Frühe Atomwaffentests "Wir konnten sehen, wie die Druckwelle auf uns zurollte"

Geheimprojekt Katastrophenkunst: Bis 1963 zündeten die USA mehr als 200 Kernwaffen in der Atmosphäre. Kameramänner und Fotografen eines geheimen Spezialkommandos hielten das Zerstörungswerk fest. Inzwischen gelangen ihre einzigartigen Aufnahmen an die Öffentlichkeit.

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US-DEPARTMENT OF ENERGY/ATOMCENTRAL.COM

Die atomare Rakete mit der Sprengkraft von 1,5 Kilotonnen TNT detonierte genau über den Köpfen der fünf U. S.-Air-Force-Forscher. Zunächst spürten die Männer nur die Hitze der Explosion. Dann zwang die Druckwelle sie in die Knie. Und die ganze Zeit klickte die Kamera von George Yoshitake.

Am 19. Juli 1957 um sieben Uhr morgens stand der Kameramann mit der kleinen Gruppe von Nuklearwissenschaftlern auf dem Testgelände "Yucca Flat" im US-Bundesstaat Nevada. In ausreichendem Sicherheitsabstand von fünf Kilometer Höhe hatte ein Kampfflugzeug die Rakete abgefeuert. "Ich war darauf konzentriert, die Kameras zu bedienen", erinnert sich Yoshitake heute. "Dann sah ich aus den Augenwinkeln den Lichtblitz." Er blickte auf: "Dort, wo die Bombe explodiert war, stand diese riesige Wolke am Himmel, geformt wie ein Doughnut."

Das Einzige, was ihn vor dem Fall-out des Sprengkörpers schützte, war seine Schirmmütze. Yoshitake gehört zu den wenigen Menschen, die direkt unter einer explodierenden Atombombe standen und es überlebten. Der Amerikaner war einer von rund 40 Kameraleuten der 1352. "Photographic Group" der U. S. Air Force. Ihr Einsatz war streng geheim. Heute aber kann der 82-Jährige endlich offen über seine Erlebnisse berichten.

Der Job der Spezialeinheit war ebenso faszinierend wie gefährlich: Die tollkühnen Männer filmten und fotografierten die amerikanischen Nukleartests in der Wüste Nevadas und im Südpazifik und mussten sich den Explosionsherden bis auf wenige Kilometer nähern.

In einem geheimen Filmstudio in den Hollywood Hills von Los Angeles, nur ein paar Kilometer von der glitzernden Lichterwelt des Sunset Boulevard entfernt, wurde das Material zwischen 1947 und 1969 zu mehr als 6500 Filmen zusammengeschnitten. "Lookout Mountain Air Force Station" hieß die Anlage an der Wonderland Avenue. Mit Spezialfilmen und Hochgeschwindigkeitskameras arbeiteten Kameraleute und Fotografen daran, das Zerstörungswerk kunstvoll in Szene zu setzen und zu dokumentieren.

"Diese Männer haben Großartiges geleistet und eine Zeit in Bildern festgehalten, die einzigartig war und sich hoffentlich niemals wiederholen wird", sagt der US-Dokumentarfilmer Peter Kuran, 54, der die Geschichte der "atomaren Filmemacher" aufarbeitet. Kuran will das historische Filmmaterial für die Nachwelt sichern: "Die Aufnahmen sind die Ikonen einer Ära."

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges lieferten sich die Supermächte einen spektakulären Wettlauf um das Höllenfeuer. Begleitend dazu entbrannte eine beispiellose Material- und Propagandaschlacht. Allein die Amerikaner ließen bis zum internationalen Abkommen zum Verbot oberirdischer Atomtests im Jahr 1963 über 200 Atom- und Wasserstoffbomben in der Atmosphäre detonieren. Von Anfang an ging es auch darum, eindrucksvolle Bilder zu liefern, um die Politiker zum Bewilligen immer höherer Militärbudgets zu bewegen.

Doch die meisten Aufnahmen gelangten nie an die Öffentlichkeit. "Die Arbeit dieser Leute war so geheim, dass lange niemand wusste, wer sie überhaupt waren", sagt Kuran. Erst Mitte der neunziger Jahre seien erste Bilder und Filme deklassifiziert worden - auf Betreiben des unermüdlichen Dokumentarfilmers. Quer durch die USA reiste Kuran, durchforstete Archive und drängte das zuständige US-Energieministerium, die Filme und Fotografien freizugeben.

