Fritz Teufel gestorben "Er verstand die Welt nicht, in der er lebte"

Er lebte in der legendären Kommune 1 und ging als radikaler Polit-Clown in die deutsche Geschichte ein: Am Dienstag starb Fritz Teufel im Alter von 67 Jahren. Rainer Langhans, Teufels langjähriger Wegbegleiter, erinnert sich im einestages-Interview an das Idol der 68er-Bewegung.

AP

einestages: Herr Langhans, schon länger ist bekannt, dass Fritz Teufel an Parkinson leidet. Wann haben Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen?

Langhans: Das war vor etwa einem Jahr. Ich hatte 2008 einen Bildband zu der Kommune 1 herausgegeben, das war Teil dieser 68er-Gedenkindustrie. Ich habe ein Exemplar an alle Ex-Kommunarden geschickt - Fritz war der Einzige, der sich bei mir gemeldet hat. "Rainer, ich finde dein Buch gut", hat er gesagt. "Danke, das freut mich", habe ich ihm geantwortet. "Mich freut, dass dich das freut", gab er zurück. Das war leider unser letztes Gespräch.

einestages: Sie und Fritz Teufel galten in den sechziger Jahren als Kämpfer gegen die Spießigkeit, die das Establishment mit provokanten Aktionen bloßstellen wollten. Hat Deutschland nach dem Tod von Fritz Teufel noch einen echten Polit-Revoluzzer?

Langhans: Ganz unbescheiden würde ich sagen: mich. Natürlich ist es nicht mehr dieses Revoluzzerhafte, aber ich lebe die Idee der Kommune weiter, das wird von den Jüngeren auch aufgegriffen. Im Internet gibt es große Kommunen, Communities, es geht darum, friedlich und liebevoll miteinander zu leben und umzugehen. Ich halte so etwas für hoch politisch. Wir wollen heute keine RAFler mehr sein, die Welt ist besser geworden, und die Idee der Kommune hat etwas dazu beigetragen.

einestages: Sie haben Fritz Teufel in Berlin schon vor der Gründung der Kommune 1 im Jahr 1967 kennengelernt. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung?

Langhans: Nicht mehr exakt an die erste Begegnung. Ich war im Berliner SDS und dort ist er mir aufgefallen, gerade weil er so ruhig, zurückhaltend, extrem introvertiert war - und das in einer so aufgekratzten Gruppierung. Wenn er etwas sagte, waren das dann aber sehr pointierte Bemerkungen. Das wurde ja auch später sein Markenzeichen.

einestages: Fiel er denn äußerlich mehr auf?

Langhans: Nein. Er hatte kurze Haare, eine Hornbrille und einen kleinen Bart um das Kinn, wirkte wie der typische Student. Wir sahen damals ja alle anfangs sehr harmlos aus, erst später wurden wir sehr viel behaarter.

einestages: Welche Rolle spielte er bei der Gründung der Kommune 1?

Langhans: Die Kommune wurde damals sehr kontrovers in der Studentenbewegung diskutiert. Als es dann ernst wurde und wir dieses Experiment wagen wollten, sind viele noch abgesprungen. Fritz Teufel hat, anders als etwa Rudi Dutschke, den Mut gehabt, sofort in die Kommune einzuziehen.

einestages: Dort haben Sie ihn besser kennengelernt. Was machte sein Charisma aus?

Langhans: Er hat meist sehr lange überlegt und dann etwas sehr Bezeichnendes, Überlegtes gesagt. Er hat die gesellschaftlichen Verhältnisse immer sehr merkwürdig gefunden und die Welt, in der er lebte, nicht verstanden - aber er hat sie dann karikaturhaft überzeichnet. Ich hatte dieselben Probleme mit dieser Welt, aber nicht diesen Humor. Da war er wahrscheinlich im Vorteil.

einestages: Wie sah denn sein Drogenkonsum im Verhältnis zu seinem Liebesleben aus?

