwa 15.000 Berliner in den folgenden vier Monaten sowie einige Wiener Kinogänger.

Schon nach gut einem halben Jahr existierten mindestens drei Versionen: die deutsche Kinofassung, bereits im Mai wieder zurückgezogen; die um ein Drittel gekürzte amerikanische und die zweite deutsche Fassung, ebenfalls rabiat gekürzt. Fortan solle "Metropolis" ohne "Betitelung mit kommunistischer Tendenz" laufen, dekretierte der neue Ufa-Vorstand Alfred Hugenberg, der unter Hitler Wirtschaftsminister wurde.

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Fritz Lang:
Metropolis

Restaurierte Fassung (erschienen 2011)

Mit Brigitte Helm und Alfred Abel. 3 DVDs; 1926; 146 Minuten; 21,99 Euro.

Die späteren Versionen basieren zumeist auf diesen gekürzten Fassungen. Ein erstes ansatzweise restauriertes "Metropolis" entstand von 1969 bis 1972 im Staatlichen Filmarchiv der DDR; viele Szenenfolgen blieben aber rätselhaft. Erst 2001 erstellte Filmhistoriker Enno Patalas eine Fassung, die bei allen Lücken zumindest die ursprüngliche Szenenfolge rekonstruierte.

Erst seit 2010 ist "Metropolis" weitgehend restauriert verfügbar, nachdem in einem kleinen Filmmuseum in Buenos Aires ein Exemplar auftauchte, nah an der Premierenfassung. Seitdem liegen viele verschollen geglaubte Szenen vor, wenn auch in schlechter Qualität. Aufwändig wurde das Material digital gereinigt.

Bis auf wenige Leerstellen ist "Metropolis" damit wieder nahezu komplett. Zu sehen sind in gewisser Weise tatsächlich zwei Filme - ein ideologisch fragwürdiges Zeitdokument sowie eine, mit Buñuel gesprochen, "begeisternde Symphonie der Bewegung".

insgesamt 4 Beiträge
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Thomas Brandt, 11.01.2017
1. Davidstern?
Die Bildunterschrift unter Bild 14 spricht von Davidsternen, die an Tür und Wand von Rotwangs Labor angebracht wären. Der geneigte Verfasser möge sich mal Bild 5 und 11 genau ansehen, ein wenig angestrengt nachdenken und die Frage "Wieviele Zacken hat ein Davidstern?" recherchieren. Bei allem Respekt: das ist an journalistischer Peinlichkeit kaum zu überbieten, vor allem, da im weiteren Verlauf der Bildunterschrift diese vermeintlichen Davidsterne als Begründung einer antisemitischen Grundhaltung des Films dienen. Mag sein, dass der Film eine solche Grundhaltung hat - aber Davidsterne haben nun mal 6 Zacken und nicht 5. Das umgekehrte Pentagramm (denn das genau ist es) steht eher für Okkultismus, den der Regisseur Lang hier wohl ganz bewusst eingebaut hat.
Karl Wittelsbacher, 11.01.2017
2. Version von 1984 keine Erwährung wert?
Es würde mich wundern, wenn Enno Patalas und andere involvierte Filmhistoriker nicht durch die Moroder-Version von 1984 oder das Queen-Video zu Radio Gaga beeinflusst wären.
Jochen Leffers, 11.01.2017
3. Die Sterne
Lieber @ThomasBrandt, vielen Dank für Ihren Hinweis. Da ist uns in der Tat etwas durcheinandergeraten: Ein Filmkritiker hatte zur Premiere der restaurierten "Metropolis"-Fassung 2010 geschrieben, im Zusammenhang mit all den übrigen Hinweisen (der "jüdisch" klingende Name, der Außenseiterstatus Rotwangs, die antisemitische Idee, "jüdische" Kräfte stünden hinter dem Aufstand) hätten damalige Zuschauer beim Anblick der zahlreichen Sterne im Labor Rotwangs auf die Assoziation "Davidstern" = "jüdischer Charakter" kommen können. Aber im Film sind es, bei jedem der Sterne, fünf Zacken, nicht etwa sechs... Das war verkürzt und falsch, wir haben es natürlich korrigiert. Bleiben Sie ein so aufmerksamer Leser! Beste Grüße aus der einestages-Redaktion - Jochen Leffers
Wolfgang Rolf, 13.01.2017
4. Wells kritisiert das, was die menschliche Gesellschaft relativ unvoreingenommen beschreibt.
H. G. Wells Kritik [i/]"Er verabreicht in ungewöhnlicher Konzentration nahezu jede überhaupt mögliche Dummheit, Klischee, Plattheit und Kuddelmuddel über technischen Fortschritt überhaupt, serviert mit einer Sauce von Sentimentalität, die in ihrer Art einzigartig ist."[i/] ist ja nicht falsch. Aber genau dass ist ja eine typische Eigenschaft der menschlichen Evolution. Die Individuen mögen ja durchaus zielgerichtet vorgehen, aber wenn man das Verhalten der menschlichen Gesellschaftsformen betrachtet, ohne sich für die Details der Individuen zu interessieren, die die Führungspositionen besetzen, dann entspricht das, was man beobachtet, ziemlich genau dem, was Wells kritisiert.
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