In grauen Pappboxen lagern Kopien des Materials inzwischen im Souterrain seines Hauses in Vancouver im US-Bundesstaat Washington. Die Kernwaffen sind ihm zum Lebensthema geworden: "Als Teilnehmer einer Jugendgruppe sah ich bei einem Besuch in Japan einen Film über die Zerstörung von Hiroshima; ich war der einzige Amerikaner in einem überfüllten Raum voller Japaner. Alle schauten mich an."

Kuran war beschämt und erschrocken. Zunächst machte er Karriere als Entwickler von Spezialeffekten, beispielsweise für die "Star Wars"-Filme von Regisseur George Lucas. Doch das Erlebnis in Japan ließ ihn nicht los. Gut drei Jahrzehnte später kam er durch Zufall in Kontakt mit den noch lebenden Bombenchronisten. Die atomaren Filmemacher waren dankbar für die Aufmerksamkeit. "Wir bekamen erstmals Anerkennung für unsere Arbeit", erinnert sich Yoshitake, "es war befreiend, darüber zu sprechen."

Der Kameramann lebt heute im kalifornischen Lompoc, gut drei Autostunden nördlich von Los Angeles. Er ist einer der letzten Überlebenden der Fotografeneinheit. Die meisten seiner Kameraden sind längst gestorben, viele an Krebs. Kontakt hat er "vor allem zu den Witwen".

Von 1955 bis 1963 arbeitete Yoshitake für das Atombombentestprogramm. "Ich habe etwa 30 Explosionen gefilmt", berichtet er, "die eindrucksvollsten waren die der Wasserstoffbomben im Pazifik." Zumeist am frühen Morgen, noch vor Sonnenaufgang, seien sie gezündet worden. "Man sagte uns, dass wir uns zunächst wegdrehen sollten", erinnert sich Yoshitake. "Nach der Explosion sah man dann minutenlang dieses phantastische ultraviolette Glühen hoch oben am Himmel; auf mich wirkte das alles so bedeutsam, so spektakulär."

Geradezu magisch anmutende Aufnahmen sind im Pazifik entstanden - darunter jene Bilder des sieben Kilometer messenden Feuerballs von "Shrimp", der stärksten Bombe, die von den USA jemals gezündet wurde. Am 1. März 1954 detonierte die 15-Megatonnen-Waffe der Operation "Castle Bravo" über dem Bikini-Atoll. Die entfesselte Zerstörungskraft war mehr als doppelt so groß wie von Experten vorausberechnet und riss einen Krater mit über zwei Kilometer Durchmesser in die Insel. In wenigen Minuten wuchs der Atompilz 40 Kilometer in die Höhe. Der gesamte Archipel wurde verstrahlt und ist bis heute unbewohnt.

Bis auf etwa 30 Kilometer näherten sich die Kameraleute den künstlichen Sonnen in der Südsee. In der Wüste Nevadas rückten Yoshitake und seine Kollegen sogar bis auf acht Kilometer an die Feuerbälle heran. "Wir konnten sehen, wie die Druckwelle durch das Tal auf uns zurollte", sagt Yoshitake: "Um nicht umzufallen, hielten wir uns an unseren Kameras fest."

Wenige Sekunden nach den Explosionen spürten die Männer zudem die Hitze der Bomben. Der Kameramann nahm es gelassen. "Wir waren jung; für mich war es damals nur ein Job; erst heute sehe ich, wie gefährlich die Arbeit war."

Schlimm war für Yoshitake nur, wenn er die Wirkung der Bomben dokumentieren musste. Mit Grausen erinnert er sich an einen Test vom Juni 1957 mit dem Codenamen "Priscilla". Schon 30 Minuten nach der Detonation musste er Affen, Schafe und Schweine fotografieren, die in unmittelbarer Nähe der Detonation angepflockt worden waren. "Einige der Tiere lebten noch", erzählt Yoshitake. Die Haut der Schweine sei schwarz verbrannt gewesen; die Augen einiger Affen seien mit Klebeband offen gehalten worden, um die Wirkung des Lichtblitzes auf die Netzhaut zu ergründen: "Die Tiere schrien; es roch nach verbranntem Fleisch; es war furchtbar."