Langhans: Ich weiß, dass er einiges genommen hat, aber nur aus sekundären Quellen. Ich muss das so erklären: In der Anfangszeit der Kommune ging es uns nicht um Musik, Drogen, Sex. Wir suchten nach einer höheren Stufe der Ekstase. Erst später nutzen wir die traditionellen Formen der Ekstase, aber da war Fritz nicht mehr in unserer Berliner Kommune. Denn er wurde ja zwischenzeitlich immer wieder auf übelste Weise ins Gefängnis gesperrt. Nachdem er frei war, hatte er aber ein starkes Sexualbedürfnis.

einestages: Sie spielen darauf an, dass Fritz Teufel am 2. Juni 1967 für ein halbes Jahr in U-Haft wanderte, weil er auf der Demonstration gegen den persischen Schah einen Stein geworfen haben soll. Das war genau der Tag, an dem Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde.

Langhans: Durch diese Festnahme wurde Fritz für die Studenten der große Märtyrer, der von der bösartigen Justiz festgehalten wurde. Eigentlich war er nach Benno Ohnesorg der zweite Märtyrer, den die Bewegung hatte. Mit seinem Satz "Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient" (als mürrische Antwort auf die Aufforderung des Richters, vor Gericht aufzustehen), wurde er endgültig berühmt.

einestages: Fritz Teufel saß sogar fünf Jahre im Gefängnis, weil er 1975 an der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz beteiligt gewesen sein soll. Dabei hatte er ein wasserfestes Alibi - unter einem anderen Namen hatte er zur Tatzeit in einer Klodeckelfabrik gearbeitet. Weil Teufel das Alibi so spät präsentierte, blamierte er die Justiz. Wussten Sie eigentlich die ganze Zeit, dass er unschuldig war?

Langhans: Nein, damals hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich konnte mir aber durchaus vorstellen, dass an den Vorwürfen etwas dran war. Er hatte sich ja radikalisiert, lief mit Waffen rum, obwohl er an sich ein völlig friedfertiger Mensch war.

einestages: War das der Grund, warum Sie mit ihm und anderen Ex-Kommunarden später in Streit gerieten?

Langhans: Was uns trennte, war ganz einfach: Ich wollte die Kommune weiterentwickeln und glaubte, dass uns Krieg gegen die Gesellschaft nicht weiterbringt. Andere meinten, dass der Kampf notwendig war. Fritz Teufel war aber offener als die anderen und hat mir 1988 in etwa gesagt: "Wir haben dich immer für ein Arschloch, für einen Verräter der Bewegung gehalten, aber du hast Recht behalten." Das habe ich ihm hoch angerechnet.

einestages: Ihr Leben und das Leben von Fritz Teufel verlief in den letzten Jahren grundverschieden. Der einstige Polit-Humorist Teufel lebte medienscheu mit seiner Lebensgefährtin in Berlin, während Sie in München weiter in einer als "Harem" bezeichneten Kommune mit fünf Frauen leben. Fühlten Sie sich ihm dennoch verbunden?

Langhans: Auf jeden Fall, er gehört wie die anderen Kommunarden zu meiner Erfahrungsfamilie, die ist eigentlich wichtiger als meine Ursprungsfamilie. Ich habe mit Fritz viele unglaubliche Dinge erlebt und geteilt. Wir alle waren die buntesten und angstlosesten Vertreter der ganzen 68er-Bewegung.



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Peter Lehleiter, 09.07.2010
1.
Langhans redet Blech, wie immer: " Wir wollen heute keine RAFler mehr sein, die Welt ist besser geworden, und die Idee der Kommune hat etwas dazu beigetragen..." Die Wahrheit ist, die Radikalisierung und damit die RAF lässt sich bis in die Kommune1 zurückverfolgen; denn dort begann die Debatte um die Gewalt gegen Sachen. Weiter unten im Interview wird das deutlich, wo Langhans sich rausstellt, als der, der schon immer auf dem richtigen Weg war, weil Fritz Teufel angebich 1988 zugegeben habe, dass der Weg der Gewalt falsch war. Ich finde es unerträglich bei dem ganzen Pomp, den die 68-iger um sich rum kreieren, wenn sie ihr historisches Versagen nicht aufarbeiten, schliesslich haben sie das ja selbstverständlich von der Generation davor ja auch verlangt. Vielleicht verlange ich auch zuviel, angesichts des umfassenden Drogen- und Alkoholschadens, zuzüglich des Deliriums im sanften Wahns mit Namen Esoterik (welche ja die Generation davor, ja schon viel früher in ihren falschen Weg einwebte).
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