Draufgänger von Opel im Rennboot Raketen-Fritz und sein Wasserblitz

Als Automanager, Tüftler, Tausendsassa stieg Fritz von Opel in alles, was schnell und gefährlich war. Sein größter Triumph im Motorboot: ein spektakuläres Rennen in Paris vor genau 90 Jahren.

Adam Opel AG

Es war ein Rausch und Glückstaumel ohnegleichen. Mit ohrenbetäubendem Lärm und über 100 Stundenkilometern schob sich am 14. Juli 1927 ein mahagonibrauner Bug über die Ziellinie der "Trophée de Paris" auf der schäumenden Seine - und ein Deutscher gewann eines der wichtigsten Motorbootrennen auf dem Kontinent.

Am Steuer des Bootes triumphierte Fritz von Opel, damals bereits Mitglied der Geschäftsführung des Automobilherstellers. Die "Trophée de Paris" war so etwas wie das Race of Champions; schon für die Teilnahmeberechtigung hatte von Opel zwei Rennen gewinnen müssen. Als erster deutscher Starter nach dem Ersten Weltkrieg wurde er von den Parisern höflich beklatscht, von den heimischen Zeitungen hingegen frenetisch gefeiert.

Leif Rohwedder hat diese heute fast vergessene Geschichte in Archiven ausgegraben. In seinem Buch "Autoboote" beschreibt er, warum von Opel überhaupt aufs Wasser ging: Der 1899 geborene Enkel des Firmengründers Adam Opel war ein Hasardeur und Draufgänger. Er liebte die Geschwindigkeit, verachtete die Gefahr und ließ sich gern auch mit Raketenkraft von Rekord zu Rekord treiben.

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Fritz von Opel: Desperado mit Raketenantrieb

"Raketen-Fritz", so sein Spitzname, ritt über 200 km/h schnelle Feuerstühle. Er erhöhte den Geschwindigkeitsrekord mit einer unbemannten Draisine auf 254 km/h und finanzierte die ersten Raketenstarts in Deutschland.

Brandgefährliche Boote

Zudem lag die Firma Opel im Clinch mit der Obersten Nationalen Sportbehörde (ONS), die der Opel-Werksmannschaft Manipulation an Rennwagen vorwarf und sie deshalb für alle Rennen bis Ende 1927 sperrte. Opel wies die Vorwürfe zurück, verkündete in Zeitungsanzeigen trotzig den Rückzug aus dem Motorsport - und entdeckte als ebenso atemberaubende wie abenteuerliche Alternative den Bootssport.

Um auf Geschwindigkeiten jenseits von 100 km/h zu kommen, brauchte es außer Motoren mit weit mehr als 1000 PS auch stählerne Nerven und einen unbändigen Mut. "Die Boote jener Zeit waren buchstäblich brandgefährlich", sagt Rohwedder und berichtet von zahlreichen schweren Unfällen, nicht selten tödlich.

Das schnellste Boot war die "Miss America II" des US-Unternehmers Garfield Wood; sie erreichte 1921 mit 1150 PS das Tempo von 129,1 km/h. Dieser Weltrekord wurde erst sieben Jahre später eingestellt und auf 149,4 km/h erhöht - wieder von Wood, diesmal aber mit stolzen 2000 PS.

Der Tod fuhr mit

Brachiale Leistung, höllischer Lärm und ständig den Tod im Nacken - diese Mischung machte solche Motorboote in den dekadenten Zwischenkriegsjahren populär. 1899 war in Paris der erste Motorboot-Club gegründet worden, kurz nach der Jahrhundertwende trug man die ersten Rennen aus. Monaco entwickelte sich mit seinem Motorboot-Meeting unter Schirmherrschaft von Fürst Albert I. und jährlich 30.000 Zuschauern zum Zentrum des jungen Sports.

Selbst in den Olympischen Kalender schafften es die Sportkapitäne: 1900 in Paris noch als Demonstration im Rahmenprogramm, 1908 bei den Spielen in London im Kampf um Goldmedaillen vor der Küste von Southampton. Allerdings nur ein einziges Mal. Denn die Resonanz war mit sechs Teilnehmern aus zwei Nationen für alle drei Klassen so bescheiden, dass Motorbootrennen danach nie wieder olympisch wurden.

Fritz von Opel indes war Feuer und Flamme für die schnellen Schiffe, die schon längst von Flugzeugmotoren angetrieben wurden, weil die anfangs verwendeten Autoaggregate mittlerweile zu schwach waren. Er verfiel einem 1926 bei Lürssen gebauten Einstufen-Gleitboot, befeuert von zwei jeweils 260 PS starken Luftschiffmotoren aus dem Hause Maybach.

Drei Rennen, drei Siege - eine Sensation

Als "Namenlos" hatte es bereits eine Saison lang Siege und Rekorde eingefahren. Mit einem Spitzentempo von 106,2 und einem Schnitt von 101,2 km/h über eine Meile galt die "Namenlos" als schnellstes Boot Europas und zweitschnellstes der Welt - für Raketen-Fritz damit erste Wahl.

Als sich die Gelegenheit zum Kauf bot, schlug er zu. "Rechtzeitig zur Wassersportsaison 1927 wechselt das Boot erst den Besitzer und dann den Namen, und fortan schmücken große Opel-II-Schriftzüge das beige Deck und die mahagonibraunen Seiten", fand Rohwedder heraus.

Video: Trainingsfahrten vor der Haustür

SPTV

Fritz von Opel trainierte quasi vor der Haustür auf Main und Rhein. Für seinen Einstand im Rennsport wählte er das Internationale Motorboot-Meeting auf der Seine - ein Wettkampf, der auf dem Ärmelkanal begann und fast zwei Wochen dauerte.