Für derlei Missionen ins Zentrum der Zerstörung trugen die Kameraleute immerhin Schutzanzüge. Wenn sie aus der Ferne zuschauten, standen sie dem atomaren Feuer nur in Shorts und T-Shirt gegenüber. "Wir hatten Dosimeter, die unsere Strahlenbelastung anzeigten; das war's", sagt Yoshitakes Kollege Ken Hackman. Der heute 72-Jährige blieb über Monate im Pazifik, um die Tests zu fotografieren. Er erinnert sich, wie leichtfertig das Militär damals operierte: "Nach der Detonation flogen immer B-57-Bomber direkt durch den Atompilz, um Messungen durchzuführen. Nachdem die Maschinen wieder gelandet waren, wurden sie von Männern dekontaminiert, die als einzigen Schutz Gummistiefel an den Füßen trugen."

US-Department of Energy/atomcentral.com

Hackman blickt bis heute mit den Augen des Fotografen auf die Bombentests. Zehnmal heller als die Sonne sei der Blitz einer Kernwaffe, sagt er. Stark getönte Spezialbrillen mussten die Fotografen aufsetzen, um sich nicht die Netzhaut zu verbrennen. "Alles wird strahlend weiß, es gibt gar keine Farbe mehr", berichtet Hackman, "nimmt die Helligkeit dann ab, sieht es oftmals wirklich wunderschön aus." Lebhaft erinnert er sich an eine Dienstreise nach Hawaii. Von einem Vulkan aus fotografierte er die farbenprächtige Aurora einer explodierenden Wasserstoffbombe. Das Lichterspiel am Himmel war durch das starke von der Detonation erzeugte Magnetfeld entstanden.

Die Fotografen erprobten fast jedes seinerzeit verfügbare Kameramodell und testeten völlig neue Aufnahmetechniken. Automatische Kameras wurden wenige hundert Meter vom Explosionspunkt entfernt platziert. Dicke Bleimäntel schützten das Filmmaterial vor der Gammastrahlung. Die modernsten Filmkameras waren damals in der Lage, 15 Millionen Bilder pro Sekunde aufzuzeichnen. Selbst mit 3-D-Aufnahmen experimentierten die Filmemacher.

Für die Erfindungen war vor allem die US-Firma EG&G zuständig. Zu den Gründern zählte der Ingenieur Harold Edgerton, dessen Fotografien von zerplatzenden Milchtropfen später Weltruhm erlangten. Für das Atomwaffentestprogramm entwickelten die EG&G-Tüftler einen Spezialfilm mit drei unterschiedlich empfindlichen Farbschichten. Der sogenannte XR-Film erlaubte es, die Detonationen trotz der enormen Helligkeitsschwankungen mit einer einzigen Hochgeschwindigkeitskamera abzubilden.

In leuchtenden Orange-, Gelb- und Rottönen fingen die Fotografen damit die Gewalt der Waffen ein - entstanden sind stark verfremdete Bilder "psychedelischer Qualität", urteilt Kuran. Später nutzte die US-Weltraumbehörde Nasa die Technik, um ihre Mondmissionen zu fotografieren.

Schließlich gelang es den EG&G-Technikern sogar, die ersten Mikrosekunden atomarer Explosionen auf Film zu bannen. "Rapatronic" nannten sie die eigens dafür entwickelte Spezialkamera. Weil ein mechanischer Verschluss viel zu langsam gewesen wäre, besaß der Apparat ein elektronisches "Lichtventil" aus polarisiertem Spezialglas, das mittels eines Spannungsimpulses lichtdurchlässig geschaltet werden konnte.

Bis zu 16 solcher Hightech-Kameras stellten die Techniker in der Nähe des Explosionspunktes auf und konnten so gleichsam die Geburt des atomaren Höllenfeuers festhalten. Die Aufnahmen wirken fast so, als wären die atomaren Feuerblasen lebendige Wesen. Die wabernden, bis zu zehn Millionen Grad heißen Gebilde aus Hitze und Strahlung ähneln merkwürdig verformten Amöben.

