Frühe Busreisen Einer für alle und alle in einen

Ab über die Alpen im Billigbomber: Kaum etwas war den Deutschen in den Fünfzigern heiliger als die Reise per Bus. Dabei wurden die Fahrten anfangs oft zum Abenteuer: Wenn die Passagiere ihr defektes Gefährt in die Werkstatt schieben mussten - oder mit Bierflaschen zum Benzinzapfen geschickt wurden.

Mercedes-Benz

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Die Geburt des Massentourismus war eine ziemlich holprige Angelegenheit. Am 18. März 1895 machte der benzsche "Patent-Motor-Wagen Omnibus" seine Jungfernfahrt von Siegen nach Netphen-Deuz. Das Gefährt hatte Platz für acht Passagiere, stank schwindelerregend nach Benzin und tuckerte ungefedert über die unbefestigten Wege. Für nur 30 Kilometer brauchte der erste Omnibus der Welt satte 80 Minuten - denn immer wieder mussten die Mitreisenden aussteigen und anschieben, wenn die eisernen Räder im Morast durchdrehten.

Zwar verdarb ein solches Fiasko selbst den gutgelaunten Rheinländern die Laune - die Linie wurde nach wenigen Monaten Betrieb wieder eingestellt. Den Siegeszug des Busses jedoch vermochten Pleiten und Pannen aus dessen Anfangszeit nicht zu verhindern: Mit der Jahrhundertwende brach die Ära des Omnibusses an - und in den fünfziger Jahren, als Autos noch zu teuer waren, Bahnen noch zu unbequem und Flugzeugreisen ein Luxus der Elite, stieg der Bus zum demokratischsten aller Gefährte auf.

Die liebevoll als "Straßen-Hochsitz" titulierten Ungetüme von Bahn, Post und Co. kutschierten die reiselustigen Deutschen nicht nur zur Oma über Land, sondern auch in den ersten Sommerurlaub der Wirtschaftswunderära. Omnibus, das hieß: Einer für alle, und alle in einem, zur egalitären Solidargemeinschaft zusammengeschweißt, Geselligkeit, verspannter Nacken und Leberwurstbrot inklusive.

Kampfstarke Armee auf der Romantischen Straße

"Die Welt hat kein Sitzfleisch mehr", stöhnte Reiseleiter Guy Abécassis in seinem 1960 erschienenen Büchlein "100 Koffer auf dem Dach" und spottete über den Wandertrieb der Touristen, jener "großen kampfstarken Armee, die seit einer Reihe von Jahren kreuz und quer durch die Alte Welt zieht" - und das am allerliebsten im Omnibus. Koffer aufs Dach, alle einsteigen - und los ging das Abenteuer. Zuckelten die Deutschen zunächst am liebsten die Romantische Straße zwischen Würzburg und Füssen entlang, wurden sie schon bald flügge und überquerten die Alpen, um sich nach Italien oder Spanien karren zu lassen.

Täglich kamen neue Ziele hinzu, immer atemlosere Pauschalangebote lockten die Kunden. Etwa der beliebte Parforceritt Frankreich-Spanien-Monaco-Italien-Schweiz-und-retour: fünf Länder in 15 Tagen für 835 Mark, Verpflegung, Unterkunft und Fremdenführer inklusive, sogar eine Nachtclubtour in Paris war dabei - sowie immerhin eine halbe Stunde Badespaß an der Cote d'Azur.

In ihrer kollektiven Entdeckerfreude machten die Menschen sich einen Sport daraus, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Sehenswürdigkeiten aus möglichst vielen Ländern anzusteuern, für möglichst wenig Geld, versteht sich. Die westeuropäischen Metropolen mutierten zu Tagesetappen der reisehungrigen Bustouristen. Auch dank der westeuropäischen Eisenbahnen, die ihre Busangebote 1950 im Europabusnetz zusammenführten und damit der Konkurrenz aus Privatunternehmen und Post zu Leibe rückten.