Am 12. Juli ging Opel zum ersten Mal an den Start und holte sich gleich in der unbeschränkten Klasse den "Coupe de France". Zwei Tage später gewann er mit einer Zeit von 6:51,4 Minuten auf einer sieben Kilometer langen Regattastrecke den "Preis des Französischen Marineministers".

Schneller als ein D-Zug

Und dann machte der furchtlose Fritz das Triple komplett - auf dramatische Weise, wie Rohwedder beschreibt: Am Startplatz hinter den dicken Pfeilern der Invalidenbrücke ließ er einige Sekunden liegen und musste dann nach der engen Wende an der Pont de Grenelle auch noch einen abgerissenen Kühlschlauch der Backbord-Maschine hinnehmen. Trotzdem kam die starke Konkurrenz, darunter die "Pah-Si-Fou" von François Sigrand, nicht am Rüsselsheimer vorbei. So gelang Fritz von Opel die Sensation: drei Rennen, drei Siege.

Fritz von Opel machte weiter Schlagzeilen. Von der "Opel II" dagegen ist nicht mehr viel dokumentiert. Ein paar Regatten fuhr sie noch 1927, im Jahr darauf kam es zu einer spektakulären Aktion bei der Internationalen Rheinfahrt von Mainz nach Mülheim: Vor Zehntausenden Zuschauern lieferte sich von Opel auf der Strecke Porz-Hohenzollernbrücke ein Wettrennen mit einem D-Zug - und schlug die Deutsche Reichbahn auf den rund zehn Kilometern um zweieinhalb Minuten.

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Danach verliert sich die Spur des Bootes. Für Fritz von Opel jedoch war die Rennfahrerei auf dem Wasser nur ein Teil seines verwegenen Programms - er absolvierte es zu Lande, zu Wasser, in der Luft.

Schon 1921 hatte er sich, im Alter von erst 22 Jahren, überlegen den Sieg bei der Autorennpremiere auf der neu eröffneten Berliner Avus gesichert. Sieben Jahre später präsentierte er sein Raketenauto RAK1, das ein Sprengstoffantrieb in acht Sekunden von null auf hundert beschleunigte. Entwickelt hatte Opel es gemeinsam mit dem Testpiloten Max Valier und dem Erfinder Wilhelm Sander, allesamt Raketen-Enthusiasten.

Ein "Rocket Man" in seinem Element

Am 11. April erreichte RAK1 ein Tempo von über 100 Stundenkilometern. Das war Opel noch nicht genug: Am 23. Mai 1928 schoss RAK2, das Folgemodell, mit sogar 238 km/h über die Avus - mit Fritz von Opel am Steuer, 120 Kilogramm Sprengstoff im Rücken, 24 Raketen. Bei jedem Durchtreten des Gaspedals zündete eine neue Raketenstufe. Für den Glamour an der Strecke sorgten Gäste wie Max Schmeling, Joachim Ringelnatz sowie - quasi als Boxenluder - Filmstar Lilian Harvey.

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Raketenautos: Sprengstoff als Motor

Auf der Schiene experimentierte Opel ebenfalls und erreichte über 250 km/h. RAK3 und RAK4 explodierten allerdings bei Testfahrten; der geplante Rekordversuch mit einem Raketen-Motorrad wurde abgesagt. Fritz von Opel ging derweil auch in die Luft. Schon im Jahr nach dem Pariser Triumph hatte er sich gleich dem nächsten Abenteuer zugewandt und seinen Pilotenschein gemacht.

Flugerfahrung hatte von Opel noch wenig, als er am 30. September 1929 in Frankfurt in ein Raketenflugzeug stieg. Zwei Startversuche missglückten, mit dem dritten hob er ab und hielt sich für 80 Sekunden in der Luft - bis zur Bruchlandung auf einem Acker. Doch Raketen-Fritz stieg unverletzt und begeistert aus den Trümmern seines Feuerwerkskörpers.

Im März 1929 hatte General Motors die Aktienmehrheit an der Adam Opel AG übernommen, unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise zog sich der Konzern aus dem Motorsport zurück. Damit war auch Schluss mit den verwegenen Raketen-Experimenten. Fritz von Opel ging dann in die USA, lebte später steinreich in Frankreich sowie der Schweiz und starb dort am 8. April 1971 im Alter von 71 Jahren



insgesamt 2 Beiträge
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Stefan Margraf, 13.07.2017
1. Selbstverständlich kein Sprengstoff
Für Raketen verwendet man kein Sprengstoff, nur für Bomben. Die Raketen enthielten Treibladungen. Bei Fehlern können die auch mal explodieren, sind deswegen aber immer noch kein Sprengstoff.
Martin Hagenspiegel, 16.07.2017
2.
Natürlich handelt es sich um Sprengstoff, wenn es sich um eine Feststoffrakete handelt. Dieser ist nur so rezeptiert, daß er extrem langsam abbrennt. Der Sauerstoff wird aber bei der Verbrennung mit erzeugt und nicht aus der Umgebungsluft herangezogen.. Ich denke, bei dem Artikel mit Opel und Frankreich geht es darum, etwas die nationalistische Schärfe aus der Diskussion zu nehmen, wenn PSA nun Opel übernimmt. Man hätte auch auf die Sache mit "das selbe in grün" eingehen können. Ich hoffe, daß die Entwickler in Deutschland nun endlich mal die Möglichkeit bekommen, ihre Ideen zu verwirklichen. Bisher hatte man immer den Eindruck, daß GM gebremst hat, um ja keine Experimente zu machen.
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