Frühe Farbfotos Als Deutschland bunt wurde

Frühe Farbfotos: Als Deutschland bunt wurde Fotos
2007 The Yorck Project

Es sind Zeitdokumente aus den Pioniertagen der Farbfotografie: Mit viel Aufwand ließ ein Berliner Verlag ab 1906 Farbbilder von Schlössern, Städten und Naturlandschaften produzieren. Sie zeigen Deutschland in einer idyllischen Pracht, die heute unwiederbringlich verloren ist. Von

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Als sie veröffentlicht wurden, waren die Bilder eine Sensation. Bunte Stadtansichten von Köln und Dresden, Farbfotos von schlesischen Dörfern und Menschen in farbenfrohen Traditionstrachten - schon im Jahr 1906 brachte der Berliner Verlag C. A. Weller auf großformatigen schwarzen Kartontafeln Fotodrucke in Farbe heraus. Und das in einer Qualität, die damals durch Nachkolorierung von Schwarzweiß-Bildern nicht annähernd zu erreichen war.

Die Fotografen verwendeten ein kompliziertes Verfahren, für das drei Aufnahmen pro Motiv notwendig waren. Landschaften und Stadtpanoramen wurden nacheinander mit einem roten, grünen und blauen Filter aufgenommen, um aus den verschiedenen Mischungsverhältnissen der drei Grundfarben die tatsächlichen Farben darstellen zu können.

So war der Preis für's Bunte eine aufwendige Technik, die massive Nachteile gegenüber Schwarzweiß-Aufnahmen hatte. Bewegte Objekte wie Menschen, Wolken oder Wasserfälle ließen sich kaum einfangen, und die Ausrüstung mit einer klobigen Naturfarbenkamera der Firma Bermpohl und diversen Platten wog häufig mehr als einen Zentner. Meist zogen die Fotopioniere zu zweit los, den eigentlichen Fotografen begleitete dann ein Fotochemiker.

Vergessene Pioniere der Farbfotografie

Ihre Tätigkeit galt als ziemlich technische Angelegenheit, die mit Kunst nach damaligem Verständnis wenig zu tun hatte. Häufig fehlten in den Bildsammlungen des Weller-Verlags Angaben über die Urheber, und für die Prachtbände engagierte Fotografen wie Julius Hollos, Rudolf Hacke, J. und A. Bahr und Franz de Grousilliers gerieten in Vergessenheit.

Trotzdem sind ihre postkartentauglichen "Farbenphotos" lebensnahe Dokumente einer Zeit, die in der kollektiven Wahrnehmung weitestgehend nur noch in Schwarzweiß existiert. Viele zeigen Gebäude, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden - Schlösser in Berlin und Potsdam oder das Geburtshaus von Brahms in Hamburg. Sie dokumentieren die einstmals märchenhafte Schönheit von Orten wie Breslau, Ravensburg oder einem Dörfchen namens Milz bei Römhild, die durch Fortschritt und Modernisierung zum Gutteil unwiederbringlich verloren ging.

So beweisen viele der 1400 Bilder, die jetzt auf der CD-Rom "Deutschland in frühen Farbfotografien" in digitaler Form neu veröffentlicht worden sind, wie stark die Bauten der Nachkriegszeit manche Orte veränderten: Die Ufer des Starnberger Sees sind unbebaut, keine charakterlosen Bürogebäude aus Beton oder Musicaltempel umgeben den Kölner Dom, und der Düsseldorfer Hafen ist Arbeiter- statt Szeneviertel.

Die gedämpften Farben lassen manche Bilder von Hacke, Bahr und Co. wie Gemälde erscheinen, auch bei Bildkomposition und Motivauswahl ließen sie sich sichtbar von Meisterwerken des 18. und 19. Jahrhunderts inspirieren. Außer idyllischen Stadtszenen, Burgen, Schlössern und Naturlandschaften hielten sie auch den industriellen Fortschritt für die Nachwelt fest, bildeten Kohlezechen in Essen und Werften in Hamburg ab.

Zum Weiterschauen:

"Deutschland in frühen Farbfotografien". CD-Rom, Directmedia Publishing.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Sascha Noelke 16.05.2008
Viele dieser Fotos sind KEINE Farbfotografien, sondern nachcoloriert, sowie retoschiert! Dies ist an den Wolken, am Himmel und an den Gewändern zu erkennen, die die volktümlich gekleideten Thüringer auf dem Foto tragen.
2.
wolf rune 16.05.2008
Gibt es die Bilder auch in groß? Wenn ja, wo?
3.
Helmut Seibt 16.05.2008
Die "Dame mit dem roten Sonnenschirm", die Adolf Miethe im Juni 1902 veröffentlichte, gilt als erstes Bild seiner Dreifarbenphotographie. Die Wechselschlittenkamera, die Miethe bei Bermpohl in Berlin bauen ließ, war nicht schwer. Sie ist im Deutschen Museum in München in der Dauerausstellung Foto und Film zu sehen, zur Zeit auch in der Ausstellung "Adolf Miethe - Erfinder, Künstler, Tausendsassa" im Deutschen Bernsteinmusum Ribnitz-Damgarten (2.2.-15.6.2008). Der Projektionsapparat bringt dagegen ein stattliches Gewicht auf die Waage: 120x60x80 cm, 80 kg. Der steht heute auch in München. Miethe machte in Deutschland, in den Alpen und den Mittelmeerländern für die Weltausstellung 1904 in St. Louis hunderte Fotos. Dabei war er meist allein unterwegs. Die Trockenplatten (1:1 und aus Glas) waren nicht schwer und in einem leichten Metallbehälter gut transportierbar. Grundlage der Bildgestaltung war für Miethe sein 1897 erschienenes Buch "Künstlerische Landschaftsphotographie". Seit 1901 im Sommer in Althagen auf dem Fischland ansässig, fand er unter seinen Malerfreunden in Ahrenshoop, die "vor der Natur" im Freien arbeiteten, gleiche Auffassungen. Für den kommenden Herbst bereitet der Kunstkaten Ahrenshoop eine weitere Miethe-Ausstellung vor: 27.9.-18.11.2008. Zum Weiterlesen: "Damals in Althagen - Der Geheimrat Adolf Miethe und seine Familie in der Sommerfrische 1901 bis 1927", Scheunen-Verlag 2007, ISBN 978-3-938398-51-7
4.
Klaus Dieter Bätz 16.05.2008
Schade, daß diese fasziniierenden Bilder mit so nichtssagenden, teilweise haarsträubenden Bildtexten versehen wurden. Muß man den Lesern wirklich in EINER Bildunterschrift ZWEIMAL sagen, daß es sich um den Kölner Dom, um Breslau oder um die Linke-Hofmann-Werke handelt? Und: Ein typisches Schwarzwaldhaus sieht anders aus mit seinem Walmdach.
5.
Markus Rothhaar 17.05.2008
"[...] die durch Fortschritt und Modernisierung zum Gutteil unwiederbringlich verloren ging." Hm, sollte dem Autor des Beitrags tatsächlich entgangen sein, daß die "märchenhafte Schönheit" der deutschen Städte nicht durch "Fortschritt und Modernisierung" verloren ging, sondern durch den menschen- und völkerrechtswidrigen britischen Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung, bei dem die romantisch-märchenhafte Stadtbilder praktisch aller größeren deutschen Städte - von den Menschen ganz zu schweigen - restlos niedergebrannt wurden?! Was soll die Verharmlosung und Leugnung dieses Verbrechens, indem man "Fortschritt und Modernisierung" die Schuld gibt?
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