Mehr über die Historie des Überlandbusses auf den Geschichtsseiten der Deutschen Bahn


"Ein Herz und eine Seele"

Unschlagbare Angebote, etwa die berühmt-berüchtigte "Rhine-River-Route", ließen bald Touristen aus aller Welt auf die Europabusse springen: In drei Tagen walzten die Busladungen voller Amerikaner den Rhein entlang von Amsterdam nach Luzern - für 56 Dollar, inklusive Weinprobe in Rüdesheim, Schwarzwaldromantik und Baden-Badener Schickeria.

Viel Komfort wurde den Mitreisenden auf den Billig-Pauschalreisen der fünfziger Jahre freilich nicht immer geboten, wie der SPIEGEL im Rückblick ätzte: "Mal mussten die Passagiere, wenn der Bus mit leerem Tank liegengeblieben war, mit Thermos- und Bierflaschen ausrücken, um bei umliegenden Bauern Treibstoff zu schnorren; mal schob die ganze Touristen-Besatzung den Bus kilometerweit in die nächste Werkstätte."

Die Mitreisenden nahmen es sportlich, schließlich hatten sie meist nicht viel gezahlt: Eine zweiwöchige Busreise durch Österreich, Italien oder Jugoslawien inklusive Unterkunft für 250 Mark - da konnte man nicht meckern. Zumal sich bei Busreisen dieser Art gern eine eingeschworene Solidargemeinschaft bildete, die einiges an Strapazen ertrug: "Meist sind die Mitfahrenden schon nach der ersten Weinprobenpause, spätestens nach dem ersten Abend im Gesellschaftsraum des Quartiers unterwegs so etwas wie ein Herz und eine Seele", schwärmte etwa das "Hamburger Abendblatt".

Studienreisen bis an den Polarkreis

Je erschwinglicher jedoch das Auto wurde, desto mehr Menschen stiegen aus dem Bus aus, um auf eigene Faust die Alpenkämme zu überwinden. Massenmotorisierung und immer günstigere Flugreisen bedrohten spätestens seit Mitte der sechziger Jahre die klassische Pauschaltour - verdrängen ließ sie sich trotzdem nicht. "Urlaub mit dem Omnibus, jahrelang als langweilig verpönt, wird wieder beliebt", schrieb der SPIEGEL 1980 und beschwor die Renaissance der Busreise: 2,1 Millionen Bundesbürger fuhren 1979 mit dem Bus in Urlaub - zwei Jahre früher waren dies noch 600.000 weniger.

Denn um Auto, Bahn und Flugzeug zu trotzen, ließen sich die Anbieter einiges einfallen. Studienreisen bis an den Polarkreis etwa lockten zunehmend auch jüngere und solvente Deutsche in die Busse ebenso wie erhöhter Komfort: Luftfederung, kuschelige Liegesitze, Klimaanlage, Bordbar, Bordküche und Toilette gehörten mehr und mehr zur Standardausrüstung und machten den Mitfahrenden das Leben so angenehm wie möglich.

Oder man verzichtete auf jeden Komfort und lockte mit Kampfpreisen. Gegen die Billigflieger jedoch war kein Kraut gewachsen: Wer in den Neunzigern modern war, setzte sich ins Flugzeug; über die Busreisen legte sich, bleischwerem Mehltau gleich, ein miefig-piefiges Heizdecken-Image. Trotzdem hat sie es bis ins 21. Jahrhundert geschafft, die gute, alte Tour im Straßen-Hochsitz.

Partybusse mit Videomonitoren und "Rotels", also rollende Hotels, bevölkern die Landstraßen und Autobahnen ebenso wie die 9,95-Euro-Busse zwischen den deutschen Großstädten oder die Lloret-de-Mar-Kampftrinker-Transporter. Unschlagbar preiswert und flexibel, ökologischer als Flugzeug und Auto und so sozial wie keine andere Form des Reisens, scheint die rollende Schicksalsgemeinschaft auf Zeit einfach unsterblich - ihres historischen Desasters zwischen Siegen und Netphen-Deuz zum Trotz.



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Johannes Heidecker, 07.05.2011
1.
http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a5221/l6/l0/F.html#featuredEntry Das Photo stammt von Daimler, zeigt aber keine Mercedes-Busse, sondern Thomas built-Busse. Thomas built buses ist eine amerikanische Tochterfirma. http://www.facebook.com/photo.php?fbid=180376375326648&set=a.162005677163718.32230.156137897750496&type=1&theater
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