Bis heute sind die meisten dieser Aufnahmen unter Verschluss. Nur Militärphysiker durften die Bilder analysieren, um das Bombendesign zu verbessern. Immer noch zögert die US-Regierung, die Aufnahmen komplett freizugeben. Doch das Material, fordert Kuran, müsse unbedingt aufbereitet und digitalisiert werden, "bevor es zu Staub zerfällt".

Fünf Dokumentationen hat er inzwischen aus den Aufnahmen zusammengestellt, die er über seine Internetseite vertreibt. Eine sechste über die Neutronenbombe ist in Arbeit. "Mir geht es darum, einen möglichst realistischen Eindruck der Gewalt dieser Waffen zu geben - wobei mich auch diese bizarre Spannung zwischen Schönheit und Zerstörungskraft fasziniert", sagt Kuran.

Der Filmemacher will vor der atomaren Versuchung warnen. Doch auch eine überraschende Lehre zieht er aus seiner Arbeit. "Ich persönlich habe jetzt weniger Angst vor Kernwaffen als zuvor", sagt der Dokumentarfilmer. "Ich weiß nun: Wenn jemand 30 Kilometer von mir entfernt eine Wasserstoffbombe hochgehen lässt, besteht eine gute Chance, dass ich überlebe."

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Olaf Nyksund, 24.11.2010
1.
Wer diese herrlichen Bilder "in bewegt" sehen möchte, dem sei der Film "Trinity and Beyond" empfohlen. Am besten im Kino oder in der HD-Auflösung. Größtenteils erst vor kurzem "declassified" Material. Grandiose Bilder! Auf eine merkwürdige Weise faszinierend... Hauptsächlich US-amerikanisches Bildmaterial, die Sowjets hielten es wohl noch viel strenger mit dem Top Secret, von dieser Seite gibt es ein paar eher uninteressante Schnipsel.
Mathias Völlinger, 25.11.2010
2.
Faszinierende, unheimliche Bilder. Ich bin Physiker, Fachgebiet Kernphysik. Naja zumindest hab ich das mal mit Abschluss studiert, jetzt bin ich eher in der IT-Branche unterwegs... Nun, ich wäre zur damaligen Zeit wohl auch nicht abgeneigt gewesen, so eine "Show" in gewissem Sicherheitsabstand mit Schutzkleidung live mitzuerleben. Die Bürger von Hiroshima und Nagasaki hatten diesen Sicherheitsabstand nicht. Ob der Einsatz DA sinnvoll war ist in anderen Foren schon ausreichend diskutiert worden. Hätten die im Krieg lieber den Fujijama weggesprengt, mit Vorwarnung, aber das ist wohl eher heutige allgemeine Sicht, nicht damals, im Krieg, mit all den Gräueltaten von den "Achsenmächten" hervorgerufen. Gruß aus Berlin, welches damals das eigentliche Ziel solcher Waffen war. Gottseidank hatten die Nazischweine hier schon kapituliert, kurz befor die Zeit "reif" war. P.S. Diese "Gadgets" sind ja auch, theoretisch, eine deutsche Erfindung. Carl-Friedrich von Weizsäcker. Erstes Patent für eine "Plutoniumbombe". Aber auch dies ist eine andere Geschichte...
Karla Renebarg, 25.11.2010
3.
"Ich weiß nun: Wenn jemand 30 Kilometer von mir entfernt eine Wasserstoffbombe hochgehen lässt, besteht eine gute Chance, dass ich überlebe." Das ist wirklich beruhigend ;)
Andreas Möller, 25.11.2010
4.
Aus dem Artikel: "Für das Atomwaffentestprogramm entwickelten die EG&G-Tüftler einen Spezialfilm mit drei unterschiedlich empfindlichen Farbschichten. Der sogenannte XR-Film erlaubte es, die Detonationen trotz der enormen Helligkeitsschwankungen mit einer einzigen Hochgeschwindigkeitskamera abzubilden. " HDR gab es schon vor über 40 Jahren, krass^^ Nur halt Analog...
Stefan Stäcker, 25.11.2010
5.
Ist es beängstigend oder gut, dass dieser Bericht über eine Entwicklung weltgeschichtlicher Dimension als Echo lediglich einen einzigen Kommentar hervorruft??
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